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Frei & Liebe (8): Das Knistern, leise

Sharon Brehm

Sharon Brehm

Freigeist, Frohnatur und Foodfetischistin // liebt den Alltag und ist auch sonst eher ein Glückskind // steht total darauf, Dinge zu zerdenken, wenn es sie nicht gerade wahnsinnig macht //
Sharon Brehm

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Unter meinen Füßen knistert es zart. Eigentlich würde man dieses leise Knacken kaum hören, doch unendliches Weiß verschlingt jeden anderen Ton. We are all broken. Ich bin in fünfzehn Stofflagen eingepuppt wie eine Raupe in einem Kokon – ein kläglicher Versuch sich selbst in Watte zu packen. Nicht um sich vor der harten Außenwelt zu schützen, sondern vor dem eigenen Innenleben. Ein bisschen so, als würde ich emotionale Risse und seelische Schmerzen mit Wolle füllen können. In einem geschützten Körper wohnt ein geschützter Geist.

Vielleicht heilen Wunden in 45 Minuten – doch an den Schmerzen leiden wir länger.

Denn wenn das Herz bricht, schmerzt es. Durch Grey’s Anatomy oder Emergency Room oder jede andere Arztserie lernen wir, dass alle sofort um dein, unser Leben rennen, bereit das Herz am Pochen zu halten, den Liebesentzug mit anderen Suchtmitteln zu lindern. Alkohol, Ablenkung, anderer Menschen Lippen. Und im Fernsehen scheint es so, als würde das Innerste in 45 Minuten tatsächlich wieder heilen.

Doch wir leben eben nicht in Serien, haben keine Hintergrundmusik und müssen uns mit der Realität befassen, dass Herzen auch noch länger schmerzen werden als erste Hilfe andauert. Dass es mehr als eine Folge braucht. Draußen, im echten Leben lernen wir, möglichst schnell einem fiktiven Normalzustand folgen zu müssen. Drei Tage Eis aus Ben&Jerry-Eimern löffeln und furchtbare Liebesfilme schauen würde reichen. Ja, wir tun in diesem Bruchteil unseres Lebens vieles: Trinken bis wir den Tag, der vor uns liegt, vergessen. Küssen bis wir den anderen in unserem Kopf ersetzen können. Verdrängen bis wir unseren eigenen Namen nicht mehr kennen. Doch dieses „normal“  zudem ich mich gezwungen fühle, ist neu. Ein normal ohne einen Menschen, den man lieben durfte. Von dem man geliebt wurde. Wer kam auf die Idee, dass nach drei Tage die Schmerzen Vergangenheit sind?

Der Dualismus zwischen Herz und Verstand

Es knistert unter mir. Also bewege ich mich in Zeitlupe auf den Boden, schiebe den Schnee zur Seite. Ich stehe auf dem Ural, Fluss des gleichnamigen Gebirges inmitten Russlands. Trennung zwischen Asien und Europa. Orient und Okzident. In meinem Studium hätte man das als die Trennung zwischen Ratio und Emotion beschrieben. Wie passend, ein Ort des Dualismus zwischen Herz und Verstand, denke ich, während die oberste Eisschicht meine Spuren trägt.

Denn mein Verstand weiß sehr wohl, dass es ein Weiter gab, dass der erste Herzschmerz überlebt ist, dass ich mich inmitten eines neuen, nüchtern betrachtet nicht einsamen Normalzustands befinde. Dass ich heilen werde. Dass Eva Illouz das schlichtweg als postmoderne Kränkung des Egos bezeichnen würde. Dass drei Tage längst vorbei sind.

Wenn das Herz mehr fühlt, als der Verstand versteht.

Doch mein Innerstes trägt noch zu viele Bilder, die aderfeine Schnitte durch dieses neue „normal“ schneiden – Erinnerungen an eine Stimme, die so sehr vibrierte, dass sie Räume verschlang, an warme Blicke in alten Autos, an Arme, die zu den schönsten, sichersten, glücklichsten Orten der Welt wurden. Da ist Trauer über den Tod einer Version einer Person, die mich liebte, und Wut über die so persistenten Schmerzen – und so klingt das Pochen meines Herzens genauso leise und zerbrechlich wie das Knistern unter mir. Es ist furchtbar, dass in uns selbst so viel mehr Schmerz liegen kann, als der schneidende, sibirische Wind überdecken könnte. Dass das Herz mehr fühlt, als der Verstand versteht.

Warum wir uns auch von Makellosigkeit verabschieden müssen.

Unter dem weißen Pulverschnee hat sich Eis gebildet, der Fluss ist gefroren, liegt bewegungslos in seinem Bett. Und ob ich es will oder nicht, es fühlt sich so an, als wäre ich eigentlich auf der anderen Seite des Eises. Dort, wo das Licht sich bricht, wo Sauerstoff zu Glaskugeln wird, ein Paralleluniversum ist in dem Hemingways (oder Cohens, so sicher ist man sich da nicht) Satz Wahrheit wird: „We are all broken. That’s how the light gets in.“

Mein Körper steht in einer Welt, die uns zur Makellosigkeit erziehen will, und ich habe, musste mich von einer emotionalen Unversehrtheit verabschieden. We are all broken. Ich werde erst in einer Zukunft verstehen, welche Schnitte unbehandelt geblieben sind oder zu vernarbten Bruchstellen heilen. Genauso werde ich aber auch verstehen, welche Kraft und Schönheit in zerbrochenem Glas liegt. Dass zwischenmenschliche Tiefe erst erschaffen werden muss, um ergründet zu werden. Dass zwischenmenschliche Hilfe erst dann angeboten wird, wenn man sie braucht, sich Mitgefühl nur durch Wunden in unser Innerstes bahnt. We are all broken. That’s how the light comes in. Also lasse ich in Gedanken alle Scherben in mir sein. Es knistert leise.

 

Eine monatliche Liebeskolumne.


Beitragsbild: Mity Ku via unsplash unter CC2.0

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