Aktuell, Kultur

Dein Viertel. Deine Leinwand: Das Gärtnerplatzviertel als begehbares Kunstprojekt

Anna-Elena Knerich

Anna-Elena Knerich

ist francophil und Europtimistin. Denkt (zu) viel und schreibt deshalb. Am liebsten über Kultur, die Helden des Alltags und das Thema mit dem "Zuhause".
Anna-Elena Knerich

Mit dem Gärtnerplatzviertel verbindet man seit jeher einen Ort der Kreativität, der viele Künstler anzieht – bis heute. Jedoch hat sich im Zuge der Gentrifizierung die Wahrnehmung des Szeneviertels stark verändert: „Es wird nur noch über Neubauten, ständig steigende Mietpreise und Lärmbelästigung in der Öffentlichkeit gesprochen“, sagt Martin Eggert von der Kreativagentur david+martin. Dies werde dem lebendigen Viertel mit seiner urbanen Identität jedoch nicht gerecht, finden auch die dort ansässigen Künstler: Durch zahlreiche Gespräche mit ihren Freunden, die alle gern ihr geliebtes Gärtnerplatzviertel beleben und aufwerten wollen, kamen David Stephan und Martin Eggert auf die Idee, die Aktion DEIN VIERTEL. DEINE LEINWAND. zu starten.

DVDL_Keyvisual_SebastianWandlVon 11. Juli bis 7. August soll der Münchner Stadtteil in ein „erleb- und begehbares Kunstprojekt“ verwandelt werden – und zwar von den Viertelbewohnern selbst: Über 40 Galerien, Gastronomiebetriebe und Shops werden zu einer interaktiven Plattform und einer riesigen Bühne für lokale Künstler, die so die Vielfalt des Viertels erhalten sollen. „Bei so vielen verschiedenen Parteien war die Organisation natürlich ziemlich aufwendig“, erzählt Sebastian, der als Koordinator bei david+martin mithilft.
Ein Vorteil sei, dass rund um den Gärtnerplatz „jeder jeden kennt“ und wirklich viele Lust haben, beim Projekt mitzumachen. So zum Beispiel der Fotograf Michael Nischke, der seit 13 Jahren eine Galerie in der Baaderstraße betreibt: „Das Viertel zog mich schon immer an, weil es den Charme einer kleinen ,Stadt in der Stadt‘ hat. Deshalb will ich, dass es sich weiterentwickelt.“ Bei der Auswahl der Künstler half zudem Marco Schwalbe, der Gründer und Geschäftsführer der STROKE Urban Art Fair – das künstlerische Spektrum reicht dabei von Graffiti, über Tape-Art bis hin zu Video-Projektionen: Street-Art-Urgestein L.E.T. ist ebenso am Start wie Lichtkünstlerin Betty Mü. „Für uns war wichtig, dass für jeden was dabei ist“, sagt David. Das Projekt soll den ursprünglichen kulturellen Geist dieses Viertels wiederbeleben.

DEIN VIERTEL. DEINE LEINWAND ist ein Aufruf an die Gärtnerplatz-Community, selbst aktiv zu werden und gemeinsam ihren Lebensraum zu gestalten, David und Martin kümmerten sich lediglich um die Kommunikation – und das nicht immer auf legale Weise:

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Überall in der Stadt hängten sie neonfarbene Plakate und Aufkleber auf, ohne Genehmigung. Darauf zu sehen ist die stilisierte Form des Gärtnerplatzviertels sowie provokative Sprüche, die sich ziemlich offensichtlich des alten Stereotyps der Münchner Stadtviertel-Rivalität bedienen.

Die Aussagen wie „Schwabing? Künstlerviertel a.D.!“ seien allerdings mit Humor zu nehmen, sagt David, der selbst aus dem Gärtnerplatzviertel stammt, denn sie „mögen ja die anderen Münchner Stadtteile auch“. Eine gewisse Angst, dass sein Viertel wie Schwabing „verkomme“ und dort die Leute „nicht mehr leben, sondern nur noch wohnen“, habe er aber schon. Die Malerin Katalina Kossack  war zunächst entrüstet über den Spruch über die Maxvorstadt, wo ihr Künstlerkollektiv Ohana sitzt: „Wer die Türkenstraße gespürt, gerochen, gehört und geschmeckt hat, der weiß, dass das Museumsviertel nicht langweilig ist!“ Auch ihre Bilder seien expressiv, ja fast aggressiv, darum nehme sie die „Herausforderung“ gerne an, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Denn eigentlich ist sie überglücklich über diese Gemeinschaftsaktion im Gärtnerplatzviertel: „Endlich tut sich hier mal was!“

012_by_NickFrankDavid ist sich bewusst, dass wegen der geklebten Werbemittel vermutlich einige Bußgelder auf sie zukommen werden, das sei aber verkraftbar: „Wenn man die kreative und urbane Identität betonen will, kann man schließlich nicht zu regelkonform sein.“ Ermöglicht wird das Ganze von Red Bull, die als Enabler das finanzielle Set-up schaffen und damit dem Projekt sozusagen „Flügel verleihen“. David und Martin sind dankbar, dass so viele Künstler das Projekt gestalten und freuen sich auf „vier Wochen Spaß und Halligalli voll Kreativität“.

Unter den 28 Veranstaltungen kündigen sie folgende Highlights an: Ein Stopp der „Simply Cola Pure Sounds Bar Tour“ am 13. Juli im AWI mit dem Songwriter Matthew Austin, der mit „souliger Stimme Bilder voller Sozialkritik und ironischer Geschichten“ erzählt. Am Tag darauf zeigt der Meister des Klebebandes Max Zorn in einer Live-Session, wie aus Verpackungsmaterial ein Kunstwerk im CHICHI entsteht. Am 19. Juli marschiert dann die Big Band Forum2 durch das Viertel und lotst die Fans zur anschließenden Party ins Ferdings. Bei der Sneakerpräsentation im TINT am 29. Juli werden erstmals die Schuhe gezeigt, die fünf Künstler individuell gestaltet haben. Und am 1. August zeigt die CHAOS CREW mit einer Live-Tattoo-Session bei Shoeguerilla, wieso Kunst nicht nur unter die Haut geht – sondern auch auf der Haut eine gute Figur macht.

Das gesamte Programm findet Ihr hier.


In aller Kürze:

Was? Vierwöchiges Kunstprogramm, Parties und Events
Wann? 11. Juli bis 06. August  2016
Wo? Rund um den Gärtnerplatz

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