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Kultur, Live

Im Interview mit Anna Winde-Hertling: Pandora Pop – Kassettenmädchen

Sebastian Huber

Sebastian Huber

studiert literatur in münchen und schreibt seit 2014 für mucbook.de und mucbook print.

QVIS CUSTODIET IPSOS CVSTODES
Sebastian Huber

Anna Winde-Hertling ist die Regisseurin von Kassettenmädchen, einem Stück über Musik und Erinnerung, alte Mixtapes und kultivierte Neurosen. Hier ist sie im Interview mit mucbook.

Wir wollen wissen:

Wie sieht für dich die Verbindung von Musik und Erinnerung aus?
Über Musik erinnern wir uns an eine ganz bestimmte Situation, an einen Moment, eine Atmosphäre, ein Lebensgefühl. Es ist anders, als ein Foto in der Hand zu halten wo man auf sich selbst oder andere irgendwie von außen draufschaut. Wenn man Musik hört wird man für einen Moment in diese Erinnerung zurück versetzt und lebt die damit verbundene Emotion nach. Überhaupt ist Musik ein sehr emotionales Medium und so sind auch die Erinnerungen, die wir mit einem bestimmten Song verbinden oft sehr emotionale Momente, der erste Liebeskummer, der erste gemeinsame Urlaub mit dem Auto.

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Wie sexy ist das Medium Kassette?
Kassetten haben einen sehr hohen Sexyness-Faktor. Wahrscheinlich weil in den Medien, der Literatur und im Film, immer dieses romantische Bild vom Kassette aufnehmenden Jungen für seine Angebetete propagiert wird. Da ist ja auch was dran. Nick Hornby schreibt in ‚High Fidelity’, dass man ein Mädchen mit der richtigen Kassette im Handumdrehen rumkriegen kann. Nur ist es eben eine Kunst eine richtig gute ‚Kassettenmädchen-Kassette’ zu machen. Jedenfalls wird die Kassette dann zum Flirtobjekt. Das macht sie sexy.
Und wer heute noch Kassetten hört, der gehört irgendwie auch zum Underground. Kassetten sind heute, wie damals das Medium der Subkultur. Viele Bands haben ihre Musik über selbstbespielte Kassetten vertickt, was zum einen viel günstiger war als ein Plattenlabel zu finden und zum anderen auch freier. Blixa Bargeld hatte in Berlin z.B. diesen Laden ‚Eisengrau’, wo Kassetten in kleiner Auflage hergestellt und verkauft wurden. Das hatte etwas Subversives und das ist natürlich auch sexy.

Wie wichtig ist für dich die Materialität von Musik, also die Haptik des Tonträgers?
Sehr wichtig. Offensichtlich konnte ich mich bisher weder von meinen Kassetten, noch von meinen alten CDs trennen. Mein Freund und ich haben uns vor kurzem sogar wieder einen Plattenspieler gekauft. Dabei gab es die Diskussion, ob wir bei uns zu Hause nicht einfach alles Digitalisierung sollen. Spart ja Platz! Aber ich brauche das irgendwie, vor dem Regal stehen, Album-Cover ansehen und dann entscheiden, was ich hören will. Da bin ich ein echtes Kind der 80er. Obwohl ich natürlich auch einen mp3-Player besitze, aber da scrolle ich selten durch alles durch und da hört man sich eigentlich auch nie ein ganzes Album an. Mit der Entwicklung der Technik hat sich definitiv unser Hörverhalten verändert. Ich weiss gar nicht, ob das unbedingt schlecht ist, aber es ist eben anders. Und auch die Art wie wir erinnern wird in Zukunft anders sein.

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Wieso wählt ihr die Kassette als Metapher der Erinnerung? Ist sie im Gegensatz zur Platte nicht ein selbstmörderisches Medium? Meine alten Kassetten haben sich irgendwann alle selbst im Kassettenrekorder zerstört.
Dann warst du wohl nicht gut zu ihnen 😉 Ich habe Kassetten als Medium für Erinnerungen ausgesucht, weil es da oft eine persönlichere Verbindung gibt, als mit Platten. Kassetten konnte man ja selbst bespielen und da ist oft viel Zeit und Mühe reingesteckt worden. Titelauswahl und Reihenfolge, Covergestaltung waren meist gut durchdacht. Und selbst eine aus dem Radio zusammengeschnittene Aufnahme ist noch individueller als ein gekauftes Album. Bei den Geschichten, die ich gesammelt habe, wurde oft betont, dass diese eine Kassette so besonders war, weil sie z.B. von einer ganz bestimmten Person für mich eigenhändig gemacht wurde oder umgekehrt. Und außerdem wollte ich die Geschichte meiner Generation erzählen, da waren Platten nicht mehr ganz so wichtig. Die durfte ich als Kind auch nie selbst in die Hand nehmen. Kassetten sind ziemlich robust. Zumindest schmelzen sie nicht gleich in der Sonne oder zerkratzen. Das Band kann man mit Tesafilm flicken und den Bandsalat mit dem Bleistift wieder aufwickeln.

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Eure Theater- und Performancegruppe heißt Pandora Pop. Wie kam es zu dem Namen?
Die Gruppe wurde 2004 am Dartington College gegründet. Wir haben damals viel über die angebliche Diskrepanz von Pop- und Hochkultur diskutiert und darüber welche Rolle populäre Kultur in unserem Alltag spielt. Mit der Popkultur öffnete sich für Adorno ja quasi die Büchse der Pandora im Bereich Kultur. Und obwohl viel dran ist an seiner Kritik an der Kunst für die Massen und deren Instrumentalisierung im Spätkapitalismus, leugnet diese eben auch den subversiven Charakter von Bewegungen wie z.B. Punk, Techno oder dem HipHop der 70er/80er Jahre.
Für uns war klar, dass Pop sowohl eine dunkle, als auch eine aufhellende Seite hat, und dass sollte sich im Namen widerspiegeln. Nicht zuletzt ist Pandora eine verführerische  und gutaussehende Frau und die Hoffnung bleibt als einziges in der Büchse zurück. Wir benutzen in unserem Stücken Pop als Vehikel für eine künstlerische Auseinandersetzung mit gesellschaftsrelevanten Themen. Als Ästhetik des Alltags schafft Pop die Möglichkeit viele unterschiedliche Zuschauergruppen anzusprechen ohne dass die vorher ein Kunststudium absolviert haben müssen. Das war uns immer wichtig.

Seit 2012 bin ich die künstlerische Leitung der Gruppe und wir arbeiten nicht mehr in einer festen Konstellation zusammen.  Das heisst ich initiiere und organisiere Projekte, die ich dann mit unterschiedlichen Künstlern realisiere. Ich bin Pandora Pop. Als Auftakt für diese neue Arbeitsweise entstand das Solo ‚Kassettenmädchen’ bei dem ich selbst Regie führe, auf der Bühne spiele und recherchiert habe. Hilfe hatte ich von Aaron Austin-Glen, Mirco Winde und Rebecca Egeling , die alle bereits zuvor mit Pandora Pop zusammen gearbeitet haben. Martina Missel und Jan Deck haben an der Dramaturgie mitgearbeitet.

Was ist ‚dein Lied‘?

 
Vielen Dank für das Interview, Anna. Wir sind gespannt auf das Stück!
Vorstellungen am
23.01.
24.01.
30.01.
31.01.
Beginn jeweils um 20:30 Uhr im PATHOS München
http://www.pandora-pop.de/
https://www.facebook.com/events/810668319006490/?fref=ts

Alle Bilder (c) Aaron Austin-Glen

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