Das on3 Festival war wieder großartig. Doch Pete Doherty schaute vorbei. Einige hatten damit ein Problem und so wurde zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals gebuht. Deshalb: eine Publikumsbeschimpfung.
Keine Ahnung ob er, wie angekündigt, im Atomic Café war (Update: Er war wohl da, kann jemand berichten?) , dem on3 Festival jedenfalls hat Pete Doherty vor seinem Konzert im Backstage heute Abend, einen Überraschungsbesuch abgestattet.
Pete Doherty
Um Kurz nach 23 Uhr ging er, nur mit seiner Gitarre, auf die Bühne des Studios 1. Schön. Könnte man sagen. Pete Doherty schaut vorbei, spielt eine halbe Stunde, nölt ein bisschen von der Bühne. Alles gut. Man müsste dem gar nicht viel Aufmerksamkeit schenken. Das on3 Festival ist keines der großen Stars und wenn einer, der vom Boulevard entdeckt wurde und jetzt ausgebeutet wird, hier vorbei schaut, bei diesem Festival, bei dem es ja tatsächlich noch überwiegend um die Musik geht, und nicht um Image und Selbstdarstellung, dann könnte man sich das anschauen, ein wenig belustigt vielleicht vom Selbstdarsteller Doherty, aber doch mit dem nötigen Respekt für einen der genialsten Songwriter seiner Generation.
Spiral Beach
Es kam leider anders: Einige der Zuschauer entblödeten sich, während der paar Minuten, die er auf der Bühne stand, zu buhen, zu pfeifen und lautstark „Kettcar“ zu fordern, die eigentlich jetzt auf der Bühne stehen sollten. Und damit denen, die Doherty sehen wollten – und das war sicherlich die Mehrheit – den Auftritt gründlich mies zu machen. Was für Pfeifen, die dem geschenkten Gaul nicht nur ins, natürlich nicht nach Rosenöl duftende, Maul schauen, sondern dann auch noch so unverschämt und dreist sind, dem Rest der Zuhörer mit ihrer dumpfen Spießigkeit gründlich auf die Nerven zu gehen.
Team Monster
Ein wenig hat es mich schon gewundert, zu sehen und zu hören, dass selbst auf dem on3 ein paar Verwirrte sind, die pfeifen, wenn es nicht nach ihrem Plan läuft. Die ihre Gewohnheiten für die Grundregeln der Welt halten. Die ihre fade Hausmannskost mit der Überzeugungskraft eines arroganten Sternekochs servieren, sich hinter ihrer supercleveren Selbstironiezufriedenheit verstecken und wie bockige Kinder losbrüllen, weil etwas nicht so läuft, wie sie’s gern wollen. Hätten sie lieber zehn Langweiler auf der Bühne gesehen, zehn Normalos, mit denen sie sich identifizieren können?
Speech Debelle
Und auch wenn Doherty sicherlich keine musikalische Offenbarung war bei seinem Kurzauftritt, einer wir er, der fernab jeder Klugheitslehre, jeder Kosten-Nutzen-Rechnung, jeder Vernunft lebt, der sich von zumindest vielen Ketten befreit, das ständig feiert, und sich damit bisweilen selbst beschädigt, ist doch wirklich spannender als zum Beispiel die Langeweiler von Kettcar, die mit ein paar Streichern und fein in Anzug und Krawatte ihre DVD promoteten, die man jedem noch so drögen Schlagerfan mit gutem Gewissen unter den Weihnachtsbaum legen könnte. Und die dann auch noch von der Stimmung profitieren wollen, mit der dämlichen Bemerkung: „Hallo, wir sind Kate Moss, äh, Kettcar.“
Bei Doherty war das Studio 1 jedenfalls richtig voll, bei Kettcar nur noch gut zur Hälfte gefüllt. Keine Ahnung, ob das jetzt Sensationsgier oder doch dem musikalischen Gespür zu verdanken war, dass das Publikum hier ja zum überwiegenden Teil besitzt. Egal, so sieht das sicher auch Doherty. (Weils einige von denen, die gestern gepfiffen haben, wahrscheinlich nicht verstehen: hier nochmal auf deutsch: http://www.youtube.com/watch?v=Yf-owX6kZ7M.)
Und jetzt zum eigentlich Wichtigen, das aber, wie kaum anders zu erwarten, gar nicht mehr vieler Zeilen bedarf. Denn das Festival war, wie immer, grandios. Bei kaum einem anderen Musikereignis wird so deutlich, dass die Popmusik, die Popmusikgeschichte, aus nichts anderem besteht, als aus kommunizierenden Röhren. Überall Zitate, die gar nicht retro klingen, sondern völlig gegenwärtig, die kein Bild der jungen oder sich irgendwie „neon“-mäßig jung fühlenden Generation ergeben können und wollen, kein Ausdruck einer Jugendbewegung sind, wie Popmusik das in den 70er und 80er des vergangenen Jahrhundert noch war, die aber genau deshalb ein Lebensgefühl wiedergeben, wie es heutiger kaum sein kann. Man lässt sich durch die engen Eingangsröhren in die drei Studios spülen und erkennt hier, was den anderen drüben beeinflusst hat, und warum das da so geil klingt und es interessiert einen gar nicht, eben weil es geil klingt. Die geilsten, die ich gesehen und gehört habe: Spiral Beach aus Toronto, Chris Garneau aus New York, Royal Bangs auf Knoxville und Ebony Bones aus London. Und das Team Monster aus München natürlich. Große Party.
Und heute Abend zu Doherty ins Backstage. Ich freu mich. Und bin gespannt.
Update: Hier steht die Erklärung der Verantwortlichen für den etwas abrupten Abbruch des Doherty-Gigs. Ich gebe zu, ich hab das mit dem Deutschlandlied erst nach dem Auftritt erzählt bekommen, war ein paar Minuten nach Beginn erst im Studio. Ändert aber nichts an dem, was da oben steht.
Hier noch zwei Videos vom Doherty-Auftritt:
http://www.youtube.com/results?uploaded=d&search_query=pete+doherty&search_type=videos
http://www.youtube.com/watch?v=UtXBATT6yl0
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Bilder, Interviews, Livemitschnitte zum Nachhören gibt es bei on3.
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Dieser Artikel wurde von Sebastian Gierke geschrieben. Journalist, frei, in München und im Netz. |
Von Chrizz am 30. November 2009 um 11:37 Uhr.Ich finds eigentlich schön, wenn Musiker noch erfolgreich provozieren können. War halt nur der einfachste aller Wege, nicht wahr…
Von pete am 30. November 2009 um 11:49 Uhr.es scheint tatsächlich ein paar zu geben, die ihm jetzt faschistoides verhalten vorwerfen…ich lach mich tot.
Von Orang am 30. November 2009 um 12:05 Uhr.Peinlicher Kommentar.
Von Max am 30. November 2009 um 23:31 Uhr.Sebastian, Du hast vollkommen Recht wenn Du das Verhalten von Kettcar-Fans gegenüber Pete Doherty beschimpfst. Wäre es ein normales Konzert gewesen. War es aber nicht. Die Tatsache dass Doherty zu Beginn das Deutschlandlied angestimmt hat ändert für mich nämlich sehr wohl was an der Situation. Und ich bin beim besten Willen kein Kettcar-Fan. Ich hätte ihn auch ausgebuht. “Künstlerische” Provokation hin oder her. Was erwartest Du vom Publikum? Dass es lauthals Beifall anstimmt für die gekonnte Provokation?! Fänden wir’s auch toll wenn jemand mit ausgestrecktem rechten Arm über die Bühne marschiert? Und vielleicht noch “Heil HItler” ruft? Ich unterstelle Doherty absolut kein “faschistoides” Verhalten (danke für das kreative Wort, Pete), und klar, man weiß er provoziert gerne (ich würde ihn als Veranstalter nicht haben wollen).
Härter für Doherty wäre es mit Sicherheit gewesen, wenn einfach keiner darauf reagiert hätte… Mit dem von-der-Bühne-getragen-werden hat er vermutlich sowieso gerechnet. Wie gesagt, er ist kein Dummkopf.
Aber kann man so ein Verhalten wirklich ohne Kommentar hinnehmen?
Von Sebastian Gierke am 01. Dezember 2009 um 23:28 Uhr.Ne Max, lauthals Beifall brauchts nicht. Aber vielleicht ein Lächeln. Und ja: ohne Kommentar. Das wäre das beste gewesen.
Es war nicht ganz glücklich, das mit dem Deutschlandlied hier nur unten kurz zu erwähnen. Der Vollständigkeit halber hätte es auch oben stattfinden können. Am Tenor hätte sich dadurch aber nix geändert. Dass er da ein bisschen provoziert hat, hätte man weglächeln können. Das Gezeter im Publikum fing ja nicht erst mit der kleinen Dummheit an, sondern war von Beginn des Auftritts an da und provozierte den Mist. Es ging mir halt irgendwie nicht ein, warum einige das dann ernst genommen haben, sogar auf inhaltlicher Ebene.
oder wie der gute moby dirk sagt: ich empfand diesen grausamen deutschland-auswurf ja als reaktion auf ein ablehnendes publikum, das doherty auch ohne deutschland-lied-ansingen doof fand, weil er nicht kettcar ist.”