Harmonie führt nicht zur Wahrheit

06. Januar 2010
Feiern & Kultur, Lessons Learned

Maxim Biller, ein “streitlustiger Jude” (SZ-Magazin über Biller) bzw. ein “gebrauchter Jude” (Biller über Biller), hat ein kurzweiliges Buch über sein Lieblingsthema geschrieben: über sich selbst. Darin macht er eine lustige Bemerkung über den Münchner Tukan-Preis.

In “Der gebrauchte Jude”, Billers neuem Buch, das bald auf mucbook rezensiert wird, schreibt er über den Tukan-Preis, den 2009 Robert Hültner bekam:

“Einmal bekam ich einen Preis – den Tukanpreis, für mein zweites Buch mit Erzählungen -, und ich sagte zum Dank, Juden und Deutsche seien seit Birkenau für immer geschiedene Leute. Danach kriegte ich nie wieder etwas.” (S. 107)

Damit reiht er sich in die Tradition der Preisbeleidigungen deutschsprachiger Autoren ein, deren Hauptvertreter Thomas Bernhard über den Österreichischen Staatspreis schrieb:

“Die Leute, die mich auf den Preis angesprochen haben, dachten alle, ich hätte natürlich den Großen Staatspreis bekommen, und ich war jedes Mal der Peinlichkeit ausgesetzt, ihnen zu sagen, dass es sich um den Kleinen handle, den schon jedes schreibende Arschloch bekommen habe. Und ich war jedes Mal gezwungen, den Leuten den Unterschied zwischen dem Kleinen und dem Großen Staatspreis auseinanderzusetzen, hatte ich das getan, hatte ich den Eindruck, dass sie mich überhaupt nicht mehr verstanden. Der Große Staatspreis, sagte ich immer wieder, sei für ein sogenanntes Lebenswerk und man bekomme ihn im höheren Alter und er werde von dem sogenannten Kunstsenat verliehen, der sich aus allen jene zusammensetze, die bisher diesen Großen Staatspreis bekommen haben und es gäbe nicht nur den Großen Staatspreis für Literatur, sondern auch den für die sogenannte Bildende Kunst und den für Musik etcetera. Wenn mich die Leute fragen, wer denn diesen sogenannten großen Staatspreis schon bekommen habe, sagte ich jedes Mal, lauter Arschlöcher und wenn sie mich fragten, wie denn diese Arschlöcher hießen, so nannte ich ihnen eine Reihe von Arschlöchern, die ihnen alle unbekannt waren, nur mir waren diese Arschlöcher bekannt. Und dieser Kunstsenat setze sich also aus lauter Arschlöchern zusammen, sagten sie, weil du alle, die in dem Kunstsenat sitzen, als Arschlöcher bezeichnest. Ja, sagte ich, in dem Kunstsenat sitzen lauter Arschlöcher und zwar lauer katholische und nationalsozialistische Arschlöcher und dazu noch ein paar Alibijuden. Mich widerten diese Fragen und diese Antworten an. Und diese Arschlöcher, sagten die Leute, wählen jedes Jahr neue Arschlöcher in ihren Senat, indem sie ihnen den Großen Staatspreis verleihen. Ja, sagte ich, jedes Jahr werden neue Arschlöcher in den Senat, der sich Kunstsenat nennt und ein unausrottbares Übel und eine perverse Absurdität in unserem Staate ist, gewählt. Es ist eine Versammlung der allergrößten Nieten und Schweinehunde, sagte ich jedes Mal.”

PS: Wer sich fragt, wer eigentlich Maxim Biller ist, sollte sich das neue Kiwi-Werbevideo ansehen (was hier funktioniert – ein Video zu einem Buch – funktioniert nicht immer):

Lesson Learned: Harmonie führt nicht zur Wahrheit.

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Hannes Kerber    Dieser Artikel wurde von Hannes Kerber geschrieben.
Hannes arbeitet als freier Journalist in München und mag besonders die BOB und die Regionalbahn 30607, die ihn samstags in die Berge bringen.
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