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Aktuell, München ist ..., Stadt

Ich will nicht nach Berlin! – oder zwei riesige Elefanten im Bahnwärter Thiel

Erstmal vorweg: Die Diskussionsrunde gestern Abend im Bahnwärter Thiel war so notwendig wie spannend. Initiiert von Puls und der Süddeutschen Zeitung, zur Fragestellung „Ich will nicht nach Berlin! Wie wird München zur nächsten Pop-City?“, diskutierten Josef Schmid (2. Bürgermeister von München, CSU), Julia Viechtl (Fachstelle Pop), Daniel Hahn (Bahnwärter Thiel), Fatoni (Münchner Rapper, lebt in Berlin), Josie (Sängerin der Band Claire) und Magnus Textor (Junior A&R Sony Music, auch bald in Berlin).

Obwohl sich Josef Schmid viel (berechtigte und unberechtigte) Kritik anhören musste, war dennoch zu spüren, dass er es Ernst meint mit dem Thema und dass er die hiesige Musikszene unterstützen möchte. Das ging sogar so weit, dass er ankündigte, das Erarbeiten einer Popkultur-Strategie im Stadtrat anzustoßen. Eine klare Ansage, wie man sie selten genug hört von Politikern, die sich nur allzu gerne hinter Floskelwolken verstecken.

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Zwei riesige Elefanten im Bahnwärter Thiel

So weit, so gut. Dennoch stapften bei der einstündigen Diskussion gestern Abend zwei riesige Elefanten im Bahnwärter Thiel herum, die sehr schön illustrieren, wo vielleicht die wirklichen Probleme liegen in der Musikstadt München:

Elefant Nr. 1: Berlin (der altbekannte)

Nur schon der Titel der Veranstaltung „Ich will nicht nach Berlin!“ zeigt, wie im Allgemeinen die Wahrnehmung und das Selbstverständnis der Münchner Musikszene ist: Von einem ausgewachsenen Minderwertigkeitskomplex zu sprechen, wäre zwar zu viel des Guten. Dennoch ist dieser ewige Vergleich mit der Arm-aber-Sexy-Kulturstadt Berlin und die Angst, dass schon bald der nächste Musiker dorthin ziehen und München verlassen wird, ein derart zentrales Element des Münchner Diskurses, dass er den Blick auf die hier vorherrschenden Verhältnisse verstellt und vielleicht auch das kreative Finden von Lösungen verhindert. Es ist halt einfach zu sagen „Aber die in Berlin!“. Viel schwieriger ist es, sich Gedanken zu machen um passende Lösungen für die Münchner Probleme.

Was mich zu einem der größten Münchner Probleme bringt, dem Elefanten Nr. 2:

Elefant Nr.2: Freiraum

Es gibt keine bezahlbaren Proberäume, es gibt nicht genug Proberäume, es gibt keine Freiräume für Künstler in der Stadt. Alles zu dicht, zu bebaut, zu teuer, in privater Hand und die will nichts hergeben. Stimmt alles. Sind alles Probleme, die man angehen muss und die in anderen Städten anders sind (Hallo Berliner Elefant!).

Die Diskussion gestern Abend fand aber im Bahnwärter Thiel statt, also einem riesigen Containerhaus auf einer Brachfläche mitten in der Stadt.

Da sitzt der Mittzwanziger Daniel Hahn mitten in der Diskussionsrunde, der nach seinem Zirkus, dem Schienenbus, der riesigen Containeranlage als nächstes ein Schiff (!) auf einer unbenutzten Eisenbahnbrücke in der Stadt aufstellt, um dort Veranstaltungen zu organisieren. Mal für Mal überrascht er die ganze Stadt mit seinen verrückten Ideen, die er aber auch umsetzt und das noch dazu sehr erfolgreich.

Gleich neben ihm sitzt Josef Schmid, der auf die Frage nach mehr Proberäumen davon erzählt, wie er sich darum kümmern wollte, diese zum Beispiel unter der Donnersberger Brücke aufzustellen. Das aber schlussendlich scheiterte, weil verschiedene Stellen in der eigenen Verwaltung den Bau verunmöglichten.

Vielleicht sollte also die Stadt einfach Daniel Hahn einen Posten als neuen Proberaumbeauftragten geben?

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tl;dr: Alle beklagen sich, dass es in München zu wenig Freiräume gibt, um sich künstlerisch betätigen zu können – und sitzen dabei im besten Beispiel dafür, dass es durchaus möglich ist.


Bilder: (c) Puls / Hans Martin Kudlinski

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