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From Business To Being: Interview mit Filmemacher Julian Wildgruber

Jan Krattiger

Jan Krattiger

ist neu hier in München (ich sag grillieren statt grillen) und jetzt schon verliebt. Ansonsten: grundsätzlich gerne in diesem süßen, kleinen Internet unterwegs.
Jan Krattiger

Die Münchner Filmemacher Julian Wildgruber und Hanna Henigin widmen sich in „From Business To Being“ dem Thema Achtsamkeit und Wirtschaft, ganz grob gesagt. Konkreter geht es im Film um drei Führungskräfte, die sich auf die Suche nach Wegen aus dem „Hamsterrad des Getriebenseins“ gemacht haben: Ein ehemaliger Investmentbanker bei Lehman Brothers, ein Großprojektmanager der Automobilindustrie und ein Gebietsverantwortlicher der „dm“ Drogeriemarktkette. Ihre Motivation: der Wunsch nach mehr Begeisterung, Sinnhaftigkeit und Authentizität bei ihrer Arbeit.

Wir haben Julian Wildgruber zum Interview im Mucbook-Keller getroffen:

Filmemacher Julian Wildgruber und Hanna Henegin

Die Filmemacher Julian Wildgruber und Hanna Henegin

Was war die Idee, die zu dem Film führte, was war der Ursprung?

Ich beschäftige mich seit bestimmt 15 Jahren ziemlich intensiv mit Systemfragen und sozialen Fragen, mit der Globalisierung, dem Finanzsystem und so weiter. Dadurch bin ich persönlich immer wieder an Grenzen gestoßen die mir gezeigt haben, für was es eigentlich Sinn macht überhaupt anzutreten in meinem Leben, auch beruflich. Was will ich wirklich erreichen? Und was ist auch eine Motivation für junge Menschen in diesem System, das sich erstmal so ausbeuterisch und problematisch auswirkt auf viele. Das ist das eine.

Das andere ist: Ich arbeite seit fast sieben Jahren mit dem Unternehmensberater Rudi Ballreich zusammen, er ist auch Co-Produzent des Films. Und ich habe viel für diese Unternehmensberatung (Trigon) und den Concadora Verlag gemacht, der sich eben spezialisiert hat auf Führungsthemen, Konfliktthemen und Organisationsentwicklungsthemen. In der Zusammenarbeit kamen irgendwann Prof. Friedrich Glasl und Rudi Ballreich auf mich zu und haben gesagt, sie haben Prof. Arthur Zajonc vom Mind and Life Institute aus den USA eingeladen, mit dem sie seit ein paar Jahren zusammenarbeiten und sie wollen einen Prototypen machen für Achtsamkeitsmeditation und Führung in der Wirtschaft. Also das, was man heute „Mindful Leadership“ nennt.Sie wollten daraus ursprünglich einen Seminarfilm machen. Und dann hab ich gesagt „Also wenn man das Thema anfasst, dann lasst uns gleich einen richtigen Dokumentarfilm machen“. Als ich plötzlich diese beiden Themen, auf er einen Seite meine persönlichen Fragen rund um die Wirtschaft und auf der anderen Seite das Thema Bewusstsein und Wirtschaft, Achtsamkeit und Wirtschaft übereinander gelegt hab, da hat es bei mir intuitiv geklingelt. Das ist mein Thema, so kann ich vielleicht etwas verändern.

Das ist dein erster Dokumentarfilm?

Ja, genau. Mein erster langer, abendfüllender Film. Ich hab vorher eigentlich eher Werbung und Kommunikationssachen gemacht. Wollte aber immer einen Dokumentarfilm machen und mich auch in diese Richtung entwickeln, weil ich finde, dass es das beste Genre ist im Filmbereich. Alles andere ist Entertainment, überspitzt gesagt. Und deswegen habe ich da intuitiv die Gelegenheit beim Schopf gepackt und bin einfach in die Richtung losgelaufen. Das war im Winter 2011.

Im Frühjahr 2015 war der Film dann fertig. Es dauert also ganz schön lang, so einen Film zu machen.

Ja, genau. Da hatte er Premiere auf dem Dokfest in München. Und das war ganz interessant, weil wir überhaupt keine Erwartungen hatten. Er war fertig, wir haben ihn eingereicht und er wurde prompt ins Programm genommen. Da lief er zuerst in einem ganz kleinen Kino, aber um der größeren Nachfrage gerecht zu werden, lief er dann in immer größeren Sälen, wir haben sogar noch Sondervorstellungen gekriegt. Schlussendlich wurde er zu einem der Publikumslieblinge des Festivals. Das hat uns natürlich auch beflügelt, denn das kam sehr unerwartet. Es war schon ungewöhnlich, dass es dann einfach so losgerollt ist.

Dann habe ich versucht, einen Verleih zu finden für unseren Film. Den hatten wir nicht, weil wir den Film komplett „independent“ produziert haben – der Film ist ja aus Verzicht auf die eigenen Gagen und über Crowdfunding finanziert.

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Würdest du nach der Erfahrung mit diesem Film so etwas wieder machen?

Auf jeden Fall. Für mich ist Dokumentarfilm echt ein wichtiges Medium. Das interessante dabei ist, dass man mit so einem Werk in Zeitphänomene eintaucht. Wir haben hier das Zeitphänomen Stress, Burnout, Druck auf Menschen, der sie krank macht und auch die Fragen aufgegriffen „Welches Bewusstsein braucht es für die kommende Zeit?“ und „In welcher Form wollen wir eigentlich miteinander arbeiten und leben in Zukunft?“. Und die Gesellschaft verändert sich durch die Digitalisierung und andere Themen. Diese Themen sichtbar zu machen und auch zu versuchen, Antworten zu geben. Das ist es, was mich wirklich interessiert.

Das Thema des nächsten Films ist eigentlich auch schon klar, das ist Digitalisierung und der Mensch. Und zwar weiterführend aus dem Blick: Welches Bewusstsein und welche mentalen Fähigkeiten brauchen wir, um diesem Medien- und Digitalisierungs-Overkill etwas entgegenzustellen? Also auch: wie bilden wir unsere Kinder aus, dass sie das Leben nicht nur noch virtuell verstehen? In diese Richtung soll der Film gehen für Lehrer, Eltern, Schüler, Studenten. Dass die vorbereitet werden auf das, was da kommt. Und dass man auch die wirklich wesentlichen Fragen stellt und einen Weg zeigt, wie man da rauskommen kann.

Was willst du mit deinem Film  bewegen?

Die soziale Frage vor der wir stehen, wird aus meiner Sicht im Moment in der Wirtschaft geklärt. Die ganzen Verwerfungen, die wir sehen, jetzt auch aktuell in Amerika oder Europa oder auch in Asien, die zeigen letztendlich dass durch eine neoliberale, entfesselte Weltwirtschaft unglaublich schmerzvolle Dinge passieren, bis dahin dass der Planet durch den hemmungslosen Abbau von den Ressourcen und die Umweltverschmutzung so runtergewirtschaftet wird, dass er quasi vor die Hunde geht. Die Herausforderung ist ja, dass die Wirtschaft sich verändern muss, und zwar da, wo sie geführt und gestaltet wird und da wo Entscheidungen getroffen werden. Die Menschen, die das machen und in der Verantwortung sind, die müssen verstehen, dass sie aus ihrem Ego-Denken rauskommen und in ökologisches Denken reinfinden können. In ein Bewusstsein, dass bei jeder Entscheidung alle Folgen, beziehungsweise das Ganze mit einbezogen wird und dadurch eben sinnvollere und nachhaltigere Entscheidungen ermöglicht. Und natürlich die ganze Frage: Wo ist das Gefühl, das Herz? Wie kommen wir da hin, dass wir ein sozialeres und besseres Miteinander im Arbeitsleben haben?

Achtsamkeitsmeditation ist ja mitunter das zentrale Thema dabei, weil man dadurch seine mentalen Fähigkeiten entwickeln kann. Sie befähigt den Menschen, Abstand zu gewinnen zu dem, was er täglich tut. Also sozusagen eine innere Instanz zu bilden, die fortwährend auf das eigene Bewusstsein draufschaut. „Warum handle ich wie?“, „Warum treffe ich Entscheidungen?“, „Was sind meine Denk- und Handlungsmuster?“. Es geht darum, sich dieser Dinge und Muster bewusst zu werden und sich bewusst selbst zu steuern, um überlegter zu handeln. Es geht auch darum, sein Umfeld wahrnehmen zu lernen, sich besser fokussieren zu können und trotzdem offen zu sein für Neues. Wie können alte Muster und Strutkuren erfrischt werden, dadurch dass wir uns eben öffnen und unsere Denk- und Verhaltensweisen hinterfragen. Und schauen, wie wir Probleme anders lösen können.

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Wie geht der Film mit dem Thema um?

Der Film ist ein sehr philosophischer Film auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ein Film, der nicht so klassisch investigativ, journalistisch gemacht ist im Sinne von „wir bohren im Dreck und zerren das Böse und Schlechte an die Oberfläche“. Sondern es ist ein Film, der an die Ursache geht. An die Quelle. Und das ist das Bewusstsein von Menschen. Der Film will auch einen Weg da raus zeigen und gibt den Menschen etwas an die Hand, sich zu verändern. Und wenn der Mensch sich verändert und mehr zu sich selbst findet, hat er auch eine deutlich bessere Resonanz in seinem Umfeld und kann sein Umfeld gestalten. Und zwar da, wo er wirklich einen Hebel hat. Dann beginnt es auch, dass man sich nicht mehr so ohnmächtig fühlt den großen Systemfragen gegenüber.

Ein Zitat von Otto Scharmer ist mir im Trailer besonders aufgefallen: „Jeder fühlt sich ohnmächtig“. Erzähl doch noch ein bisschen mehr über die Protagonisten des Films.

Bild11_webOtto Scharmer arbeitet an der Sloan Management School am MIT (Massachussetts Institute of Technology) und entwickelt dort soziale Technologien für Veränderungsprozesse. Der ist mittlerweile einer der gefragtesten Management-Berater oder Veränderungs-Coaches in Amerika und auch weltweit. Er hat zum Beispiel das Buch „Leading from the Emerging Future: From Ego-System to Eco-System Economies“ geschrieben und berät unter anderem das globale Management von Mercedes Benz oder die UNO, also richtige große Organisationen.

Was das Achtsamkeits-Thema anbelangt, haben wir den weltweit renommierten Jon Kabat-Zinn gewinnen können. Er ist Wissenschaftler, Autor und der Begründer der MBSR-Methode also Mindfulness Based Stress Reduction (dt. achtsamkeitsbasierte Stressreduktion). Da geht es sehr vereinfacht gesagt darum, wie man mit krank machendem Stress besser umgehen kann.

Das sind aber nur zwei Beispiele von vielen. Insgesamt ist es so, dass der Film wirklich versucht, ein komplexes und vielschichtiges Thema anzugehen. Das wird mir jetzt rückwirkend immer bewusster. Wenn man den Film anschaut, passiert ganz viel bei einem selbst. Weil man sich ständig selbst abklopft und prüft, wie man den Themen der Protagonisten gegenüber steht. Das ist wirklich sehr spannend zu beobachten, auch bei den Gesprächen mit dem Publikum nach den Vorführungen.

War es denn stressig, den Film zu machen?

Ja, schon. Es war schon stressig, alldieweil ich ja am Anfang erst ein paar Freunde gefragt habe, ob sie mit mir den Film machen wollen. Und dadurch, dass wir kein Budget hatten und ich keinen Sender hatte, haben die sich bereit erklärt, den Film auf Rückstellung zu machen. Das heisst, sie haben auf ihre Gagen erstmal verzichtet genauso wie ich selber auch. Und ich habe nebenher normal gearbeitet, das heisst der ganze Film ist nebenher in der Freizeit oder im Urlaub produziert worden.

Interessanterweise ist aber kein ungesunder Stress entstanden, sondern es war fortwährend das, was man Eustress nennt, also der begeisternde Stress der einen beflügelt und zu aussergewöhnlichen Momenten und auch zum Flow führt. Von den Momenten gab es schon sehr viele. Ich glaube, das entscheidende bei dem Film war, dadurch dass es um das Thema „Bewusstsein“ ging, mussten wir Filmemacher selber durch diese Bewusstseinsfragen in ihrer ganzen Tiefe durch. Deswegen sage ich auch immer, Hanna und ich, wir haben uns mehr verändert als unsere Protagonisten, im Nachhinein betrachtet. Wir haben wirklich einen tiefgründigen Wandlungsprozess durchgemacht, der uns beide nachhaltig und tiefgründig verändert hat. Weil wir uns mit Fragen konfrontiert sahen und mit Menschen, die zur globalen intellektuellen Elite gehören und wo man wirklich gefordert wird in den Gesprächen und beim Denken und Hineinspüren um die Situationen und Themen zu verstehen.

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Ich freue mich jetzt sehr darauf, dass der Film an die Öffentlichkeit kommt, und wir hoffen, dass er die Menschen wirklich zum Denken anregt und neue Perspektiven aufmacht. Ohne zu sagen „das ist jetzt der Master-Weg“ für jeden Menschen, denn am Ende geht es um die Freiheit.


In aller Kürze:

Was? Dokumentarfilm From Business To Being

Wann? ab 2. Februar 2017

Wo? Monopol Kino, Schleißheimer Str. 127, 80797 München

Mehr: http://business2being.com/de/


Fotos/Stills: zVg

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