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Frei & Liebe (9): Der Kuss, unerwartet

Sharon Brehm

Sharon Brehm

Freigeist, Frohnatur und Foodfetischistin // liebt den Alltag und ist auch sonst eher ein Glückskind // steht total darauf, Dinge zu zerdenken, wenn es sie nicht gerade wahnsinnig macht //
Sharon Brehm

Es ist seltsam, denn trotz aller Freimütigkeit habe ich noch keinen Mann gefunden, der so weich küsst wie manche Frauen. Vielleicht liegt das an meinem Faible für Bart, der egal wie gepflegt, immer seine raue Textur behält, wilde Schraffuren in Gesichtern hinterlässt. Weich. Das Wort, das durch meinen Kopf rast, während sie mich in den Hals beißt. Genauso weiche Gänsehaut.

 

Zucker und Prosecco.

Als Frau eine andere Frau küssen zu dürfen, war lange Zeit ein Privileg. Und vielleicht ist es das auch noch. Nicht nur, weil jeder Kuss ein Geschenk ist, der erlaubte Zugang zu einem Körper, eine Einladung, eine Ode an den Moment. Sondern auch, weil ich dafür noch nie verurteilt wurde. Vielleicht weil sie auch nicht ernst genommen wurden, diese weichen Küsse – aber eigentlich ist mir das egal, und Anziehung entsteht nicht wegen dem Gedanken, dass da ein Penis auf mich wartet. Wenn die Welt auch sonst in Gegenteilen denkt – schön und hässlich, männlich und weiblich, Ost und West – so spielt das für Attraktivität meiner Meinung nach keine Rolle mehr. Erotik ist für mich mehr Wildgarten als gentrifizierter Einheitsklotz.

Ihre Lippen schmecken nach Zucker und Prosecco und ihre Hände, kaum größer als meine, krallen sich um meine Hüfte.  Es gibt Frauen, die es nicht mögen eine Frau zu küssen, genau aus den Gründen, warum ich es schön finde: jede Form von Dominanz wird zum Spiel und sonst so stilisierte Weiblichkeit ist mehr Accessoire als Rollenvorgabe. Ungewohnt und anders als das übliche Datingscript. Und gerade deswegen so spannend, kann man doch neue Facetten seiner eigenen Lust entdecken.

 

Unerwartet erwartet.

So ganz kann ich nicht mehr nachvollziehen, wie aus pochendem Synthiesound und Stroboskop diese Küsse werden konnten. Kein Small Talk, kein oberflächliches Geplänkel, keine Namen – nur ihre Katzenaugen, ihre enge Jeans, ihre kurzen Haare, eine wunderschöne Frau. Ich war sofort verzaubert. Unerwartet und doch so nachvollziehbar von ihr angezogen. Vielleicht liegt das daran, dass die Anziehung zwischen Geschlechtern weniger einem Schlachtfeld  gleicht. Emotionale Waffen, wie jemanden hinzuhalten oder künstliche Distanz braucht es nicht, weil beide wissen, was sie wollen. Und weil sie wissen, dass die andere das auch weiß. Es ist unerwartet erwartet. Sie beißt mir in die Lippe.

Und während wir unseren ganz eigenen Rhythmus finden, wird die ganze Welt ganz weich. Wir verschwimmen in der Musik und eigentlich ist es ganz egal, dass wir mitten in München sind, mitten auf der Tanzfläche. Es sind Küsse, die uns die Welt vergessen lassen. Küsse, die uns einen Blick ins Herz eröffnen. Küsse, die alles und nichts bedeuten können – kaum eine Geste kann so mannigfaltig interpretiert werden wie die Berührung von Lippen. Ihre sind weich, und doch liegt Begehren, die Suche nach Liebe, in ihrem Geschmack. Und Schwermut. Diese Nuance, als würdest du an der Klippe stehen, dem wilden Ozean zuhören, kann ich nicht ganz beurteilen.

 

Sie lächelt kurz, nimmt meinen Kopf in ihre kleinen Hände.

Es ist die unerwartete Gleichzeitigkeit: So verbindlich all die Berührungen sich anfühlen – sie sind für den Moment, für das Präsens – so sind sie es auch nicht. Als würden Küsse ein Paralleluniversum öffnen, in dem man sich seit der Kindheit kennt, doch danach fällt man aus diesem Wurmloch in die Realität. Ich brauche frische Luft und sehe sie kurz später nach oben kommen, in einen dicken Wollmantel gehüllt. Sie geht jetzt, ihre Kinder warten, ihr Mann wird sicherlich wütend sein, weil es schon hell ist. Sie lächelt kurz, nimmt meinen Kopf in ihre kleinen Hände. Ein letzter Kuss. Unerwartet und weich.

 

Eine monatliche Liebeskolumne.


Beitragsbild: Snowpony via unsplash unter CC2.0

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