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Absurder geht immer: Das Theater um die „Mauer von Neuperlach“

Anna-Elena Knerich

Anna-Elena Knerich

ist francophil und Europtimistin. Denkt (zu) viel und schreibt deshalb. Am liebsten über Kultur, die Helden des Alltags und das Thema mit dem "Zuhause".
Anna-Elena Knerich

Entgegen aller negativen Konnotation haben Mauern primär eine Funktion: Schutz. Genau diese Funktion sollte offiziell auch die berüchtigte „Mauer von Neuperlach“ erfüllen. Sie sollte die Anwohner der Nailastraße vor Lärm schützen – vor Lärm, den jugendliche Flüchtlinge beim Fußballspielen verursachen könnten. Denn seit 2014 wurde dort eine Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gebaut, inklusive Bolzplatz.

Ursache–Wirkung?

Das Absurde dabei ist allerdings, dass die Quelle des Lärms, vor dem die Mauer schützen sollte, gar nicht existierte – weil dort noch gar keine Geflüchteten lebten: Die Anwohner hatten vorab wegen Lärmbelästigung geklagt, was die Inbetriebnahme des Flüchtlingsheims um zweieinhalb Jahren verzögerte. Erst mit dem Kompromiss einer Lärmschutzmauer konnte im Herbst 2016 die Planung der Unterkunft fortgesetzt werden – sie steht allerdings auch heute noch leer.

Die Errichtung einer hohen Mauer zum Schutz vor Lärm (=Wirkung davon, dass Jugendliche im Heim wohnen und Fußball spielen), war demnach Voraussetzung für eine Inbetriebnahme der Unterkunft (=Ursache davon, dass Jugendliche beim Fußballspielen Lärm verursachen). Es fällt schwer, diese Kausalzusammenhänge nachzuvollziehen.

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Neun Monate nach Errichtung der „Kompromiss-Mauer“ steht die Unterkunft immer noch leer.

Die Mauer erfüllt ihre Schutzfunktion also nicht – im Gegenteil: Sie exponierte die Anwohner, die sich die Mauer erklagt hatten; machte sie zur Zielscheibe von Diffamierungskampagnen. Ihre Hauswände wurden beschmiert und auch auf der Mauer stehen immer wieder Statements wie „Rassismus pur“, „Build bridges not walls“ oder „Walls create strangers“.

Zweckentfremdung ad absurdum: Wer schützt hier wen?

Dies führte dazu, dass dort vermehrt eine Polizeistreife patrouilliert. Nähert man sich der Mauer, beispielsweise um Fotos davon zu machen, muss man also damit rechnen, von den Polizisten angehalten und befragt zu werden. Wegen der Vandale an der Mauer steht zudem das Gelände der Unterkunft seit Februar und bis mindestens September 2017 unter Objektschutz. „Die kalkulierten monatlichen Kosten für die Bewachung belaufen sich auf 1.630 €. Es werden daher für die Zeit von Februar 2017 bis zum September 2017 befristet 12.225 € fällig“, heißt es dazu in der Beschlussvorlage des Kinder- und Jugendhilfeausschusses.

Es klingt wie ein absurdes Theaterstück, ist aber leider Realität: Die umstrittene Mauer, die für über 200.000 Euro zum Schutz vor Lärm, der gar nicht vorhanden ist, gebaut wurde, wird nun selbst beschützt – ebenso die noch immer leerstehende Unterkunft, für mehr als 12.000 Euro.

Groteske gesellschaftliche Zustände – künstlerisch ausgedrückt

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„After the fact“ im Lenbachhaus mit Wanners „Battle Management Drawings“   © s. unten

Von dieser Absurdität kann der Künstler Franz Wanner ein Lied singen: In seinen „Battle Management Drawings“ beschäftigt er sich mit ideologisierten Verschleierungstechniken und Restriktion in scheinbar transparenten Staaten. Dabei kam ihm auch die Neuperlacher Mauer in den Sinn – für ihn „die Materialisierung der EU-Außengrenzen in München“.

Als Wanner im März Fotos von der Mauer und den Polizisten davor machte, wollten diese seine Kamera mit den Bildern konfiszieren. „Sie erklärten mir, dass sie die Objektschutz-Streife seien und holten Verstärkung“, erzählt der Künstler. Am nächsten Tag habe ihn sogar die Kripo angerufen, doch er berief sich auf sein Recht, im öffentlichen Raum zu fotografieren.

Nach mehreren Briefen an die Polizei und Absprachen mit dem Lenbachhaus zeigt Franz Wanner besagtes Foto nun im Rahmen seiner „Battle Management Drawings“ (siehe Foto: Monitore rechts an der Wand) in der Ausstellung „After the fact – Propaganda im 21. Jahrhundert“.

Trennender Keil statt schützende Wand

Auch Guido Bucholtz, seit 24 Jahren im Perlacher Bezirksausschuss und zuständig für Unterkunftsanlagen, Wohnen und Flüchtlingsangelegenheiten, ging es darum, auf die absurde deutsche Gesetzgebung hinzuweisen:

Er hatte im November 2016 Luftaufnahmen von der Mauer an die Lokalpresse geschickt – in der Hoffnung, die Mauer könnte wieder demontiert werden, und nicht ahnend, welche Ausmaße der Fall annehmen würde. Der Medienrummel und die darauf folgenden Hasskampagnen trieben einen regelrechten Keil zwischen alle Beteiligten.

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Die Mauer sollte von Flüchtlingen verursachten Lärm abschirmen – stattdessen brachte sie die Neuperlacher gegeneinander auf.

Den Finger auf Wunden legen

„Man gab mir die Schuld an den Schmierereien, im Bezirksausschuss wurde mir sogar unterstellt, ich hätte die Sprühdosen getragen“, erzählt Bucholtz. Er habe aber nie die Absicht gehabt, die Kläger an den Pranger zu stellen.

Ihm wurde allerdings zum Vorwurf gemacht, dass er beim Beschluss der Mauer im Rathaus ja dabei gewesen war, aber nicht dagegen gestimmt hatte – und dass er dem Ruf der Stadt geschadet habe. Irgendwann wurde der Druck aus der Politik so groß, dass Bucholtz im Bezirksausschuss seinen Posten als Vizevorsitzender aufgab. Ein schwerer Schritt für den Lokalpolitiker.

Nach drei Jahren: Unterkunft wird im Herbst eröffnet

Ob er es bereue, die Videos veröffentlicht zu haben? „Ich würde es so vermutlich nicht mehr machen. Aber ich finde es wichtig, den Finger auf Wunden zu legen und Diskussionen anzuregen, wenn etwas nicht korrekt läuft“, sagt Bucholtz.

Er sei vor allem froh, dass nun endlich ein Trägerverband für die Unterkunft gefunden wurde und im September 80 unbegleitete Minderjährige in die Nailastraße einziehen werden. Das Sozialreferat München sieht indes in der Mauer keine Probleme für die jungen Geflüchteten – es sei lediglich eine Frage der Zeit, bis sich alle an die Mauer gewöhnen.

Mahnmal der „Mauern in den Köpfen“

Dennoch: Fast ein Jahr lang thront diese Mauer dann in Neuperlach, ohne dass dort jemals ein Flüchtling Fußball gespielt hätte – als wäre sie ein Mahnmal der Mauern in den Köpfen. Ob wirklich „Gras über diese Mauer wachsen“ kann, wie es in vielen Artikeln steht, bleibt fraglich. Denn anstatt einfach nur Lärm abzuschirmen, zog diese Mauer tiefe Gräben – oder legte Gräben offen, die in unserer Gesellschaft vielleicht schon längst vorhanden waren.


Credits: Anna-Elena Knerich (Beitragsbild, 2 Fotos von der Unterkunft und der Mauer in Neuperlach)
Aura Rosenberg, Siegessäule, 2001, Teig, Styropor, Aluminium, Metall, Courtesy der Künstlerin und Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Aura Rosenberg, The Missing Souvenir (Das fehlende Souvenir), 2002, Gegossenes Plastik, Acrylfarbe / Poured plastic, acrylic paint, 24 × 8,5 × 8,5 cm, Courtesy der Künstlerin und / of the artist and KW Institute for Contemporary Art, Berlin
Franz Wanner, Battle Management Drawings #1–#5, 2017, Digitale Bild-Text-Konstellationen, Courtesy des Künstlers
Franz Wanner, From Camp to Campus, 2017, Video (Farbe, Ton), 8:30 Min., Courtesy des Künstlers

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