Der Münchner Web-Poet Kapinski schreibt an dieser Stelle jede Woche über das Schreiben – und die damit verbundenen Schmerzen, den Exzess, das Glück . Eintrag Nr. 4 – klartext.
Zwei Fragen, die nie, nie und ich meine nie einem Autor gestellt werden dürfen: Erstens, ist der Text autobiographisch und zweitens, können Sie vom Schreiben leben?
Die Antwort auf beides lautet nein, wenigstens in den meisten Fällen. Erstens, weil autobiographische Geschichten nur dann gut sind, wenn sie mit einem gehörigen Maß an Fiktion versehen sind und zweitens, weil sonst der gesamte Mammon aus dem Buchverkauf, aus den Lesereisen und den Geldgeschenken in Form von Literaturpreisen für die Schadensersatzforderungen Betroffener versickert – siehe nur Maxim Biller und sein Esra-Desaster. (Was, um es kurz anzumerken, auch ein sehr kläglicher Text war, selbst in der mittlerweile zensierten „Ur-Fassung“)
Aber selbst wenn es ein fiktiver Text ist, fällt es den meisten Angehörigen der literarisch-schreibenden Zunft schwer, nur von der Feder zu leben. Ausgenommen jene Sprösslinge aus besserem Hause, die über Geld und die wichtigen, unerlässlichen Beziehungen, in bestem Fall beides verfügen, gilt das in einem besonderen Maß gilt für jüngere Autoren die noch nicht mit beiden Beinen im Literaturzirkus und dem zugehörigen Proporz aus Preisen, Stipendien, Schreibaufenthalten und Lesereisen angekommen sind (übrigens: alles was diesseits der Vierzig liegt, gilt als junger bzw. jüngerer Autor, eine vom Markt so festgesetzte Altersspanne, schließlich sind die Zugangskriterien diverser Stipendien, Werkstätten usw. auch dadurch definiert): Man lebt oft mehr als weniger von der Hand in den Mund, versucht sich mit Knochenarbeit einige Wochen, bestenfalls Monate im Jahr Kreativ-Retreat freizuschaufeln, indem alle möglichen Jobs angenommen werden. Hat man Glück, findet sich eine Profession, die nahe am eigentlichen Beruf liegt: Journalismus, Buchhandel, Lektorat, Agenturen, Lehrertum, Universitätsdozentur, Filmbiz, Werbung etc. Auch beliebt ist die Kombination aus gesellschaftlich angesehenem, vor allem aber einträglichen Beruf und dem des Autors, also Anwalt – Autor, Arzt – Autor Ehemann – Autor, Sohn – Autor usw.
Hat man weniger Glück, schlägt man sich bevorzugt als Barkeeper durch, was zwar jede Menge Trinkgeld, Telefonnummern, freie Shots und den Rest der Palette aus Sex, Drugs and Rock´n Roll bedeutet, aber ein geregeltes Leben oft völlig verschwinden lässt. Henry Miller, der König der scheinbaren Könige eines ungeregelten Bohème-Lebens erteilte folgenden, unglaublich wertvollen Ratschlag: „ …etwas, wovon man sich gehörig hüten muss, wenn man nachts arbeitet, ist, von seinem Stundenplan abzuweichen. Wenn man nicht ins Bett geht, bevor die Vögel zu zwitschern anfangen, braucht man überhaupt nicht mehr ins Bett zu gehen… “ (aus: Wendekreis des Krebses, Henry Miller, Obelisk Press 1934, dafür muss man das Buch aber aufmerksam lesen und nicht nur die Mösen-Stellen vom schnellen Sex konsumieren). Erschwerend kommt in diesem Fall allerdings dazu, dass zwar in jungen Jahren die Kombination aus Autorenschaft und harten Drinks gut funktioniert, aber wer bleibt schon ewig jung?
Ebenfalls beliebt sind Jobs wie Nachtwächter, Statist, ewiger Student, Tellerwäscher etc. Im Klartext heißt das dann, vom Tellerwäscher zum Millionär – dank Literatur. Klingt gut im Autorenportfolio, oder? Den Schmerz, der dahinter steht, die Angst, zu versagen, die Demütigungen seitens unserer Gesellschaft (das mitleidige Lächeln, das man von gesetzten Mitmenschen erntet, wenn man auf die Frage, was man denn so machen würde, antwortet: Ich schreibe! Jenes Lächeln ist eine der beliebtesten, subtilen Formen dieser Demütigung*), von diesen Demütigungen ist im Klappentext, schon gar nicht im berühmten Autorenfoto aber nur wenig zu spüren. Bestenfalls noch in den Geschichten – aber, die sind ja nicht autobiographisch, sondern höchstens geprägt vom eigenen Leben.
Ob ich deshalb traurig bin? Nein, aber wütend manchmal, weil die Zeit zu Schreiben nicht immer gegeben ist, wie sie sein sollte, wenn man um sein Überleben in Form eines nicht leeren Kühlschranks, bezahlter Rechnungen und ab und an einem Bier in einer Kneipe kämpft. Und genau hier liegt übrigens auch der Haken: Je mehr man kämpft, desto mehr glaubt man den Erfolg verdient zu haben. Irgendwann wird er sich einstellen, muss er sich einstellen, sollte er sich einstellen … sonst droht am Ende gar das Schreckgespenst Hartz IV.
Abschließend ein guter Ratschlag an alle, die denken, sie könnten vom Schreiben auch wirklich leben – klar. Könnt ihr. Aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht in einer Villa im Süden Frankreichs mit einem kleinen zugehörigen Weingut und drei schönen Hunden, die euch zwischen den Beinen umher streichen, während eure Gedanken Zeile um Zeile die Weltliteratur bereichen.
Nachtrag:
Warum man die beiden Fragen Autobiographie und Geld nicht stellt? Nicht jedes Mysterium braucht Antworten, oder? Abgesehen davon gilt es schlicht als ungehobelt. Eine Eigenschaft, die wir Autoren uns gern zwecks Imagegründen vorbehalten würden. Danke.
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*Um diesem demütigenden Lächeln aus dem Weg zu gehen, empfiehlt es sich, eine der folgenden Aussagen zu verwenden. Das muss nicht, kann aber funktionieren:
1.) Ich bin Autor / Schriftsteller / Dichter!
2.) Ich schreibe, habe drei Frauen, Freunde in allen Großstädten der Welt, ein Apartment im Montmatre und ein Chalet in der Schweiz und vermisse nichts in meinem Leben.
3.) Sie lesen doch gern, oder? Lesen bildet schließlich und ich sorge für ihre Bildung – ich schreibe!
4.) Tun sie was für die Kunst – und ich setze Ihnen ein literarisches Denkmal.
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Dieser Artikel wurde von Markus Michalek geschrieben. Markus Michalek erlebt als Autor Münchner Tage und Nächte aus vollstem Herzen. Er bloggte einige Jahre unter der Kunstfigur "Kapinski". |
Von Matahari am 27. November 2009 um 10:09 Uhr.3 Frauen?
Von Vanessa am 27. November 2009 um 17:58 Uhr.,,ein Apartment im Montmatre und ein Chalet in der Schweiz und vermisse nichts in meinem Leben”. wow, Dir fählt wirklich nichts mehr im Leben.
berührende Gedichten!