Hesses wilde Tage

13. Juni 2013
Feiern & Kultur, Worüber man unbedingt ein Wörtchen verlieren muss

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Nur insgesamt 50 Tage verbrachte Hermann Hesse in München und trotzdem war es eine intensive Zeit, die ganz neue Facetten des melancholischen Dichters und Autoren herauskristallisierte, wie seit dem 13. Juni die Ausstellung „Hesse und München“ im Literaturhaus beweist.

Aussteiger am Bodensee
Rauschende Bäume, Sommerblumen, eine abgenutzte Holzbank, laues Sonnenlicht- riesige Bildleinwände mit Motiven von Hesses Landhaus in Gaienhofen am Bodensee empfangen die Besucher am Beginn der Ausstellung. Sofort fühlt man sich in die Lebensart Hesses eingebunden. Dieser und seine Familien erprobten hier ab 1904 drei Jahre lang das Aussteigerleben in einem Holzhaus ohne Strom und Wasser.

Die Kunstmetropole München

Doch in dieser Zeit sehnte sich Hesse regelmäßig wieder nach einem lebendigeren Ausgleich zur ländlichen Einsamkeit, den er in der pulsierenden Kulturmetropole München fand. So zeigt das Literaturhaus einen vielleicht unerwartet offenen Hessen, umgeben von politischer Arbeit und konträren, exzentrischen Freunden.

Der Protagonist selbst lädt die Besucher ein ihm von seinem Rückzugsort Gaienhofen in die anziehende Impulsivität der lebendigen Metropole München zu folgen. Ein Mosaik aus Tagebucheinträgen und Briefen von und an Freunde kritisiert, kommentiert, lacht und ächtet die Stadt. Und doch sagt Hesse Sammler und Kurator Volker Michels: „Seit der Hesseausstellung in Tokyo habe ich kein so umfangendes Ausstellungswerk über ihn mehr erlebt!“
Begrüßt wird man in München von Fanfaren. Ein Video zeigt eine Prunkparade für den Kaiser. Hesse war jedoch kein Freund des Kaiserreichs und dessen nationalistischer Politik. Er schätzte München für seine kulturelle Abgeschiedenheit fern des preußischen Zentrums Berlin. Treffen mit anderen Intellektuellen wie Thomas Mann oder Ricarda Huch, die Alte Pinakothek und Schloss Nymphenburg bewegten Hesse auch vor uns nach seiner Bodenseezeit nach München.
Um den pulsierenden München Korridor scharren sich fünf weitere kleine Räume. Dort können die Besucher tiefer in Hesses Beziehungen zu München eintauchen.

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Politisches Interesse: „Simplicissimus“ und „März“
Besonders seine dichterische Arbeit für das Satiremagazin „Simplicissimus“ und später als Herausgeber des positiven Pendants „März“ führten Hesse zwischen 1904 und sieben regelmäßig nach München. In den beiden ersten Zimmern zeigen die kontrastierenden Magazine Hesses, der sich gewöhnlich als „Dichter und nicht als Politiker“ bezeichnete, erstmaliges größeres Interesse für strittige politische Themen.
Unter den staatlichen Repressalien gegen den kritischen „Simplicissimus“ wuchs der Klan dabei immer enger zusammen, sodass Hesse auch seine engsten Freunde im Arbeitsumfeld fand. Wenn sie zwar scheinbar mit Hesse so gar nichts teilen mochten, verband sie mit ihm die gegenseitige Wertschätzung ihrer Arbeit. Ihnen widmen sich drei weitere Zimmer.

Schräge Freunde

Das Bauernstüberl:
Anwalt und Schriftsteller Ludwig Thoma stand seit jeher im krassen Gegensatz zum ruhigen Hesse. Er liebte den Exzess, das Rauchen und die Jagd und doch eins verband die beiden noch Jahre nach Hesses intensiver Münchner Zeit: die Liebe zur Natur und ihre Werke. Immer wieder tauschten sie nicht nur Briefe und Bücher sondern auch Bilder. Mit Thoma probierte sich sogar Hesse selbst an Schießübungen und war begeistert.

Chiemsee Romantik:
Auch Hesse und Maler Rudolf Sieck verband eine Leidenschaft für die Natur. In seinem Haus in Pinswang in den Chiemgauer Mooren entstand das einzige Bild Hesses in Bayern, dass im Literaturhaus zum ersten Mal gezeigt werde, erläutert Kurator Reinhard G. Wittmann stolz. Hier verbrachte Hesse einige seiner schönsten Stunden im Münchner Umland, wie er selbst zu sagen pflegte.

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„Saufgelage“ und Nacktfetisch
Auch „Simplicissimus“ Illustrator Olaf Gulbransson war ein Exzentriker- für Körper, wenn man so will. Nicht nur, dass er immer nur mit einer Lederschürze bekleidet malte, auch schickte er Hesse regelmäßig Bilder seines “Muskelbuckels”. Dieser fürchtete den robusten Gulbransson besonders wegen seiner „Saufgelage“: „Andern Tage hättest du vielleicht wieder eine deiner schönen Zeichnungen gemacht, ich aber wäre im Sterben gelegen.“

Alles in Allem vielleicht ein recht unerwartetes Bild von Hermann Hesse, der sich sonst vor allem mit persönlichen Konfliktthemen beschäftigte, ein ruhiges Leben pflegte und den es eher in die Ferne als das nahe Alpenumland zog.

Wenn auch ihr Lust bekommen habt München in Hesses Augen zu erkunden, die Ausstellung im Literaturhaus läuft noch bis zum 11. August.

Literaturhaus München, Salvatorplatz 1
U-Bahnen U3/6 oder U4/5 bis Odeonsplatz
www.literaturhaus-muenchen.de
Ausstellungszeiten: Mo. bis Fr. 11 bis 19 Uhr; Sa./So./ Feiertage 10-18 Uhr
Eintritt: 5€/ Ermäßigt 3€- für Studenten am Montag nur 2€

Bente Lubahn    Dieser Artikel wurde von Bente Lubahn geschrieben.
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