Rocky und Donnie
Kinogucken, Kultur

Kinogucken: Ist „Creed“ der Beweis, dass Hollywood die Ideen ausgegangen sind?

Auf dem Papier klingt Creed wie der endgültige Beweis, dass Hollywood die Ideen ausgegangen sind. Ein Rocky-Spinoff, zwar mit aber nicht mehr von Sylvester Stallone, in dem Rocky den bisher unbekannten, unehelichen Sohn seines Rivalen Apollo Creed trainiert? War Rocky Balboa vor neun Jahren nicht der perfekte Abschluss? Braucht’s des?
Der fertige Film beweist hingegen einmal mehr ein Zitat des Filmkritikers Roger Ebert:
‚It’s not what a movie is about, it’s how it is about it.“ Und Creed ist fucking great about it.

Dafür gibt es mehrere Gründe. An deren Spitze steht Regisseur und Autor Ryan Coogler. Der hatte mit dem Indie-Drama Fruitvale Station für Aufmerksamkeit gesorgt und zeigt nun, dass er ein ganz Großer werden könnte. Er erzählt die inzwischen klassische Rocky-Außenseitergeschichte, aber mit genug Wendungen, dass sich Creed nie wie ein Remake anfühlt:
Adonis „Donnie“ Creed ist am Anfang zu reich, um ein gescheiter Kämpfer zu sein. Er lebt in der Villa seiner Stiefmutter und boxt dort die Youtube-Videos der Kämpfe seines Vaters vor dem Flachbildfernseher nach. Um ein Champion zu werden, muss er ausziehen, kündigt seinen Job und zieht ins schmutzige Philadelphia, um dort vom Freund seines Vaters, Rocky Balboa, trainiert zu werden.

Rocky ist inzwischen vereinsamt, sitzt an den Gräbern von Adrian und Paulie und liest Zeitung. Coogler schaltet Donnies Kampf um Anerkennung und Rockys Kampf gegen Altern, Einsamkeit und Krankheiten parallel und schafft es dabei, sich großer Themen anzunehmen: Familie, Tod und (Über-)Leben; und auch das zwar klassisch, aber im richtigen Moment mit eigenen, überraschenden Antworten.

TrainingDer zweite große Faktor, der Creed so gut macht, ist Sylvester Stallone. Befreit von Regie- und Drehbuch-Pflichten, liefert der hier die womöglich beste schauspielerische Darbietung seiner Karriere ab. Man merkt ihm in jeder Sekunde an, wie sehr er diese Figur liebt und in jeder Nuance versteht. Stallone hat sich endlich getraut zu altern. Oben-ohne-Kampfszenen hätten zu diesem Rocky nicht mehr gepasst, die Stufen schafft er immer langsamer hinauf. Stattdessen kommen einem fast die Tränen, wenn er von seinem entfremdeten Sohn oder seiner verstorbenen Frau erzählt. Creed ist nicht nur ein Spinoff, in dem der alte Held hin und wieder auftaucht, sondern auch ein legitimer siebter Rocky-Film, der seiner alten Ikone so viel Zeit gibt wie der neuen. Und wer hätte gedacht, dass Sylvester Stallone im Jahr 2016 tatsächlich Chancen auf eine Oscar-Nominierung haben könnte?

Es gibt noch so viel mehr, was Creed richtig macht: Michael B. Jordan als Donnie ist zugleich sympathisch und komplex, ein kommender Champion. Die Boxsequenzen gehören zum besten, was es gibt. Jeder der Kämpfe ist unterschiedlich inszeniert, vom beeindruckenden Single Take über die klassische TV-Übertragung zur kunstvollen Zeitlupe. Der Soundtrack wird den hohen Rocky-Standards gerecht, spielt die alten Stücke an, gibt dem Film aber auch eine neue Hip-Hop-DNA; und kann mit einem neuen grandiosen Thema aufweisen, dass man noch Tage später vor sich hin summt.

Training2Es ist erstaunlich, wieviel Leben selbst im siebten Anlauf noch in einer Reihe über einen Boxer stecken kann, aber Ryan Coogler hat es gefunden. Creed fühlt sich zugleich jung, neu und dennoch wie ein richtiger Rocky-Film an. Und was gehört zu einem richtigen Rocky? Natürlich Trainings-Montagen (es gibt ganze drei)! Sowie vor allem ein spektakulärer Schlusskampf. Man muss durch ein oder zwei Längen durch: Donnies Freundin Bianca (Tessa Thompson) ist nicht so komplex ausgearbeitet – vielleicht, weil der Film in Donnie und Rocky schon eine Liebesgeschichte hat. Doch was Creed in seinem letzten Akt auffährt, ist heutzutage selten geworden. Ohne Angst vor Klischees haut Coogler in den Fight im Goodison Park in Liverpool alles rein, was an Emotionen und Dramatik geht. Von Beginn der letzten Trainingssequenz bis zum Schlussgong will die Gänsehaut einfach nicht mehr weg. Ob man Rocky-Fan ist oder nicht, das Finale ist die pure Freude.

(Kinostart ist der 14. Januar 2016.)

(Bilder von: http://creedthemovie.com)

Thomas Empl

Thomas Empl

Schreibt seit 2012 für mucbook über Kino, meistens Filmkritiken, hin und wieder auch mal Theater. Liebt München, beste Stadt der Welt.
Thomas Empl

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