Fotocredit: Jo Halbig
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„Ich bin eher für machen“ |1 Jahr IN_DIE_DISKO im Cord Club

Gloria Grünwald

Gloria Grünwald

Gloria ist ein Münchner Kindl, das leider kein Bayrisch sprechen kann. Hört, macht und schreibt gerne über: Musik.
Gloria Grünwald

In der Zeit kurz vor und nach seiner Schließung Ende 2014 konnte sich das Atomic Café vor Abschiedsbriefen und Lobgesängen kaum retten. Das Aus dieses fraglos einzigartigen Clubs umschrieben die Autoren damals mit Metaphern unterschiedlichen Schweregrades: von einem großen Loch etwa an dem Platz im Herzen, wo früher das Atomic saß, war die Rede. Oder – etwas theatralischer formuliert – vom Verlust eines Körperteils oder dem eines Freundes. Das ist mittlerweile 1 ½ Jahre her, aber das Münchner Nachtleben hat sich immer noch nicht von diesem Rückschlag erholt. Oder? Ein Gespräch mit Jo Halbig, dem Veranstalter von IN_DIE_DISKO.

„Das Atomic war der schönste Club, den es gab in München“, sagt Jo, Musiker und ehemaliger Atomic Besucher, „er war aber gerade gegen Ende mit extrem viel Pathos und vor allem mit Sentimentalitäten aufgeladen, denen der Club gar nicht mehr gerecht werden konnte. Im letzten Jahr vor der Schließung sind natürlich alle nochmal hingerannt, um dabei gewesen zu sein und um später ihren Kindern erzählen zu können, wie toll das damals war.“
Throwback. Mitte 2015. State Of Mind: Schluss mit dem Gejammer! Es muss doch möglich sein, in einer Zeit nach dem Atomic unter der Woche in München wieder zu Gitarrenmusik tanzen gehen zu können. Location gecheckt, DJs ins Boot geholt, Party gestartet. Seit letztem Jahr lädt Jo Halbig gemeinsam mit Mitveranstalter Matthias Hoepfl regelmäßig am Mittwoch Abend zur IN_DIE_DISKO in den Münchner Cord Club. Am morgigen Abend feiert die Party ihren ersten Geburtstag. „Das macht mich stolz, weil uns eigentlich keiner zugetraut hat, dass wir so lange durchhalten.“

Was als spontaner Testlauf anfing, ist zu einer wöchentlichen Partyreihe mit Indie-Musik herangewachsen. Viele der DJs, die im Cord auflegen, standen früher im Atomic an den Decks. Und wegen des Wochentags liegt natürlich auch der Vergleich mit dem Britwoch [Partyreihe im Atomic, Anm. d. Red.] nahe. Zu häufigeren Vorwürfen des Abkupfern-Wollens hat der junge Veranstalter aber eine ganz klare Haltung: „Wir haben uns nie auf die Fahnen geschrieben, das neue Atomic sein zu wollen oder zu sein, oder der neue Britwoch. Dass man solche Vergleiche hört, hat natürlich mit dem Wochentag und der Musik zu tun.“ Für letztere sorgen bei IN_DIE_DISKO wöchentlich wechselnde DJs und eine Handvoll Residents. Neben der Beschäftigung von bekannten, ehemaligen Atomic DJs wie Sir Hannes oder Bavarian Mobile Disco möchte IN_DIE_DISKO aber auch jungen Talenten eine Plattform bieten, um möglichst viele Leute mit unterschiedlichem Background zusammen zu bringen.

„Das Atomic war wunderbar und gut so wie es war; das kann man nicht besser oder schlechter machen, man kann es nur anders machen.“

Man könne sich jetzt noch die nächsten zehn Jahre hinsetzen und der schönen Zeit nachweinen, sagt Jo, er sei aber schon immer mehr für Machen statt für Lamentieren gewesen, wie er es heute immer noch bei vielen Ex-Atomic Gästen erlebt, „die jetzt vom Sofa aus rumheulen, aber selbst gar nicht mehr weggehen.“ Tatsächlich komme ein harter Kern von ehemaligen Atomic Besuchern auch regelmäßig zur IN_DIE_DISKO ins Cord. Aber besonders beobachte er mittwochs eine neue Generation von Feiernden, die, zu jung um das Atomic in seiner Hochzeit miterlebt zu haben, auf der Suche nach Alternativen zu diversen Mainstream-Schuppen auf der Feierbanane seien und die Indie Musik gerade für sich entdeckten. „Ich wollte einen Platz schaffen für Leute, die jetzt – im Jahr 2016 – an einem Mittwochabend zu Gitarrenmusik feiern gehen wollen. Deswegen sehe ich unsere Party überhaupt nicht als Ablöse für das Atomic, weil das Atomic war wunderbar und gut so wie es war; das kann man nicht besser oder schlechter machen, man kann es nur anders machen.“

Vor dem Hintergrund, dass immer wieder alternative Locations in München dicht machen (dieses Jahr trifft es die Studenten-Kneipe Netzer und auch die Existenz des Backstage steht momentan auf der Kippe) betont er das Alleinstellungsmerkmal seiner Veranstaltung, nämlich als Einziger in der Münchner Innenstadt eine wöchentliche Party mit Gitarrenmusik anbieten zu können. Aber warum gibt es so wenig davon im Münchner Nachtleben? Liegt das an der Stadt? Oder hat Indiemusik im Jahr 2016, anders als vor einigen Jahren, allgemein ein eher schlechtes Standing? Die goldene Zeit des Indie sei vorbei, meint Jo, trotzdem gehe es dem Genre seiner Meinung nach heute deutlich besser als noch vor fünf Jahren. „Ich finde, dass es auch bei uns einen großen Raum für Indie Musik gibt und dass Indie wieder im Kommen ist. Gerade gibt es unglaublich viele spannende Künstler, die ihre Musik über’s Internet verbreiten und eine große Resonanz bekommen“.

„Das ganze Bashing, dass es in München keine Subkultur gibt, verleitet einen dazu, zu glauben, dass es so ist.“

Trotzdem dominiert in den Augen von vielen der Mainstream – nicht nur in der Münchner Clubszene. Ein weit verbreiteter Vorwurf an München ist der, dass es in der Stadt zu wenig Raum für Subkultur gibt. Das Image des Spießers und der Schickeria haftet an München wie ein zäher Kaugummi. Als junger Kreativer kann Jo dem aber nicht zustimmen: „das ganze Bashing, dass es in München keine Subkultur gibt, verleitet einen dazu, zu glauben, dass es so ist. Ich persönlich finde natürlich, dass es mehr geben könnte. Aber anstatt nur darüber zu reden, muss man einfach irgendwo anfangen. Ich habe das Gefühl, es sind unglaublich viele kreative Leute in München unterwegs, die ihre Sachen fernab von offiziell genehmigten Plätzen veranstalten. Ich denke da gerade zum Beispiel an dieses aktuelle Kunstprojekt am Stiglmaierplatz. Ich würde überhaupt nicht sagen, dass München ein Problem hat mit zu wenig Kunst, Subkultur, Szene und so weiter. Es ist nur ein bisschen weniger sichtbar und kleiner als in anderen deutschen Städten, wie Berlin oder auch Leipzig.“ Das Potenzial und die Community kreativer Köpfe seien aber auch hier bei uns gegeben.

Das Potenzial einer neuen Indie Party für München hat Jo als Veranstalter erkannt. Trotz Herausforderungen – wie zum Beispiel dem leidigen Atomic-Vergleich – und dank einer gesunden Portion Hartnäckigkeit glaubt er, mit IN_DIE_DISKO einen Schritt in die richtige Richtung getan zu haben. „Wir sind zwischendurch auch mal auf die Schnauze gefallen, haben ab und an eine schlecht besuchte Party gehabt und gebibbert, ob das jetzt weiter geht oder nicht. Aber ich glaube, wenn man eine Sache mit genügend Idealismus vorantreibt und gute Qualität liefert, dann setzt man sich über kurz oder lang durch.“

Der neue Mittwoch im Cord Club, der mittlerweile schon gar nicht mehr so neu ist, spricht sich herum in der Stadt. Trotz Prüfungsphase in den letzten Wochen war der Club laut den Veranstaltern immer gut besucht. Am morgigen Mittwoch also die Geburtstagsparty. Auf welches Highlight kann man nach einem Jahr IN_DIE_DISKO zurückblicken? „Wir hatten während der EM einen weniger gut besuchten Abend, an dem wir eigentlich um drei Uhr zu machen wollten. Aber dann ist kurz vor Schluss eine Gruppe von vierzig Leuten im Cord aufgeschlagen und wir haben noch bis in den Morgen weitergefeiert. Solche Überraschungselemente machen die Sache spannend. Oder wenn Künstler wie Annenmaykantereit oder Kakkmaddafakka nach ihren München-Konzerten noch bei uns vorbeischauen, ist das auch ein Riesenkompliment!“

Die wohl schönste Sache am Veranstalter sein? „Man kann sich beim DJ einen Song wünschen, der dann tatsächlich auch gespielt wird. Man wird also nicht bloß mit einem ‚Jaja, ich hab den schon auf dem Zettel‘ abgespeist“. Die Frage, welcher Track auf keinen Fall auf seiner persönlichen Playlist fehlen darf, findet Jo dann aber gar nicht so einfach zu beantworten. „Es gibt drei Kandidaten für mich. Das ist einmal Mando Diao „Down In The Past“, „Hate To Say I Told You So“ von The Hives und „Are You Gonna Be My Girl?“ von Jet. Die müssen auf jeden Fall auf einer Indie Party laufen.“

Wer diese These gerne selbst überprüfen möchte, der kann am Mittwoch Abend im Cord Club für nur 5 € bzw. 3 €* bei 1 Jahr IN_DIE_DISKO dabei sein, oder mit ein bisschen Glück bei MUCBOOK Gästelistenplätze gewinnen. Schaut dafür einfach auf unserer Facebook Seite vorbei.

*Ermäßigung als Student


In aller Kürze:

Was? IN_DIE_DISKO 1. Geburtstag

Wann? 27.07.2016

Wo? Cord Club, Sonnenstr. 18, 80336 München


Fotocredit: Jo Halbig

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Das Heft über „Wohnen trotz München“

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