Eine Träne für den Sieg gegen die Endlichkeit

31. August 2010
Feiern & Kultur

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Wenn im Kino das Licht ausgeht, ist die Welt ausgeblendet. Im Lichtspielhaus einen guten Film sehen, ist wie träumen mit offenen Augen. Kino, als Medium des Vorübergleitens, schafft es in guten Momenten, die Endlichkeit zu überwinden. Und Popmusik. Popmusik im Kino. Das weiße Pferd und 3 shades im Kino?

Popmusik muss das nicht unbedingt versuchen. Ihr Ziel ist auch erreicht, wenn sie diesen einen glücksstiftenden Augenblick schafft, der die Welt nicht ausblendet, sondern erfahrbar macht, der im optimalen Fall die Erfahrungen einer ganzen Generation bündelt – beim Arme in die Luft reißen. Wenn das Publikum aber in weichen roten Sesseln lümmelt, wie beim Auftritt von Das weiße Pferd und 3 shades im Atlantis-Kino, fällt das hochreißen der Arme schwer.
Das weiße Pferd, die Band um Albert Pöschl, Federico Sánchez und Hans Platzgummer, besteht aus herausragend-kreativen Musikern. Doch beim Auftritt im Atlantiskino, aufgereiht zwischen der vordersten Stuhlreihe und dem roten Vorhang vor der Leinwand, zerfiel das sechsköpfige Kollektiv, der überdrehte Folk zerbröselte wie morsches Holz. Als ob jeder für sich spielen würde, keiner hörte auf den anderen. Und der Gesang nervte. Dass Sánchez die Töne nicht immer triff, spielt bei seiner Hauptband Kamerakino keine Rolle, hat dort aufgrund des großartigen Hysterieüberschusses sogar jede Berechtigung. Doch ins Kino passte seine Methode – mit großer Anstrengung danebenhauen – einfach nicht.

piko

Dann 3 shades. Ivica Vukelic, Markus und Micha Acher von The Notwist und Carl Oesterhelt von F. S. K. versuchen sich seit vielen Jahren an der Dekonstruktion von Blues. 2009 haben sie endlich ihre erste Platte herausgebracht, angekündigt war sie schon für 2007. 3 shades gibt es, weil es die Freundschaft der Musiker gibt. Sie erschaffen schwerelose Songminiaturen, dann plötzlich vorwärtsdrängende, immer mächtiger werdende Soundlawinen. Filmisch, hypnotisch, emotional. Ein lederbejackter Mann sitzt mit geschlossenen Augen im Kino, eine Träne rinnt ihm über die Wange. Eine Träne für den Sieg gegen die Endlichkeit.

3shades

[Hinweis: Dieser Text ist in ähnlicher Form in der SZ erschienen]

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Sebastian Gierke    Dieser Artikel wurde von Sebastian Gierke geschrieben.
Journalist, frei, in München und im Netz.
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  • 2 Kommentare

    Macht & Geld? haben diese Musiker sich ihren Platz im Kino erkauft? wurden sie von höherer Instanz gekauft? Vetternwirtschaft im korrupten Kulturbetrieb?
    geht es darum oder soll damit was ganz anderes suggeriert werden?

    Von Piko Be am 05. September 2010 um 17:46 Uhr.

    oh, macht und geld, da gehörts natürlich nicht hin. Auch keine versteckte Botschaft. Habs geändert.

    Von Sebastian Gierke am 18. September 2010 um 20:22 Uhr.

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