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Das ist Kunst und das kann weg (6): Theaterbesucher, benehmt euch!

Juliane Becker

Juliane Becker

Theaterwissenschaftlerin, Katzenfreundin und Journalistin. Schreibt bei mucbook über Theater, Konzerte und eigentlich alles, was irgendwie mit Kultur zu tun hat.
Juliane Becker

Das Theater ist ein einzigartiger Ort. Es versammelt Menschen unterschiedlichster Altersklassen, Bildungsstände und Hygienevorstellungen. Es regt das Denken an, trägt zum Austausch und zum gemeinsamen Diskurs bei. Es stellt Fragen und gibt Antworten zu allen nur erdenklichen Situationen der menschlichen Existenz, es schenkt sowohl Lach-, als auch Weinkrämpfe, Gefühle des puren Glücks und des tiefsten Leids. Es bereichert mein Leben wie kaum ein anderes Medium. Es hinterlässt aber auch oft in mir den Wunsch, meine Mitzuschauer mit der nächstbesten Bühnenrequisite zu verprügeln.

Schmatzlaute und Lutschbonbonzufuhr

Das mag einerseits daran liegen, dass mich Körpergeräusche im Allgemeinen und Schmatzlaute im Besonderen schlichtweg wahnsinnig machen und auf dem Platz neben mir grundsätzlich eine Person sitzt, die ohne stetige Lutschbonbonzufuhr wohl einen speichelarmen Tod erleiden wird; andererseits haben die rund 300 Theaterbesuche der letzten drei Jahre ein einheitliches Resümee ergeben: Theater wäre ohne Publikum so viel schöner.

Der rotierende Bertolt

Das klingt jetzt sehr misanthrop und vielleicht rotiert der gute Bertolt gerade vor Zorn in seinem Grab umher, aber wer schon mal länger als zwei Stunden mit 700 anderen Menschen in einem Theatersaal saß, weiß, dass es verdammt wichtig ist, wer da neben einem sitzt. „Das Stück war ein großer Erfolg. Nur das Publikum ist durchgefallen“, pflegte Oscar Wilde zu sagen, und vermutlich musste auch er schon einmal erfahren, wie es sich anfühlt, zwischen einer Dame mit der Leibesfülle von Sigmar Gabriel und einem von oben bis unten mit Old Spice vollgekleckerten Opa zu sitzen, stets darauf bedacht, nur durch den Mund zu atmen und keine Bewegung zu viel zu machen, weil sonst das vierfache Doppelkinn der Nachbarin aufgeregt zu schwabbeln beginnt.

Es gibt gewisse Regeln, die man bei Zusammenkünften auf engem Raum einhalten sollte. Vorher duschen, nicht zu viel Parfum oder Aftershave auflegen, nicht laut schmatzend Kaugummi kauen, nur in den Pausen und nicht während der Vorstellung reden. Ist das zu viel verlangt? Stelle ich Anforderungen, die ein Homo sapiens des Jahres 2017 nicht erfüllen kann?

Der alte Mann neben mir nickt unablässig vor sich hin, ein greises, tattriges Kopfnicken. Er merkt es gar nicht, dass er damit meinen Gedankengängen rechtgibt. „Reich mir doch mal ein Taschentuch, Erna“, sagt er laut. Seine Frau kramt in ihrer kutschengroßen Krokohandtasche. Dann schnäuzt er sich, was klingt wie der Todesschrei eines sterbenden Elefanten, hustet kurz ein wenig Schleim aus der Lunge hoch und rotzt ihn in das zerknüllte Tempo, das er in seine Hosentasche steckt. Dabei schlägt er mir mit seinem angewinkelten Ellbogen hart gegen den Oberarm. Ich koche.

Hinter mir giggelt eine Reihe Halbwüchsiger, weil die zwei Schauspieler auf der Bühne sich gerade küssen. „Gayyyy“, zischt einer. Die Lehrerin ermahnt ihn erbost flüsternd. „Ruhig jetzt!“ Ein weiterer pickeliger Jüngling in einem billigen Jackett piekst seine Sitznachbarin in die Seite. Sie kreischt auf und schlägt sich sofort die Hand vor den Mund, prustet aber trotzdem los vor Lachen. Ein paar Meter unter uns ertönt leise, aber beständig der Klingelton eines Nokia-Handys.

Ich hasse Theater.

Falsch, ich hasse die Menschen im Theater. Und in diesem Moment hasse ich auch mich, weil ich die Dummheit begangen habe, Karten im Balkon zu kaufen – denn dort sitzen traditionell die Schulklassen, die von ihrer kulturbewussten Deutschlehrerin ins Theater geschleppt wurden. Wobei ich es anzweifle, dass jemals ein derartiger Ausflug stattgefunden hat, bei dem die Lehrkraft später nicht mit zerrauftem Haar und wirren Augen am Küchentisch ihres Lebensabschnittspartners saß, ein randvoll eingeschenktes Glas Rotwein in der Hand und verzweifelt „Nie wieder“ brabbelnd.

Anderen Besuchergruppen kann man leider nicht so einfach aus dem Weg gehen wie den Schulklassen. Nehmen wir die Spezies, die ich an dieser Stelle „Hermann und Hannelore“ nennen möchte. Sie machen den Großteil der Theaterbesucher aus. Weißhaarige Rentnerehepaare in teuren Mänteln und schwarzen Gesundheitsschuhen, längst im Ruhestand, ein beträchtliches Vermögen im Rücken, das Hermann in seiner Zeit als Beamter angespart hat.

Hannelore hat fünfundzwanzig Jahre lang nur für die Kinder gelebt und freut sich deshalb umso mehr, dass sie jetzt endlich die Gelegenheit bekommt, regelmäßig das Theater zu besuchen – aber oh Gott, wie hat sich das verändert! Was ist nur aus dem alterwürdigen [hier den Namen einer beliebigen Spielstätte einsetzen] geworden?

Schon beim Betreten des Hauses hatte sie ein ungutes Gefühl gehabt.

Überall verlotterte junge Leute, sogar die Angestellten trugen nur Jeans und Turnschuhe. Das wollte so gar nicht zu den altertümlichen Säulen und den hohen Stuckdecken im Foyer passen. Ein Mittvierziger in einem hässlichen senfgelben T-Shirt und zu kurzen Hosen war am Eingang zum Theatersaal an ihr vorbeigeschlurft. „Das ist der neue Intendant“, hatte Hermann etwas verstimmt gesagt. Ihre Laune war dadurch nicht besser geworden. Der endgültige Tiefpunkt ist erreicht, als die Vorstellung beginnt. Shakespeare. Hermann hat sein Reclam-Heftchen zum Mitlesen eingepackt und klappt es nach wenigen Minuten zornig wieder zu.

Noch während sich die ersten Handlungsstränge des Stücks herauskristallisieren, wird Hermann klar, dass er die Abendstunden lieber mit einem guten Buch – vorzugsweise Darm mit Charme von Guilia Enders – auf dem Sofa verbracht hätte. Stattdessen sitzt er hier fest. Zwei Stunden und fünfzehn Minuten ohne Pause. Was auf der Bühne passiert, versteht er nicht wirklich, es sind viele Nackte und auch einige Tiere, wenn er das richtig sieht, außerdem fließt eine Menge Kunstblut.

Hermann ist wutentbrannt.

Fünfundvierzig Euro die Karte, für so einen Schund! „Das hätte es unter dem Meisel nicht gegeben!“, sagt Hermann. Sein Gesicht wird puterrot und bekommt hektische Flecken. Er macht sich gar nicht die Mühe, seinen Zorn zu zügeln, sondern wird noch lauter. Die Menschen um sie herum beginnen, sich vorwurfsvoll umzublicken. „Hermann!“, zischt Hannelore und verpasst ihm einen kurzen Hieb in die Seite. „Hermann, lass uns endlich gehen!“ Hermann will nicht gehen. Er will sich aufregen. Er fühlt sich im Recht. Immerhin hat er eine beträchtliche Summe Geld an der Theaterkasse gelassen. Dafür steht es ihm jetzt auch zu, in voller Lautstärke über die Inszenierung zu schimpfen.

Mir wäre es am liebsten, wäre diese Geschichte frei erfunden. Das ist sie aber nicht. Das alles passierte etwa einen halben Meter vor mir, während sich auf der Bühne Lady Macbeth das Blut von ihren Händen wusch. Viel mitbekommen habe ich von dieser Inszenierung nicht. Hermann und Hannelore gingen erst nach Macbeths Krönung. Danach war ich mir aber sicher, dass auch die Schauspieler am liebsten zum Requisitendolch gegriffen hätten. Hermann fühlte sich immer noch im Recht. Noch während die Saaltüren hinter ihm zuschlugen, brach er in finales Wutgeschrei aus, was wohl die arme Garderobiere abbekam.

Liebe Theatergänger!

Was mich endlich zum simplen Sujet dieses Textes bringt: liebe Theatergänger, ob jung, ob alt: benehmt euch. Es ist nicht schwer. Wenn euch die Inszenierung nicht gefällt – geht einfach. Wenn das nicht zur Debatte steht, weil die Klassenlehrerin auch dabei ist – seid trotzdem ruhig. Lasst mich und die 698 anderen Besucher einen guten Abend haben.

Und wenn ihr mit Regietheater grundsätzlich nicht zurecht kommt und denkt, dass früher sowieso alles besser war – bleibt lieber zuhause und guckt das Traumschiff. Da ist die Welt noch in Ordnung. Ruhig und vorhersehbar und richtig schön langweilig. So mögt ihr das doch.


Beitragsbild: Residenztheater via Facebook

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