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Binijam: Ein Stück Heimat in München – in Form eines Fußballs

Der Schiri pfeift, zeigt auf den Punkt. Elfmeter! Die Spieler vom „Team Germany“ reißen protestierend die Arme hoch. Doch die Entscheidung ist gefallen – und das Tor kurz darauf auch. 1:0 für Thailand im Halbfinale des „FC Bayern Youth Cups“ in der Allianz Arena. Dabei bleibt’s. Die deutsche Auswahl, die komplett aus Spielern der „interkulturellen straßenfußball-ligen“ von buntkicktgut besteht, ist draußen, kann nur noch um Platz drei spielen. „Wir wollten den Pokal“, sagt Binijam Bariho enttäuscht.  Auch die Fans im Stadion verstummen nach der Partie.

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Thailand trifft im Finale auf Österreich, das ist das Endspiel des sogenannten „Weltfinales“ beim FC Bayern Youth Cup. Ein internationales Kleinfeldturnier für U17-Auswahlteams, bei dem der deutsche Rekordmeister zuvor über sechs Monate lang durch die Welt reiste. Neben dem „Team Germany“ sind Mannschaften aus China, Indien, Singapur, den USA, Österreich und Thailand geladen. Die Spieler sind allesamt unter 17 Jahre alt und haben über Qualifikationsturniere in den einzelnen Ländern jeweils das Landesfinale erreicht. Dort wurden dann die Nachwuchskicker von ehemaligen Bayernstars wie Paul Breitner, Hasan Salihamidžić  und Hans Pflügler  sowie Bayern-Jugendtrainern gescoutet und für das Auswahlteam ihres Landes benannt. Ein fast weltumspannendes Prozedere, das nun in München in der Allianz Arena mit dem Weltfinale seinen krönenden Abschluss findet. Und nicht nur das: Vor dem großen Finale gab es noch ein fünftägiges Trainingslager in München für alle Teams, bei dem die Spieler auf dem Vereinsgelände des Rekordmeisters kicken und im Hotel Limmerhof in Taufkirchen schlafen durften. Wie echte Profis.

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Ein „echter“ Profi werden

Binijam will auch einmal ein „echter“ Profi werden. Er ist einer von insgesamt zehn Akteuren, die allesamt in den „interkulturellen straßenfußball-ligen“ von buntkicktgut spielen und aus denen sich die deutsche Mannschaft für das internationale Kleinfeldturnier in der Allianz Arena zusammensetzt. Eine Multikulti-Truppe. Denn die Jungs haben ihre Wurzeln oft nicht in Deutschland, sondern in Ländern wie Togo, dem Irak, Eritrea oder der Türkei. Binijam ist 15 Jahre alt, kommt aus Eritrea, lebt seit zwei Jahren in München und kickt seit einem guten Jahr für buntkicktgut. „Ich bin geflohen, alleine, musste meine Mama zurücklassen. Und habe hier dann in München übers Internet buntkicktgut entdeckt. Da konnte ich einfach so mitspielen – ohne Verein und ohne Geld dafür zahlen zu müssen. Das war genau das Richtige für mich und half mir sehr, auch in München so etwas wie Heimatgefühle zu bekommen.“

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Binijam kickt sonst für die Harras Bulls

In der Straßenfußball-Liga, in der es eine Sommer- und Winterliga gibt,  kickt er sonst für die Harras Bulls. Seine recht dünnen Beine sind sehr schnell und wendig, bereiten der gegnerischen Abwehr oft Probleme. Das fiel auch beim deutschen Landesfinale auf. Da spielte Binijam mit seinem Team gegen sieben weitere buntkicktgut-Mannschaften, die über Qualifikationsturniere und Relegationsrunden das „National Final“ erreicht hatten, das auf dem Vereinsgelände des FC Bayern an der Säbener Straße stattfand.

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Auch da konnte Binijam mit seinen Jungs nicht gewinnen. Aber Sebastian Dremmler vom FC Bayern (Head Coach International Programs) war auch so überzeugt von ihm. Der Junge aus Eritrea wurde in das „Team Germany“ berufen und sitzt nun in der Allianz Arena in der Kabine auf dem Platz von Bayernstar Javi Martinez. Das Spiel um Platz drei steht kurz bevor. „Das ist alles sehr aufregend“, meint Binijam. Auch wenn die Allianz Arena nicht wie am Tag zuvor beim Bundesliga-Saisonfinale des Rekordmeisters (4:1 gegen den SC Freiburg) mit gut 75.000 Zuschauern ausverkauft ist. 2.500 verteilen sich auf der Haupttribüne, sorgen jedoch ebenso für gute Stimmung, während auf den restlichen Rängen und Tribünen die Spuren der Meisterfeier beseitigt werden – Bayernfahnen, Konfetti und Schals.

„Keiner konnte und wollte uns helfen“

In der Kabine stimmen die buntkicktgut-Trainer Tammo Neubauer und Oussman Kofia das „Team Germany“ nochmal ein, gehen ein paar Spielzüge durch. Binijam hört zu, ist konzentriert. Doch das Ganze, was da gerade um ihn herumläuft, kann er noch nicht so recht glauben. Ein kurzer Rückblick: Vor drei Jahren flieht er aus seinem Heimatland, verlässt seine Mutter und seinen älteren Bruder und begibt sich über zwölf Monate lang auf eine Reise ins Ungewisse.  Über Äthiopien gelangt er nach Libyen. Sitzt dort drei Monate lang in einem dunklen Gemäuer mit anderen Flüchtlingen fest. „Wir warteten, saßen und schliefen eigentlich immer nur. Es gab Wasser und Brot. Keiner konnte und wollte uns helfen“, erzählt Binijam. „Ich hatte auch kein Geld.“ Dann hält er das Warten nicht mehr länger aus, setzt seine Flucht fort, gelangt nach Tunesien und sitzt schließlich in einem Boot auf dem Mittelmeer. Ein Boot für 50 Personen, das mit über 300 Leuten völlig überfüllt ist. Aber die Überfahrt glückt, die Guardia Costiera, die italienische Küstenwache, gabelt sie auf, bringt sie an Land, nach Europa.  Ein paar Monate später sitzt Binijam in einer Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in München. Er ist einfach nur froh, sehr erleichtert. „Deutschland war mein großer Traum, mein großes Ziel.“

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Respekt, Fairplay und buntkicktgut

Viel Bürokratie, Formulare, Gespräche folgen. Er kommt in einem Kinderheim in München unter. Der Fußball und buntkicktgut holen ihn aus dem grauen Alltag heraus, lassen die Erinnerungen an seine Familie und Heimat erträglicher erscheinen. „Ich habe hier mittlerweile gute Freunde und eines vor allem gelernt“, sagt Binijam. „Nicht nur auf dem Bolzplatz sind Respekt und Fairplay die Grundlage für ein gutes Zusammenspiel. Auch außerhalb davon sollten sich die Menschen friedlich begegnen, miteinander reden – und keine Kriege führen.“

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Binijams Bruder ist mittlerweile auch in München. Jetzt fehlt nur noch die Mama. „Dann sind wir komplett. Unser Papa lebt nicht mehr“, erzählt Binijam Bariho, der am Ende noch eine Medaille um seinen Hals hängen hat. Das Spiel um Platz drei beim Weltfinale des FC Bayern Youth Cups gewinnt das „Team Germany“ im Elfmeterschießen gegen Singapur. Thailand triumphiert 1:0 über Österreich im Finale. Und so lassen die Jungs auch nicht mehr ihre Köpfe hängen. Sie feiern. Und die Fans auf der Haupttribüne feiern mit.


Fotos: Sebastian Schulke

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