Kultur, Nach(t)kritik

Der Hirsch röhrt

Mit „Die Brunft“ wagt sich das Münchner Theaterkollektiv WHAT YOU SEE IS WHAT YOU GET nach einem dreiviertel Jahr wieder in den angestammten Jagdgrund Rote Sonne. Und markierte mit einer gelungenen Premiere am 7. Mai sein Revier.

Über drei Jahre ist es her, dass WHAT YOU SEE IS WHAT YOU GET erstmals in der Roten Sonne am Maximiliansplatz Theater und Technoclub zusammenbrachten. Was damals manchmal noch nach ambitioniertem Studentenprojekt aussah, hat sich inzwischen in der Münchner freien Szene (sofern es sich um eine Szene handelt) etabliert. Dafür sprechen die Förderungen, die den jungen Theatermachern für ihr Konzept zugesprochen wurden, ebenso wie die Tatsache, dass sie inzwischen mit Künstlern zusammenarbeiten, die eine gehörige Professionalität an den Tag legen: Bei „Die Brunft“ agieren ausschließlich Absolventinnen und Absolventen der renommierten Otto Falckenberg Schule und Bayerischen Theaterakademie August Everding. DJ Niklas vom Label „Vorsicht Glas!“, der zusammen mit Felix Kruis den Sound für den Abend liefert, ist in den Nachtclubs von München und Wien kein Unbekannter. Hinzu kommt, dass ein Großteil des Kollektivs selbst inzwischen schon die Magisterurkunde oder das Diplom zuhause abgeheftet hat.

Sind WHAT YOU SEE IS WHAT YOU GET also noch so wild, derb und exzessiv wie in den ersten Produktionen? Können sie überhaupt unabhängig arbeiten und experimentieren, wenn ihnen die Stadt München via Debütförderung die Schauspielgagen zahlt? Ich denke: Nein. Und damit fängt das eigentliche Experiment erst an.

„Die Brunft“ widmet sich der so genannten Pick Up Szene (hier kann man sagen: DIESE Szene gibt es sicher) und besteht aus einer Mischung aus Spiel, Bühne, Kostüm, Musik, Licht, Video und Text. Die Zutaten bestimmen die meisten Projekte des Kollektivs – dieses Mal waren sie allerdings nicht geschüttelt, eher gerührt. Das macht sie leichter konsumierbar, nimmt der Mixtur aber zum Glück nichts an Schärfe. Pick Up Artists verwissenschaftlichen die Anmache, zumindest versuchen sie das. In den Foren und Ratgebern gibt es nur ein Ziel: aus soziophoben Nerds sollen unwiderstehliche Player werden. Der Text bedient sich am Jargon dieser Community, teils werden Forenbeiträge unverändert zitiert. Regisseurin Antonia Beermann versteht, wie man die Gefahr umgeht, dass sich die Banalität der Sache auf den Abend überträgt. Statt die krude Denkweise der Pick Up Artists zu kommentieren und damit zu würdigen, wird sie unkommentiert in einer Art Workshop präsentiert. Ob man sich von der Nonchalance der Profiflachleger einlullen lässt (das geht tatsächlich schnell) oder lieber abgeklärt an seinem 0,33er-Bier nippt und über das Treiben den Kopf schüttelt, bleibt jedem und jeder selbst überlassen: what you see is what you get.

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© Hannes Rohrer

Ein groteskes, weil wirklich glaubwürdiges Moderatorenduo führt durch den Abend – mit einem Sprachduktus, den man sonst eher von evangelikalen Südstaaten-Pastoren oder Marijke Amado in ihren glanzvollsten Zeiten kennt. Gerade dramaturgisch ist der Abend gelungen: Die Schauspieler erhalten in den Spielphasen mühelos die volle Aufmerksamkeit des Clubs, nichts wirkt erzwungen, der Abend ist, wie man sagt, dicht. WHAT YOU SEE IS WHAT YOU GET standen vor der neuen Aufgabe, sich zu positionieren, wenn eine Förderung des Kulturreferats der Stadt München die Produktion finanziell trägt. Die Wildheit hat es dem Kollektiv nur scheinbar genommen: Der Abend kommt vielleicht deshalb weniger experimentell daher, weil er schlicht und ergreifend funktioniert. Er wäre aber nicht das, was er ist, wenn ihm nicht jahrelanges Basteln vorausgegangen wäre – und laut Regisseurin Antonia Beermann eine wochenlange Probenphase, in der alles andere als klar war, dass das Vorhaben nicht auch komplett floppen könnte. Es gilt jetzt vermutlich, in eine neue Phase des Experiments überzugehen: Die Kanalratte wurde mit einer Hauskatze gekreuzt, der Hybrid muss jetzt nur noch laufen lernen. Die ersten Gehversuche können sich sehen lassen.

Hingehen!
11., 12. und 13. Mai, Einlass 20.00, Beginn 20.30, Rote Sonne (Maximiliansplatz 5, München), hier gibt’s Karten zum Vorverkaufspreis

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