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Aktuell, Kultur, Nach(t)kritik

Wine o’clock im Zenith

Sharon Brehm

Sharon Brehm

Freigeist, Frohnatur und Foodfetischistin // liebt den Alltag und ist auch sonst eher ein Glückskind // steht total darauf, Dinge zu zerdenken, wenn es sie nicht gerade wahnsinnig macht //
Sharon Brehm

Der Plan war einfach. Einmal auf eine Weinmesse gehen und mal so frech sein, wie so ein Münchner Madl eben sein kann. Ganz nach dem Motto: „Sei Pippi und nicht Annika.“ Ich hatte einen ausgeklügelten Plan, aber ich wusste nicht, dass man es mir so schwer machen würde.

 

  1. Alles eine Frage von Zeit und Ort

Am Wochenende vom 10.-11.3 fand die Vinessio im Zenith statt. Die Vinessio ist eine Vino- und Delikatessenmesse. Schon 10 mal zuvor flossen spritzige Seccos, klare Schnäpse, Hochdestilliertes und natürlich Wein wie im Schlaraffenland – und beim elften Mal würde ich dabei sein. Gewappnet mit Fachjargon und einer bezaubernden Freundin, würde ich versuchen die Grenzen der HändlerInnen der etablierten Weinmesse auszuloten.

 

  1. Passe dich der Masse an

Am Eingang der Messe wurde uns ein dunkelroter Brustbeutel in die Hand gedrückt. Wir begutachteten das Ding argwöhnisch. Im Laufe des Abends allerdings erwies sich das Gift-Away als praktischer und treuer Begleiter. Die Funktion dieser Tasche war es schlichtweg, die Alkoholika direkt vor dem Bauch herzutragen um alle Hände zum Abgreifen weiterer Samples zu ermöglichen. Inzwischen empfehle ich diese ausgeklügelte Wein-Halterung auch für die nächste WG-Party. Mit Edding beschriftete Plastikbecher sind einfach kein Modeaccessoire und irgendwie verschwindet der frisch gemixte Gin Tonic andauernd.

Doch neben den Brustbeuteln, die zu einer Uniform wurden, hob sich das Publikum auch in anderen Punkten von den Besuchern der Eat & Style, Stijl-Designmärkten und Street Food Markets ab: weniger hipsteresk, weniger Jutebeutel mit fancy lebensphilosophischen Weisheiten. Doch Chichi gibt es auch in der erwachsenen Version und normale Leute leben ebenfalls in München.

Aber ich lernte auch, dass sich manche Dinge nie ändern werden. Auch wenn man mit dem Porsche in die Arbeit fährt und ein anständiges Gehalt bekommt: Menschen lieben es, Dinge umsonst zu bekommen. Anscheinend liegt auf diesen kostenlosen Kleinigkeiten eine magische Anziehungskraft, sodass man sich auch in Designerkluft durch viel zu enge Gänge an viel zu vielen Personen durchquetscht. Ich bin irgendwie froh und schwimme im Strom der Weingourmets.

 

  1. Das Zauberwort lautet Interesse

Die Idee war, einfach mal zu schauen ab wann die Ständler einen weiter schicken. Meine Freundin flüsterte mir ins Ohr: „Das Zauberwort lautet ´Interesse, Interesse´.“ Ich lächelte, suchte Blickkontakt und versuchte ein Detail am Stand aufzugreifen, zu dem ich eine Frage stellen könnte – der Name, das Logo, die Dekoration. Hohle Floskeln wie „der Körper ist robust“, „der Abgang samtig“, „für eine Spätlese hat mir dieser Wein zu viel Spitze“ wollte ich mir fürs Nachschenken aufheben … Wir waren also ready.

Vielleicht lag es an dem „Delikatessen“, aber tatsächlich wurden wir mit einem Luxusproblem konfrontiert. Denn die Händlerinnen und Händler waren um einiges charmanter als wir es hätten sein können. Bequatschten uns, schenkten uns jedes Mal nach, wenn wir nur zu lange geschaut hatten. Bei so viel gnadenloser Freundlichkeit bekamen wir einfach nicht die  Möglichkeit, über die Strenge zu schlagen.

Auch auf meine Frage, was man denn machen müsse, damit der Geduldsfaden reiße, füllte sich mein Glas mit einer blutroten klaren Flüssigkeit, Die Dame schmunzelte und sagte, „Na, dafür sind wir doch auf der Messe. Natürlich gibt es Menschen, bei denen man die Augen rollt, aber das sind so wenige. “ Ja, ich hätte es mir denken können, dass es naiv war, Dreistigkeit auf einer Weinmesse lernen zu wollen.

 

  1. Qualität vor Quantität

Am Ende fanden wir dann doch noch ein Exempel. Die Dame stellte uns leckeren, süß-herben Bierlikör von Bavarian Spirit hin und meinte, dass ein Herr einmal die gesamte Flasche Wodka auf einmal für einen Facebook-Post herunterkippen wollte. Aber jemanden ins Krankenhaus zu befördern, sei eben auch nicht ihr Anliegen auf der Messe. Und die Qualität der Spirituose könne man auf diese Weise auch nicht mehr testen. Wir lernen ergo: auch auf einer Weinmesse sollte man möglichst nicht nach Komasaufen aussehen.

Der Besuch der Vinessio war eine schöne Art, ein wenig erwachsener zu werden, ganz gesittet um 12 die Wine O’Clock einzuläuten, Delikatessen anstatt Chips dazu zu verköstigen, Menschen um sich herum zu haben, die mehr am Genuss als am digitalen Selbstportrait interessiert sind. Außerdem lege ich sie allen Spirituosenliebhabern und jenen, die es werden wollen, wärmstens ans Herz. Selbst Laien werden sehr schnell die feinen geschmacklichen Unterschiede bemerken. Ich habe definitiv ein paar neue Lieblinge entdeckt, aber ob man nach diesen sinnlichen Explosionen jemals wieder etwas Schlechteres trinken kann, bleibt zu testen.


Beitragsbild: (c) Sharon Brehm

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