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Kultur, Live

„Monokulturen können nur schief gehen“ – FIVA im Interview

In ihrer kleinen Küche fing sie an. Ganz alleine, ganz für sich. Da drückte Nina Sonnenberg auf die Play-Taste ihres Kassettenrekorders und rappte zu fetten Beats. Das macht die Münchnerin heute noch, allerdings auf der Bühne. Sie nennt sich FIVA und sorgt nicht nur durch ihren Sprechgesang für Aufsehen in  Deutschland. Im Interview spricht sie über Gangster und Gandhi, Angst und Dreck, Pubertät und Freestyle  – und warum ihr Worte so viel Freude bereiten.

Foto: Kopfhörer Recordings

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Wien, Hamburg, Berlin, München – Sie sind viel unterwegs und schwer erreichbar. Gleich müssen Sie schon wieder los zum nächsten Termin. Bei Ihnen ist Einiges los?

Nina Sonnenberg: In Wien habe ich gerade mein neues Album aufgenommen. Dort arbeite ich auch als Radiomoderatorin für FM4. In Berlin und Mainz stehen Fernsehproduktionen auf dem Programm. Dazu kommen Konzerte und Festivals. In München bin ich nur noch so zwei Tage in der Woche. Das ist sehr schade. Denn ich mag München sehr. Ich bin dort geboren und liebe diese Stadt, weil sie gemütlich, sicher und einfach schön ist.

Das klingt nach einer Stadt, in der sich Gangsterrapper nicht unbedingt wohlfühlen dürften.

Ganz so harmlos ist München nun auch nicht. Und ich bin ja auch kein Gangster – und man muss ja auch keiner sein, um zu rappen. Rap sollte authentisch sein, das ist für mich sehr wichtig.

Sind Sie authentisch?

Ja, ich versuche es zumindest. Meine Texte, meine Musik, meine gesamte Person – das kann nur aus mir selbst heraus entstehen. Ich bin so wie ich bin und nicht anders. Meine Texte sind dabei allerdings nicht rein autobiographisch. Ich beobachte sehr gerne und genau, habe irgendwie das Talent, all das, was um mich herum passiert, in Worte zu packen. Und lege diese Worte dann auf Beats. Das macht mir Spaß.

Neben Rap, Radio und Fernsehen gehört Ihnen zusammen mit DJ Radrum aus München eine eigene, kleine Plattenfirma. Ein Buch haben Sie auch veröffentlicht. Und Sie wurden bereits zwei Mal für ihre TV-Moderationen mit dem Grimme-Preis nominiert. Ist das nicht ein bisschen viel auf einmal?

Ich finde Vielseitigkeit sehr wichtig. Monokulturen können nur schief gehen – was sich immer wieder auf unserem Planeten zeigt und bestätigt. Ob in der Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft. Ich glaube, nur wenn der Mensch offen ist und offen bleibt, bewegt sich etwas. Das gilt genauso für Musik, gerade auch für Rap.

Was halten Sie von Gangstern, Goldketten und großen Autos?

Damit kann ich nicht so viel anfangen. Aber das gehört dazu. Genauso wie ich dazu gehöre. Man darf vielseitig sein, man darf anders sein. Rap ist liberal geworden. Mittlerweile nehmen sogar die „Fantastischen Vier“ zusammen mit Samy Deluxe ein Lied auf. Das wäre vor zehn Jahren unvorstellbar gewesen. Die Zeit der Dogmen im Hip Hop ist vorbei: Als man noch Mitte der 1990er Jahre keine „Liebeslieder“ singen durfte, weil das zu kommerziell und zu soft war.

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Bei Ihnen kommt Rap aus der Küche.

Ja. Da habe ich angefangen. Im Feierwerk lief 1995 eine Jam mit Tobi und das Bo, Fettes Brot, Raid und Main Concept. Ich war total begeistert davon, wie die MCs zu einem Beat ihre Texte rausgehauen haben. Zu der Zeit kannte ich nur englischsprachigen Rap – wie Nas, Mobb Deep und Lauryn Hill. Doch nach der Jam hatte es mir der deutsche Sprechgesang  angetan. Das wollte ich auch können und machen. So habe ich dann Zuhause in der Küche neben meinem Kassettenrekorder gestanden und zu Mixtapes gerappt. Immer da, wo ein Instrumental auftauchte.

Und plötzlich standen Sie auf der Bühne?

Nicht ganz. Es dauerte vier Jahre, bis ich mich auf eine Bühne getraut habe. Das war 1999 im Flava Club 70 am Harras – bei einer Freestyle-Session. Die liefen damals immer sonntags, begannen bereits um 16 Uhr und gingen bis tief in die Nacht hinein. Und es gab auch einige Jams in der Stadt auf denen gerappt, gegrillt, gesprüht (Graffiti – Anm. der Redaktion) und viel geredet wurde. Die Leute kamen aus Stuttgart, Köln und sogar Hamburg. Die Szene war sehr vernetzt. Da herrschte eine super Stimmung.

Wie ist die Stimmung in München zurzeit?

In München geht gerade einiges. In der Glockenbach-Werkstatt laufen immer wieder richtig gute Sessions. Auch im Feierwerk. Zudem sorgen viele neue Gesichter wie Edgar Wasser, Fatoni oder die Band Moop Mama für Schwung in der Münchner Rapszene. Das ist einfach toll. HipHop bleibt nicht stehen, geht immer weiter.

Der große Beef zwischen David P. von Main Concept und Teekanne von Echorausch, den ungleichen Freestyle-Königen aus München in den 1990er Jahren, hat keine bleibenden Spuren oder Gräben in Münchens Rapszene hinterlassen?

Für viele mögen diese Streitereien ein Teil der Rap-Kultur sein. Ich selber messe dem keine große Bedeutung bei. Bei einem Freestyle-Battle versucht man sein Gegenüber zwar mit Worten und Reimen zu besiegen – die schon sehr hart ausfallen können. Danach gibt man sich jedoch die Hand.  Und das haben David P. und Teekanne mit etwas Verzögerung gemacht. Schließlich befinden wir uns alle nicht mehr  in der Pubertät. Die ist längst vorbei. Zum Glück.

Werden weibliche Rapper mittlerweile mehr respektiert?

Als Frau ist es nicht schwieriger auf der Bühne zu stehen als für einen Mann. Es wird zwar immer irgendwelche Typen geben, die Frauen-Rap als Dreck empfinden. Aber darum kümmere ich mich nicht. Das macht mich nicht fertig. Und ich muss auch nicht ständig auf der Bühne dagegen protestieren. Ich biete den Zuhörern einfach eine Alternative.

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Eine Alternative, die ohne vulgäre Phrasen und Posen auskommt.

Meine Texte sind Gedichte. Die habe ich schon geschrieben, als ich 16 Jahre alt war. Gedichte, die mit einem Beat und dem gewissen Flow zu Rap-Musik werden. Rap-Texte müssen nicht böse und hart sein. Ich brauche keine Schimpfworte, Beleidigungen  und Hasstriaden. Ich freue mich, wenn ich die Zuhörer durch meine Worte zum Nachdenken bringe, in ihren Köpfen etwas bewege. Dabei will ich niemanden belehren oder bekehren, ich bin nicht Gandhi und werde auch nicht durch meine Texte den Klimawandel stoppen. Aber vielleicht geben meine Worte den Leuten Mut.

Mut wofür?

Für den Alltag. Eine Single auf dem neuen Album heißt „Das Beste ist noch nicht vorbei“. Im Klartext: Steht auf Leute! Los geht‘s! In der heutigen Gesellschaft bekommt man ständig gesagt, was alles nicht geht. Das macht vielen Menschen Angst, schreckt sie ab und vermittelt ihnen ein schlechtes Gefühl. Das ist nicht gut. Es liegen noch viele gute Sachen vor euch. Traut euch!

Bei Ihren Konzerten treten Sie nicht nur mit DJ und zwei Plattenspielern auf, sondern auch mit Band.

Mit einer Band aufzutreten macht sehr viel Spaß und hat einen besonderen Reiz. Da ist man nicht nur zu zweit auf der Bühne und rappt einfach drauf los. Man muss viel mehr Rücksicht aufeinander nehmen. Und es gibt viel mehr Diskussion und Austausch. Mit Band – das kracht einfach!

Was machen Sie, wenn es bei Ihnen einmal nicht Kracht? Wenn Sie einmal nicht auf der Bühne stehen oder eine Sendung moderieren?

Dann genieße ich die Zeit in München mit meinen Freunden. Die sehe ich ohnehin viel zu selten. Oder ich lese, gehe an die Isar oder fahre in die Berge. Was man eben so in München macht – dieser wunderbaren Stadt.

 

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