Sebastian Bezzel und Simon Schwarz
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Griesnockerlaffäre: Sebastian Bezzel und Simon Schwarz im Gespräch

Katrin Schultze-Naumburg

Katrin Schultze-Naumburg

Münchner Kindl durch und durch - aber bitte ohne Schickimicki. Kuchen, Musik und ein gutes Buch machen mich glücklich. Verreise immer gerne und komme noch lieber nach Hause. Zu finden meistens an der Isar, in meiner WG-Küche oder in der Neuen Pinakothek.
Katrin Schultze-Naumburg

Franz und Rudi sind wieder da! Am 3. August kommt der vierte Teil der beliebten Eberhofer-Krimireihe in die Kinos. In „Griesnockerlaffäre“ ermitteln der stoisch-sympathische Dorfpolizist Franz Eberhofer und sein Freund Rudi Birkenberger diesmal in eigener Sache: der Franz steht nämlich im Verdacht seinen verhassten Kollegen Barschl ermordet zu haben. Dazu hat die Oma eine Affäre mit ihrer alten Jugendliebe Paul, der Papa will von daheim ausziehen und die Susi endlich heiraten. Es ist also mal wieder eine ganze Menge los in Niederkaltenkirchen.

Die beiden Hauptdarsteller Sebastian Bezzel und Simon Schwarz haben vorab mit uns über Bayerischen Humor, die heutigen Herausforderungen an Nachwuchstalente und ihren Lieblingswitz geredet.

Euer neuer Film „Griesnockerlaffäre“ wird als die bayerische Komödie des Jahres bezeichnet. Gibt es denn so etwas wie einen Bayerischen Humor?

Sebastian: Es gibt eine Bayerische Sprache, die Sachen kürzer fassen kann als im Hochdeutschen. Der Humor selbst ist einfach ein schwarzer Humor. Der funktioniert auch woanders.
Simon: Ja, aber der Humor im Süden ist schon ein bisschen anders als im Norden. Ich finde ihn eigentlich einen sehr ernsten Humor. Sprich: es geht immer um was.

Der Humor im Film lebt also sehr von der bayerischen Sprache. Funktioniert das Bayerische auch weiter im Norden?

Sebastian: Ja, weil es hauptsächlich um die Typen geht. Wir erzählen von der Provinz und vom Mikrokosmos auf dem platten Land, wo wenig los ist. Das verstehen die Leute überall, das ist auf dem Land bei Hamburg nicht anders als bei uns. Über diesen Kreisverkehr lachen sich zum Beispiel alle schlapp. Durch den muss man in jedem Ort durch, bevor man irgendwo hinkommt. Die Sprache kommt dann noch dazu, das finden die Leute aber auch lustig und erinnert sie an ihren Urlaub. 
Simon: Das Ganze ist zwar schon sehr süddeutsch, aber diese archetypischen Figuren bleiben immer ziemlich gleich in jedem Dorf. Das könnte sogar in China sein. 
Sebastian: Wobei du ja eigentlich die Figur bist, die die Stadt erzählt.
Simon (lacht): Ja, die gibt’s aber auch in jedem Dorf.

Franz Eberhofer und Rudi Birkenberger

Franz Eberhofer (Sebastian Bezzel, l.) mitsamt Hund Ludwig und Rudi Birkenberger (Simon Schwarz, r.) legen sich auf die Lauer

Die Städter kommen dabei nicht immer ganz so gut weg. Im aktuellen Film gibt es ja zum Beispiel die Ermittlerin „Thin Lizzy“, die als typische Tussi aus der Großstadt dargestellt wird.

Sebastian: Echt? Ich finde, dass sie eigentlich ganz gut wegkommt. Klar, für den Franz ist diese Frau der Supergau. Für ihn ist es ziemlich heftig, dass er da so eine strenge Ermittlerin gegen sich hat. Aber es ist jetzt auch nicht so, dass sie eine ganz blöde Zusel ist, die hat ja auch immer gute Antworten parat. Ich persönlich finde das sehr spannend mit der Thin Lizzy. 

Franz interessiert sich wirklich wenig für Vorschriften. Im Film gibt es eine Szene, in der er betrunken Auto fährt und seine Saufkumpanen sitzen in einem Blumenkasten, der hinten angebunden ist. Das ist nicht unbedingt das Verhalten, das man von einem Dorfpolizisten erwarten würde.

Sebastian: Nein, sicherlich nicht. Genau deswegen ist der Franz aber auch ein Sympathieträger. Weil er lauter Sachen macht, die er eigentlich nicht machen darf. Ich kenne auch Polizisten, die sagen, dass sie manches von dem gern einmal machen würden, weil dieser Job manchmal schon echt nervig ist. Aber Betrunken mit dem Dienstwagen fahren ist natürlich schon sehr heftig. Obwohl wir ja jetzt auch in Hamburg schöne Polizei-Erfahrungen hatten (bezieht sich auf einen Party-Skandal der Berliner Polizei auf dem G20-Gipfel, Anm. d. Redaktion). Das wär’s gewesen: lauter Franz Eberhofers da rauf schicken. Das hätte das komplett deeskaliert. Und der G20-Gipfel wäre am Ende wahrscheinlich das Partywochenende schlechthin gewesen.

 

Nochmal zu der Szene mit dem betrunken Autofahren – habt ihr da auch schon Kritik geerntet? Dass man darüber vielleicht nicht unbedingt Witze machen sollte?

Sebastian: Das ist mir total Wurscht. Weil wir eine Komödie und nicht einen moralischen Leitfaden für unser Zusammenleben machen. Es gibt vielleicht auch die Kritik, dass das ganz schön platter Humor ist, da kann man jetzt wieder drüber reden. Ich finde die Szene aber auch einfach so drüber, dass es wieder lustig ist. 
Simon: Ich denke auch, dass man sowas immer im Kontext des Filmes sehen muss. Und dass man das privat schlecht findet, steht außer Diskussion. Aber so wie der ganze Film ist, ist das alles richtig so. Kunst generell muss ein bisschen mehr dürfen als es sonst üblich ist. Sonst macht sie keinen Sinn.

Weitere Rollen sind mit vielen Kabarett-Größen besetzt, wie zum Beispiel Sigi Zimmerschied. War der ein Vorbild für euch?

Simon: Ja, auf jeden Fall!
Sebastian: Der Sigi war zusammen mit dem Polt in den 80er Jahren ein großer Held – zumindest wenn man auf dem Land gewohnt hat und nicht auf CSU-Linie war. Bei „Schweinskopf“ gab’s mal so einen Moment, als der Sigi in seinem blauen Schlafanzug neben mir auf dem Beifahrersitz lag und Panik gespielt hat. Da hab ich mir gedacht: „Jetzt zwick ich mich gleich, das ist eigentlich so toll.“ Wenn mir das jemand in den 80er Jahren gesagt hätte, ich wäre geplatzt vor Stolz.

Die SZ hat kürzlich in einem Artikel darüber berichtet, dass es junge Kabarettisten oder Standup-Comedians in München ziemlich schwer haben und es wenig Raum für Nachwuchskünstler gibt. Wie seht ihr das?

Sebastian: Also da muss ich jetzt ganz ehrlich sagen, dass es den früher auch nicht gab. Man muss sich halt von unten hocharbeiten und den Gang über die Provinz musst du einfach machen, das ist ja bei Schauspielern auch nicht anders. Ich bin nach der Schauspielschule zum Beispiel direkt ans „Resi“ gegangen und habe da immer nur Mini-Rollen gespielt, was in einer Kleinstadt sicher anders gewesen wäre. München ist halt auch ein Pflaster, wo jeder auftreten will. Es ist aber eigentlich eine Stadt, in der noch relativ viel in die Richtung stattfindet. In Hamburg gibt’s da zum Beispiel schon wesentlich weniger. 
Simon: Auch die ganz Großen erzählen immer, dass sie wirklich ganz konsequent jedes Kaff abklappern. Das dauert viele Jahre, bis sie dann die Größe haben, dass das was sie machen mehr Wirkung hat. Auch die wachsen an sich.

Es ist also wichtig, sich hochzuarbeiten?

Sebastian: In Amerika fangen ja auch nicht alle in New York und L.A. an.
Simon: Und vor allem fangen sie nicht alle mit ihrem Niveau ganz oben an. Das ist auch nicht etwas Messbares, wo man von Anfang an sagen kann, dass aus einem etwas wird. Das ist nicht wie im Fußball, wo du eine klare Begabung oder eine Wahnsinns-Technik sehen kannst. Hat einer im Kabarett vielleicht eine Begabung, aber dann noch zu viele Ängste? Gerade Kabarett ist ja auch ganz viel mit dem Publikum gemeinsam. Das ist ein Prozess, den man nicht theoretisch lernen kann. Da muss man reinwachsen. 
Sebastian: Natürlich wollen die Leute gleich an die großen Fleischtöpfe, das sollte aber eigentlich erst der zweite Schritt sein. Die Kabarettistin Christine Prayon ist eine gute Freundin von mir und inzwischen bei der „Anstalt“ und der „heute-show“ dabei. Die hat aber auch jahrelang gearbeitet wie verrückt und ist viel getourt. Das baut sich einfach auf. 

Fehlt den Leuten heutzutage dazu die Geduld?

Sebastian: Ja. Das ist aber auch die Gesellschaft, alles ist viel schneller wieder rum. Meine Karriere ist zum Beispiel sehr ungewöhnlich. Bei mir ging es erst mit Ende zwanzig so langsam los und bei dem großen Eberhofer-Erfolg war ich dann schon über 40. Aber das stimmt schon: Geduld gibt’s nicht mehr oder dass eine Sache wachsen muss. 
Simon: Heute muss man durch die Decke schießen und wenn da nicht gleich was nachkommt, dann bist du auch wieder weg. Für die Jungen ist es echt schwierig. Dann noch der ganze Druck mit Facebook, Twitter und Instagram. Ständig dieser schwachsinnige Wettbewerb, wer wie viele Follower hat. Es gibt tatsächlich Redaktionen und Caster, die auf so etwas Wert legen. Aber da kann ich nur jedem den Tipp geben, nicht mehr mitzumachen. Das hat nichts mit dem Beruf zu tun.

Sebastian Bezzel und Simon Schwarz im Interview

Sebastian Bezzel (links) und Simon Schwarz im gemeinsamen Interview mit Mucbook

Haben es Nachwuchskünstler heute insgesamt schwerer mit dem Druck, der sich rund herum aufbaut?

Sebastian: Jungstars werden heute dazu angehalten, alles zu posten und dann muss es auch noch modellmäßig ausschauen. Wenn ich mir vorstelle, dass ich mit zwanzig für jeden Mist, den ich gemacht habe, über Follower direkt eine Währung darauf gekriegt hätte, ist das für mich Horror! Du stellst dich selbst in ein Schaufenster. Das ist doch auch komplett unnatürlich.
Simon: Ich glaube, dass du viel mehr Angst hast. Um richtig gut zu werden, musst du auch richtig schlecht sein können. Damit du in eine Sache voll hinein triffst, musst du mit Mut rangehen. Da kannst du auch mal richtig daneben hauen. Das ist halt so. Aber wenn ich weiß, ich darf nie daneben hauen, dann beschränke ich mich und bleibe ich immer nur Mittelmaß. Etwas wirklich Großes kommt dabei nie heraus. 

Welche Rolle spielt da das hohe Tempo, das in der Branche herrscht?

Sebastian: Es muss halt immer der schnelle Erfolg sein. Und es muss auch immer gleich der größte Rekorderfolg sein. Ich freu mich total, dass der Eberhofer schöne Zuschauerzahlen hat, will aber nicht an irgendwelchen Wettbewerben unter Kollegen mitmachen. Das ist übrigens auch so eine Entwicklung bei den Öffentlich-Rechtlichen, obwohl die gebührenfinanziert sind. Da sollte es doch eigentlich darum gehen, wer macht den besten Film oder haben wir besonders gute Bücher. Der HR zum Beispiel, die achten da nicht so auf die Quoten und trauen sich was, die machen artifizielle, tolle Sachen.
Simon: Bei sowas kann dann eben auch was Gutes entstehen. Das ist das schöne an der Kunst. Wir machen eine neue Bewegung auf, wir zwei. Statt Slow Food machen wir jetzt Slow Art.
Sebastian: Slow Karriere.

Funktionieren deswegen die Eberhofer-Filme so gut? Die Welt dort ist ja ziemlich entschleunigt.

Sebastian: Ich habe einmal in einem Interview gesagt: „Der Eberhofer braucht nicht entschleunigen, der war nie schnell.“ Und das stimmt tatsächlich. Musik wird da noch über Kassetten gehört, da ist alles noch so herrlich analog. Das genießen die Leute dann, dass es nicht so durchdigitalisiert und schnell ist. 
Simon: Ja, es ist alles verhältnismäßig entschleunigt bei uns. So ein bisschen oldschool-modern. 

Nochmal zurück zum Thema Humor: Habt ihr einen Lieblingswitz?

Simon: Oh, ich bin ganz schlecht mit Witzen. Mir kann man einen Witz erzählen und einen Monat später kann ich wieder genau so drüber lachen, wie beim ersten Mal.
Sebastian: Also ein Witz, der bei den Dreharbeiten von Griesnockerlaffäre am Set rumging, den fand ich großartig, weil der sehr modern ist: Opa und Oma. Opa stirbt, sagt die Oma zu ihrer besten Freundin: „Mei der Opa, jetzt ist er tot, was mach ich denn jetzt?“ Sagt die Freundin: „Weiß nicht, vielleicht irgendwas mit Medien?“

Vielen Dank für das Gespräch!


In aller Kürze:

Was? Griesnockerlaffäre

Wann? Ab 03.08.2017 im Kino

Wo? Deutschlandweit


Beitragsbild/Interviewbild: © Mucbook / Alexa Edelsbrunner

Filmstill: © 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Bernd Schuller

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