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Aktuell, Kultur

„Es gibt so wenig, was man tun kann“ – Kevin Barz inszeniert Glückliche Tage von Samuel Beckett

Natalie Adel

Natalie Adel

Ist München-Liebhaberin, weil es sich hier so herrlich mit dem Rad durch die Stadt düsen lässt und fast nichts über einen Sommerabend an der Isar geht. Ansonsten Theaterfan und immer dabei, neue Dinge auszuprobieren.
Natalie Adel

Kevin Barz ist gerade dabei, wieder einen Beckett auf die Bühne zu bringen: „Glückliche Tage“. Das geschieht im Rahmen seines dritten Jahres des Regiestudiums an der Otto-Falckenberg-Schule. Wer sich schon einmal intensiver oder auch nur flüchtig mit Beckett auseinander gesetzt hat weiß, dass er sich damit keine leichte Aufgabe ausgesucht hat. Aber darum geht es ja auch nicht in der Kunst.
Die Premiere wird am Donnerstag, den 13. Juli stattfinden. Für Mucbook hatte ich die Möglichkeit mir schon einmal vorab einen Eindruck zu machen.

Und so sitze ich in der ersten Hauptprobe in der Kammer 3 der Münchner Kammerspiele und blicke auf die Bühne. Winnnie, gespielt von Katrin Schönermark sitzt an einem weißen Tisch. Vor ihr stehen allerlei nützliche und unnützliche Utensilien, die wie zufällig dorthin geraten zu sein scheinen. Sieht sie aus, als hätte sie in ihrem Leben viele glückliche Tage gehabt? Auf den ersten Blich eher nicht. Ich sehe eine alte Frau im roten Kleid, stark überschminkt. Bewegungen scheinen sie anzustrengen und an ihrer Umgebung scheint sie nicht mehr so recht interessiert zu sein. Wartet sie auf etwas?

(c) Milena Woijhan

(c) Milena Woijhan

„Glückliche Tage“ erzählt von einem alternden Paar, von Winnie und Willi. Im Originaltext sind sie um die 50 Jahre alt und haben somit einen Großteil ihres Lebens schon hinter sich gebracht. Es geht um die Routine einer jahrelangen Zweisamkeit mit all den Erinnerungen, die sich über die Zeit hinweg angesammelt haben. Winnie und Willi haben sich einander eingegraben in ihren Erfahrungen und ihrem Alltag. Und vielleicht hören sie sich schon lange nicht mehr zu.

„O du wirst heute mit mir sprechen. Das wird wieder ein glücklicher Tag“

Kevin Barz hat dieses Jahr bereits „Endspiel“ von Samuel Beckett in Duisburg inszeniert. Die existenzielle Sichtweise und die Selbstentfremdung der Menschen, über die Beckett schreibt sind nicht so einfach auf die Bühne zu bringen. Insbesondere auch deshalb, weil Beckett in seinen Texten ganz klare Regieanweisungen gibt, wie er sich die Szenen vorstellt. Wachsame Erben sorgen dafür, dass auf den Bühnen der Welt auch nichts geschieht, das Beckett so nicht ausdrücklich gewollt hätte. Dennoch hat sich Kevin Barz dazu entschieden, noch eimal einen Beckett zu machen.
Die Dramaturgin Carolina Heberling erzählt, wie schwierig die Arbeit mit Becketts Text war: „Der Text fickt dich. Die meiste Zeit sitzt du da und fragst dich, was er dir da eigentlich sagen will“. Herausgekommen ist eine Inszenierung, die etwas Postapokalyptisches erzählt.

Barz zeigt ein Ende der Welt.

Ein ganz persönliches, kleines Ende. Und so lausche ich über Kopfhörer dem Monolog von Winnie, wie sie über Willi und ihr gemeinsames Leben spricht. Er ist nicht da, verkörpert das Abwesende neben einem Haufen an Dingen, in die sich Winnie eingegraben hat.

„Kannst du mich hören?“

Durch die Kopfhörer fühle ich mich isoliert von den anderen Menschen im Raum, dafür um so näher bei Winnie. Ich folge ihrem Gedankenstrom, bis ich selbst beginne nachzudenken und mir dieselben Fragen stelle, wie Winnie. Wie wird es wohl sein, wenn ich selbst zurückblicke, nachdem ich den Großteil meines Lebens schon gelebt habe? Werde ich mich auch fragen, ob ich je liebenswert war? Und werden mir spannendere Dinge einfallen, die ich den Tag über tun kann, als meine Haare zu bürsten?

Als ich die Kopfhörer am Ende der Probe abnehme, ist es, als könnte ich einen melancholischen Schleicher ablegen. Und ich bin sehr froh, dass mir sehr viele Erlebnisse und glückliche Tage noch bevorstehen.

Vielen Dank an Kevin Barz und Carolina Heberling für die Einladung zur Probe und die Möglichkeit, vorab schon dabei zu sein!

 


In aller Kürze:

Was? „Glückliche Tage“ in der Kammer 3 der Münchner Kammerspiele

Wann? am 13., 15., 16. und 19. Juli

Was kostet´s? 9 €, ermäßigt 5 €, Karten gibt’s hier.


Beitragsbild: Milena Woijhan


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