
Der Münchner Web-Poet Kapinski schreibt in mucbook vom Autorendasein – heute über Helene Hegemann und deren kunsttheoretischen Plagiarismus.
Offene, wütende Worte; ich möchte an dieser Stelle ein kleine Lanze für Helene Hegemann (das momentan wohl meist geschmähteste Wunderkind der deutschsprachigen Literaturlandschaft) brechen und werde vermutlich daran scheitern.Ich klage an:
Ein präzise arbeitender Mechanismus, Markt genannt, erhält Autoren, allerdings nicht nur die, am Leben, er sorgt für ihren Ruhm, für ihren Untergang, für ihre Unsterblichkeit. Aber muss deswegen jeder dieser Bestandteile akzeptiert werden?
Es kann nicht sein, für die berühmten fünfzehn Minuten Ruhm /in HHs Fall sind es im literarischen Sinn bislang knapp zwei Wochen/ aufs Spiel zu setzen, was eigentlich am wertvollsten sein sollte: das eigene Schreiben, das genau dann an Glaubwürdigkeit verliert, wenn unlautere Mittelchen ins Spiel kommen.
Es kann nicht sein, dass die Person eines Autors oft mehr im Vordergrund steht, als dessen Text – gerade in unserer durchexerzierten, multimedialen und selbstdarstellerischen Welt sollte dem ein Riegel vorgeschoben. Traurigerweise leisten gerade wir Autoren diesem Phänomen nur zu oft auf eine vorauseilend devote Weise Vorschub. Und um klarzustellen, ich trauere keinem überholten Autorenbegriff hinterher, ich wehre mich nur gegen einen personellen Ausverkauf unseres Da-Seins.
Es kann allerdings sein, dass es noch Autoren gibt, die unabhängig vom Markt ihr Leben führen. Das sind entweder bereits sehr berühmte, oft gealterte Existenzen, oder junge, wenig bis völlig unbeachtete Kreaturen. Eine Entscheidung, in welches Fahrwasser man sich begibt, muss immer getroffen werden: und was du auch tust, tue es klug und bedenke die Folgen.
Und es sollte sein, dass sich in unserer Zunft, die sich nur zu gern ihrer ach so hehren Tradition rühmt, wieder mehr Starrköpfigkeit und weniger Berechnung, respektive Berechenbarkeit breitmacht.
Ich werde am Versuch, eine Lanze für HH zu brechen, jetzt scheitern. Denn ihr Handeln (aufgedeckt durch den Münchner Blogger Deef Pirmasens), aber auch das Handeln anderer, am Markt beteiligter Personen ist scharf zu verurteilen.
All in und verloren:
Der besondere Dank in HH´s Text an die US-Schriftstellerin Kathy Acker (deren kunsttheoretisches Plagiarismus eindeutig ist: „Wäre ich wirklich ehrlich, müsste ich zugeben, dass meine Arbeitsweise eine Copyrightsverletzung darstellt …“) hätte dank einer darauf folgenden, gründlichen Textprüfung genügen können, diesen „Skandal“ zu verhindern. Freilich wäre in meinen Augen die Wunderwirkung des Romans, besser der Collage, von vorneherein wohl eine andere gewesen. Und die im Zuge der Plagiatskampagne herausgegebenen Presseerklärungen des Verlags und der Autorin wirken, je mehr ans Licht gezerrt wird, je mehr weise, gutgewählte Worte in Intervies folgen, je mehr PR-”Journalismus” (Daniel Haas im Kommentar auf Spiegel Online am 8.2.) von so manchen am großen Spiel Beteiligten betrieben wird, lediglich bigott und von einer herzergreifenden Naivität, die an Unglaubwürdigkeit kaum zu überbieten ist.
Da ist etwas faul im Staate Dänemark:
Der 8. Februar 2010 ist ein trauriger Tag; nicht nur für Helene Hegemann, sondern für jene Teile des Literaturbetriebs, die für ein paar verkaufte Bücher mehr, für ein paar Klicks mehr in den Rezensionen den gesunden Menschenverstand zugunsten der Ökonomie außer Acht lassen. Es mag bezeichnend sein, dass gerade die Kritik in diesem Fall nur zu gern schnell mit einem Urteil zur Hand ist – wider besseres Wissen, in der Hoffnung, der Erste im noch unentdeckten Textland des neuen Stars zu sein. Mitschuld an diesem Problem: Plagiierende Literatursternchen, die den großen Wurf wittern und dabei mit zu groß geratenen Siebenmeilenstiefeln über ihre eigenen Füßchen stolpern.
Das Ich ist ein Anderer:
Eine der wichtigsten Bedeutungen literarischen Schreibens – eigene Worte zu finden, selbst wenn diese in manchen Belangen vielleicht von anderen beeinflusst worden sind. Sie dann aber zu den eigenen Worten zu machen, das ist, was einen Autor von einem Stümper unterscheidet, was einem Text eine Stimme verleiht und Literatur erst zu Literatur werden lässt. Egal, ob wir in einer neo-post-postmodernen Samplinggemeinschaft leben oder nicht, egal ob der Text von einem Autor stammt, oder einem ominösen, weitverzeigten Kollektiv entspringt, dessen Legitimation wir nur zu gerne in der Postmoderne verorten. Ein ehrlicher Dank an alle Autoren dieser Ära, aber wäre das in ihrem Sinne gewesen? Helene Hegemann hat ihrem Text zugegebenermaßen eine Stimme verliehen, aber zu welchem Preis? Man denke nur an Gilles Deleuze und seine denkwürdigen Sätze zum Thema Kopie und Original – weshalb die Kopie nur zu oft das Original überflügelt, selbst jedoch nie deren Qualität erreichen wird.
Ein kleines Gedankenexperiment: Man könnte ja vor die Tür gehen und ein dort geparktes Auto samplen, respektive entleihen, zwei Tage später hinterlässt man einen Zettel und bedanke sich dafür. Ein etwas harscher Vergleich, aber der Besitzer wäre sicherlich nicht gerade erfreut.
Sicherlich gebührt HH für ihre Collage Ruhm, aber: “… Das ist ja ganz neu! Welch ein Mut! Das haben wir noch nie gehört! Eine neue Epoche der Menschheit bricht an! Auf, auf! Die neue Lehre -! Und seine Bücher werden gekauft werden, oder vielmehr die seiner Nachschreiber, denn der erste ist ja immer der Dumme.” Diese siebzehnjährige Berlinerin war nunmal nicht die Erste – Wiedergeburt des literarischen Fräuleinwunders hin oder her.
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Nachtrag: Im Falle einer rechtlichen Auseinandersetzung: Ich gebe hiermit an, dass diese Worte nur meine eigene Meinung widerspiegeln und nicht für die gesamte Redaktion von mucbook.de stehen.
Nachtrag II: Die verwendeten Zitate stammen in ihrer, im Text auftretenden Reihenfolge von folgenden Personen:
Was du auch tust, tue es klug und bedenke das Ende, im Original „quidquid agis, prudenter agas et respice finem“, der Fabel Nr. 45 von Äsop zugeschrieben.
Wäre ich wirklich ehrlich, müsste ich zugeben, dass meine Arbeitsweise eine Copyrightsverletzung darstellt, im Original „… if I had to be totally honest I would say that what I’m doing is breach of copyright …“ von Kathy Acker aus: Bodies of Work.
Ich klage an, im Original „j´accuse“ von Emile Zola, Überschrift zur Verteidigung von Alfred Dreyfuss.
Da ist etwas faul im Staate Dänemark, im Original „Something is rotten in the state of Denmark“ von Shakespeare, aus Hamlet.
Das Ich ist ein Anderer, im Original „Car Je est un autre“, von Arthur Rimbaud, aus dem zweiten Seherbrief.
… Das ist ja ganz neu! Welch ein Mut! Das haben wir noch nie gehört! Eine neue Epoche der Menschheit bricht an! Auf, auf! Die neue Lehre -! Und seine Bücher werden gekauft werden, oder vielmehr die seiner Nachschreiber, denn der erste ist ja immer der Dumme, im Original ebenso, von Kurt Tucholsky, aus “Blick in ferne Zukunft”, in Zwischen Gestern und Morgen.
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Dieser Artikel wurde von Markus Michalek geschrieben. Markus Michalek erlebt als Autor Münchner Tage und Nächte aus vollstem Herzen. Er bloggt unter der Kunstfigur "Kapinski". |
Von monale am 09. Februar 2010 um 18:24 Uhr.ich werde jetz mal eine kleine lanze für die zunft der verlage brechen. eine kleine, wohlgemerkt. ich zitiere:
“Der besondere Dank in HH´s Text an die US-Schriftstellerin Kathy Acker … hätte dank einer darauf folgenden, gründlichen Textprüfung genügen können, diesen „Skandal“ zu verhindern. ”
nope. denn meistens kommt die danksagung am ende des fertiggestellten manuskriptes. dann, wenn schon alles durch is und der autor (wie auch der lektor) das manuskript aus dem nest schmeißt & flügge werden lässt. sprich: es geht in satz, wird nur noch orthografisch korrigiert und dann gedruckt. das ist ein enger zeitplan von wenigen monaten bzw. wochen. da geht einfach nichts mehr mit prüfen auf plagiat wegen einer danksagung. das geschieht ja in den vorgesprächen mit dem autor. sollte, zumindest. wenn der autor (bzw. helene, in diesem fall) jedoch lügt – achtung: plattes wortspiel – wie gedruckt … tja … dann hilft auch kein lanzebrechen mehr. egal, für welche seite.
so. ansonsten zustimmung. weitgehend …
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