Land ohne Eltern

13. Juni 2013
Feiern & Kultur,Fotoschau

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Durchaus ästhetisch und warm sind die Bilder in Andrea Diefenbachs Ausstellung im Stadtmuseum, dabei erzählen sie so traurige Geschichten. „Für die Reihe Land ohne Eltern“ fotografierte Diefenbach zwei Jahre lang moldawische Familien, deren Väter und Mütter für eine bessere Arbeit nach Italien emigrierten.

Vielleicht wäre er etwas strenger gewesen, wenn Svetlana zu Hause wäre, sagt Ion. Doch so ist er nicht nur der, der schimpft, sondern auch der Tröster.
Vor fünf Jahren verließ Svetlana ihren Mann Ion und ihren Sohn Artemie. Sie hat zwar Journalismus studiert, doch das Geld, das sie damit in Moldawien verdiente, reichte einfach nicht aus. Drei Jahre lebte und arbeitete sie illegal in Norditalien, bis sie das erste Mal ihre Familie wiedersehen konnte. Pakete gingen hin und her: Moldawisches Essen, italienische Süßigkeiten, Spielzeuge. Heute fünf Jahre später sind sie alle vereint- so was wie ein Happy End also.

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Doch auch nur ein äußerliches, denn wenn Familien einander viele Jahre nicht gesehen haben, ist da oft, nur noch wenig das verbindet. Drei bis acht Jahre dauert es in der Regel für moldawische Arbeitsemigranten bis sie ein Visum in Italien erhalten und ihre Familie nachholen oder besuchen können.
“Und trotzdem gehen viele diesen Schritt”, erläutert Andrea Diefenbach. Die Fotografin kam 2007 als Magazinfotografin nach Moldawien und erfuhr von den zerrissenen Familien und ihren Geschichten. Ein Jahr später stand sie dann in der Grundschule eines kleinen südmoldawischen Dorfes. Und erst hier, als gut zwei Drittel der 30 Kinder ihre Hände in die Luft streckten, fragte man sie, ob ihre Eltern in Italien arbeiteten, spürte sie was die Zahlen über Arbeitsemigration in den Statistiken wirklich bedeuten. „Diese Kinder hatten seit mehreren Jahren ihre Eltern nicht mehr gesehen.“

Das Gefühl möchte Diefenbach auch den Betrachtern ihrer Bilder vermitteln, ohne jedoch mit elenden Szenen zu schockieren. Zwei Jahre lang konnte sie durch die Förderung zweier Stipendien die moldawischen Familien und ihre verlorenen Eltern in Italien immer wieder begleiten. So entstanden ganz individuelle, psychologisch nahe Bildreihen, frei von Klischees und Magazinkitsch.

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Menschen aus allen Schichten, Akademiker wie Bauern, wagen jedes Jahr den Schritt gen Süden. Schleppervereinigungen organisieren gegen eine Zahlung von drei bis viertausend Euro die Einreise mit einem Touristenvisum. Vor Ort helfen dann Netzwerke aus Bekannten und Freunden aus der moldawischen Heimat einen Arbeitsplatz zu finden. Die Meisten sind in der Altenpflege beschäftigt, wie in Deutschland finden sich kaum freiwillige Italiener, die die anstrengende, schlecht bezahlte Arbeit auf sich nehmen möchten. Italien braucht die Moldawier! Und trotzdem dauert es Jahre bis die Emigranten einen Arbeitgeber finden, der sie in die Legalität überführt. Erst dann, nach ungefähr drei bis acht Jahren, können die Familien sich wieder sehen. Vorher sind Paketlieferungen und Telefone der einzige Kontakt der Eltern und Kindern bleibt.

Dabei wirken die Kleinen erstaunlich Kess! Äußerlich funktioniert das System, arrangieren sich alle mit der Situation. „Doch wenn man genauer nachhakt laufen die Tränen schon“, schildert Diefenbach. Ängste die Frau können einen Italiener finden oder die Mutter wird nie mehr zurückkehren. Wer krank wird, hat sowieso verloren. Die Arbeitsmigration als Normalität in einer globalisierten Welt laufen zu lassen hält sie für verkehrt. „Die Fassade funktioniert, aber eigentlich ist es alles eine Katastrophe!“

FORUM 029: Andrea Diefenbach- Land ohne Eltern
14. Juni bis 14. Juli im Stadtmuseum München
Am St. Jakobs-Platz 1

Fotos: Andrea Diefenbach

Bente Lubahn    Dieser Artikel wurde von geschrieben.
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  • 7 Kommentare

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