Eher nicht bereit

05. Dezember 2009
Gute Sache

Aus aktuellem Anlass: schlechte Werbung. Sie hängt überall in München und nervt – zu diesem wir mag man nicht gehören.

lieblinge

Werbung, in der ein wir vorkommt, ist gefährlich: Ein wir soll Gemeinschaft schaffen, Leute verbinden und gleichzeitig von anderen abgrenzen (Werbung, in der ein Du vorkommt, übrigens auch). Davon kann man sich nun stören lassen oder man kann es ignorieren – das wir aber, in dem es in dieser Werbung geht, mit der gerade ganz München zugepflastert ist, ist dermaßen bescheuert, dass ich beim ersten Plakat zusammenzuckte und nun jedes Mal, wenn ich an einem vorbeikomme, reflexartig denke: Nein, ich nicht, ihr Vollidioten! Warum?

Vielleicht sollte ich zuerst sagen, dass die beworbene Zeitung mir herzlich egal ist, die lese ich nur, wenn sie in der U-Bahn rumliegt. Und sonst? Es geht offensichtlich um Leute, die viele Freunde bei facebook haben, ihre Hunde dort anmelden und ihre Mails checken, während sie mit ihren Eltern telefonieren. So etwas wie eine Generation Internet oder Generation Facebook oder Generation Digital Natives also, meine Generation irgendwie und also auch die Generation, die ständig Sehnsucht danach hat, eine Generation zu sein. Und jetzt -  und hier kommt die Werbung ins Spiel – auch als solche wahrgenommen werden will! Als digitale Vollidioten, die glucksend vor ihrem Bildschirm sitzt, wenn Hund Mira Schnauze von Nachbarskatze Mila Pfote geadded wurde. Mit einer neuen Zeitung. Und das stinkt.

Ich habe zwar ein Facebook-Profil, und bin da auch lang und gerne, und es stimmt, von manchen Menschen höre ich mehr über ein Social Network als aus dem wahren Leben, aber darauf bilde ich mir verdammt nochmal nichts ein. Das passiert einfach, aber es ändert nur marginal an meinem  Selbstbild etwas, und vor allem konstruiere ich mir daraus kein wir. Und ich möchte bitte auch nicht, dass das jemand mit mir versucht. Anders gesagt: Die auf den Plakaten vorgestellten Verhaltensweisen sind so banal, so alltäglich und so langweilig, dass da garantiert kein wir herauskommt – vor allem keines, das reif für irgendetwas wäre. Glaubt denn irgendjemand im Ernst, die Bäckerei auf der Straße unten hätte eine Homepage?

Übrigens: Ich habe natürlich schon mal Mails nachgeschaut, während ich mit meiner Mutter telefonierte. Wir skypen nämlich neuerdings, auf ihren Vorschlag.

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Adrian Renner    Dieser Artikel wurde von Adrian Renner geschrieben.
Adrian Renner ist freier Journalist. Er mag das Münchner Filmmuseum, Immanuel Kant und schlechte Wortspiele.
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  • 3 Kommentare

    Immerhin eine Zeitung, die wohlgemut einen zweiten Versuch startet, die SZ in München ein bisschen wach zu rütteln. Find ich gut ; ) Obwohl es Springer aus Berlin ist. Die SZ ist ja auch nur noch eine Medienholding aus Stuttgart. Und Werbung die richtig nervt ist ja wohl die, die jeden Morgen im Radio läuft: “Ich bin Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung und schenke meinen Kindern dieses Jahr etwas Selbstgemachtes …” Äh, Hallo?!?

    Von Marco Eisenack am 05. Dezember 2009 um 10:06 Uhr.

    ja, das stimmt!
    Ich les die jetzt auch des öfteren und hab dabei ned immmer ein gutes gefühl! was genau das ist weiß ich nicht, aber es liegt schon ein bissl am axel und ich muss dem marco rechtgeben, dass die SZ jetzt mal wieder aus dem schaukelstuhl erheben muss!

    Von sewastl am 05. Dezember 2009 um 12:02 Uhr.

    enteignet springer

    Von carl am 05. Dezember 2009 um 12:22 Uhr.

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