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„Der Elisabethmarkt muss erneuert werden, um zu überleben.“

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Ein Text von Sören Götz

Der Elisabethmarkt war für die Schwabinger eine Insel der Beständigkeit. Nun wird er abgerissen und neu aufgebaut. Kommunalpolitiker Walter Klein sprach sich für den Umbau aus und wurde von Gegnern bedroht. Doch wie reagieren die Händler auf ihn? Wir haben ihn um einen gemeinsamen Marktbesuch gebeten.

Während Lokalpolitiker Walter Klein dem Fischhändler Thomas Willinger erklärt, warum sein Standl auf dem Elisabethmarkt abgerissen werden muss, geht im Hintergrund ein Fisch nach dem anderen über die Theke. Ab und zu blicken die Kunden irritiert zu den beiden Männern, die in einer Ecke des Ladens diskutieren. Das Geschäft ist normalerweise kein Ort, in dem Politiker auftauchen und mit den Händlern diskutieren.

„Der Markt muss erneuert werden, um zu überleben“

In der kleinen, weißgekachelten Bude liegen Forellen und geräucherte Aale auf Eis und verströmen den Geruch von Meer, Rauch und Tiefkühlschrank. Eine Frau steckt Heilbutt in ihre Handtasche, Walter Klein zieht Fotos aus seinem durchnässten Mantel. Schwarz-weiße DIN-A4-Ausdrucke, mit denen er sein Mantra belegen will: „Der Markt muss erneuert werden, um zu überleben“, sagt er.

Klein zeigt Willinger ein Foto der engen Durchgänge zwischen den Standln. Die Fotos sind bei bestem Wetter aufgenommen, doch obwohl Klein eine Dreiviertelstunde gewartet hat, ist auf keinem der Bilder ein Mensch zu sehen. Auf einem anderen Foto sieht man, dass die Mitte des Marktes mit Autos zugestellt ist.

„Der Parkplatz ist doch wirklich nicht schön“, sagt Klein. Nach dem Abriss der Standl soll er verschwinden und eine Gasse die Hütten gleichmäßig teilen. Alle Geschäfte sollen gleichermaßen den Besuchern zugewandt sein. Willinger ist nicht begeistert. „Unsere Kunden nutzen den Parkplatz gerne“, sagt er. „Das ist verboten, der ist nur für die Anlieferung“, sagt Klein. Willinger zuckt mit den Schultern.

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Was auf den Fotos nach irgendeinem Hinterhof aussieht, ist für viele Schwabinger das Herz ihres Stadtteils. Die 24 Standl mit den hölzernen Fensterläden haben etwas Bäuerliches, das den Anwohnern das Gefühl gibt, nicht in einer Millionenmetropole mit explodierenden Mieten und hoffnungslosem Verkehrschaos zu leben, sondern in einem bayerischen Dorf mit 1,5 Millionen Einwohnern. Manche kaufen seit Jahrzehnten bei denselben Händlern ein.

Hier finden sie eine Insel der Beständigkeit, wenn sich in der Welt die Ereignisse überschlagen.

Walter Klein will ihnen diese Insel wegnehmen. So sehen es zumindest die Gegner des Umbaus. Als 2011 bekannt wurde, dass viele der Standl die Hygiene- und Brandschutzvorschriften nicht erfüllen können, war für den Vorsitzenden des Bezirksausschusses klar: Die nötigen Sanierungen sind eine Chance. Der SPDler will den Markt modernisieren, damit er mit den Bio-Supermärkten mithalten kann, von denen es in Schwabing immer mehr gibt. Sie bieten ähnlich hochwertige Produkte zu vergleichbaren Preisen an wie die Händler auf dem Elisabethmarkt.

Doch mit dieser Argumentation brachte der pensionierte Lehrer die Marktliebhaber erst recht gegen sich auf. Sie schlossen sich zu einer Bürgerinitiative zusammen und protestierten gegen die Pläne. Sie bezweifeln, dass ein modernisierter Markt das „ehrliche Flair originaler Standl-Kultur“ bieten kann und glauben, dass ein Umbau zum „Sterben traditioneller Familienbetriebe“ und „Verlust des handwerklichen Charmes“ beiträgt. Sie sammelten mit einer Petition 23 000 Stimmen gegen den „Totalabriss der Marktstände“ und gewannen prominente Unterzeichner wie Mats Hummels und Gerhard Polt für sich. Es half nichts: Der Bezirksausschuss und der Stadtrat beschlossen den Umbau.

Walter Klein ist seit 46 Jahren Schwabinger und seit 33 Jahren Vorsitzender des Bezirksausschusses, aber eine derart emotionale Auseinandersetzung hat er noch nie erlebt. In seinem Stadtteil war er parteiübergreifend beliebt, ihm wurde nach drei Jahrzehnten im Amt ein Kirschbaum gewidmet. Doch im Streit um den Elisabethmarkt tauchten plötzlich Bürger in seinem Gremium auf, die ihn „arrogant“ und „undemokratisch“ nannten. Bei einer Bürgerversammlung fiel man ihm ständig ins Wort: „Sie regieren an den Bürgern vorbei!“, riefen sie. Und auf dem Weg zum Rathaus blaffte ihn ein Mann an: „Du wirst schon sehen, was mit dir passiert!“

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Ein Verkäufer schleift ein Messer und schneidet vorsichtig einen Fisch der Länge nach auf. „Vor siebzehn Jahren erst habe ich meinen Stand grundsaniert, eine Kühlanlage eingebaut und neu gekachelt“, sagt Thomas Willinger. „Das war richtig teuer.“ Wenn er jetzt nach einem Abriss und Neubau der Standl die gleiche Summe wieder in die Hand nehmen muss, ist das für ihn eine „große finanzielle Belastung“.

Der Umbau ist eine große finanzielle Belastung für einige Händler.

Willinger sagt, dass es vielen Händlern so geht. Deshalb ist er sich sicher, dass sich der Markt viel stärker verändern wird, als Klein das zugeben will: „Fünf oder sechs Händler werden vermutlich aufhören, weil es ihnen zu teuer ist, ihre Stände nach dem Umbau neu auszustatten.“ Der Elisabethmarkt, glaubt er, wird nie mehr der gleiche sein.

Es ist Kleins erstes Gespräch mit dem Fischhändler. Er wirkt überrascht, dass die Neugestaltung des Marktes für die Händler so teuer wird. „Das Kommunalreferat muss Sie dabei unterstützen“, sagt er.
„Ja, das wäre gut“, sagt Willinger. Überzeugt klingt er nicht.

Klein bittet Willinger nach draußen unter das Vordach seines Standls. Der Lüfter von Willingers Kühlanlage summt so laut, dass man das Plätschern des Regens kaum hört. In dieser Ecke des Marktes stehen die Buden fast so eng beisammen wie Menschen bei Gewitter unter dem Dach einer Bushaltestelle.

„Ich fahre hier oft vorbei und nie sehe ich jemanden“, sagt Klein. „Die Enge ist einfach nicht einladend.“
„Die Kunden kommen immer in Schüben. Das Geschäft läuft gut.“
„Mit Ihrer Auswahl an Fisch haben Sie aber auch ein Alleinstellungsmerkmal.“
„Was habe ich?“, fragt Willinger irritiert.

„Sind Sie eigentlich“, fragt Willinger, „wie soll ich sagen, an diesen Ort – gebunden?“
„Ich kaufe hier manchmal Obst“, antwortet Klein. „Und die Fischsuppe bei Nordsee.“ Er lacht verlegen.

Walter Klein kehrt in seine Welt zurück. Er läuft ein paar Meter durch die engen Gassen des Markts, die doch nicht eng genug sind, um ihn vor dem Regen zu schützen. Nach wenigen Schritten steht er wieder im Trockenen: In dem Vorzelt, das Karl Huczala aufgebaut hat, um sein Obst und Gemüse und seine Kunden vor der Nässe zu schützen. Huczala erkennt Klein sofort, gibt ihm die Hand und führt ihn in eine Ecke des Zeltes. Es riecht nach Dill.

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Karl Huczala ist ein Obst- und Gemüsehändler mit eigenem Corporate Design: Ein Apfel mit seinen Initialen prangt nicht nur auf der Weste seiner Mitarbeiter, sondern auch auf seiner Internetseite. KH ist für den Umbau und die Modernisierung. Er glaubt, der Charme des Marktes könne erhalten bleiben. „Das Look and Feel muss für den Kunden ähnlich wie vorher sein“, sagt KH. Er hat den Stand vor vier Jahren von seinem Vater übernommen.

Walter Klein hat schon oft mit Karl Huczala gesprochen. Der Obsthändler stellt sich selbst als „Marktsprecher“ vor, was Medien und Politiker wie Klein verleitet, vor allem seine Stimme zu hören. Manche Händler, die gegen den Umbau sind, sagen, Huczala wurde nie gewählt, sondern sein Vorgänger habe ihm den Titel einfach übertragen.

„Ein Drittel der Händler auf dem Elisabethmarkt ist für den Umbau, ein Drittel dagegen und ein Drittel sind Filialen von Ketten, denen es egal ist“, sagt Huzcala.

„Ich habe noch dreißig Jahre vor mir und damit eine andere Sicht als die, die in zehn Jahren in Rente gehen.“ Für die älteren Händler ist der Abriss und Neubau eine unerwartete Hürde auf der Zielgeraden. Für ihn ist es wie der Kauf neuer Laufschuhe vor der Marathon-Saison: eine Investition in die Zukunft.

„Der Markt ist schon am Sterben“, sagt Huczala. Er kann den wachsenden Wünschen der Kunden kaum noch gerecht werden: „Früher war es kein Problem, wenn der Salat im Sommer ein bisschen welk war.“ Heute haben sich die Kunden an die knackigen Salate aus dem Supermarkt gewöhnt. „Deshalb gehen wir inzwischen siebzig Mal am Tag in den Keller, um einen frischen zu holen.“ Walter Klein nickt und sagt: „Da brauchen Sie ja einen zusätzlichen Mitarbeiter für.“ Karl Huczala nickt und sagt: „Im Moment zahlen die Kunden noch den höheren Preis, aber wie lange noch?“ Walter Klein nickt und sagt: „Der Markt muss erneuert werden, um zu überleben.“

Bilder: Mikaela Arroyo und Sabrina Lenk

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