Wippen, Hüpfen, Tanzen

09. März 2011
Feiern & Kultur, Nachtkritik

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“We’re not coming as several individuals, we’re coming as one.”, ruft Job Chajes ins Ampere, bevor der Saxophonist der Amsterdam Klezmer Band gegen Ende des stimmungsgeladenen Konzertes doch die einzelnen Musiker vorstellt. Der Gründer der Band hat heute Abend den Frontman gespielt, der in dieser Gruppe aber eigentlich nicht existiert. Hier stehen Menschen auf der Bühne, die einfach nur miteinander musizieren und mit den Gästen Party machen wollen.

“We love private parties! We love standing between a celebrating audience, the bride in the middle, blowing until our lungs get sore” ist auf der Website der Band zu lesen und das ist kein Werbespruch. “If you want us on your birthday or a wedding, give us a call. We will be here in two hours!” Das nimmt man ihnen nach zweieinhalb Stunden Klezmer-Party ab.

Seit ihrer Gründung 1996 hat sich die Band einen Namen gemacht. Das zeigt nicht nur die Präsenz auf youtube, sucht man nach “Klezmer”. Viele im Publikum sind wegen der Band gekommen. Nicht wegen der Veranstaltungsreihe Balkanmania des Amperes oder eines allgemeinen Interesses an der Musikrichtung. Ein Mädchen hat die Amsterdamer zum ersten Mal in ihrer Heimatstadt Krakau gesehen und freut sich, dass sie hier in München vorbeischauen. Snježana aus Serbien meint, in Osteuropa wäre die Band ziemlich bekannt. Derzeit touren sie mit ihrem neuen Album Katla – benannt nach einem isländischen Vulkan – durch Deutschland, Frankreich, Holland und die Schweiz. Darin vereinen sie Klezmer mit Stilementen des Balkans aber auch aus dem Jazz, meist in Eigenkompositionen.

Aber da ist schon dieses verräterische Wippen.

Am Anfang fragt man sich noch, wie das eine Party werden soll. Die Leute stehen vereinzelt rum, viele sitzen am Rand. Die Band kommt später. Richtig voll ist es auch nicht. Das Publikum ist bunt gemischt an diesem Rosenmontagabend und zieht sich durch alle Altersgruppen. Kostüme? Fasching ist draußen. Hier ist man damit die Ausnahme. Aber da ist schon dieses verräterische Wippen. Kein katatones Kopfnicken, sondern dieses Federn aus den Fußgelenken heraus, wenn der DJ zur Einstimmung schon ein wenig Polkabeats auflegt. Und plötzlich steht die Band auf der Bühne: Posaune, Trompete, Saxophon, Klarinette, Bass, Zimbel. Kein Schlagzeug. Der Kontakt zum Publikum steht mit dem ersten Takt und die Amplitude des kollektiven Wippens wächst.

Repetierende Bläserstöße und Zimbel bilden das rhythmische Fundament für ausladende Solos und saubere Bläsersätze, die sich mal meditativ andächtig gänsehauterzeugend, mal kraftvoll mitreißend in dieser für Klezmer so typischen Art durch übermäßige und verminderte Intervalle winden. Die Amsterdamer nutzen die mögliche emotionale Fallhöhe ihres Genres voll aus und so ist es kein Wunder, wenn irgendwann wirklich jeder auf der Tanzfläche seine Beine nicht mehr ruhig halten kann. Das Wippen wird zum Hüpfen.

Am Ende fühlt man sich wie in der westlichsten Stadt des Balkans.

Die Band versteht es, ein Programm aufzubauen. Immer treibender werden die Bläser, die rhythmischen und harmonischen Übergänge überraschender. “Where is my beer?”, ruft Chajes in Hinblick auf den Veranstaltungsort München. Aber die Musik alleine würde für Trunkenheitszustände schon ausreichen. Und so findet man in der Pause ein verwandeltes Publikum vor. Was vorher noch verstohlen einzeln als wippende Individuen herumstand ist jetzt ein ausgelassen tanzendes Kollektiv.

Nach der Pause wird deutlich, dass es sich hier um Vollblutmusiker handelt: In einer Instrumentalistenrochade wird der Bass zum Banjo der Klarinettist greift zur Trommel, das Saxophon übernimmt den Bass. Alec Kopyt, der aus Odessa stammende Sänger und Percussionist kann eigentlich auch Akkordeon. “This is a song about a girl called Valentine. Valentine from the very, very north russian city called berlin!”, erklärt er. Und am Ende, nach drei Zugaben, fühlt man sich wie in der westlichsten Stadt des Balkans. Gäbe es hier Tische, würden die Leute darauf tanzen. “Why don’t you are on the streets?”, fragt Chajes mit Blick auf das Faschingstreiben und gibt sich selbst die Antwort: “You want some real culture, eh?”

Website der Band

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Felix Victor Münch    Dieser Artikel wurde von Felix Victor Münch geschrieben.
Jahrgang '88 | Physik Bachelor | Deutsche Journalistenschule | Musik-Junkie | Freizeit-Politiker | Infotainment-Freak | Cyborg | www.felixvictor.net | blog.felixvictor.net | twitter: @stationsarzt
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