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“The Virgin Suicides”: Psychedelische Selbsterkenntnisse an den Kammerspielen

Caroline Giles

Caroline Giles

"Likes: Katzenbabies, Leopardenprint und Augustiner.
Dislikes: Spinnen, High Heels und Königsberger Klopse."
Caroline Giles

Es fällt schwer, beim Betreten der Kammer 1 nicht über die eigenen Füße zu stolpern – so sehr zieht das flimmernde, leuchtende, kunterbunte Bühnenbild die Blicke der staunenden (und zugegeben irritierten) Zuschauer auf sich. Auf den gemütlichen Sitzen angekommen, werden rundherum erst einmal die Smartphones gezückt – das Motiv eignet sich schließlich ganz hervorragend für Instagram. Ein Mosaik aus neon-beleuchteten, farbigen Flächen, Bildschirmen und mit Blumen bestückten Glaskästen nimmt fast die komplette Bühne ein.

In der Mitte liegt, wie auf einem Schrein aufgebahrt, eine Tote. Nun gut: die wächserne Version einer Toten. Wesentlich verstörender erscheinen jedoch die beiden Wesen, die links und rechts neben dem “Schrein” wie (noch) leblose Puppen auf etwas zu warten scheinen. In weiße, fließende Gewänder gehüllt, mit aufwändigen Blumen-Girlanden und -Kopfschmuck ausgestattet, blicken die großen, runden Kulleraugen der starren, weißen Masken ins Publikum. Sie wirken fast so, als wären sie meinen ganz persönlichen Albträumen entsprungen. Plötzlich wird ihnen Leben eingehaucht: “Sie sind tot”, ertönen die verzerrten Stimmen und wabern durch den Zuschauerraum. Das Flüstern und Raunen versiegt schlagartig und wird von nervösem Kichern abgelöst.

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„The goal of this trip is ecstasy.”

“The Virgin Suicides” – ein Familiendrama. Aus der Sicht der Jungs aus der Nachbarschaft wird beschrieben, wie sich die Familie Lisbon nach dem Suizid der 16-jährigen Tochter Mary immer weiter von der Gesellschaft isoliert, bis, in einer fatalen Winternacht, auch die übrigen vier Schwestern sich das Leben nehmen. Sie hatten wohl einen Selbstmord-Pakt geschlossen. So weit, so gut. Regisseurin Susanne Kennedy hat sich jedoch für einen anderen Blickwinkel entschieden: das Stück setzt nach dem Tod aller Lisbon-Schwestern ein und begibt sich – gemeinsam mit dem Zuschauer – auf eine spirituelle, 49-tägige Reise, die dem Tibetanischen Totenbuch nachempfunden ist.

Im Zentrum stehen hier einerseits die Verarbeitung des Verlustes, aber auch die spirituelle Begleitung der Toten. Konkrete Handlungen und Charaktere werden dabei aufgelöst – die seltsamen Maskenmenschen auf der Bühne nehmen dabei die Rollen der fünf Liebhaber der Mädchen ein und dienen so als “”Reflektoren”, die das Leben der fünf Schwestern fragmentarisch beleuchten. Aber auch der Zuschauer muss sich auf diesen Trip einlassen:

“You will travel far beyond familiar reality, into the level of transcendent awareness. You will leave behind you your ego, your beloved personality, which will be returned to you at the end of the voyage.”

(-Timothy Leary, LSD-Guru)

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“Turn off your mind, relax, float downstream.”

Es folgen überraschend ruhige, melancholische 90 Minuten. Zu meiner roßen Erleichterung scheinen die vier gruseligen maskierten Wesen (Hassan Akkouch, Walter Hess – aktuell ebenfalls in Hamlet zu sehen -, Christian Löber, Damian Rebgetz und Ingmar Thilo als Greis) doch ganz nett zu sein. Zwischen Fotografien und Video-Aufnahmen der “Selbstmordschwestern”, die auf den Bildschirmen des Bühnenbilds zu sehen sind, minutenlangen Toten-Tänzen und fragmentarischen Dialogen (vom Tonband), bleibt dem Publikum erstaunlich viel Zeit mit sich selbst und seinen Gedanken. Während auf der Bühne die ritualhafte Totenbegleitung – besonnen, entschleunigt – seinen Lauf nimmt, ist es dem Zuschauer selbst überlassen, die Handlungs-Lücken gedanklich zu füllen, oder sich auf das spirituelle Experiment einzulassen, loszulassen und in eine Art Trance zu verfallen.

Ist das Stück gut? Schlecht? Sehenswert? Nicht sehenswert? Das kann man so pauschal nicht beantworten – denn was man aus den 90 Minuten mitnimmt, ist ganz alleine einem selbst überlassen: “Whether you experience heaven or hell, remember that it is your mind which creates them.” Visuell ist die Produktion jedenfalls extrem gelungen und auch das Publikum scheint großen Diskussionsbedarf zu haben: während des Stückes geht ein ständiges Raunen und Flüstern durch den Saal, Menschen suchen verzweifelt Blickkontakt mit anderen Menschen – denn die alienhaften Wesen auf der Bühne sind – auch wenn uns freundlich gestimmt – doch eher befremdlich. In der Reihe vor mir dreht sich so unvermittelt ein anderer Zuschauer um, studiert die Reaktionen und Gesichter der Menschen in den Reihen hinter ihm. Unsere Blicke kreuzen sich. Er lächelt, zuckt mit den Schultern. Ich lächele, zucke mit den Schultern. Auf der Bühne teilen sich die fremden Wesen gerade eine Flasche Cola.

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Noch bis zum 17. Mai habt ihr die Gelegenheit, euch Susanne Kennedys psychedelische Interpretation und Inszenierung von Jeffrey Eugenides‘ Roman “The Virgin Suicides” (1993) an den Münchner Kammerspielen anzuschauen. Tickets gibt es hier


Beitragsbild/Fotos: © Judith Buss 2017

1Comment
  • willi schampera
    Posted at 13:41h, 19 Mai

    Willi Schampera zur Aufführung „die Selbstmordschwestern“ Münchner Kammerspiele am 17.05.2017

    “ Erfreue dich am Tanz der Puppen “ heisst es bei Leary in „The Psychedelic Experience“ und es ist der Regiesseurin und den Darstellern hoch anzurechnen etwas darzustellen, was eigentlich nicht darstellbar ist: Die Nachtoderfahrung und seine verschiedenen Bewusstseinszustände nach den Lehren des Tibetanischen Totenbuches.

    Das Leben durch suizid zu beenden, also freiwillig aus dem Leben zu scheiden, ist ein entgültiger Akt aus dem

    wahrscheinlich noch keiner zurückgekehrt ist. Über die Nachtoderfahrung lässt sich also nur spekulieren.

    Sich aber bewusst von seinem alten Selbst mit seinen Konditionierungen für eine begrenzte Zeit zu verabschieden dagegen ist ein Ichtod den schon viele Menschen vollzogen haben Dabei wird – wie beim Tibetanischen Totenbuch der Ich-Verlust als extatischer Sturz in verschiedene Bewusstseinszustände beschrieben. Angesichts eines solchen Befreiungsschlages erscheint dem Reisenden dann die Spielwelt und ihre Repräsentanten als etwas starr und maskenhaft was sehr gut durch die Puppenhaftigkeit der Darsteller in Susanne Kennedy’s Inszenierung zum Ausdruck kommt.Dass dabei die Zeit ausser Funktion gerät wird auf der Bühne durch die stellenweise retardierende Handlung dargestellt.

    Das klare Licht der Wirklichkeit, der Schimmer der reinen Wahrheit ist nur von kurzer Dauer, schnell erfolgt die Rückkehr in die Verhaftung mit der Spielwelt ( Coca Cola ). Und vor der Rückkehr, der Wiedergewinnung des Ich’s kommen Spiel-Halluzinationen, Furcht und Schrecken – bei den Buddhisten Zornige Gottheiten genannt- welche sich im Stück mit ausgiebigem Erbrechen manifestieren.

    Erfreulich positiv an der Todeszelebration der Regiesseurin, die Rückkehr, die Wiedergeburt.

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