Hassan_Akkouch
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Das ist Kunst und das kann weg (7): Hassan Akkouch im Interview

Juliane Becker

Juliane Becker

Theaterwissenschaftlerin, Katzenfreundin und Journalistin. Schreibt bei mucbook über Theater, Konzerte und eigentlich alles, was irgendwie mit Kultur zu tun hat.
Juliane Becker

Tänzer, Filmschauspieler, Absolvent der Otto-Falckenberg-Schule, Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele – und Bürgerkriegsflüchtling: Hassan Akkouch ist, so plakativ betitelt ihn der SPIEGEL, „ein Prachtbeispiel für gelungene Integration“, aber sicher nicht nur deshalb eines der spannendsten Nachwuchstalente der deutschen Bühnen. 1990 flohen er und seine Familie aus dem Libanon nach Berlin, 2003 wurden sie abgeschoben, sechs Wochen später waren sie zurück in Deutschland – zum Glück.

Der 29-Jährige hat im Mai den Förderpreis der Kammerspiele „für beeindruckendes szenisch-darstellerisches Können & künstlerische Vielfalt“ erhalten, steht in Marthaler-, Marton– und Kennedy-Inszenierungen auf der Bühne und kommt ganz ohne schauspielerische Hybris aus – genug Gründe, um ihn zum Interview zu treffen.

Haslacher_Akkouch


Du hast im Dokumentarfilm “Neukölln Unlimited” mitgewirkt, der ein großes Medienecho hervorgerufen und eine Menge Preise abgeräumt hat. Wie wichtig war dieser Film für deine weitere Karriere?

Es ist nicht so, dass ich mich erst dadurch für Filme oder Schauspielerei interessiert habe. Ich wollte erst Sozialarbeiter werden, was sicher auch auf meiner Arbeit im Jugendclub gründete – der war gegenüber der Rütli-Schule, dort habe ich Tanzunterricht gegeben und Veranstaltungen organisiert. Aber das ist halt ein 24/7-Job und du opferst dich komplett für andere Menschen auf. Und ich war einfach noch nicht so weit, das wirklich machen zu können, da gehört eine gewisse Reife dazu. Nach allem, was mit meiner Familie passiert ist, wollte ich mich erst mal mit mir selbst beschäftigen.


Du redest von der Abschiebung, richtig? 2003 wurden du und deine Familie in den Libanon abgeschoben.

Ja, aber wir sind schnell wieder zurück nach Deutschland geflohen.

Belastet dich die Erinnerung an diese schwierige Zeit?

Diese Abschiebung hat mich eigentlich nie wirklich beschäftigt – eigentlich. Ich habe immer viel darüber geredet, auch Interviews gegeben und so weiter. Aber nach zehn Jahren, da hat das alles angefangen, in mir zu arbeiten. Es gab da ein Schlüsselerlebnis: ich sollte bei einem Regieprojekt einer Falckenberg-Schülerin mitmachen, die “Deportation Cast” von Björn Bicker inszenieren wollte – darin geht es um eine bevorstehende Abschiebung. Ich sitze also auf der Bühne, und auf einmal wird mir schlecht, ich fange an zu zittern. Schlussendlich bin ich rausgegangen, und als ich draußen war, habe ich keine Luft bekommen. Ich bin einfach losgerannt, ohne Ziel, ohne Plan. Das war der Moment, als ich gemerkt hab: verarbeitet habe ich das alles noch nicht.

Die Kammerspiele binden das Thema “Flucht” stark in den Spielplan ein. Das Welcome Café ist ein großer Erfolg, im Dezember 2016 fand das Open Border Ensemble-Festival statt – hast du das Gefühl, die deutsche Theaterszene beschäftigt sich intensiv genug mit dieser Thematik?

Im deutschsprachigen Raum tut sich da schon einiges, das Maxim-Gorki-Theater zum Beispiel macht echt super Arbeit. Mir persönlich ist Qualität auch lieber als Quantität. Und: Mit Flüchtlingen oder über Flüchtlinge – das sind zwei verschiedene Dinge. Grundsätzlich habe ich aber das Gefühl, dass die Dramaturgen und Regisseure auch an diesem Haus auf jeden Fall ein Interesse daran haben, dass Themen wie dieses mitschwingen.

Man hat aber das Gefühl, dass das konservative Publikum der Münchner Kammerspiele das nicht gut findet.

Das Ding ist: Was das Publikum sehen will, und was wir als Theaterensemble erzählen wollen, das sind zwei verschiedene Welten. Ich kann es aber nicht beurteilen, ob die Zuschauer hier konservativer sind als anderswo – es ist schließlich mein erstes Engagement und deshalb mein erstes “richtiges” Publikum! (lacht)

Vielen Dank für das Interview!


Hassan ist derzeit in folgenden, ausgewählten Produktionen zu sehen:

La Sonnambula
Tiefer Schweb
Der Fall Meursault


Fotos: Beitragsbild © Steffi Henn,  im Text: (c) Hans Kopp

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