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Home Stories aus München (3): Zu Besuch bei Sarah Elise Bischof

Anna-Elena Knerich

Anna-Elena Knerich

ist francophil und Europtimistin. Liebt Literatur und Lateinamerika / denken und diskutieren / tanzen und Theater / reden und reisen / Musik und Museen / Sprachen und vor allem: Schreiben.
Anna-Elena Knerich

Es ist ein klarer Wintermorgen und sehr ruhig am Glockenbach. Bunte Graffiti-Tags umrahmen die Klingelschilder, auf denen ich nach einem skandinavisch klingenden Namen suche – denn die Gastgeberin der dritten Home Story, Sarah Elise Bischof, lebt mit ihrem dänischen Verlobten zusammen.
Mein Atem gefriert beim Warten und ich bin froh, als die Tür summt und mir beim Treppensteigen wieder etwas wärmer wird. Im fünften Stock werde ich von der Buchautorin und ihrem quirligen Hündchen „Havanna“ freundlich begrüßt.

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In ihrer Wohnung fallen mir sofort die kleinen dänischen Flaggen ins Auge.
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Über Flaggen, High Heels und Klischees

Die Dänemark-Fahnen passen gut in meine (etwas klischeebesetzte) Vorstellung von einer skandinavischen Wohnung. Mit ihrem Chihuahua wäre auch die große, blonde Sarah leicht in eine Schublade zu stecken – doch im Laufe des Vormittags entdecke ich viele charmante Details an der Buchautorin, die mit Stereotypen brechen und ihre Lebensgeschichte zu einer ungewöhnlichen machen. Aber der Reihe nach.

Die Liebe zur Literatur…

Sarah Elise Bischof ist ein echtes Nordlicht. Sie kommt aus einem kleinen Dorf nahe der dänischen Grenze mit nur 320 Einwohnern und war schon von klein auf eine Leseratte: Als Kind liebte sie Ronja Räubertochter von Astrid Lindgren, doch schon bald las sie die unzähligen Bücher ihrer Eltern und entdeckte die Werke von Thomas Mann für sich – bereits mit 12 Jahren verschlang sie die Buddenbrooks, später wurde Der Zauberberg ihr Lieblingsbuch. „Jugendbücher habe ich irgendwie übersprungen“, erzählt Sarah.

Ihre Leidenschaft für’s Lesen ist auch in ihrer heutigen Wohnung nicht zu übersehen – über Tausend Bücher reihen sich in den sogenannten hochstapler-Regalen aneinander. „Auf die habe ich lange gespart, weil sie einfach erweiterbar und darum perfekt für mich sind“, sagt Sarah lachend. In ihrem Schreibzimmer hängen drei Poster, auf denen in winzigen Buchstaben die Romane Der alte Mann und das Meer, Ein Fänger im Roggen und Der große Gatsby komplett abgedruckt sind. Was wirklich beeindruckend ist, denn letzterer hat über 400 Seiten.

Doch in ihren Regalen finden sich nicht nur Klassiker, die sich im Laufe ihres Literaturwissenschaft-Studiums angesammelt haben.

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Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
- Der Panther (R.M. Rilke)

… und zum Fußball

Zwischen den Büchern über Helmut Schmidt, Nelson Mandela oder Ai Wei Wei stößt man auch mal auf ein Buch über den Fußballer Zlatan Ibrahimović.

Denn wenn die kleine Sarah nicht gerade an ihrem Lieblingsort, der Bücherei von Flintbek, nach neuem Lesestoff stöberte, war sie auf dem Fußballplatz anzutreffen: „Ich spielte mit meiner Schwester zusammen beim TSV Flintbek  und war – sehr zum Leid meiner Eltern, die eingefleischte Werder-Fans sind – schon als Kind großer FC Bayern-Fan“, verrät sie mir. Das bezeugt auch ein Foto an ihrer Schrankwand, auf dem eine stolze Sarah im blau-roten Trikot neben dem lässigen Mario Basler zu sehen ist.

Die Anfänge

Ihre zweite Leidenschaft, die zu Büchern, unterstützten ihre Eltern jedoch: Sie fuhren mit ihr nach Lübeck ins Buddenbrookhaus und ins Günther Grass-Haus und als Sarah von den Lehrern für „zu lange“ Schulaufsätze geschimpft wurde, ermutigten ihre Eltern sie, weiter zu schreiben. „Meine Mutter stellte mir ihre Schreibmaschine ins Zimmer, auf der ich kleine Theaterstücke, Gedichte und Kurzgeschichten schrieb – über die Natur und Herzschmerz“, erzählt Sarah.

Das Schreiben blieb für Sarah auch im späteren Leben das wichtigste Mittel, um schwierige Phasen, Gefühle und Gedanken zu verarbeiten: Als sie 20 war, wurde bei ihr Epilepsie diagnostiziert – einfach so, von heute auf morgen. Damit änderte sich ihr Leben schlagartig. Plötzlich konnte sie nicht mehr ohne Weiteres Auto fahren oder feiern gehen, was sie zunächst gar nicht wahrhaben und begreifen konnte: „Ich habe mich sogar dafür geschämt“, sagt sie. Dabei haben bis zu zehn Prozent aller Menschen einmal im Leben ein sogenanntes „epileptisches Ereignis“. Aber eben einmalig.

Das Leben mit dem Panther

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Sarah aber musste fortan mit der Erkrankung leben – und schrieb darüber ein Buch: Im März 2015 erschien ihr Roman Panthertage, der viele autobiografische Elemente enthält und der im nächsten Jahr verfilmt wird. Damit will Sarah anderen Betroffenen Mut machen, dass man trotz Epilepsie studieren kann. Gleichzeitig möchte sie in der Gesellschaft das Bewusstsein für diese Volkskrankheit (in Deutschland gibt es 800 000 Betroffene) fördern. „Epilepsie wird immer noch zu sehr tabuisiert“, findet Sarah, die – abgesehen von den Tagen, an denen die Epilepsie sie wie ein Raubtier angreift – ein ganz normales Leben führt und zur Zeit an ihrem zweiten Roman schreibt. (Kleiner Spoiler: Es geht um Liebe im fortgeschrittenen Alter.)

Romantik auf Nordisch

Abends kommen Sarah immer die besten Ideen, darum legt sie ihren Laptop vor dem Schlafengehen neben das Bett und schreibt dann oft noch bis spät in die Nacht hinein. Sie liebt ihr Bett, ebenso wie den Fuchs, den sie darüber aufgehängt hat. Daneben hängt der Druck „mates for life“ von der kanadischen Designerin Jacqueline Schmidt, auf dem monogame Tiere abgebildet sind. „Das ist die nordische Art, romantisch zu sein“, meint Sarah lächelnd.

 Am liebsten arbeitet Sarah im Bett.
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Wohnkonzept: „hygge“

Das ehemalige Büro ihres Verlobten hat Sarah nun in ein Schreibzimmer umfunktioniert: Darin steht ihr 50er-Jahre-Schreibtisch, den sie bei den Kleinanzeigen erstanden und selbst abgeschliffen hat, sowie ihre Kakteen und Peters Aloe Vera-Pflanzen.

Dem Paar gefällt die bunte Mischung aus Flohmarktgegenständen, Designerstücken und IKEA-Möbeln. Die peppen sie aber in ihrer Kombination auf, zum Beispiel liegt auf der IKEA-Leiste im Wohnzimmer eine schöne Holzplatte. „Das Wichtigste ist uns, dass unsere Wohnung hygge ist“, erklärt mir Sarah – dafür gebe es kein deutsches Wort, es geht um eine Lebenseinstellung, in der alles gemütlich und irgendwie cosy ist. Beide haben also den gleichen Geschmack, darum gab es auch keinen großen Streit bei der Einrichtung: Sarah zog letzten Januar bei Peter ein, den sie erst im Sommer 2015 kennengelernt hatte – über Tinder.

Eine Liebesgeschichte der Moderne

Direkt nach ihrem Tindermatch war Sarah im Urlaub, also standen die beiden drei Wochen lang lediglich über Nachrichten in Kontakt – und bauten nur durchs Schreiben eine richtige Nähe auf. „Ohne diese Plattform hätten wir uns nie kennen gelernt, denn wir haben keine gemeinsamen Freunde und sind beide beruflich viel  unterwegs“, erzählt Sarah. Sie gibt Lesungen in Schulen, Selbsthilfegruppen und Kliniken; und Peter reist als Schweinezüchter und -händler vor allem oft nach Osteuropa.
„Außerdem geht man mit über 30 nicht mehr so oft in Clubs“, meint Sarah, die früher oft und gerne ausging. Aus dieser Zeit stammt übrigens auch ihre beeindruckende High Heels-Sammlung.

Isarrauschen und Nordweh

Entgegen aller Statistiken und Vorurteile über Tinder führen Sarah und Peter eine glückliche Beziehung. Auch in München gefällt es den beiden gut, weil es „nicht allzu städtisch ist“, findet Sarah. Sie lebt seit sechs Jahren hier und liebt besonders den Glockenbach und die Isar. Dennoch habe sie oft Heimweh, gesteht mir Sarah – sie und Peter träumen von einem gemeinsamen Haus am Meer.

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Außer für Kakteen, Schuhe und Bücher hat Sarah auch eine Leidenschaft für Containerschiffe – ihr Lieblingsschiff ist die „Emma Maersk“.

Was es mit „Lillefyn“ auf sich hat

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Wegen ihres Nordwehs nennen Sarah und Peter ihre Wohnung einfach Lillefyn (die beiden sprechen entweder Dänisch oder Deutsch miteinander) – ihr eigenes „kleines Dänemark“. Peter kommt nämlich aus dem kleinen Ort Søndersø auf der Insel Fyn, die mit Sarahs Geburtsort durch eine Brücke verbunden ist. Im Flur hängt ein dänisches Werbeplakat aus den 1930er-Jahren, auf dem diese Brücke abgebildet ist. „Das haben uns meine Eltern zur Verlobung geschenkt“, erzählt Sarah und erzählt mir von Peters Heiratsanträgen:
Der erste kam total spontan während einer Fahrt auf der Autobahn (sie sagte schon Ja), beim zweiten Mal schenkte er ihr ein dickes Buch, in das er ein Loch ausgeschnitten und den Verlobungsring darin eingebettet hatte. „Ich hatte das Buch schon und sagte, dass ich es dann eben weiterschenken würde“, lacht Sarah. Zum Glück entdeckte sie den Ring doch noch – so kann nächsten August die Hochzeit steigen, in einem alten dänischen Badehotel direkt am Wasser.

Bis dahin genießen die beiden ihre schöne Wohnung, in der sie viel kochen und an ihrem extraangefertigten Holztisch im Esszimmer oder auf der gemütlichen alten IKEA-Couch sitzen.

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Der lustige Affe zwischen den „Caravaggio“-Lampen ist vom dänischen Designer Kay Bojesen.
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When Polt meets the Danish…

Neben der Eingangstür steht der Spruch von Gerhard Polt: „Ein Paradies ist immer dann, wenn einer da ist, der wo aufpasst, dass keiner reinkommt.“ – Ich allerdings durfte Sarahs kleinem Paradies einen Besuch abstatten und habe mich sehr gefreut, die hyggelige Wohnung und ihre interessante Lebensgeschichte kennen zu lernen.

Tusind tak, kærest Sarah!

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Photocredits: © Sebastian Gabriel

1Comment
  • Thomas Brasch
    Posted at 16:14h, 09 Dezember

    Ein ebenso schöner wie auch ein wenig gewagter Einblick ins Private einer Frau, die ich bislang nur über das Netz kennengelernt habe und sehr schätze, ob ihrer differenzierten, klugen Kommentare und ihrer klaren Haltung, die aber niemals störrisch oder stur von ihr vertreten wird. Ich wünsch ihr und ihrem zukünftigen Mann alle Erfüllung ihrer Träume.

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