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Aktuell, Kultur, Nach(t)kritik

“Hamlet”: Blutbad in den Kammerspielen

Caroline Giles

Caroline Giles

"Likes: Katzenbabies, Leopardenprint und Augustiner.
Dislikes: Spinnen, High Heels und Königsberger Klopse."
Caroline Giles

Die aktuelle Produktion von “Hamlet” in den Kammerspielen beginnt wie sie endet: mit Blutvergießen – wortwörtlich. Kaum hat das Publikum Platz genommen, geht ein Raunen durch den Saal. “Das Stück soll ja ziemlich blutig sein – hoffentlich bekommen wir nicht zu viel davon ab!” lässt mich die Dame neben mir zwinkernd wissen.

“Ach schau mal, in den drei großen Kanistern dahinten haben sie bestimmt das Kunstblut gelagert!” fügt meine Theaterbegleitung daraufhin hinzu, scherzend, ohne zu wissen, dass sie damit vollkommen recht hat. Für einen kurzen Moment bereue ich meinen Sitzplatz in der ersten Reihe. Die Reue ist jedoch schnell verflogen, als Katja Bürkle, Walter Hess und Nils Kahnwald, musikalisch begleitet von Christoph Hart, die Bühne betreten.

Das Blutbad kann beginnen. Literweise wird das Kunstblut in Eimer abgefüllt und von den drei Schauspielern schwungvoll auf der Bühne verteilt. Auf dem Boden, auf den Stühlen, auf dem Tisch, auf sich selbst. Mit jedem Blutvergießen wird ein altbekannter Namen auf der großen LED-Anzeige von der Liste gestrichen, die gut sichtbar mitten auf der Bühne angebracht ist: Ophelia – Polonius – Gertrude – Claudius – Laertes – Hamlet.

Alles was letztendlich bleibt ist Horatio – und eine Geschichte.

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Horatio Hoch Drei

Christopher Rüpings Inszenierung, die das weltbekannte Stück – nach der Bibel angeblich der meist kommentierte Text der westlichen Welt – von hinten aufrollt ist ein Geniestreich. Schließlich sind Hamlets letzte Worte, sein letzter Auftrag an seinen treuen Diener Horatio eindeutig. Horatio muss weiterleben um seine Geschichte, die Geschichte von Hamlet, zu erzählen.

Ein zweiter Geniestreich folgt gleich auf den ersten: Hamlets Geschichte wird nicht nur aus einer Perspektive, sondern aus drei verschiedenen Sichtweisen, von drei verschiedenen Horiatios (Bürkle, Hess und Kahnwald) erzählt. Dabei schlüpfen diese abwechselnd in die übrigen Rollen des Stückes und erzählen so nach, wie es zu dem unvermeidlichen Massaker kommen konnten.

Dabei treten sie zwischendurch auch immer wieder aus der Erzählung heraus, reflektieren und kommentieren das Geschehene. So entsteht eine komplexe, originelle Analyse einer Geschichte, die den meisten wohl bekannt sein wird. Es entstehen neue Zusammenhänge, neue Erkenntisse, neue Eindrücke.

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Sein Oder Nicht Sein – Remixed

Eindrücklich ist auch die Charakterisierung des jungen Kronprinzen als radikaler Fanatiker. Hamlet gibt den Irren, um seine wahren Pläne, seine Rache, vor dem mörderischen Onkel zu verschleiern. So weit, so gut. Rüpings Hamlet tut jedoch nicht nur so als ob, er ist einer – ein Wahnsinniger, ein Fanatiker, ein Radikaler. Für traditionelle Anglisten – wie mich – wird dieser fanatistische Fokus auf den ertsen Blick wohl etwas gewöhnungsbedürfig sein, gilt Hamlet doch als der Zweifler, der Zögerer schlechthin, der “patron saint” aller Prokrastinatoren, welcher alles unternimmt, um die blutige Rache, den Mord an seinem Onkel, nicht durchführen zu müssen.

Dieser Hamlet (oder besser gesagt, “diese Hamlets”, denn auch die Titelfigur selbst wird abwechselnd von den drei Schauspielern verkörpert) ist anders: bestimmt, selbstsicher, dynamisch. Sein Auftrag ist eine höhere Bestimmung, seine Monologe bestehen aus Parolen, sein Handeln ist kompromisslos. Besonders deutlich wird dies im atemberaubenden Klimax des Stückes, der Frage nach dem Sein oder nicht Sein, die, begleitet von Rauchschwaden, literweise Kunstblut und treibender elektronischer Musik, das Publikum sprachlos zurück lässt.

Alles andere als sprachlos ist dagegen Hamlet, denn die alles umfassende Frage nach Leben oder Tod wird von ihm ganz eindeutig beantwortet: einzig alleine die Angst hält uns vom heilsamen Tode – und der Erfüllung des Auftrags – ab. Die Anklänge “Hamlets” an die aktuelle Problematik der Radikalisierung junger Menschen – sei es aus religiösen oder politischen Gründen – scheinen eindeutig, und genau darin liegt der Reiz der Produktion: ihrer Originalität.

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“Hamlet” ist ein Triumph, gleichermaßen eindrücklich und unterhaltsam für gelegentliche Theater-Gänger sowie eingefleischte Shakespeare-Fans. Bürkle, Hess und Kahnwald brillieren in ihren multiplen Rollen, Harts musikalische
Begleitung ergänzt die Atmosphäre perfekt, das Blut fließt in Strömen, während des Stück selbst immer mehr und mehr (“weiter, weiter!” blinkt es von der LED-Anzeige) Hamlets Wahn verfällt.

Denn letztendlich ist eines unvermeidlich: das Blutbad.


Beitragsbild/Fotos: (c) Thomas Aurin

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