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Kunst oder Rassismus? Eine Gast-Debatte von Sofi Utikal und Europa: Neue Leichtigkeit

MUCBOOK Redaktion

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Am Panama Plus-Festival im Kreativquartier wurden nicht nur Brücken errichtet, sondern es entstand – „im echten Leben“ und vor allem auf Facebook – eine wichtige Debatte, die wir an der Stelle auch unseren LeserInnen nicht vorenthalten möchten.

Die Hauptbeteiligten sind die Künstlerin Sofi Utikal und die Band Europa: Neue Leichtigkeit.

Das Thema, in aller Kürze: Kunst, das N-Wort und Rassismus. Ein wichtiges Thema und wir hoffen, ihr lest/denkt/kommentiert mit!

Gastbeitrag von Sofi Utikal

1. Wer rassistische Wörter verwendet, um zu provozieren, nimmt auch die Gewalt an denjenigen Menschen in Kauf, für die diese Wörter tatsächlich verletzend sind.

Letzte Woche war ich zusammen mit Stefan Hornbach als Artist in Residence beim Panama Plus-Festival im Import/Export in München eingeladen. An einem der Abende ging ich auf das Konzert von Europa: Neue Leichtigkeit. Ich hörte mir ihre Songs an, bis zu dem Punkt als mehrmals explizit das N-Wort gesagt wurde. Niemand im Raum reagierte. Ich sah im fröhlich tanzenden Publikum keine Verbündeten, verließ den Raum und ging nach Hause. Ich erkenne hier an, dass ich als Woman of Color nicht den gleichen Struggle habe wie Schwarze Leute und dass dies ein solidarischer Akt war.

2. Diese ganze Provokation beruht dabei auf dem bewussten Ignorieren der gewaltsamen Geschichte und damit auch dem Schmerz, mit dem dieser Begriff bis heute noch behaftet ist. Dies geschieht dabei aus einer Machtposition heraus, die erneut davon profitiert .

Am nächsten Tag war ich wieder am Import/Export und saß mit mehreren Leuten draußen an einem großen Tisch. Etwas später setzten sich dann noch zwei weiße Typen dazu und ich erkannte nach kurzer Zeit, dass es der Sänger der Band vom Vorabend zusammen mit Frank Spilker von Die Sterne war. Da ich mich dieses Mal nicht allein fühlte, beschloss ich den Sänger mit seiner ignoranten Scheiß-Aktion zu konfrontieren. Was dann kam, war eine extrem mühsame (und unbezahlte) Diskussion über die Konsequenzen als weißer Mann auf einer deutschen Bühne das N-Wort zu sagen.

3. Es ist eine Machtposition, wenn eine weiße Person diese Wörter verwendet.

Während des Gesprächs konnte der Sänger es auch nicht lassen, mir erneut mehrmals das N-Wort ins Gesicht zu sagen. Er hat mittlerweile versucht, sich bei mir dafür zu entschuldigen und nennt seine Reaktion selbst eine “miese Machtaktion”. Obwohl auch Frank Spilker mir am Anfang des Gesprächs zustimmte, hielt er sich weitgehend zurück und verließ sehr abrupt und ohne sich weiter zu involvieren die Unterhaltung.

IMG_08954. Da weiße Personen über institutionelle, politische und strukturelle Macht verfügen, können sie auch nicht von Rassismus betroffen sein.

Da ich eine materielle und unmittelbare Reaktion zu dem Vorfall am gleichen Ort wollte, gestaltete ich am nächsten Tag mehrere A3 Poster und hing sie gut sichtbar am Festivalzaun und am Weg zu den Toiletten auf. Auf dem einen Poster stand: “Wer rassistische Wörter verwendet, reproduziert Gewalt.” Auf dem anderen: “Rassistische Wörter sind verletzend, demütigend und (re-)traumatisierend.” Ich entschied mich für klare und knappe Antworten, an die Leute gerichtet, die ähnlich argumentiert hätten wie Europa: Neue Leichtigkeit.

5. Eine Person, die praktisch keine Ahnung hat, wie sich Rassismus anfühlt und über welche Traumata wir hier eigentlich sprechen, ist demnach in diesem Kontext auch nicht verletzlich und deshalb in einer Machtposition.

Nachdem ich den Vorfall und meine Intervention dazu öffentlich auf Facebook geteilt habe, stellte sich auch heraus, dass es noch viele andere Menschen gibt, die gerne auf meiner Facebook-Wall mit mir und meinen Freund*innen zu diesem Thema “diskutieren” möchten. Es sei ihrer Meinung nach schon ok, rassistische Wörter zu verwenden, wenn man aufrütteln und provozieren will. Schließlich darf die Kunst ja alles und es will sich auch niemand hier zensieren lassen.

6. Rassismus ist real und für viele Schwarze und Personen of Color eine tägliche Erfahrung.

Theoretisch darf die Kunst alles. Nur aus welcher Position wird währenddessen gesprochen? Welche Macht und Verantwortung habe ich dank meiner Privilegien und wie gehe ich damit in meiner Sprache um? Wieso muss ich Gewalt anwenden und von dem Schmerz derer profitieren, die ich (im Besten Fall) gar nicht treffen will?

7. Was ich nach diesem ganzen Vorfall will

Bessere Recherche seitens aller Festivals und Verantstalter*innen darüber, wen sie sich auf ihre Bühne holen sowie eine schnelle und materielle Reaktion auf Verletzungen, die von dieser Bühne ausgehen. Das heißt auch auf sowas vorbereitet zu sein.

Ein aufgeklärtes und widerständiges Publikum, das keine diskriminierende Sprache duldet, sondern schnell reagiert.

Zeigen, wie mit einfachen Mitteln eine Form von Widerspruch aussehen kann.

8. Als Einstiegslektüre empfehle ich: „Plantation Memories“ von Grada Kilomba.

 

Sofi Utikal, studiert in Wien an der Akademie der bildenden Künste bei Ashley Scheirl. Hier geht es zu ihrer Kunst.


 Gastbeitrag von Europa: Neue Leichtigkeit

Europa Neue Leichtigkeit

Ist Europa rassistisch?

Schweiz, 2010: Wir schreiben das dritte Jahr der Krise. FIFAFussballWM in Südafrika.

Vier relativ unbedarfte weiße, privilegierte, heterosexuelle Boys gründen eine Band. Sie haben einige Liedchen, die vor allem von postmoderner Dekadenz, Mädchen, handeln. Sie nennen es Neue Leichtigkeit, finden es noch schick mit dem Brecht/Weill Dunstkreis. Viel Nostalgie generell, auch eine alte Elektroorgel Marke „Europa“. Vielleicht etwas zu viel SWR4 BaadenWürtemmbeeaaag „da sind wir daheim“. Trotzdem scheitern sie mit ihrem ersten Hit „Liebesakt auf der Achterbahn“ bereits in der Schweizer Vorausscheidung zum Eurovision Song Contest. Die Schlagerstereotypen hinterlassen trotzdem gewisse Spuren.

Zwei Beispiele, die noch immer gespielt werden:

Frank Farian: „Sie war erst siebzehn (und neu in der Stadt) von 1977
(Der Mann hat ein moralisches Problem: Er ist in einer Beziehung.)

Ingrid Peters: „Afrika“ (Update 2005)

„Dieser Vorgang des Schwarz-Sein-Wollens ist tief in der Phantasie verstrickt, Schwarze hätten etwas, das weißen entgeht – Authentizität, Exotik und Erotik. Diese Phantasien sind die Grundlage eines primär unbewussten weißen Neids. Ein Neid, der gleichzeitig begehrt, bestimmte beneidete Attribute des Anderen zu besitzen und andererseits den Anderen zerstören will, weil sie/er etwas besitzt, was einem selbst zu fehlen scheint. Daher wird das Schwarze Subjekt in der weißen Welt zum Objekt der Begierde, das gleichzeitig angegriffen und zerstört werden muss.“ Grada Kilomba, 2009

Auch unseren vier lustigen Bohèmiens ist die Fülle an exotisch-erotischem Eskapismus in unserer Kultur aufgefallen, und obschon oder weil sie sich nicht eingehend mit Rassismus beschäftigt haben (und obiges Zitat noch nicht kennen), fühlen sie sich berufen, auch dieses Thema aufzugreifen. Europa komponiert flugs einen Song, exotischer Rhythmus, es fallen Begriffe wie «wulubu ssubudu» (Hugo Ball) «olé Waka Waka» (Shakira), «Mobutu Mandela» (geht gar nicht), der Sänger besingt das «Afrika Baby», womit kein Kleinkind gemeint ist, sie solle ihm noch mehr geben, ihm sei ja nur Noblässe vertraut, ein paar Tage noch sei er reich, packt von der Hautfarbe über Sklaverei alles aus, was es an Stereotypen so gibt. «Ohne Dich ist Europa arm.» Dazu aktuell hier nachlesen.

Etwas später machen die vier Musiker noch ein Video dazu, auf einer Insel in Indonesien. Sie reiben sich mit Holzkohle ein und begeben sich in den Dschungel, da sieht man sie stehen, vier Europäer mit Macheten, die auch noch das „Blackfacing“ zitieren (siehe z.B. Emmet Miller: „Lovesick Blues), repräsentieren in einer pseudo-ethnologischen Dokfilmästhetik den Traum vom wilden Urvolk, wie es sich Ethnologen Ende des 19. Jahrhunderts erträumt haben, sowie den des postmodernen Westlers, der Zivilisation zu entfliehen. Machen vor allem sich selbst lächerlich.

Der andere Sänger findet, es brauche noch einen etwas drastischeren Kontrapunkt, damit die Haltung Europas ganz klar würde. Er will die Heuchelei zwischen schamloser Ausbeutung und Gewissens-Ablasshandel durch „Entwicklungshilfe“ anprangern, den sponsor a child-Button auf der Worldvision-Homepage und die damit einhergehende Symbolik des grosszügigen Westens.

Am 28. Juni 2017 spielten wir am Festival panamaplus, im Import Export. Wir holten die nun doch schon alten Songs „Afrika Baby“ und „Worldvision“ noch einmal hervor, um sie zusammen mit „Nazigold“ und „Lied gegen Ängste“ zu spielen. Wir dachten, dass dies der Ort sei, um vielleicht eine differenzierte Diskussion um den in unsere (Pop)Kultur eingravierten Rassismus zu führen (gerade auch in Fällen, wo er nicht überzeichnet und absurd daherkommt). Es fiel uns auf, dass während „Worldvision“, in dem * vorkommt, einige den Raum verliessen. Gegen Ende des Lieds verzog sich das Gesicht des Sängers zur Fratze, er schrie die letzte Wiederholung des Refrains nach der zweiten Strophe und das Lalala ziemlich hässlich heraus, mit rollendem R. Der Applaus danach war sehr zögerlich und verhalten und bezog sich gewiss nicht auf den Textinhalt, sondern die Metaebene der Botschaft.

(* = Wort N. Dieses Wort und dessen mündliche Äusserung, so Grada Kilomba
weiter, wirke wie ein Alarm, denn es beschreibe effizient und gewalttätig den Terror rassistischer Unterdrückung.)

Als ich, der Sänger dieses Lieds, am nächsten Tag am Tisch vor dem Import Export sass, sprach mich eine Frau darauf an, dass es nicht angehe, das N-Wort auszusprechen, sie fühle sich dadurch verletzt. Ich sprach es aus, mehrmals, fragte, ob es wirklich um das Wort * gehe, weil ich es in meiner MaßzumFrühstückSchmankerlplatte Dumpfheit nicht begreifen konnte, dass das Hören desselben bereits retraumatisieren kann, während ich unsere noblen künstlerischen und gesellschaftlichen Absichten zu belegen versuchte. Ganz abgesehen davon, ob es in künstlerischem / irgendeinem Kontext berechtigt sein kann, Wort * auszusprechen oder nicht, in einer Diskussion mit einem Menschen, der es nicht hören will, geht es natürlich nicht. Überhaupt nicht. Wir zitieren erneut Kilomba: „Jene, die ‚N.‘ rufen, wiederholen in diesem Moment eine Sicherstellung ihrer Macht als weiße HerrscherInnen“. Das trifft es ziemlich auf den Punkt. Ich hätte zuhören sollen, statt sofort in die typischen white-fragility-Muster zu verfallen: „Was, ich bin doch kein Rassist, ganz im Gegenteil!“ (Robin DiAngelo lesen!).

An dieser Stelle möchte ich Sophie dafür aufrichtig um Entschuldigung bitten. Und alle anderen, die das Wort nicht hören wollten, ebenfalls. Es tut uns leid.

Einige Tage später sahen wir den Post auf facebook, in dem Sophie den Vorfall und ihre Plakataktion als Reaktion darauf dokumentierte. Ein gutes Statement. (Hier noch ein Hinweis: Wenn jemand bei einem Konzert den Stromstecker ziehen will, unbedingt den vom Mischpult.)

Was dann folgte, war kein shitstorm. Empörung, auch persönliche Angriffe und Pauschalisierungen, aber doch Gesprächsbereitschaft. Manche wollten uns verteidigen: Aber das ist doch Satire! Das sind doch keine Rassisten! Sie parodieren doch nur den echten Rassismus! Wort * auf der Bühne (und dazu noch in antirassistischer Absicht) zu sagen, ist doch etwas ganz anderes! Nun ja. Damit ist halt doch nicht wegzureden, dass sich Menschen verletzt fühlten und im konkreten Fall Machtdynamiken reproduziert wurden.

Und damit zum Jetzt: Das Video nehmen wir vom Netz. Die zwei Songs werden nicht mehr gespielt. Nicht, um etwas zu vertuschen, sondern um nicht darauf rumzureiten. Weitergehen. Die Message, um die es uns geht, lässt sich ohne rassistische Songs wesentlich besser vertreten. Der Sexismus ist als nächster dran. Alles braucht Zeit.

Einige momentane Erkenntnisse und Meinungen Europas:

Falls Begriff * in irgend einem Kontext von einer weißen Person ausgesprochen werden darf, sollte es einen verdammt guten Grund geben, der dies nicht bloss legitimiert, sondern nötig macht. Ein Zitat von Martin Luther King vorzulesen, als Beispiel?

Satire, die auf Kosten von weniger Privilegierten geht, ist ganz mies.

Rassismus wirkt nur in eine Richtung: Er wird von helleren an dunkleren Menschen ausgeübt, nicht nur individuell, sondern systematisch. Umgekehrt wirkt es nicht, weil die weißen im rassistischen System privilegiert sind. (Vorurteile, Faszination, Xenophobie, Pauschalisierungen gibt es in alle Richtungen.)

Screamin’ Jay Hawkins: „Hong Kong

Man ist als weiße nicht entweder ein Rassist oder keine. Wir sind alle in diesem System aufgewachsen, es prägt uns, wir haben wenig Ahnung, was Rassismus ist (manche etwas mehr als wir) und begehen immer wieder solche Handlungen. Auch wenn wir es nicht wollen. Ob etwas rassistisch ist, entscheidet im Zweifelsfall eher nicht die weiße.

Auch dieses Lied hat wohl rassistische Elemente, wenn es auch aus konkreten Erfahrungen von lustvoller Überforderung und Fremdheit durch sprachliche Hürden und Sound in Hong Kong entstanden ist:
Europa: Neue Leichtigkeit: „Asia Melody“

Es ist unsere Aufgabe, den anderen Menschen zuzuhören. Ihre Erfahrungen und Meinungen wirklich anzunehmen, auch wenn wir sie vielleicht nicht nachvollziehen können, weil wir als weiße von Rassismus nicht betroffen sind.

Als weiße sollten wir uns, wenn uns Rassismus begegnet, nicht verletzt fühlen, denn er betrifft uns nicht. Eher: Empört, verstört, traurig, aktiviert, couragiert…

Es ist nicht die Aufgabe (aber das Recht) der Nichtweißen, uns zu helfen und uns zu erklären, was wir tun sollen. Wenn sie es tun: zuhören. Wenn sie (oder auch weiße) uns aufklären, dass dies oder jenes rassistisch sei, nicht gleich aua schreien. Es annehmen.

Lesen hilft auch. Es gibt das Internet. Es ist unsere Aufgabe, andere weiße darauf hinzuweisen, wenn sie rassistisch handeln, möglichst, ohne sie als Rassisten zu verurteilen.

Den Kontakt suchen, nicht um weniger rassistisch zu werden, sondern, um den anderen Menschen kennenzulernen. Ihr Raum geben. Im Kopf. Im Herzen. In der Gesellschaft.

Unsere Aufgabe ist, Verbündete zu werden.

Brücken zu bauen.

Europa: Neue Leichtigkeit

(Andrin Uetz, Jonas Bischof, Ruedi Tobler, Samuel Weniger)

 


Fotos: zvg Sofi Utikal / Europa: Neue Leichtigkeit

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