Das ist Kunst und das kann weg, Kolumnen, Kultur, Nach(t)kritik

Das ist Kunst und das kann weg (1): Der Anti-Theater-Guide

Juliane Becker

Juliane Becker

Theaterwissenschaftlerin, Katzenfreundin und Journalistin. Schreibt bei mucbook über Theater, Konzerte und eigentlich alles, was irgendwie mit Kultur zu tun hat.
Juliane Becker

Die monatliche Theaterkolumne von July Becker

Mit rund 15 verschiedenen Spielstätten inmitten der Stadt und international renommierten Regisseuren und Schauspielern muss sich Münchens Theaterszene auch im internationalen Vergleich definitiv nicht verstecken. Es gibt viel zu sehen auf den Bühnen. Zu viel, um ehrlich zu sein. Wer auch nur einen Bruchteil der gezeigten Stücke sehen möchte, muss eine ganze Menge Zeit, Geld und Nerven investieren. Nicht mal wir Theaterwissenschaftler schaffen es, den gesamten Spielplan eines einzigen Theaters komplett durchzuarbeiten – wie also filtern? Kritiken lesen? Das machen nur pensionierte Geschichtslehrer mit zu viel Zeit (tl;dr). Besonders, weil die meisten Kritiker sowieso bloß selbstreferentielle Onanie betreiben – ich schließe mich da mit ein.

Nein, was fehlt, ist ein Anti-Theater-Guide. Eine höchst subjektive Zusammenfassung von Inszenierungen, die man sich wirklich sparen kann – plus Alternativvorschlag. Ein Leuchtturm inmitten der unübersichtlichen See der Münchner Theaterszene. Die Rettung für alle, die von egozentrischem Regietheater die Schnauze voll haben und wissen, dass man für den Wert einer solch absurd teuren Theaterkarte auch richtig nett essen gehen kann. Möge das Spielen beginnen.

 


 

Münchner Volkstheater – Schuld und Sühne (Regie: Christian Stückl)
Auch wenn Intendant und Regisseur Christian Stückl sonst eigentlich einen guten Riecher für erfolgreiche Stoffe hat – sein Brandner Kaspar ist seit über 10 Jahren immer noch ständig ausverkauft – war der Griff zu Dostojewskis Schuld und Sühne doch kein besonders erfolgreicher. In der dürren Kulisse, die offenbar aus Teilen des Danton-Bühnenbildes lieblos zusammenrecycelt wurde, bewegen sich die zwar mit Bartfusseln beklebten, aber immer noch farblosen Charaktere auf und ab, allen voran der Student Raskolnikow. Der sinniert darüber, ob es außergewöhnlichen Menschen – zu denen er sich selbstverständlich auch rechnet – erlaubt ist, wertlose Menschen umzubringen. For the greater good, sozusagen.

Er verstrickt sich in seine eigenen Theorien, verstößt Freunde und Verwandte und verfällt in einen wahnhaften Rausch, der sich am Ende bitter rächen wird. Deeper Stoff, wie geschaffen für die szenische Aufarbeitung – wirklich interessant ist allerdings nur Moritz Kienemann als Nebenfigur Sossimow, der mit seinem überzogenen Auftreten ein wenig Farbe in die blasse Stückl-Inszenierung bringt. Was die 160 Minuten auch nicht kürzer und den Abend auch nicht spannender macht. Schade eigentlich.

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Schuld und Sühne. © Gabriela Neeb

Es gibt eine ganze Menge guter Alternativen im Volkstheater, die nebenbei, um es mal prägnant zu formulieren, einfach idiotensicher sind. Sprich: was für Mama, Papa, Oma, Opa, Theateraffine und Theateranfänger – mit diesen Inszenierungen kann man absolut nichts falsch machen, wenn man einfach nur ein wenig gute Unterhaltung sucht.

Als erstes wäre hier der bereits oben erwähnte Brandner Kaspar zu nennen – die urbajuwarische Geschichte über den Brandner Kaspar, der den „Boandlkramer“, den Tod, mit Kirschgeist abfüllt und beim Karteln bescheißt, lässt seit Jahrzehnten die bayerischen Weißbierwampen vor Lachen erzittern. Im Volkstheater trumpft Stückls Version vor allem mit einem energiegeladenen Maximilian Brückner, der den Tod so einzigartig gut spielt, dass man geneigt wäre, ohne Widerrede mitzugehen, sollte der knochige Geselle denn einmal vor der eigenen Haustüre auftauchen (und dabei bestenfalls aussehen wie Maximilian Brückner).

Relativ neu im Programm: das von Abdullah Kenan Karaca extrem kurzweilig und unterhaltsam inszenierte Stück Die Präsidentinnen von Werner Schwab überzeugt mit drei fantastischen Schauspielern – zwei davon Neuzugänge, wir gratulieren zu dieser guten Auswahl -, einer tragikomischen Geschichte über drei alte Blunzn und, sagen wir mal, interessanten Kostümen. Nichts für empfindliche Mägen, aber mehr als sehenswert. Anschauen!

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Die Präsidentinnen. © Gabriela Neeb

 


 

Residenztheater – Prinz Friedrich von Homburg (Regie: David Bösch)
Es ist ein Trauerspiel. Das Dreamteam Shenja Lacher/David Bösch hat uns mit Peer Gynt in den Märchenwald entführt und uns mit Orest blutig verzaubert, aber mit Prinz Friedrich von Homburg eine dermaßen langweilige Spielzeiteröffnung 15/16 produziert, dass es zum Heulen ist. Gut, Heinrich von Kleist war wahrscheinlich schon zu Lebzeiten nicht als Stimmungskanone bekannt, aber neben der Marquise von O. dürfte Homburg das Schnarchigste sein, was in der deutschen Literatur jemals zu Papier gebracht wurde. Das ändert sich leider auch in der dick besetzten Bösch-Inszenierung nicht – Johannes Zirner, Simon Werdelis und Franz Pätzold sieht man zwar ganz gerne zu, wie sie in ihren bodenlangen Mänteln über die Treppenstufen der düsteren Kulisse huschen, und auch Lacher beherrscht als langhaariger Prinz von Homburg sein Schauspielhandwerk nach wie vor perfekt, Spannung kommt aber trotzdem keine auf. Die Schlacht von Fehrbellin interessiert einfach keine Sau mehr.

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Prinz Friedrich von Homburg. © Andreas Pohlmann

Der Spielplan des Residenztheaters gibt aber eine ganze Menge schönerer Alternativen her. Freunde der französischen Salonkomödie werden von Der Vorname begeistert sein, meisterhaft realitätsnah inszeniert von Stephan Rottkamp und mit einem bitterbösen Norman Hacker in der Hauptrolle.

Ernster, aber nicht minder meisterhaft wird es bei König Ödipus, und wer den Beweis braucht, dass die Kombination aus Shenja Lacher und David Bösch in der Regel nur wunderschöne Früchte trägt, sollte sich den bereits oben erwähnten Peer Gynt ansehen – allein schon wegen des Bühnenbildes. Glücklich darf sich schätzen, wer die wunderschöne Andrea Wenzl noch in der Rolle der Solveig sehen durfte; seit der aktuellen Spielzeit wird sie von der ebenso schönen, aber leider nicht halb so kratzbürstigen Genija Rykova verkörpert.

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Peer Gynt. © Thomas Dashuber

 


 

Münchner Kammerspiele – Mutter Courage und ihre Kinder (Regie: Thomas Schmauser)
Nein, diese Inszenierung eignet sich wahrlich nicht als Geburtstagsgeschenk für die Schwiegereltern. Obwohl, vielleicht, wenn man sowieso demnächst die Scheidung einreichen wollte …in ekelhaften Beigetönen gehalten, versprüht Thomas Schmausers Version des Brecht-Klassikers den Charme einer verstopften Toilette (hier ein kurzer Seitenblick zu Die Präsidentinnen) und ist mindestens genauso unangenehm anzusehen. Auch wenn die Kritiken recht positiv ausgefallen sind: Ich bin nicht bereit für dieses Maß an Regietheater. Ich bin nicht bereit für Jungschauspieler, die sich ohne Sinn und Zweck ohrenbetäubend brüllend auf dem Boden wälzen, ich bin nicht bereit für waldorfschulartige Schattentänze hinter Vorhängen und ich bin auch nicht bereit für „Hintergrundmusik“, die in ihrer Geräuschkulisse an animalische Todesschreie erinnert.

Nein, einfach Nein. Wo ist die nervtötende Brecht-Erbin eigentlich, wenn man sie mal braucht? Da wünscht man sich doch gleich den Castorf’schen Baal samt wochenlangem Eklat zurück, der war wenigstens schön anzuschauen.

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Mutter Courage und ihre Kinder. © Julian Baumann

Alternativ kann in den Kammerspielen stattdessen ein Regie-Import trumpfen: Resi-Intendant Martin Kušej inszeniert Jagdszenen aus Niederbayern von Martin Sperr. Brutal, blutig – und rückwärts. In der Hauptrolle eine androgyne Katja Bürkle, verfolgt man retrospektiv die schmerzliche Geschichte eines schwulen Jungen in der vermeintlichen Dorfidylle. „Ich komme aus exakt einem solchen Dorf und kenne das alles zu genau“, sagt Kušej dazu. „Ich habe diese drückende Atmosphäre mit der Milch mitbekommen: die bedrohliche Enge, die ewig gleichen Vorurteile, die korrupte Verlogenheit, die bigotte Frömmigkeit. Besonders spannend finde ich das Uneindeutige der Figuren. Man versteht nie wirklich, wie sie eigentlich sind: schlampig oder brav, schwul oder nicht, anständig oder verräterisch.“

Ebenfalls gut beraten ist man mit der von Simon Stone inszenierten Neufassung von Luchino Viscontis Filmklassiker Rocco und seine Brüder. Fett besetzt mit Kammerspiel-Urgesteinen wie Stefan Merki und Brigitte Hobmeier sowie spannenden Neuzugängen wie Thomas Hauser und Franz Rogowski, kann Rocco vor allem durch dynamische Szenenwechsel und Boxszenen überzeugen, die so elegant umgesetzt werden, dass man sich unweigerlich an den mittlerweile abgesetzten Musical-Hit Rocky erinnert fühlt. Nur halt mit besserem Soundtrack.

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Rocco und seine Brüder. © Thomas Aurin

 


Bildquelle: Residenztheater via Facebook, Gabriela Neeb, Andreas Pohlmann, Thomas Dashuber, Julian Baumann, Thomas Aurin

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