Ein weißes Blatt

07. Dezember 2009
Feiern & Kultur, Tagebuch: Kapinski

Writers Block neu

Der Münchner Web-Poet Kapinski schreibt an dieser Stelle jede Woche über das Autorendasein – und die damit verbundenen Schmerzen, den Exzess, das Glück . Eintrag Nr. 5 – Blockaden.

Am Anfang war das Wort. Das  war so, ist so und wird immer so bleiben, beginnt schließlich alles damit.

Tage, an denen die Worte ohne Probleme fließen, sind wunderbar. Die guten Tage. Wenn Du deren Stimme hörst, dann hör genau und gib Dich hin. Denn diese Tage sind selten.

Tage aber, an denen das Blatt weiß bleibt – sie müssen nicht gleich den klassische Writers Block bedeuten. Man muss nicht unbedingt sofort Just Jack hören,
I get this writer’s block; it comes as quite a shock,
And now I’m stuck between a hard place and the biggest rock,

um zu verstehen, dass dies der schlimmste Moment für einen Schriftsteller ist. Aber häufen sich diese Tage, dann bitte deine Götter um Nachsicht. Denn auch mit im Gepäck der Schreibblockade: Selbstzweifel und Angst.

Dabei sollen Selbstzweifel ja an sich eine gute Sache sein. Heißt es nicht im Sartreschen Existentialismus, der Mensch wäre ein Sein, das nicht das ist, was es ist, und das das ist, was es nicht ist? Nur was, wenn dank dieser Frage unvermittelt ein neuer, ungewollter Alltag auftaucht? Wenn unvermittelt jede Geschichte, die man schreibt, jede Figur dieser Geschichten, jeder kleine Handlungstwist, jeder Dialog seinen ursprünglichen Glanz verliert? Wenn aus der Distanz betrachtet, dein Schreiben nur als ein Haufen Buchstaben aneinandergereiht, aber ohne den tieferen Sinn, den man einst in Gedanken hatte, erscheint? Wenn du deine Primärvision, jenes Wort, jenes Bild, jener Zusammenhang nicht mehr findest?

Es folgen: Endlose Stunden, am Fenster stehend verbracht, den Blick in die bewohnte Stadt hinausgerichtet und Gedanken, die nur um eines kreisen: Warum?

Es folgen: Exzesse hinaus unter die Menschen, auf der Suche nach dem nächsten Wort, oder einem Neuen. Die Suche nach einer Zukunft. Ein Lügner, der anderes behauptet.

Es folgen: Fluchtartige Reisen, in die Ruhe einer unbewohnten Natur. Zu alten Freunden, die man lange nicht gesehen hat … auf der Suche nach der Vergangenheit. In andere Städte, von deren Reiz doch bitteschön etwas haften bleiben soll – und sei es nur die Erinnerung an eine Nacht in Barcelonas Armen.

Mit etwas Glück und dem notwendigen finanziellen Rüstzeug betäubt ein derartiges Leben jeden Zweifel im Keim. Wenn nicht, droht der Siedepunkt: Die eigene Entscheidung, Schriftsteller zu sein, in Frage gestellt. Aufhören? Es gibt kein Zurück.

Natürlich wartet das Netz und der doppelte Boden aus Freundschaften, Seilschaften und Verträgen und anderen Verpflichtungen darauf, den Fall abzufedern. Aufmunternde, mahnende und besorgte Worte, ein gut gemeintes Kopftätschteln. Dreimal in die Hände gespuckt und ein leeres Glas über die Schulter geworfen – als würde das wirklich helfen. Es hilft – manchmal.

Ebenso helfen lange, ausdauernde und verständnisvolle Gespräche mit Kollegen und Gleichgesinnten. Es hilft, Seiten zu zerknüllen, zu zerreißen, neu zu schreiben. Das Neue ruhen lassen und stattdessen alte Geschichten herauszuholen und daran arbeiten. Ein ewiges Mantra – 30 Prozent Talent, 70 Prozent Disziplin. Die Liebe hilft. Das Leben hilft. Die Angst hilft.

Ich weiß nicht, wie es anderen damit geht. Aber meine Selbstzweifel werden immer bleiben. Mit jedem Wort, das ich schreibe, werden sie größer. Mit steigendem Ruhm werden sie größer, schließlich droht auch ein tiefer Fall. Das einzige, was zu tun ist – falls Zweifel beim Anblick eines weißen Blattes angekrochen kommen. Ich halte sie mit beiden Armen fest umschlossen. Excessiere, lebe, leide, wachse, zweifle, schrumpfe, wachse wieder und lebe weiter. Denn die besten Geschichten werden nur bedingungslos geboren: Qui vivra verra !

Nachtrag I: Die Perspektive entscheidet immer.

Nachtrag II: Qui vivra verra – schreibts euch an die Spiegel über euren Waschbecken, an die Kühlschranktüren und in euer Gedächtnis. Am Ende werden es diese Worte sein, sie werden euch nicht betrügen …

Nachtrag III: Writers Block auf Youtube.

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Markus Michalek    Dieser Artikel wurde von Markus Michalek geschrieben.
Markus Michalek erlebt als Autor Münchner Tage und Nächte aus vollstem Herzen. Er bloggt unter der Kunstfigur "Kapinski".
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  • 7 Kommentare

    like! thumps up!

    Von monale am 07. Dezember 2009 um 10:45 Uhr.

    ich glaube ja, dass das Schreiben die Kräfte und Hoffnungen, die es erforscht, selbst erzeugt. Das würde dann auch bedeuten, dass ein weißes Blatt Papier genauso ein Reiz sein kann, als solcher akzeptiert, sogar gut willkommen geheißen werden muss, wie die arme barcelonas. Es geht ohne Blockaden, aber wer welche hat, kann nicht ohne sie.

    Von jule am 07. Dezember 2009 um 23:45 Uhr.

    Hier ein Rainald Goetz dazu: Die Schwierigkeit also, die hohe Hürde Niederlage überhaupt erst einmal zu riskieren, dabei dann nicht nur zu stürzen, sondern den Sturz auch als Schmerzereignis zu erfahren, ihn wirklich zu erleiden, den Schmerz auszuhalten, die Niederlage länger zu durchleben, um sie zuletzt für vergangenheitskritische Gedanken und zukunftsbezogene Konsequenzprogramme auch noch richtig auswerten zu können. Viele sind es nicht, die sich darauf verstehen.

    Von wolfgang am 08. Dezember 2009 um 11:57 Uhr.

    Talent kann, Genie muss. k.A. wer das gesagt hat.

    Von annika am 08. Dezember 2009 um 15:26 Uhr.

    “Ich weiß nicht, wie es anderen damit geht. Aber meine Selbstzweifel werden immer bleiben. Mit jedem Wort, das ich schreibe, werden sie größer.”
    geht mir auch so. dabei schreib ich gar nicht. aber bei allem anderen ist es genauso…

    Von mick am 08. Dezember 2009 um 18:46 Uhr.

    diese sensiblen künstler…;) WELTHERRSCHAFT muss das Ziel sein.

    Von holgi am 09. Dezember 2009 um 17:09 Uhr.

    ,,…die besten Geschichten werden nur bedingungslos geboren” – wie wahr wie wahr. die Perspektive entscheidet, wenn du auch für die richtige Entscheidet! :)

    Von Mata am 10. Dezember 2009 um 01:46 Uhr.

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