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	<title>mucbook &#187; Buchkritik</title>
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	<description>Alles München</description>
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		<title>Aufschrei, Protest und Widerworte</title>
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		<pubDate>Sat, 08 May 2010 07:42:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Katrin Schuster</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Feiern & Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[Am Dienstag liest Iris Hanika aus ihrem neuen Roman &#8220;Das Eigentliche&#8221; in der Buchhandlung Lehmkuhl. Eine Rezension.

In der Mitte der Hauptstadt, heißt es im Roman „Das Eigentliche“, steht ein Gebäude, das Institut für  Vergangenheitsbewirtschaftung. In seinem Zentrum, im achten der sechzehn Stockwerke, befindet sich eine Maschine. Eine Maschine, die mit Geldscheinen gefüttert wird, damit sie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Dienstag liest Iris Hanika aus ihrem neuen Roman &#8220;Das Eigentliche&#8221; in der Buchhandlung Lehmkuhl. Eine Rezension.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-9687" title="Das Eigentliche" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2010/04/Das-Eigentliche.jpg" alt="Das Eigentliche" width="366" height="338" /><span id="more-9685"></span></p>
<p>In der Mitte der Hauptstadt, heißt es im Roman „Das Eigentliche“, steht ein Gebäude, das Institut für  Vergangenheitsbewirtschaftung. In seinem Zentrum, im achten der sechzehn Stockwerke, befindet sich eine Maschine. Eine Maschine, die mit Geldscheinen gefüttert wird, damit sie die Kantinenkarte der Angestellten mit einem Wert auflädt, der sich gegen Essen eintauschen lässt. Allerdings spuckt die Maschine „jeden Schein, egal, welchen Wert er darstellt, viele Male wieder aus“, als behage ihr die Tätigkeit des Vergleichens nicht besonders, „denn eine solche Wertüberführung ist eine zu ernste Sache, als daß man dabei Fehler machen dürfte; es darf der jeweils zu übertragende Wert nicht erhöht, noch verringert werden.“</p>
<p>Derselben Schwierigkeit sieht sich der Vergangenheitsbewirtschafter Hans Frambach alltäglich gegenüber, wenn er die Datenbank mit den Nachlässen und Zeugnissen von Opfern der nationalsozialistischen Diktatur füttert. Der Computer freilich wehrt sich nicht gegen diese Überführung von Leben ins Archiv, Frambach aber wurde vom Unbehagen an der Normalität seiner Tätigkeit, an der Institutionalisiertheit des Gedenkens ergriffen. „Aus dieser Arbeit ist das Shoah-Business geworden. Und darin fühle ich mich fremd“, erklärt er seiner besten (und einzigen) Freundin Graziela, mit der ihn einst die Verpflichtung der Nachgeborenen einte, die aktuell jedoch allererst ihren Freund Joachim im Kopf hat. Hans sagt: „Mittlerweile komme ich mir mit meinem Pflichtbewußtsein wie ein KZ-Wächter vor, nur daß heute die KZ-Wächter dafür da sind, die Erinnerung wachzuhalten. Wir bewachen nämlich auch die KZs. Denn ohne KZs wären wir alle arbeitslos.“</p>
<p>Dass KZs heute keine KZs mehr sind, weiß Iris Hanika, die Autorin dieser Sätze, natürlich. Und dennoch hat ihr Frambach Recht – heißt man Auschwitz im alltäglichen Sprachgebrauch doch tatsächlich „KZ“ und eben nicht „Gedenkstätte“. Eine nüchterne, weiters unkommentierte Liste mit Beispielen ähnlicher Zynismen, die wir ähnlich gedankenlos akzeptieren, findet sich ziemlich genau in der Mitte des Buchs. Sie nennt unter anderem den Vorschlag, den Potsdamer Platz in „Judenplatz“ umzubenennen; den Leiter einer Gedenkstätte, der von einem ehemaligen KZ-Häftling schwärmt, er sei „besser als Primo Levi“; den Bioladen, der stolz verkündet, kein Obst aus Israel zu verkaufen; die Frau von der Wiedergutmachungsinstitution, die begeistert von ihrem Treffen mit der „Crème de la crème der Überlebenden“ berichtet.</p>
<p>An Hans Frambach dagegen führt Iris Hanika vor, wie es aussehen und wie es sich anhören müsste, wenn die Vergangenheit wirklich anwesend, wirklich konkrete Gegenwart wäre. Frambachs PC-Passwort lautet „Hoess“, beim U-Bahnfahren denkt er an die Züge in die Vernichtungslager, bei der Economyclass ebenfalls an die Enge in den Viehwaggons. Und dann schämt er sich dafür, dass er sich für die Obszönität solcher Vergleiche – Frambach nennt es Frivolität, das sei weniger abgegriffen – nicht mehr schämt. „Das war lange Zeit seine konkrete Not gewesen, der Auschwitzvergleich; daß der so absurd war, hatte sie verstärkt. Doch war diese Not eben irgendwann von ihm abgefallen.“ Was er davon halten soll, weiß Frambach selbst nicht, denn das ist die große Frage, die dieser Roman immer wieder neu, immer wieder anders stellt: Wie soll man das Unbegreifliche denn überhaupt noch begreifen? Jetzt, da es längst in den Beton der Mahnmale gegossen und zum Stoff von Unterhaltungsfilmen geworden ist.</p>
<p>Diese Frage stellt Iris Hanika dem Leser mit bewundernswert ungeschützter Hartnäckigkeit. Die NS-Rhetorik bricht sich immer wieder Bahn, so dass der Leser ihrer Literarizität schlichtweg nicht entkommen kann; wer gerade spricht bleibt dabei oftmals unklar. Das Erzählen ist manchmal von einem fast märchenhaften Ton historischer Distanz (Hans und Graziela klingt ohnehin beinahe wie Hans und Grete); in Klammern erfolgen ironische Seitenhiebe auf den Business-Slang des Instituts oder werden Assoziationen bibliografisch exakt verortet. Zu diesen regelrechten Interventionen ist auch eine Art Minidrama zu rechnen, das in vier Szenen die vier Phasen des bundesdeutschen Umgangs mit dem Holocaust mit teils groteskem, teils zynischem Strich nachzeichnet. Nur nicht Erstarren in einem Jargon der Eigentlichkeit, wenigstens stets auf der Suche sein nach der Möglichkeit einer fünften Phase des Erinnerns.</p>
<p>Immerhin weiß Hans Frambach, wie man das Unbegreifliche nicht begreifen wird. Auf einer Kirchenmauer liest er den Schriftzug „Golgatha Plötzensee Auschwitz Hiroshima Mauern“. Er nimmt sich das zugehörige Infoblatt – und ringt vor Wut um Luft. „Alle Verbrechen aller Zeiten, entnahm er diesem Text, waren einfach und zufriedenstellend zu erklären. Deswegen konnten sie ja so nebenbei aufgelistet werden.“ Dass man dem Sinnlosen immer einen Sinn abgewinne, erregt er sich später gegenüber Graziela, „das ist es, was mich fertigmacht“.</p>
<p>Der Sakralisierung von Auschwitz entgegen setzt Hanika weiße Seiten; gleich zweimal wuchert plötzlich eine solche Leere aus dem Buch. Das erste Mal steht sie für die Fassungslosigkeit, auch die des Lesers. Das andere Mal trägt sie die Überschrift „Raum für Notizen“: Frambach hat soeben ein paar Blätter eines Nachlasses gestohl-, nein: vor der archivarischen Ver-Wertung gerettet. Diese Privatisierung fordert Hanika anschließend auch von ihren Lesern, und ausnahmsweise erscheint es möglich, dass manch einer hier zum Stift greift, da es vielen leicht fallen wird, dieses Buch als unerhört abzutun. Denn das ist es vom ersten bis zum letzten Satz: eine so unglaublich wie buchstäblich unerhörte Zumutung, die einfach nicht aufhört, in den Ohren zu sausen und das Hirn zu martern. Ein Aufschrei, Protest und Widerworte dürften mithin ganz im Sinne der Autorin sein – dann nämlich wäre an das Gespräch, das „Das Eigentliche“ beginnt, angeknüpft, würde es fortgesetzt in die Zukunft, würde es nicht zum Ende kommen. Um die richtigen Worte zu finden, muss man sie schließlich suchen wollen.</p>
<p><strong><em><a title="Iris Hanikas Website" href="http://www.iris-hanika.de/" target="_blank">Iris Hanikas</a> neues Buch „Das Eigentliche“ ist soeben im österreichischen Droschl Verlag erschienen und kostet 19 Euro. Am Dienstag, den 11. Mai, liest die Autorin um 20.30 Uhr in der <a title="Buchhandlung Lehmkuhl" href="http://www.leben-mit-buechern.de/lehmkuhl-start.htm" target="_blank">Buchhandlung Lehmkuhl</a> (</em><em><span>Leopoldstraße. 45)</span></em></strong><strong><em>. Der Eintritt kostet sechs Euro.<br />
</em></strong></p>
<p><em>Diese ist Rezension von Katrin Schuster, der Macherin des Blogs literatur-muenchen.de (<a onclick="javascript:pageTracker._trackPageview('/outbound/article/www.literatur-muenchen.de');" href="http://www.literatur-muenchen.de/">www.literatur-muenchen.de/</a>), ist in der <a title="Maiausgabe des KLAPPENTEXT" href="http://www.literatur-muenchen.de/blog/wp-content/uploads/2010/04/klappentext-mai.pdf" target="_blank">Maiausgabe</a> des Münchner Literaturmagazins KLAPPENTEXT erschienen. Ein KLAPPENTEXT-Abonnement (<a onclick="javascript:pageTracker._trackPageview('/outbound/article/www.literatur-muenchen.de');" href="http://www.literatur-muenchen.de/blog/mehrklappentext/ja-ich-will/">www.literatur-muenchen.de/blog/mehrklappentext/ja-ich-will/</a>) ist kostenlos.</em></p>
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		<title>Man sollte ihr die Beine mit einer Axt abhacken!</title>
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		<pubDate>Fri, 07 May 2010 14:59:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Markus Michalek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Feiern & Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[Wer Gewalten  von Clemens Meyer noch nicht gelesen hat, sollte das besser tun. Einen Eindruck konnte man gestern beim dritten Geburtstag der Münchner Lesungsreihe Kellergeister in der Unilounge hören – Literatur, wie sie lebt, leibt und ordentlich reinknallt.
So auch der Autor, der es sich nicht nehmen lässt, einerseits auf seine sächsische Herkunft zu verweisen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer <em>Gewalten </em> von Clemens Meyer noch nicht gelesen hat, sollte das besser tun. Einen Eindruck konnte man gestern beim dritten Geburtstag der Münchner Lesungsreihe <em>Kellergeister</em> in der Unilounge hören – Literatur, wie sie lebt, leibt und ordentlich reinknallt.<span id="more-9965"></span></p>
<p>So auch der Autor, der es sich nicht nehmen lässt, einerseits auf seine sächsische Herkunft zu verweisen und andererseits im Moderatoren-Gespräch mit dem Münchner Schriftsteller Daniel Grohn eine ordentliche Keule in Richtung Literaturkritik auspackt. <em>Mein Buch mit dem Satz, ein Mann, ein Colt, ein Dosenbier (<a href="http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/Produktdetails/Buch+Gewalten+Clemens_Meyer/5538501.do;jsessionid=664B544C4F6A803605DE81D017D07C79.rilke:9009?extraInformationShortModus=false&amp;currentExtraInformationTab=">SZ-Rezension</a></em><em>) zu charakterisieren, das heißt entweder, es wurde nicht gelesen, oder schlimmer noch, nicht begriffen &#8230;</em> Und auch gegen störende Geräusche hat er eine passende Erwiderung parat. Einer den Lesungsraum durchschreitenden Frau solle man doch bitteschön <em>die Beine mit einer Axt abhacken, also dieses Bamm, Bamm, Bamm, das ist doch unverschämt!</em></p>
<p><em><span style="font-style: normal">Also was genau verbirgt sich hinter dem Phänomen Clemens Meyer und seinem vielumstrittenen Tagebuch </span>Gewalten?</em></p>
<p><em><span style="font-style: normal">Elf Geschichten, die ein Protagonist namens Clemens Meyer erlebt. Sie tragen Titel wie D</span>raussen vor der Tür, im Bernstein, <span style="font-style: normal">oder </span>in den Strömen <span style="font-style: normal"> und immer ist es ein Alter Ego des Autors, das abschweift, den Alltag beschreibt, politisch-aktuelle Diskurse bespricht, da wird kein Blatt vor den Mund genommen. Leicht zugänglich ist dieses Werk nicht unbedingt, aber ein Kunstwerk und ein literarisch hochwertiges, das ist es allemal. Schon allein deswegen, weil Meyer als Autor in diesem Fall nicht mehr an irgendwelche Marktanforderungen gebunden war.</span> <span style="font-style: normal">Denn entstanden sind die </span>Gewalten<span style="font-style: normal"> als Stipendienbegleitende Veröffentlichung. Da schert man sich eben nicht um den ein oder anderen Trend, der gerade in den Marketingabteilungen der Verlage </span>en Vogue <span style="font-style: normal">sein mag. Fast nebenbei in der Lektüre enthalten: gesellschaftsfähige Tips für den Alltag, z.B. </span><span style="font-style: normal">wie man einen verplombten Stromzähler wieder lauffähig bekommt &#8230;<br />
</span><br />
<span style="font-style: normal">Clemens Meyer war allerdings nicht der einzige Lesende an diesem Abend. Im traditionellen Vorprogramm der Kellergeister las David Vondratschek, Absolvent des LMU-manuskriptum-Kurses aus seinem noch entstehenden Text (ebenfalls Tagebuch) </span>einige wichtige Gedanken, ein Tagebuch zwischen München und Prag.<span style="font-style: normal"> Selbst wenn hier die Meyersche Größe noch längst nicht erreicht ist und ein wenig zuviel Bildungsbürgertum mitschwingen mag – die sprachlich ausgefeilte Ironie des Autors macht Lust auf mehr und lässt gerechtfertigt die Hoffnung offen, auch diesen Text eines Tages in Buchform zu sehen. Es wäre dem Autor zu wünschen – und dem Markt, den was wir definitiv brauchen, sind mehr gute Bücher.</span></em></p>
<p><em>Nachtrag: Was Clemens Meyer neben seiner schriftstellerischen Größe als Mensch auszeichnet: Im Publikum nachzufragen, wer welche Episode aus <span style="font-style: normal">Gewalten <span style="font-style: normal">bereits von ihm gelesen gehört hat – um Redundanzen zu vermeiden. Das passiert sicherlich nicht alle Tage auf einer Lesung &#8230; </span></span></em></p>
<p><em> </em></p>
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		<title>&#8220;Alles aus!&#8221; (Schon wieder&#8230;)</title>
		<link>http://www.mucbook.de/2010/04/30/alles-aus-schon-wieder/</link>
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		<pubDate>Fri, 30 Apr 2010 10:41:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Katrin Schuster</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Feiern & Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[Gerhard Henschel verkündet nicht den Untergang der Welt. Aber vielleicht den Untergang des Untergangs. Am Dienstag liest er in den Kammerspielen.

Das ewige Gezicke zwischen Zeitungen und World Wide Web, die sich gegenseitig die Schuld am Niedergang der Kultur zuschieben wollen, nervt ja nicht erst seit gestern. Da kommt  „Menetekel“ tatsächlich mehr als recht. Denn darin [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gerhard Henschel verkündet nicht den Untergang der Welt. Aber vielleicht den Untergang des Untergangs. Am Dienstag liest er in den Kammerspielen.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-9676" title="untergang des abendlandes" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2010/04/untergang-des-abendlandes.jpg" alt="untergang des abendlandes" width="366" height="338" /><span id="more-9671"></span></p>
<p>Das ewige Gezicke zwischen Zeitungen und World Wide Web, die sich gegenseitig die Schuld am Niedergang der Kultur zuschieben wollen, nervt ja nicht erst seit gestern. Da kommt  „Menetekel“ tatsächlich mehr als recht. Denn darin fasst der Autor all die zahllosen Warnungen vor dem Untergang des Abendlandes mit einer herrlich ätzenden Ironie zusammen.</p>
<p>Und landet auf dieser Suche nach der darin immer wieder beschworenen guten alten Zeit erst einmal im Pliozän: Nur damals, so folgert Henschel, nachdem er sich immer weiter zurück gelesen und überall nur dieselben Klagen über den Verfall der Sitten und der Moral gefunden hat, habe wohl jene Monogamie und jene „Rassentreue“ geherrscht, die die nimmermüden Mahner ein ums andere Mal als einzige Möglichkeit des Überlebens vorstellten. „Vegetiert hatten diese ostafrikanischen Urahnen der Menschheit im Pliozän“, schreibt Henschel, „ohne Kenntnis der Feuerzähmung, ohne Faustkeil, Steinaxt, Töpferscheibe, Rad und Pflug und auch ohne Tisch und Bett, ohne Kamm und Seife, aber dafür in der Gesellschaft des Säbelzahntigers. Wenn das die gute alte Zeit war, sollten die ‚Propheten des Niedergangs‘ die Korrelation zwischen maßlosem Lebensgenuss und kulturellem Abstieg noch einmal gründlich überdenken.“</p>
<p>Getreu nach Michael Rutschkys Satz, dass „die apokalyptische Rede […] ihrer Form nach, ganz unabhängig davon, was sie verkündet, autoritativ“ sei, nimmt sich Gerhard Henschel dann alle schön nacheinander vor: die Menetekel der Kirchenväter, den Mythos vom Untergang Roms durch unkeuschen Lebenswandel, die Germanen als Ikone einer natürlichen Kultur, die Warnungen vor der Großstadt, dann Ernst Moritz Arndt, Oswald Spengler, die Stunde Null, die keine war, Günther Anders und Rolf Dieter Brinkmann. Dabei kommen freilich auch Henschels Säulenheilige der Neuen Frankfurter Schule wie seine höllische Ikone, die BILD-Zeitung, nicht zu kurz, und die kleine Diskursgeschichte beginnt sich langsam zu vernetzen.</p>
<p>Am liebsten ist es Henschel dabei, die Denunziatoren selbst zu denunzieren: Es seien nicht die modernen Zeiten, sondern ganz allein die Apokalyptiker, die ihre geilen Fantasien nicht zügeln könnten und deshalb von nichts anderem sprächen. Die rhetorische „Dauerbeschäftigung mit der Fleischeslust“ dieser „Voyeure des Sittenverfalls“, „deren Heftigkeit mehr über den Aufruhr im Gemüt der Zeugen verrät als über den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen“, entlarve höchstens ihre Autoren, aber niemals die Zeiten, in denen sie geschrieben wurden. Und hinter diesem Schleier steckt meist nicht mehr als der blanke Rassismus und Nationalismus. „Menetekel“ taugt mithin selbst gar nicht so schlecht zum Menetekel – als laute Warnung an all die Untergangspinsler, dass ihnen einer auf die Finger sieht und die Zeichen der „pastörlich getönten Denunziation der permissiven Gesellschaft“, die da an die Wand gemalt werden, genau kennt und wiedererkennt. Man sollte sich wirklich ernsthaft überlegen, ob man dieses Buch nicht als Pflichtlektüre einführt für alle, die in der Öffentlichkeit publizieren wollen. Dann wäre es vielleicht manchmal ein wenig stiller und angenehmer – ganz so wie in den guten alten Zeiten eben, die niemals existiert haben.</p>
<p><strong><em>Gerhard Henschel „Menetekel – 3000 Jahre Untergang des Abendlandes&#8221; ist soeben bei Eichborn  erschienen. Es kostet 32 Euro. Am Dienstag, den 4. Mai, <a title="Lesung bei den Kammerspielen" href="http://www.muenchner-kammerspiele.de/index.php?URL=index.php%3F%26SeitenID%3Dhome" target="_blank">liest</a> Henschel ab 20 Uhr im Neuen Haus der Kammerspiele (Falckenbergstraße 1)</em></strong><strong><em>. Der Eintritt kostet neun Euro (ermäßigt fünf).</em></strong></p>
<p><em>Diese ist Rezension von Katrin Schuster, der Macherin des Blogs literatur-muenchen.de (<a onclick="javascript:pageTracker._trackPageview('/outbound/article/www.literatur-muenchen.de');" href="http://www.literatur-muenchen.de/">www.literatur-muenchen.de/</a>), ist in der <a title="Maiausgabe des KLAPPENTEXT" href="http://www.literatur-muenchen.de/blog/wp-content/uploads/2010/04/klappentext-mai.pdf" target="_blank">Maiausgabe</a> des Münchner Literaturmagazins KLAPPENTEXT erschienen. Ein KLAPPENTEXT-Abonnement (<a onclick="javascript:pageTracker._trackPageview('/outbound/article/www.literatur-muenchen.de');" href="http://www.literatur-muenchen.de/blog/mehrklappentext/ja-ich-will/">www.literatur-muenchen.de/blog/mehrklappentext/ja-ich-will/</a>) ist kostenlos.</em></p>
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		<title>Von autistischen Kühen und einem Turnbeutel</title>
		<link>http://www.mucbook.de/2010/03/03/von-autistischen-kuhen-und-einem-turnbeutel/</link>
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		<pubDate>Wed, 03 Mar 2010 15:17:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Markus Michalek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Feiern & Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[
Ein denkwürdiger Abend im Münchner Literaturhaus, wo die Nominierten für den diesjährigen Leipziger Buchpreis lasen &#8211; mit dabei: Helene Hegemann.
Fünf Autoren/Innen und zwei Moderatoren, die stellenweise hilflos wirken, stellenweise einen Slapstickgag nach dem Anderen in bester Loriot-Manier servieren (dies mag der besonderen Tatsache geschuldet sein, dass der Abend gleichzeitig fürs Radio mit aufgezeichnet wurde) und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-7810" title="Hegemann1" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2010/03/Hegemann1.jpg" alt="Hegemann1" width="430" height="322" /></p>
<p>Ein denkwürdiger Abend im Münchner Literaturhaus, wo die Nominierten für den diesjährigen Leipziger Buchpreis lasen &#8211; mit dabei: Helene Hegemann.</p>
<p><span id="more-7791"></span>Fünf Autoren/Innen und zwei Moderatoren, die stellenweise hilflos wirken, stellenweise einen Slapstickgag nach dem Anderen in bester Loriot-Manier servieren (dies mag der besonderen Tatsache geschuldet sein, dass der Abend gleichzeitig fürs Radio mit aufgezeichnet wurde) und ein Publikum, das bekommt, was es verdient, denn die wirklich große Literatur passiert erst am Ende.</p>
<p><strong>Anne Weber</strong> mit ihrem unterhaltsamen, leicht lesbaren, aber dennoch tiefgründigen Roman<em> Luft und Liebe</em>. Eine Autorin, die ihre Bücher auf Deutsch und Französisch schreibt – Sprachdistanz sei wichtig, gibt sie im Moderatorengespräch an. „Jedem kann man Derartiges nicht erzählen“, so einer der besten Sätze aus ihrer vorgetragenen Buchpassage, einer Liebesgeschichte voller Dopplungen, die sicherlich ihre Leser(innen) finden dürfte. Bereits hier zeichnet sich ab, was den Abend dominieren wird. Unsägliche Diskussionen um die ewig alte Frage nach der Biographie. Haben Sie das alles erlebt, Frau Weber, oder haben sie sich das ausgedacht? Als wäre das die einzig wirklich wichtige Frage – des Pudels Kern …</p>
<p><strong>Lutz Seiler</strong>, ein Autor der einen Erzählband vorlegt, <em>Die Zeitwaage</em>. Dass er von der Lyrik kommt, spürt man sofort an seinen rhythmusdiktierten Sätzen. Es gibt nichts auszusetzen und spiegelt das Spezielle des Leipziger Buchpreises wider: Auch Erzählbände können hier gewinnen – anders als in Frankfurt. Lutz Seiler jedenfalls weiß das Publikum zu unterhalten. Der Moderator schenkt ihm später einen Turnbeutel, an Anne Weber geht eine Tafel Schokolade, an Georg Klein später Lakritz. Mit den Fragen nach der Biografie geht er locker um, er gibt Anekdoten aus der Schulzeit zum Besten und die <em>Zeitwaage</em>, eines der unverzichtbaren Werkzeuge für Uhrmacher, wirft für einen kurzen Moment Magie in den Saal – ein Literat zeigt was mit Worten möglich ist.</p>
<p><strong>Jan Faktor</strong>,  Autor mit Prager Wurzeln, ist der Nächste an diesem Abend, der die Messlatte für Literatur ein Stückchen weiter anhebt. Sein Auszug aus dem Roman mit dem irrwitzigen Titel <em>Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag</em> führt das Publikum zurück in die Zeit des Prager Frühlings. Harte, schnelle Betrachtungen und politische Diskurse bis hin zum Maoismus finden in diesem Saal allerdings nur wenig Anklang – überall überforderte Gesichter. Jan Faktor ist zugleich aber auch der erste Autor, der sich gegen die unsägliche, den ganzen Abend über mit der Brechstange geführte Biografiedebatte wehrt. Die Diskussion würde zu kompliziert werden, die Auffassung des Moderators hinsichtlich des Prager Frühlings wäre viel zu niedlich – mit derartigen Antworten weicht er aus, zeigt deutlich, dass es ihm nicht der Sinn danach steht, sich in dieser Kategorie festnageln zu lassen. Ein Autor, der die Ästhetik des Hässlichen befürwortet und als Einziger noch aus einem ungedruckten Buch liest – ganz altmodisch vom DIN A4-Blatt, selbst wenn es sich dabei um eine Druckfahne handeln dürfte.</p>
<p><strong>Helene Hegemann</strong>, auf die alle zu warten scheinen, für viele offenbar der Anreiz, überhaupt zu kommen. Das mittlerweile 18-jährige Mädchen, dass die Republik in Freund und Feind gespalten hat, wie ihr vom Moderatoren konstatiert wird, gibt erwartungsgemäß markige Antworten: „Ich lade keine Filme oder Musik illegal aus dem Netz herunter“, sagt sie. Das klingt fast höhnisch, bedenkt man ihre seltsame literarische Arbeitsweise, zu der sie sich auch trotz wiederholter Nachfragen nicht klar äußern kann oder will. „Wenn man strafmündig ist, ist das auch nicht so wahnsinnig großartig“, sagt sie. Sie wolle jedenfalls keine autistische Kuh sein, die belanglos über ihr Angeborenes und Selbsterlebtes schreibt, bricht es schließlich aus ihr heraus. Die barbarische Pressemaschinerie dankt ihr für solche Äußerungen, ihre immer noch elliptische Sprechweise und eine atemberaubende Lesegeschwindigkeit jedenfalls machen Mitschreiben schwer.</p>
<p>Knapp drei Minuten dauert ihr Vortrag aus <em>Axolotl Roadkill</em>, ein einziger, unakzentuierter Brei aus Wörtern (Gewalt, Kotze, Familie, das kam so in etwa vor), aus dem freilich einige herausragen. „Grobporig“, flüstert ein Sitznachbar, das sei übrigens auch aus Strobo. Das Publikum jedenfalls, das zu einem großen Teil aus Frauen zwischen 40 und 50 besteht, dankt ihr diesen Auftritt mit Applaus und verlässt danach schnell den Saal. Den Tick, sich ständig die Haare aus dem Gesicht zu streichen, hat sie mittlerweile gut unter Kontrolle. Wohl auch eine Auswirkung der Pressemaschinerie. Doch deren Opfer zu sein, dieses Image versucht sich wacker weiter zu halten.</p>
<p><strong>Georg Klein</strong>, der letzte und vermutlich routinierteste Autor, nimmt ein derartig unerzogenes Publikum jedenfalls gelassen. Ein Träger des Bachmannpreises lässt sich schließlich nicht von einem Buchhype und daraus resultierenden Menschverhalten wie durch <em>Axolotl Roadkill</em> ausgelöst, aus der Fassung bringen. Schmunzelnd, mit Genuss verliest er aus seinem <em>Roman unserer Kindheit</em> die vermutlich beste Literatur-Passage an diesem Abend: Ein Stück Zeitgeschichte, das bis in den Zweiten Weltkrieg zurückführt und durch seine dämonische Eindringlichkeit für Ruhe und definitiv konzentrierte Gesichter im Publikum sorgt. Dass es wie zuvor bei Hegemann brutal zugeht, Blut fließt, auch Sex eine gewisse Rolle spielt, das hat hier einen anderen Stellenwert. Die über 30 Jahre Unterschied zwischen diesen beiden Autoren machen sich vor allem in der Qualität ihrer Texte bemerkbar. Ein begnadeter Entertainer ist er im Übrigen auch, der Herr Klein. Dass Witze Knallfroschprosa seien, gibt er in seinem Abschlussgespräch zum Besten und ebenso freimütig: Mein Werk ist ein Autobiografisches – ein glückliches Moderatorengesicht die Folge.</p>
<p>Ein denkwürdiger Abend im Literaturhaus München und fünf Autoren, die für einen Preis antreten. Dass es die Jury definitiv nicht leicht haben wird, ist klar. Ob es aber wie bei den vergleichsweise olympischen Spielen nach genauen und nachvollziehbaren Kriterien wie Zeit und Zeitmessung gehen sollte, bleibt offen. Wer wissen will, ob sein persönlicher Tip richtig liegt: am 18. März 2010 dürfte gegen 16 Uhr der oder die Preisträgerin bekannt gegeben werden. Von uns schon mal einen herzlichen Glückwunsch, verdient hätten ihn alle fünf.</p>
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		<title>Freundschaft mit Anna</title>
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		<pubDate>Sun, 21 Feb 2010 10:09:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Beate Tröger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Feiern & Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[Am Mittwoch liest Rosemarie Tietze aus ihrer Neuübersetzung von Lew Tolstois &#8220;Anna Karenina&#8221;. Eine Buchkritik über eine Übersetzerin, die sich mit ihrer Hauptfigur befreundet hat.

Sie gehört wohl zu den allerunglücklichsten unter den unglücklichen Frauen der  Literaturgeschichte: Anna Karenina. Die Leidensgeschichte dieser Frau, die, mit dem kühlen Karrieristen Karenin verheiratet, eine Mesalliance mit Oberst Wronski eingeht, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Mittwoch liest Rosemarie Tietze aus ihrer Neuübersetzung von Lew Tolstois &#8220;Anna Karenina&#8221;. Eine Buchkritik über eine Übersetzerin, die sich mit ihrer Hauptfigur befreundet hat.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-6205" title="tolstoi" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2010/02/tolstoi.jpg" alt="tolstoi" width="430" height="469" /><span id="more-6202"></span></p>
<p>Sie gehört wohl zu den allerunglücklichsten unter den unglücklichen Frauen der  Literaturgeschichte: Anna Karenina. Die Leidensgeschichte dieser Frau, die, mit dem kühlen Karrieristen Karenin verheiratet, eine Mesalliance mit Oberst Wronski eingeht, und sich nach der Enthüllung des Verhältnisses ins gesellschaftliche Aus begibt, hat im Jahr 1875, zur Zeit ihres ersten Erscheinens als Fortsetzungsroman in der russischen Zeitschrift „Usski westnik“ die Gemüter erhitzt, die Vorstellungskraft beflügelt, ihre Leser die Zeit vergessen lassen.</p>
<p>Dies gilt bis heute. Mehrere Verfilmungen, Bühnenadaptionen nahmen den Text zur Grundlage. „Anna Karenina“ hat große Romanciers wie Thomas Mann beeindruckt, Vladimir Nabokov griff den ersten Satz des Romans in „Ada oder das Verlangen“ auf, Milan Kundera ließ den Hund der Protagonistin Teresa in „Die unendliche Leichtigkeit des Seins“ nicht ohne Ironie auf den Namen</p>
<p>Karenin hören. Fünfzig Jahre sind vergangen seit der letzten deutschen Übersetzung dieses großen Gesellschaftsromans, an dem Lew Tolstoi fünf Jahre lange arbeitete. Rosemarie Tietze legt nun eine neue vor, und es scheint, als befreie diese Übersetzung ein kostbares Lieblingsstück im Bücherschrank vom Staub, um es in neuem Glanz erstrahlen zu lassen.</p>
<p>Tietze betont in ihrem Nachwort, dass es ihr darauf ankam, die sprachlichen Eigenheiten von Tolstoi nicht zugunsten eines geschlosseneren Leseeindruckes aufzuheben. Tolstoi bediene sich häufiger Wiederholungen, verwende flüchtig wirkende und abgerissen klingende Sätze. Vieles davon sei in den etwa zwanzig vorangegangen Übersetzungen ins Deutsche der sprachlichen Glätte zuliebe eingeebnet worden. Zugleich beansprucht Tietze aber nicht die „ideale“ Übersetzung. Denn Übersetzung komme nie an ein Ende – erst recht nicht bei dieser Enzyklopädie des russischen Lebens der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.</p>
<p>Bereits die deutsche Übersetzung von Fred Ottow brachte an vielen Stellen zum Vorschein, was Tolstois Roman zu Weltrang verholfen hat: die Lebendigkeit der Figurenzeichnung. Es sind keine Typen, sondern so differenzierte Charaktere mit anziehenden und abstoßenden Seiten, wie man sie sich auch in der Realität manchmal wünschen würde. Karenin etwa ist eben nicht einfach der eiskalte Bürokrat, Wronski nicht nur der amoralische Vertreter der adligen Jeunesse dorée. Lewin nicht nur ein der Gesellschaft abgewandter Grübler, der auf seinem Landgut die Moral retten will und das Leben unter Bauern und Tagelöhnern dem Leben in den Salons vorzieht.</p>
<p>Auch Tolstois Kunst, Spannungsbögen zu ziehen, die Geschichte geschickt zu retardieren, einzelne Handlungsfäden bereits in Nebenaspekten anzudeuten – wenn etwa bei Annas erster Begegnung mit Wronski bei ihrer Ankunft am Moskauer Bahnhof ein Mann Selbstmord begeht –, und einzelne Regungen seines Personals in inneren Monologen weit voranzutreiben, um sie dann doch des Irrtums zu entlarven, halten die Lektüre unvergleichlich aufregend. So auch die Gegenüberstellung individueller Entwicklung und gesellschaftlicher Prozesse, zudem die Virtuosität, mit der Tolstoi die Figuren choreographiert und in stets wechselnde und sich ineinander spiegelnde Konstellationen bringt.</p>
<p>Dennoch: während bei der ersten Lektüre von Ottows Übersetzung das Einzelschicksal der titelgebenden Protagonistin zentral zu sein schien und vieles von den politischen und gesellschaftlichen Dimensionen des Romans fremd wirkte, ergibt sich nun in der von Rosemarie Tietze ermöglichten Relektüre ein äußerst plastisches Bild der Verhältnisse im zaristischen Russland vor der Revolution. Die Dekadenz des Adels, sein Hang zur Verschuldung, die Unzufriedenheit über verkrustete Strukturen, die Bedrängnis, unter der nicht nur die Protagonistin, sondern das ganze Volk zu leiden hat – all das scheint in der Neuübersetzung greif barer und drastischer zu werden, wirkt in mancherlei Hinsicht aktueller als manch eine der gesellschaftlichen Analysen in Romanen der Gegenwart.</p>
<p>Letztlich (und hier muss Bedauern darüber geäußert werden, dass der Roman der Rezensentin in der Originalsprache unzugänglich bleibt) ist Tolstois Erzählkunst einzigartig im handwerklichen wie im schöpferischen Sinn: wie Wronski im Beisein der zitternden Anna sein Rennpferd zuschanden reitet; wie Lewin auf seinem Land mit seinen Tagelöhnern unter der glühenden Sonne schwitzend das Gras mäht; wie Kitty, die sich anfangs noch der Liebe Wronskis sicher glaubt, bei einem Ball bitter enttäuscht wird, da Wronski bereits dem Zauber Annas verfallen ist; wie Anna den Arm ihres Mannes ausschlägt, der sie dazu einladen soll, das Gesicht in der Gesellschaft zu wahren – Szenen wie diese stehen zugleich modell- und beispielhaft für gelungene Romandramaturgie, für genaueste Beobachtungsgabe. Tolstois Schilderungen werden sich dem Leser unvergesslich ins Gedächtnis eingraben, werden ihn an bestimmten Stellen rätseln lassen, auf wessen Seite der Erzähler gerade steht, seine Dialoge werden streckenweise vergessen lassen, dass hier überhaupt ein Erzähler noch die Fäden ordnet, die Figuren führt.</p>
<p>Man darf Rosemarie Tietze und dem Hanser Verlag dankbar sein, diesen unerschöpflichen Text durch die Neuübersetzung rechtzeitig zu Tolstois 100. Todestag in neuem Sprachkleid ein weiteres Mal in eine Gegenwart geholt zu haben, in der dieses gewaltige Opus immer schon stand und weiter stehen wird. Nicht nur Tolstoi hat beim Schreiben des Romans Herzblut fließen lassen, sondern auch die Übersetzerin Tietze, wie in den Schlusssätzen des Nachwortes in anrührendster Weise deutlich wird: „Die Übersetzerin jedenfalls ist Tolstoi und seiner Verlebendigungskunst auf den Leim gegangen. Sie hat sich angefreundet mit Anna, hat gestritten und gehadert mit ihr, auf sie einzuwirken versucht und gebangt um sie. Nein, nein, Anna lebt!“ Und sie scheint jünger als je zuvor.</p>
<p><em><strong>Rosemarie Tietze liest am 24. Februar ab 20 Uhr im <a title="Literaturhaus" href="http://www.literaturhaus-muenchen.de/home.asp" target="_blank">Literaturhaus</a> (Salvatorplatz 1) aus ihrer Neuübersetzung von Lew Tolstojs Roman “Anna Karenina”. Wladimir Tolstoj, Ururenkel des Dichters, wird Auszüge einige russische Passagen lesen. Gemeinsam diskutieren sie über die Entstehungsgeschichte und die Originalschauplätze des Romans. Der Eintritt kostet acht bzw. sechs Euro.</strong></em></p>
<p><em>(Diese Rezension von Beate Tröger erschien in der Februarausgabe des Münchner Literaturmagazins KLAPPENTEXT. Ein <a title="Klappentext - Münchens Literaturmagazin" onclick="pageTracker._trackPageview('/outbound/article/www.literatur-muenchen.de');" href="http://www.literatur-muenchen.de/blog/mehrklappentext/ja-ich-will/" target="_blank">KLAPPENTEXT-Abonnement</a> ist kostenlos.</em><em>)</em></p>
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		<title>Geschichten von Grenzen</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Feb 2010 08:59:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Katrin Schuster</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Feiern & Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[Am Donnerstag liest der polnische Journalist Wlodzimierz Nowak aus seinem neuen Reportagenband. Im Vorfeld: Eine Rezension.

Gegen die Rede von der „Stunde Null“ ist ja viel und oft Einwand erhoben worden. Jedoch waren dann meist die Täter gemeint, von denen sich viele bald wieder in Diensten des neuen Staates fanden. Oder die Deutschen im Allgemeinen, deren [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Donnerstag liest der polnische Journalist Wlodzimierz Nowak aus seinem neuen Reportagenband. Im Vorfeld: Eine Rezension.</p>
<p><img title="nowak1" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2010/02/nowak1.jpg" alt="nowak1" width="430" height="487" /><img title="Weiterlesen..." src="http://www.mucbook.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif" alt="" /></p>
<p><span id="more-6198"></span>Gegen die Rede von der „Stunde Null“ ist ja viel und oft Einwand erhoben worden. Jedoch waren dann meist die Täter gemeint, von denen sich viele bald wieder in Diensten des neuen Staates fanden. Oder die Deutschen im Allgemeinen, deren Mentalität sich keinesfalls von der einen auf die andere Stunde von der nationalsozialistischen Ideologie verabschiedet hatte. Nur von den Opfern ist bei solcher Begriffskritik im Grunde nie die Rede – als zeitigte der Zweite Weltkrieg bei ihnen keine Folgen und wäre am 9. Mai 1945 um 0.16 Uhr tatsächlich all ihr Leid ausgestanden gewesen.</p>
<p>Wie dieser Krieg die Genealogien für Jahrzehnte in Unordnung brachte, wie er an Biografien mitschrieb und auch heute noch mitschreibt, ist das große Thema des Bandes „Die Nacht von Wildenhagen“, der zwölf Reportagen des polnischen Journalisten Wlodzimierz Nowak versammelt; und für den er sogar für den polnischen Literaturpreis Nike nominiert wurde, den zweifellos renommiertesten des Landes. „Zwölf deutsch-polnische Schicksale“ finden sich laut Untertitel darin. Doch das ist gelogen: Es sind derer viel, viel mehr.</p>
<p>Da wären zum Beispiel Alodia und Daria, die Töchter des Mediziners Franciszek Witaszek, der 1942 von der Gestapo verhaftet wurde, weil er einer Untergrundgruppe angehörte, die Attentate geschicktester Art auf die Nationalsozialisten verübte. Die Deutschen sollen eine gewisse Bewunderung für Witaszek gehegt haben, ihn sogar zur Kooperation gedrängt haben, doch der Arzt lehnte ab. „Angeblich sind aus Berlin zwei Schreiben gekommen; das eine mit dem Befehl, ihn zu hängen, laut dem anderen sollte er geköpft werden. Mit deutscher Gründlichkeit wurden beide Anweisungen ausgeführt“, erzählt Nowak. Die beiden Töchter kommen – man hält sie für „rassisch wertvoll“ – in ein Lebensborn- Heim, werden von verschiedenen Müttern adoptiert, die eine nach Österreich, die andere nach Stendal bei Berlin. Erst Ende 1947 kehren die Mädchen, die man nun Alice und Dora nennt, heim nach Polen. Doch das ist ihnen kein Zuhause mehr: „Für uns war der Krieg nicht zu Ende. Unsere Geschwister verstanden uns auch nicht. Mama musste übersetzen, sie konnte Deutsch.“</p>
<p>Und da wäre außerdem die gescheiterte Ehe zwischen dem Deutschen Gerhard und der Polin Wanda. Oder die Geschichte von Manfred, einem jungen deutschen Soldaten, der zu den Polen überlief, fortan Malutka hieß, immer wieder zwischen die Fronten geriet und für einen Russen gehalten wurden, weil er sich als Engländer ausgab. Oder jene titelgebende Nacht von Wildenhagen, in der sich die deutschen Bewohner der Stadt Lubin aus Angst vor den Russen reihenweise selbst umbrachten: Mütter erhängten ihre Kinder, schnitten ihnen die Kehle auf, sprangen aus dem Fenster. Kaum weniger unerträglich die Geschichte von Mathi Schenk, der im Alter von gerade einmal 18 Jahren als Sturmpionier der SS beim Niederschlagen des Aufstands von Warschau an vorderster Front steht. Auch für ihn ist der Krieg nicht zuende: Wie ein Mensch dem anderen den Schlädel einschlägt, Kinder von Panzern überfahren werden, mit grinsendem Gesicht getötet wird, vergisst man nicht. Genauso wenig wie die Lakonie, mit der Wlodzimierz Nowak das notiert.</p>
<p>Und heute? Die deutsch-polnische Grenze ist weiterhin prekär, auch davon erzählt Nowak. Von der von der Neiße und der Staatsgrenze geteilten Stadt Guben-Gubin, die sich als Eurostadt zu behaupten versucht, aber an der Bürokratie zu scheitern droht. „Heute braucht ein Brief von einem Ufer zum anderen eine Woche über Warschau“, erfährt Nowak. Es „reicht schon ein kleiner Herzinfakt auf der falschen Seite und schon haben wir internationale Verwicklungen“, bemerkt ein Taxifahrer. Andere Reportagen erzählen von den Schleppern und ihrem Vokabular, vom Kampf deutscher Opel-Angestellter gegen die Auslagerung der Fertigung nach Polen, von der Europa-Universität Viadrina, an der man beide Rechte, das polnische und das deutsche studieren kann. Viele Fakten und viele O-Töne stecken in Nowaks Reportagen, vor allem aber viel Menschlichkeit, dank seines genauen Blicks. Und trotz all der Nüchternheit, die sie oft ausstrahlen. Ein Stil, den die zeitgenössische Literatur ja nur gar zu gerne kopiert, weil das so wunderbar authentisch klingt. Der Unterschied ist nur: Bei Wlodzimierz Nowak klingt es nicht bloß danach. Es ist es das auch.</p>
<p><em><strong>Die Lesung findet am 11. Februar im <a title="Muffatwerk" href="http://www.muffatwerk.de/" target="_blank">Muffatwerk</a> (Zellstraße 4) statt und beginnt um 20 Uhr. Der Eintritt kostet sechs Euro im Vorverkauf (Abendkasse: acht Euro). </strong><strong>Die deutschen Texte liest die Übersetzerin Joanna Manc. Die Moderation leitet Agnieszka Kowaluk.</strong></em></p>
<p><em>(Diese Rezension von Katrin Schuster, der Macherin des Literaturkalenders <a title="Münchens Literaturblog" onclick="pageTracker._trackPageview('/outbound/article/www.literatur-muenchen.de');" href="http://www.literatur-muenchen.de/" target="_blank">literatur-muenchen.de</a>, erschien in der Februarausgabe des Münchner Literaturmagazins KLAPPENTEXT. Ein <a title="Klappentext - Münchens Literaturmagazin" onclick="pageTracker._trackPageview('/outbound/article/www.literatur-muenchen.de');" href="http://www.literatur-muenchen.de/blog/mehrklappentext/ja-ich-will/" target="_blank">KLAPPENTEXT-Abonnement</a> ist kostenlos.</em><em>)</em></p>
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		<title>Die Wirklichkeit des lausigen Publikums</title>
		<link>http://www.mucbook.de/2010/01/14/die-wirklichkeit-de-lausigen-publikums/</link>
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		<pubDate>Thu, 14 Jan 2010 08:28:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Katrin Schuster</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Feiern & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kronauer]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur München]]></category>
		<category><![CDATA[München]]></category>
		<category><![CDATA[Zwei scharze Jäger]]></category>

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		<description><![CDATA[Am Montag liest Brigitte Kronauer aus ihrem neuen Künstlerroman &#8220;Zwei schwarze Jäger&#8221;. Eine Rezension.

Zu den rührigsten Legenden des Literaturbetriebs gehört gerade heutzutage jene vom Schriftsteller, der ausschließlich für sich schreibe und dem sein Publikum folglich eher zufällig zufalle. Das mag auf einige wenige Autoren zwar zutreffen, stellt jedoch meist nur eine unzeitgemäße Koketterie mit dem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Montag liest Brigitte Kronauer aus ihrem neuen Künstlerroman &#8220;Zwei schwarze Jäger&#8221;. Eine Rezension.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-4979" title="b-kronauer-1" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2010/01/b-kronauer-11.jpg" alt="b-kronauer-1" width="430" height="323" /><span id="more-4973"></span></p>
<p>Zu den rührigsten Legenden des Literaturbetriebs gehört gerade heutzutage jene vom Schriftsteller, der ausschließlich für sich schreibe und dem sein Publikum folglich eher zufällig zufalle. Das mag auf einige wenige Autoren zwar zutreffen, stellt jedoch meist nur eine unzeitgemäße Koketterie mit dem Genialischen dar. Ohnehin lässt sich mit der Theatralität des Schriftstellerns eine viel herrlichere Travestie treiben als mit der Einsamkeit des Schaffenden. Was zweifelsfrei und äußerst vergnügt wieder einmal feststellen darf, wer Brigitte Kronauers neuen Roman „Zwei schwarze Jäger“ – „mein einziger Künstlerroman bisher“, sagt Kronauer – zur Hand nimmt.</p>
<p>Der beginnt denn auch nicht im stillen Kämmerlein, sondern auf einer, wenn auch nicht allzu großen Bühne. Eine Lesung wird geboten, im Schlösschen „des Städtchens W., in der angeblich verträumten Mittelgebirgslandschaft E. des verschlafenen Bundeslandes I.“; die Lesung der Schriftstellerin Rita Palka nämlich. Dass dieser Abend dramatisch endenoder sich immerhin dramatisch fortsetzen könnte, bedeutet bereits das dem Roman voran gestellte Personenverzeichnis. „Personal der Schriftstellerin Rita Palka“ lautet die Überschrift.</p>
<p>Die drei Kinder des Veranstalters Herrn Schüssel sind darin allerdings nicht verzeichnet. „Unser Bastian hat Fieber!“ ruft Frau Schüssel zur Begrüßung, „Gabriel hat sich eine dicke Beule am Kopf geholt!“ setzt sie fort, um mit „Trudchen hat Durchfall.“ zu enden. Weil sich Bastian mit hochrotem Kopf und verquollenen Augen trotzdem unter den Zuhörern findet und deren Reihen kaum mehr spärlich zu  nennen sind, ist für Rita Palka schnell klar: Es handelt sich mehrheitlich um „Camouflagezuhörer“, um ein „Haus- und Verlegenheitspublikum, Publikum aus Bordmitteln sozusagen“. Wofür sich die Schriftstellerin mit einer „Scheinlesung“ rächt, einer Erzählung aus Bordmitteln sozusagen: Sie liest nicht, sondern improvisiert ihren Text, mit unerhörten Ausgriffen auf die Wirklichkeit des lausigen Publikums vor ihren Augen, Gastgeber-Gattinnen-Beleidigung inklusive.</p>
<p>Wer nun denkt, das sei mal wieder typisch Kronauer, der hat natürlich Recht: In diesen Szenen einer Lesung zeigt sich die Autorin von ihrer unterhaltsamsten Seite, derart spitzzüngig, präzise und ironisch beschwingt kennt man sie. Auch wenn man sich nie und nimmer daran gewöhnen möchte, um ja nicht zu vergessen, wie rar und kostbar ihr bis in den einzelnen Buchstaben durchdachter Ton ist. Auch Kronauers Lust an der Binnenerzählung, an der Geschichte in der Geschichte, ist bekannt; genau wie ihr Drang, solche selbst gewählten Rahmen zu sprengen. Allerdings knallt es diesmal richtig: So rüde wie peinlich platzt Frau Schüssel in den folgenden nächtlichen Dialog zwischen ihrem betrübten Gatten und der Künstlerin, der intimer aussieht als es ist. Porzellan wird zerschmissen, und die Rita-Palka-Episode ist vorbei, so schnell wie sie kaum 70 Seiten vorher begonnen hatte.</p>
<p>Nicht dass das unterbrochene Gespräch – es handelte von Utopien – damit ebenfalls zuende wäre. Es wird tatsächlich fortgesetzt, wenn auch nicht zwischen Rita Palka und Herrn Schüssel. Sondern als Unterhaltung zwischen Fiktionen, als Ansammlung fragmentarischer, nicht selten zur Parabel neigender Geschichten, die sich mehr und mehr vernetzen, gegenseitig kommentieren und interpretieren. Das sieht dem Scherbenhaufen, den Frau Schüssel hinterließ und Palka mit den Schüssels zu sortieren suchte, doch recht ähnlich: Es geht um die Mörderin Wally Mülleis, den schüttelreimenden Kunstmaler Fritz Grosse, den vom Mont Blanc erschütterten Lektor Heiner Krapp, die auf Prostitution umsattelnde Kassiererin Hilde Tisch (fortan Uschi) und noch ein paar andere eigenwillige Gestalten. Statt zu Herrn Schüssel spricht Rita Palka nun eben zum Leser: „Sehen Sie den Mann in der Dunkelheit …“, heißt es da, oder „Vorher sollten Sie noch wissen …“ oder „Tatsächlich, haben Sie das gehört? “ (zur Sicherheit wiederholt sie es noch einmal). Brigitte Kronauer überschreitet in „Zwei schwarze Jäger“ also nicht nur formale Grenzen, sondern auch diejenige zwischen Autor und Leser. Und ein Ich taucht schließlich auch noch auf.</p>
<p>Bliebe nurmehr der Titel des Romans zu klären. Er geht auf die gleichnamige Erzählung von Rita Palka zurück, auf deren Vortrag Herr Schüssel so heftigst drängte. Die wiederum nach einem in Rom befindlichen Standbild benannt ist. „Der Löwe und der Jäger waren wechselseitig aneinandergeschmiedet, keiner konnte einen Schritt ohne den anderen tun, geschweige denn fliehen“, heiße es bei Rita Palka. Welch treffende Beschreibung für die heillose Erotik zwischen Autor und Leser! Und wie recht Kronauer damit hat: Ohne diesen Roman im Kopf wird man fortan wirklich keinen Schritt mehr tun.</p>
<p><em><strong>Am Montag, den 18. Januar, liest Brigitte Kronauer um 20 Uhr im Literaturhaus (Salvatorplatz 1). Moderiert wird die Lesung von Patrick Bahners.</strong></em></p>
<p><em>(Diese Rezension von Katrin Schuster, der Macherin des Literaturkalenders <a title="Münchens Literaturblog" onclick="javascript:pageTracker._trackPageview('/outbound/article/www.literatur-muenchen.de');" href="http://www.literatur-muenchen.de/" target="_blank">literatur-muenchen.de</a>, erschien in der Januarausgabe des Münchner Literaturmagazins KLAPPENTEXT. Ein <a title="Klappentext - Münchens Literaturmagazin" onclick="javascript:pageTracker._trackPageview('/outbound/article/www.literatur-muenchen.de');" href="http://www.literatur-muenchen.de/blog/mehrklappentext/ja-ich-will/" target="_blank">KLAPPENTEXT-Abonnement</a> ist kostenlos.</em><em>)</em></p>
<p><em>Fotos: http://blog.klett-cotta.de</em></p>
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		<title>Geist und Macht in München</title>
		<link>http://www.mucbook.de/2009/12/09/geist-und-macht-in-munchen/</link>
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		<pubDate>Wed, 09 Dec 2009 10:40:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Adrian Renner</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Macht & Geld]]></category>

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		<description><![CDATA[Rilke, Hoffmansthal, Th. Mann &#8211; und dann Hitler. Wolfgang Martynkewicz hat ein Buch über den Salon der Verlegerfamilie Bruckmann geschrieben, in dem sich Münchner Künstler und Literaten die Klinke in die Hand gaben &#8211; bis der Salon zu einen Nazizirkel wurde. 

Der Karolinenplatz 5: Wie oft man da schon vorbeikam, am Sparkassengebäude. Der Bamberger Literaturwissenschaftler [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rilke, Hoffmansthal, Th. Mann &#8211; und dann Hitler. Wolfgang Martynkewicz hat ein Buch über den Salon der Verlegerfamilie Bruckmann geschrieben, in dem sich Münchner Künstler und Literaten die Klinke in die Hand gaben &#8211; bis der Salon zu einen Nazizirkel wurde. <span id="more-4237"></span></p>
<p><img class="alignnone size-medium wp-image-4239" title="geistmacht" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/12/geistmacht-266x300.jpg" alt="geistmacht" width="266" height="300" /></p>
<p>Der Karolinenplatz 5: Wie oft man da schon vorbeikam, am Sparkassengebäude. Der Bamberger Literaturwissenschaftler Wolfgang Martynkewicz hat ein Buch veröffentlicht, dass die Geschichte dieses Hauses näher untersucht und beleuchtet. 1908 ziehen hier die Verleger Hugo und Elsa Bruckmann ein, seit Jahren führen sie einen der wirkungsmächtigsten Salons Deutschlands in der Zeit nach der Jahrhundertwende. Alle wichtigen Münchner Geistesgrößen der literarischen und künstlerischen Moderne verkehren hier &#8211; Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hoffmansthal, Harry Graf Kessler, Rudolf Kassner und andere. Doch nach dem ersten Weltkrieg führen die Bruckmanns einen jungen Mann in ihren gehobenen Zirkel ein, der auf den ersten Blick nicht viel zu tun haben scheint mit Münchens geistigen Vorzeigebildern: Adolf Hitler. Martynkewicz untersucht an Hand dieser eigen- und einzigartigen Münchner Konstellation , wie sich das unglückliche Bewusstsein der Moderne in politischen Faschismus umschlägt, wie aus einem vergeistigten Verlegerpaar die NSDAP-Mitglieder 91 und 92 wurden. Ein beeindruckendes Buch über Münchens Geistesgeschichte &#8211; wer das alles nicht selbst lesen will: am heutigen Mittwochabend stellt Mankiewicz sein Buch im Gespräch mit Andreas Heusler vom Münchner Stadtarchiv im Literaturhaus vor; Schauspieler Wolfgang Hinze liest Briefe und andere Zeugnisse der Salonbesucher.</p>
<p><em>Mittwoch 9.12. Literaturhaus München, Salvatorplatz 1, 20.oo Uhr, Eintritt: Eintritt: Euro 8.- / 6.-</em></p>
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		</item>
		<item>
		<title>&#8220;Eine Kiste explodierender Mangos&#8221; &#8211; Lesung im Gasteig</title>
		<link>http://www.mucbook.de/2009/11/20/eine-kiste-explodierender-mangos-lesung-im-gasteig/</link>
		<comments>http://www.mucbook.de/2009/11/20/eine-kiste-explodierender-mangos-lesung-im-gasteig/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 20 Nov 2009 11:00:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Katrin Schuster</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Feiern & Kultur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.mucbook.de/?p=2394</guid>
		<description><![CDATA[Am Mittwoch liest der pakistanische Autor Mohammed Hanif aus seinem neuen Roman &#8211; ein Roman, der ein Krimi, eine Groteske und eine Räuberpistole ist. Und sehr gute Unterhaltung. Eine Rezension.

Mohammed Hanif: „Eine Kiste explodierender Mangos“. Aus dem Englischen von Ursula Gräfe. A1 Verlag, München 2009. 384 Seiten, 22,80 Euro. (Photo: a1-verlag.de)
„A Case of Exploding Mangoes“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Mittwoch liest der pakistanische Autor Mohammed Hanif aus seinem neuen Roman &#8211; ein Roman, der ein Krimi, eine Groteske und eine Räuberpistole ist. Und sehr gute Unterhaltung. Eine Rezension.</p>
<p><img title="explodierende_mangos.qxp:explodierende mangos" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/11/kisteexplodierendermangos.jpg" alt="explodierende_mangos.qxp:explodierende mangos" width="430" height="286" /></p>
<p><em><span id="more-2394"></span>Mohammed Hanif: „Eine Kiste explodierender Mangos“. Aus dem Englischen von Ursula Gräfe. A1 Verlag, München 2009. 384 Seiten, 22,80 Euro. (</em><em>Photo: a1-verlag.de)</em></p>
<p>„A Case of Exploding Mangoes“ heißt der Roman des pakistanischen Autors Mohammed Hanif im englischen Original. Womit diese Buch – so ist das eben mit Übersetzungen, das lässt sich nur selten ändern – viel besser beschrieben wäre als mit dem deutschen Titel „Eine Kiste explodierender Mangos“. Denn „case“ meint ja nicht nur ein Behältnis, sondern auch den Fall. Und von allen möglichen Fällen natürlich am liebsten den bekanntesten, den Kriminalfall. Von einem solchen, wenn nicht gar mehreren solchen, handelt Hanifs Roman. Deshalb beginnt das Buch auch, wie in Krimis üblich, mit dem eigentlichen Ende der Geschichte, dem Tod – um sich dann dessen Vorgeschichte vorzunehmen und in zwar bravem, aber recht kuriosem Hintereinander zu rekonstruieren, wie es dazu und soweit kommen konnte, um sich am Schluss gleichsam selbst einzuholen.</p>
<p>Allein, es ist nicht irgendein banaler Mord oder sonstiger Fall, über den Hanif geschrieben hat. Sondern eines der großen ungelösten Rätsel der politischen Historie Pakistans: Am 17. August 1988 explodierte das Flugzeug des damaligen Militärdiktators Mohammed Ziaul-Haq kurz nach dem Start, mit an Bord waren 30 Menschen, darunter der pakistanische Generalstabschef, aber auch der US-Botschafter in Pakistan sowie der US-Militärattaché. Bald danach war von Nervengas die Rede, dann von technischen Mängeln. Auch Verdächtige gab es freilich genug: Den Amerikanern liebäugelte Zia ul-Haq zuviel mit dem Islam, mit afghanischen Extremisten und mit der Demokratie, und den Russen war das Engagement des Präsidenten in Afghanistan von vorneherein ein Dorn im Auge. Fast scheint es, als gäbe es viel zu viele mögliche Gründe, als dass man einen für plausibler als einen anderen halten könnte.</p>
<p>Und so liest man es dann auch bei Mohammed Hanif: Ohne den Leser um die Spannung zu bringen, sei immerhin gesagt, dass eines der größten Vergnügen dieses Romans darin besteht, die herrlich krude ineinander verstrickten Kausalitäten zu entwirren, die am Ende zu dem Ende von General Zia führen. Der Autor nämlich gibt nicht nur eine Anschlagstheorie zum Besten, sondern derer mehrere, die gerade und eben nur in ihrer Gesamtheit so heil- und ausweglos ins Verderben führen. Dabei spielen, das sei wenigstens verraten, ein Haufen Bandwürmer, ein erhängter Vater, Lavendel-Raumduft, eine Krähe, 20 Kisten hochreifer Mangos und große Mengen des Parfums Poison wichtige Rollen. „Eine Kiste explodierender Mangos“ ist nämlich längst nicht das ernste Stück für das man den Roman auf den ersten Blick halten könnte. Im Gegenteil: Mohammed Hanif hat eine herrlich böse Zunge, die er mit Ironie und Respektlosigkeit gebraucht. Die verlogene Rhetorik der Herrschenden enttarnt er mit großem Sinn für deren Leere und Oberflächlichkeit, vom Kürzelwahn bekommt er gar nicht genug – selbst Menschen stellen sich schon als „TM“ oder „OBL“ vor –, und die Riege der Führenden erscheint bei ihm als Gruppe eitler Laffen, die entweder keine Ahnung haben oder längst paranoid geworden sind. Eine großartige Szene reiht sich an die nächste, eine einzige literarische Freude ist es zu lesen, wie die Amerikaner eine Motto-Grillparty („Texas-Kabul“) veranstalten und allesamt als afghanische Kriegsherren verkleidet auflaufen; wie eine amerikanische Journalistin gar nicht genug vom Dschihad bekommen kann; wie ein Soldat noch im Tod den idealen Landepunkt erwischt oder wie General Zia so verzweifelt versucht, seinem großen Vorbild Ceauçescu nachzueifern.</p>
<p>„Eine Kiste explodierender Mangos“ ist mithin nicht nur ein Krimi, eine beeindruckende Groteske und überhaupt beste Unterhaltung, sondern eine wahrhafte Räuberpistole. Eine ziemlich zynische, das gewiss. Vor Melancholie schreckt sie jedoch nicht zurück. Und das ist ja das Schöne an diesem Buch: dass es so voller Wahrheit steckt, obwohl Mohammed Hanif nur ein paar Fünkchen davon hinein gepackt hat.</p>
<p><strong><em>Mohammed Hanif liest am 25. November um 19 Uhr<em> </em></em><em>im Rahmen der <a title="Münchner Bücherschau" href="http://www.muenchner-buecherschau.de/" target="_blank">50. Münchner Bücherschau</a> im BlackBox/Gasteig (Rosenheimer Straße 5). Die Karten kosten 10 Euro (ermäßigt acht).</em></strong></p>
<p><em>(Diese Rezension von Katrin Schuster, der Macherin des Literaturkalenders <a title="Münchens Literaturblog" onclick="javascript:pageTracker._trackPageview('/outbound/article/www.literatur-muenchen.de');" href="http://www.literatur-muenchen.de/" target="_blank">literatur-muenchen.de</a>, erschien in der Novemberausgabe des Münchner Literaturmagazins KLAPPENTEXT. Ein <a title="Klappentext - Münchens Literaturmagazin" onclick="javascript:pageTracker._trackPageview('/outbound/article/www.literatur-muenchen.de');" href="http://www.literatur-muenchen.de/blog/mehrklappentext/ja-ich-will/" target="_blank">KLAPPENTEXT-Abonnement</a> ist kostenlos.</em><em>)</em></p>
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		</item>
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		<title>&#8220;Neue Zeit&#8221; &#8211; Lesung im Jüdischen Museum</title>
		<link>http://www.mucbook.de/2009/11/09/neue-zeit-lesung-im-judischen-museum/</link>
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		<pubDate>Mon, 09 Nov 2009 07:15:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Beate Tröger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Feiern & Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[Am Dienstag liest Peter Hamm im Jüdischen Museum aus Hermann Lenz&#8217; wiederaufgelegten Roman &#8220;Neue Zeit&#8221;. Das Werk erzählt eine Liebesgeschichte im München der Nazizeit. Eine Rezension.

Hermann Lenz: Neue Zeit. Roman. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009, geb., 391 S., 18,80 Euro.
Will man die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mithilfe der Literatur besser verstehen, können zwei Autorennamen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Dienstag liest Peter Hamm im Jüdischen Museum aus Hermann Lenz&#8217; wiederaufgelegten Roman &#8220;Neue Zeit&#8221;. Das Werk erzählt eine Liebesgeschichte im München der Nazizeit. Eine Rezension.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-2403" title="neuezeit" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/11/neuezeit.jpg" alt="neuezeit" width="404" height="640" /></p>
<p><span id="more-2401"></span><em>Hermann Lenz: Neue Zeit. Roman. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009, geb., 391 S., 18,80 Euro.</em></p>
<p>Will man die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mithilfe der Literatur besser verstehen, können zwei Autorennamen in einem Atemzug genannt werden: Walter Kempowski und Hermann Lenz. Wo der 1926 geborene Kempowski für sein gigantisches Echolot-Projekt collagierend und montierend auf Quellenmaterial von Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs zurückgriff, die Subjektivität des Autors im Schreiben auf das Mindestmaß des Ordnens reduziert ist, vertritt der 1913 geborene Lenz in seinem aus neun Romanen bestehenden Zyklus „Vergangene Gegenwart“ die Position eines radikalen Subjektivismus, wie man sie in solch extremer Form gegenwärtig nur bei Peter Kurzeck, dem Chronisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, findet. Kempowskis und Lenz’ Bücher sind zwei Seiten einer Medaille, deren literarischer und historischer Stellenwert nicht hoch genug einzuschätzen ist. „Neue Zeit“, der dritte Teil von „Vergangene Gegenwart“ und 1975 zum ersten Mal erschienen, ist nun bei Suhrkamp neu aufgelegt worden.</p>
<p>Der Roman erzählt die Geschichte des württembergischen Kunstgeschichtsstudenten Eugen Rapp, der 1937 von Heidelberg nach München an die Universität wechselt und sich dort in die Kommilitonin Hanni Treutlein, eine Halbjüdin, verliebt. Was von außen betrachtet zum Problem werden könnte, freut ihn, da er ihr gegenüber seinen Ekel vor dem nationalsozialistischen Regime nicht verstecken muss: „Jedenfalls weißt Du jetzt, daß du offen mit ihr reden kannst…“ In München beginnt der Student mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit; Tagträumer und romantischer Eigenbrödler, der er ist, fühlt er sich von Hanni und dem stillen Leben der Familie Treutlein angezogen, er schreibt an der ersten Erzählung, die veröffentlicht werden wird, imaginiert sich ins Wien Hofmannsthals, verehrt die Dichter Eduard Mörike und Adalbert Stifter, zentrale Vorbilder für Hermann Lenz’ Schreiben.</p>
<p>Rapp, der so wenig in die neue Zeit passen will, muss in ihr leben, voller Ablehnung und zugleich unfähig, sich aufzulehnen. Er wird zum Beobachter der Zeitläufte, wird an die Front geholt, wird seine passiv-reflektierende Beobachterrolle stets verteidigen. Und erinnert – in dieser frappierenden Mischung aus Naivität und Hellsicht – bisweilen an eine der Figuren aus der frühsten Zeit der neuhochdeutschen Literatur, an Grimmelshausens Simplicius Simplicissimus, dessen Hineingeworfensein in den Dreißigjährigen Krieg, das erzählende Ich zur Aktivität zwingt, wo es kontemplativ bleiben möchte, und dessen Betrachtungen ebenfalls ein Fanal gegen den Krieg darstellen.</p>
<p>Rückzug aufs Eigene bleibt dem träumenden Seher Rapp als einzig möglicher Ausweg: „Krieg war eine trübe Sache, und zu Hause war es auch oft trüb und schweißig; zwischendurch auch blutig, manchmal; weshalb alles Trübe durchscheinend zu machen oder zu durchleuchten; doch um ihn zu durchleuchten, dafür erwies sich dieser Krieg als zu kompakt. Vielleicht gelingt’s dir trotzdem. Alles sehen, alles hören, alles spüren, alles riechen, was sich dir hier zeigt. Laß es in dich eindringen, nimm daran teil, dann wird es dir klar. Du bist jetzt hier hineingestellt; ausweichen kannst du nicht mehr. Freilich, mehr, als daß du es erträgst, bleibt dir nicht mehr übrig“, liest man in „Neue Zeit“. Es ist eben jene, mit allen Sinnenwahr- und aufnehmende Haltung, aus deren Niederschrift eine der vielleicht eindringlichsten Beschreibungen der Geschehnisse in Deutschland und an der russischen Front zwischen 1937 und 1945 hervorgegangen ist. Die Sinnlichkeit dieser erinnerten Wahrnehmung führt aufs Anschaulichste zu den Beschreibungen dessen, was der Schreiber in sich aufgenommen hat: „Sickernder Schnee, stäubender Schnee, und Schnee, der ruhte, glänzte, glitzerte, die Schatten japanblau“, ist nur ein Beispiel für die Schönheit dieser Sprache, die mit derselben Gleichmut den Zauber der „alten Zeit“ und das Grauen und die Willkür der nationalsozialistischen Politik und Schreckensherrschaft der „Neuen Zeit“ in Worte fasst, die niemals verklären, was nicht verklärbar ist.</p>
<p>Es nimmt nicht Wunder, dass Paul Celan, der 1960 in seiner Büchnerpreis-Rede die Aufforderung aussprach „Geh mit der Kunst in deine allereigenste Enge. Und setze dich frei!“, mit Hermann Lenz’ poetologischem Ansatz übereinstimmte und, obwohl voller Misstrauen gegen alle, die als Soldaten auf deutscher Seite im Zweiten Weltkrieg dabei gewesen waren, mit dem Ehepaar Lenz über Jahre eine enge Freundschaft pflegte. Peter Handke war es dann, der Anfang der Siebzigerjahre die Werke von Hermann Lenz zur Lektüre empfahl und dadurch Lenz’ bis dato wenig beachteten Büchern die Aufmerksamkeit einer größeren Leserschaft einbrachte. Eine Empfehlung, die man hier aufs Neue nachdrücklich wiederholen darf.</p>
<p><em><strong>Peter Hamm liest am 10. November ab 19 Uhr im <a title="Lenz-Lesung im Jüdischen Museum" href="http://www.juedisches-museum-muenchen.de/cms/index.php?id=67&amp;L=0&amp;tx_ttnews[tt_news]=165&amp;tx_ttnews[backPid]=45&amp;cHash=492bf6ab55" target="_blank">Jüdischen Museum</a> (St.-Jakobs-Platz 16) aus Hermann Lenz&#8217; Roman &#8220;Neue Zeit&#8221;. Die Karten kosten sechs Euro (ermäßigt drei).</strong></em></p>
<p><em>(Diese Rezension von Beate Tröger erschien in der Novemberausgabe des Münchner Literaturmagazins KLAPPENTEXT. Ein <a title="Klappentext - Münchens Literaturmagazin" onclick="javascript:pageTracker._trackPageview('/outbound/article/www.literatur-muenchen.de');" href="http://www.literatur-muenchen.de/blog/mehrklappentext/ja-ich-will/" target="_blank">KLAPPENTEXT-Abonnement</a> ist kostenlos.</em><em>)</em></p>
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		<title>Von Platzhaltern und Wünschen &#8211; Thomas Glavinic im Literaturhaus</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Oct 2009 06:11:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Florian Kaindl</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Feiern & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Buchmesse]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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		<category><![CDATA[München]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Glavinic]]></category>

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		<description><![CDATA[Thomas Glavinic ist der Märchenerzähler der deutschen Gegenwartsliteratur. In seinem neuen Roman &#8220;Das Leben der Wünsche&#8221;, aus dem er am Donnerstag im Literaturhaus lesen wird, scheitert er in dieser Rolle. Eine Rezension.

Das Leben ist kein Wunschkonzert, lautet ein Sprichwort. Für Jonas, einen gelangweilten Werbetexter Mitte 30, ist es das doch. Zumindest vorübergehend. In seiner Mittagspause [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Thomas Glavinic ist der Märchenerzähler der deutschen Gegenwartsliteratur. In seinem neuen Roman &#8220;Das Leben der Wünsche&#8221;, aus dem er am Donnerstag im Literaturhaus lesen wird, scheitert er in dieser Rolle. Eine Rezension.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1044" title="Glavinic_23390_MR.indd" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/wuenche_cover.jpg" alt="Glavinic_23390_MR.indd" width="430" height="702" /></p>
<p><span id="more-1043"></span>Das Leben ist kein Wunschkonzert, lautet ein Sprichwort. Für Jonas, einen gelangweilten Werbetexter Mitte 30, ist es das doch. Zumindest vorübergehend. In seiner Mittagspause kommt ein Mann auf ihn zu, und erklärt ihm, er habe drei Wünsche frei. Das ist der Anfang zu „Das Leben der Wünsche“, einem Roman von Thomas Glavinic, der sich um die Frage dreht, was wir im Leben brauchen, um glücklich zu werden – und um die Konsequenzen, wenn wir es bekommen.</p>
<p>Jonas ist unzufrieden, sein Job in der Agentur füllt ihn nicht aus, die Liebe zu seiner Ehefrau Helen, mit der er zwei Kinder hat, ist erloschen. Seine ganze Sehnsucht konzentriert sich auf Marie, die Geliebte, mit der er sich eine gemeinsame Zukunft vorstellen kann. Jonas vermisst einen Sinn in dem, was er tut, er möchte das Leben in seiner ganzen Fülle begreifen. Doch so einfach geht das nicht, sagt der Mann; er müsse den Wünschen Zeit geben, sich zu entwickeln. Bald geschehen seltsame Dinge: Ein Fußgänger, der kurzzeitig Jonas’ Zorn erregt, wird überfahren. Jonas kann nicht mehr ruhig schlafen. Schließlich stirbt seine Frau. Und Jonas fragt sich, ob seine geheimen Wünsche dafür verantwortlich sind.</p>
<p>Thomas Glavinic hätte ein spannendes psychologisches Porträt schreiben können. Eine düstere Geschichte von Schuld und Sühne. Doch er tut es nicht. „Das Leben der Wünsche“ ist nur eine Skizze all dessen, eine Andeutung, die Handlungsstränge und Charaktere bleiben rudimentär. Glavinic schafft keine fesselnde, komplexe Struktur, sondern eine, die vorhersehbar wirkt. Die Hauptfigur Jonas ist das Abziehbild jenes in der Gegenwartsliteratur so überpräsenten Großstädters, der zwar erfolgreich ist, aber frustriert, der die Leere in seinem Leben mit exzessiver Kommunikation über Handy und Sex zu füllen versucht: „In Marie zu sein war eine Antwort. In einer Frau, in die er verliebt war, hörte er leise das Universum. In einer Kirche nicht.“</p>
<p><object classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" width="430" height="261" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="src" value="http://www.youtube.com/v/mtP4LJjs7_8&amp;hl=de&amp;fs=1&amp;" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><embed type="application/x-shockwave-flash" width="430" height="261" src="http://www.youtube.com/v/mtP4LJjs7_8&amp;hl=de&amp;fs=1&amp;" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true"></embed></object></p>
<p><em>Dann doch lieber das Buch: &#8220;Das Leben ist jetzt&#8221; als Kurzfilm. (Quelle: YouTube)</em></p>
<p>Man merkt Jonas an, dass er ein Kunstprodukt ist, ein Instrument des Autors, das die Themenfelder Sinnsuche, Identitätskrise und Schuldbewusstsein der Reihe nach abdecken soll. Eine Identifikation oder eine Anregung zum Nachdenken bleibt dadurch aus. Über dem ganzen Roman liegt ein Schleier, der durch Glavinics unentschlossene Erzählhaltung entsteht. Er kann sich nicht entscheiden, ob er seine Figuren demontieren oder hip finden soll. Wenn er etwa in beiläufigem Tonfall den Arbeitsalltag in Jonas’ Werbeagentur beschreibt, soll das vermutlich den branchenüblichen Zynismus entlarven. Tatsächlich aber klingt die Schilderung angestrengt cool: „Im Büro herrschte allgemeine Gleichgültigkeit. (&#8230;) Die Leute rund um Jonas trugen Brillen mit dunklem Rahmen, interessierten sich für Musik, Kunst, Literatur, Reisen sowie Jugendkultur und verjubelten ihr Geld in Vinotheken, Fischlokalen und an Drogenumschlagplätzen. Einige tranken ab zehn Uhr vormittags, was aufgrund flacher Hierarchien toleriert wurde(&#8230;).“</p>
<p>Die übrigen Figuren in „Das Leben der Wünsche“ sind auf Namen und Eigenschaften reduziert, die sie in erster Linie zu Platzhaltern machen: Anne hat Leberkrebs. Marie ist lebenslustig. Werner will, dass Jonas mit seiner Frau schläft. Es ist ein Nebeneinander der Charaktere – es gibt kein Miteinander, das heftige Emotionen oder unvorhergesehene Reaktionen auslöst. Alles bleibt vage. Das Wünschen mit seinen teils fatalen Konsequenzen gerät aus dem Fokus, der Mann vom Anfang taucht nicht mehr auf. Selbst nach Helens Tod, als Jonas sich kurzzeitig die Schuldfrage stellt, gibt es keinen Höhepunkt: Jonas und Marie fahren in Urlaub, und die Handlung trudelt langsam aus.</p>
<p>Es gilt als probates Mittel in der Literatur, die Stagnation und Entfremdung eines Einzelnen zum Thema zu machen. Dann aber richtig, und nicht nur provisorisch. „Das Leben der Wünsche“ jedenfalls bleibt in dieser Form eines ohne. Um das Versprechen im Titel zu halten, müsste es farbiger oder raffinierter sein, als es bei Thomas Glavinic ist.</p>
<p><em>(Thomas Glavinic liest am Donnerstagabend um 20 Uhr im <a title="Lesung im Literaturhaus" href="http://www.literaturhaus-muenchen.de/programm/veranstaltung.asp?ID=7125" target="_blank">Literaturhaus</a>. Der Eintritt kostet acht Euro (ermäßigt sechs). Sein neuer Roman &#8220;Das Leben der Wünsche&#8221; ist 2009 beim <a title="&quot;Das Leben der Wünsche&quot; bei Hanser" href="http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-23390-4" target="_blank">Carl Hanser Verlag</a> erschienen und kostet 21 Euro 50.)</em></p>
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		<title>Sündiges München &#8211; Nachtszenen aus der Nachkriegszeit</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Oct 2009 19:15:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hannes Kerber</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Feiern & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Leseprobe]]></category>

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		<description><![CDATA[
Als Homosexualität noch verboten war, als in der Herbertstraße gerade Frauen und Kindern der Zutritt verwehrt wurde, als die Halbstarken  in die Schule kamen &#8211; da gab es in München schon Sex, Schlägereien und Schampus. Al Herbs neuer Bilband &#8220;Sündiges München&#8221; bekämpft einen Mythos&#8230;
Der Fotograf kämpft mit seinen Bildern gegen das mythisch überladene Vorurteil vom [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-1005" title="1958_erotik-show" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/1958_erotik-show.jpg" alt="1958_erotik-show" width="430" height="304" /></p>
<p>Als Homosexualität noch verboten war, als in der Herbertstraße gerade Frauen und Kindern der Zutritt verwehrt wurde, als die Halbstarken  in die Schule kamen &#8211; da gab es in München schon Sex, Schlägereien und Schampus. Al Herbs neuer Bilband &#8220;Sündiges München&#8221; bekämpft einen Mythos&#8230;</p>
<p><span id="more-1003"></span>Der Fotograf kämpft mit seinen Bildern gegen das mythisch überladene Vorurteil vom spießigen München der Nachkriegszeit. Das Gastspiel des Pariser Lido im Deutschen Theater im Jahr 1958 ist dabei genauso ein Beweismittel wie viele Bilder von abgefeierten Münchnern, die, wie es scheint, zur Adenauerzeit in jedem Winkel der Stadt geschlafen haben. Al Herb, der 1951 seine erste Kamera kaufte, zeigt München bei Nacht zu einer Zeit, als es noch keine Sprrbezirke gab. Dabei fallen zwischen den heiteren und sündigen Szenen immer wieder traurige, ernste Fotos auf. Sie zeigen die Schattenseiten der Stadt der 50er, 60er und 70er.</p>
<p>Heute lebt Al Herb im Münchner Westen, fotografiert nur noch privat. Er hat aufgehört das Nachtleben an der Isar zu dokumentieren, als sich in den 70er Jahren die Szene veränderte: Als die Nachtclubs schließen mussten. Als die Stripclub-Besitzer mäßig begabte Tänzerinnen engagierten. Als die Preise stiegen. Aus seinen Archiven hat er einen wunderbaren Bildband zusammengestellt, der das Vorurteil der dunklen Nachkriegsjahre widerlegt.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1011" title="9783940839077" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/9783940839077.jpg" alt="9783940839077" width="430" height="542" /></p>
<p>Al Herb: &#8220;Sündiges München. Nachtszenen aus der Nachkriegszeit&#8221; (Hirschkäfer Verlag)</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1006" title="1954_schla¦êgerei" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/1954_schla¦êgerei1.jpg" alt="1954_schla¦êgerei" width="430" height="307" /></p>
<p>1954: Schlägerei in der Goethestraße</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1007" title="1959_petit-tabaris_sekt" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/1959_petit-tabaris_sekt.jpg" alt="1959_petit-tabaris_sekt" width="430" height="591" /></p>
<p>1959: Tänzerin im &#8220;Petit Tabaris&#8221; am Stachus</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1008" title="1965_rocknroll-havana-bar" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/1965_rocknroll-havana-bar.jpg" alt="1965_rocknroll-havana-bar" width="430" height="587" /></p>
<p>1965: Rock&#8217;n'Roll-Wettbewerb in der &#8220;Havana Bar&#8221; in der Goethestraße</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1020" title="1960_nonnen" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/1960_nonnen.jpg" alt="1960_nonnen" width="430" height="207" /></p>
<p>1960: Nonnen in Neuhauser Straße</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1009" title="1973_hbf-oktoberfest" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/1973_hbf-oktoberfest.jpg" alt="1973_hbf-oktoberfest" width="430" height="320" /></p>
<p>1973: Schlafender Oktoberfestbesucher am Hauptbahnhof</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1010" title="1976_moulin-rouge" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/1976_moulin-rouge.jpg" alt="1976_moulin-rouge" width="430" height="306" /></p>
<p>1976: Magda Meyer im &#8220;Moulin Rouge&#8221; in der Herzogspitalstraße</p>
<p><em>(Alle Fotos entstammen dem Al Herb-Bildband &#8220;Sündiges München. Nachtszenen aus der Nachkriegszeit&#8221; (168 Seiten), der 2009 im <a title="Hirschkäfer Verlag" href="http://www.hirschkaefer-verlag.de/herb.html" target="_blank">Hirschkäfer Verlag</a> erschienen ist und 28 Euro kostet.)</em></p>
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		<item>
		<title>Hoch über München</title>
		<link>http://www.mucbook.de/2009/10/11/hoch-uber-munchen/</link>
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		<pubDate>Sun, 11 Oct 2009 10:05:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hannes Kerber</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag & Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Feiern & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Leseprobe]]></category>
		<category><![CDATA[München]]></category>
		<category><![CDATA[Photos]]></category>
		<category><![CDATA[S-Bahn]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Stadt von oben – höhenarchäologisch betrachtet sozusagen – sieht ungewohnt aus. Der kleine Band „Hoch über München“ (Kulturverlag Starnberg) versammelt Luftbilder und Texte, die ein anderes München zeigen.

Vielleicht sind es die paar Höhenmeter mehr, die genug Distanz schaffen, um so einen neuen Blick auf die Stadt ermöglichen. Die das Monstrum Hackerbrücke und die Gleise [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Stadt von oben – höhenarchäologisch betrachtet sozusagen – sieht ungewohnt aus. Der kleine Band <a title="&quot;Hoch über München&quot; (Kulturverlag Starnberg)" href="http://www.kulturverlag-starnberg.de/detail/53" target="_blank">„Hoch über München“</a> (Kulturverlag Starnberg) versammelt Luftbilder und Texte, die ein anderes München zeigen.</p>
<p><a href="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/hueM1.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-478" title="hueM1" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/hueM1.jpg" alt="hueM1" width="430" height="287" /></a></p>
<p><span id="more-192"></span>Vielleicht sind es die paar Höhenmeter mehr, die genug Distanz schaffen, um so einen neuen Blick auf die Stadt ermöglichen. Die das Monstrum Hackerbrücke und die Gleise der Stammstrecke wie ein Kunstwerk aussehen lassen. Oder wie eine sorgfältig aufgebaute Modelleisenbahn-Landschaft. Vielleicht ist es auch so, dass man sich freut, die eigenen Wege wiederzuentdecken, wenn man die Fotos und literarischen Spaziergänge durchsucht. Die Kombination der Bilder des Fotografen Klaus Leidorf und die Texte des – Achtung! Pseudonym! – texanischen Ethnologen R.W.B. McCormack schafft jedenfalls, was nur wenige Bildbände schaffen: Die Orte zu zeigen, die jeder kennt, ohne dabei zu langweilen.</p>
<p><a href="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/hueM_cover.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-479" title="hueM_cover" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/hueM_cover.jpg" alt="hueM_cover" width="430" height="362" /></a></p>
<p>&#8220;Hoch über München. Luftbilder von Klaus Leidorf und Texte von R.W.B. McCormack&#8221; (160 Seiten) kostet 24 Euro 80. Der Band ist 2009 beim Kulturverlag Starnberg erschienen.</p>
<p><a href="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/hueM2.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-480" title="hueM2" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/hueM2.jpg" alt="hueM2" width="430" height="287" /></a></p>
<p>Der Dianatempel im Hofgarten.</p>
<p><a href="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/hueM3.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-481" title="hueM3" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/hueM3.jpg" alt="hueM3" width="430" height="287" /></a></p>
<p>Der Marienplatz mit dem Turm des neuen Rathauses.</p>
<p><a href="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/hueM4.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-482" title="hueM4" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/hueM4.jpg" alt="hueM4" width="430" height="287" /></a></p>
<p>Die Arena (beim Spiel Bayern gegen Stuttgart im April 2008).</p>
<p><a href="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/hueM7.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-483" title="hueM7" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/hueM7.jpg" alt="hueM7" width="430" height="287" /></a></p>
<p>Der Betriebhof in Berg am Laim.</p>
<p><a href="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/hueM6.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-484" title="hueM6" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/hueM6.jpg" alt="hueM6" width="430" height="287" /></a></p>
<p>Skyline bavaroise: das schöne Heizkraftwerk und die Zugspitze.</p>
<p><em>Fotos: Klaus Leidorf (&#8221;Hoch über München&#8221;).</em></p>
<p>PS: Wer noch nicht genug von der Gottesperspektive hat, sollte <a href="http://www.youtube.com/user/homeproject?blend=1&amp;ob=4" target="_blank">„Home“</a> sehen. Der politische Dokumentarfilm von Yann Arthus-Bertrand soll die verheerenden Folgen unserer Lebensweise zeigen und ist fast vollständig vom Hubschrauber aus gefilmt.</p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>„Kids of Mao &amp; Coca Cola“ – Lesung von Li Dawei</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Oct 2009 09:00:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Katrin Schuster</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Feiern & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Poetry-Slam-Splitter]]></category>
		<category><![CDATA[Buchmesse]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Das Leben ist jetzt]]></category>
		<category><![CDATA[Li Dawei]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Muffathalle]]></category>

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		<description><![CDATA[Am Dienstag liest der chinesische Autor Li Dawei im Muffatwerk (20 Uhr) aus seinem neuen Comic-Roman „Love, Revolution und wie Kater Haohao nach Hollywood kam“ (Albrecht Knaus Verlag).


Unabhängig von der Frankfurter Buchmesse präsentiert &#8220;Das Leben ist jetzt&#8221; Li Dawei und andere chinesische Schriftsteller, die für anspruchsvolle und lebendige Kontroversen und unkonventionelle Literatur stehen.
Als Li einst [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Dienstag <a title="Lesung von Li Dawei (Dienstag in der Muffathalle)" href="http://www.muffathalle.de/cms/veranstaltungen.php?id=1622&amp;termin=1255989600&amp;monat=&amp;typ=&amp;returntyp=&amp;suchbegriff=&amp;wann=" target="_blank">liest</a> der chinesische Autor Li Dawei im Muffatwerk (20 Uhr) aus seinem neuen <a title="Leseprobe des Romans" href="http://www.mucbook.de/2009/10/02/%E2%80%9Eich-hielt-meinen-schatten-fur-einen-anderen-und-gruste%E2%80%9C/" target="_blank">Comic-Roman</a> „Love, Revolution und wie Kater Haohao nach Hollywood kam“ (Albrecht Knaus Verlag).</p>
<p><a href="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/lidawei.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-467" title="lidawei" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/lidawei.jpg" alt="lidawei" width="350" height="560" /></a></p>
<p><span id="more-186"></span></p>
<p>Unabhängig von der Frankfurter Buchmesse präsentiert <a title="Das Leben ist Jetzt" href="http://www.daslebenistjetzt.de/" target="_blank">&#8220;Das Leben ist jetzt&#8221;</a> Li Dawei und andere chinesische Schriftsteller, die für anspruchsvolle und lebendige Kontroversen und unkonventionelle Literatur stehen.</p>
<p>Als Li einst den Jungpionieren beitrat, um ein „gutes Kind des Vorsitzenden Mao“ zu werden, präsentierte er das Kennzeichen dieser Zugehörigkeit als erstem dem Hinterhofkätzchen, das jenes rote Halstuch sogleich probetragen durfte. „Die Katze aber erschrak vor dem blutfarbenen Tuch und sprang mit einem Satz auf das Dach eines Nebengebäudes und verschwand.“ Und mit ihr das Tuch.</p>
<p>Auch als in China längst Deng Xiaoping die Herrschaft übernommen und Li das Comiczine „Kids of Mao &amp; Coca Cola“ gegründet hat, trägt wieder eine Katze schuld, dass Politik in Lis Leben keinen Platz findet. Im Dienst der 1989er-Studentenbewegung zeichnet er – nicht aus Überzeugung, sondern aus Liebe zu einem Mädchen – ein Plakat und gerät mitten hinein in den Aufstand auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Im Geschrei der Kämpfe vernimmt er ein Miauen: „Ich zog das zusammengerollte Plakat aus meinem Rucksack und warf es weg. Es gab keinen Grund mehr, es weiter aufzubewahren, und das Kätzchen brauchte den Platz in der Tasche.“</p>
<p>Bis zu diesem Zeitpunkt kann man den Roman „Love, Revolution und wie Kater Haohao nach Hollywood kam“ des in den USA lebenden chinesischen Autors Li Dawei durchaus noch für einen autobiografisch gefärbten Erlebnisbericht halten. Doch das ändert sich spätestens, nachdem Kater Haohao zu sprechen begonnen hat. In der Folge entdeckt der nämlich seine Liebe zur Konsumkultur der westlichen Welt: Mit einem roten Aufzieh-Mercedes braust er bald durch die Wohnung, zur Sexgespielin erwählt er eine Hello-Kitty-Puppe, und schließlich fasst er den Entschluss, in den USA Comic-Schauspieler zu werden. „Ich wollte Haohao in seiner überschwänglichen Begeisterung nicht bremsen. War es so abwegig, dass auch Katzen nach den Sternen griffen und ein Kater aus armer Familie seine einzige Hoffnung auf ein besseres Leben in einer Karriere als Cartoonstar sah?“ Haohao wird, so viel sei verraten, tatsächlich als „Tony Cat“ in Hollywood berühmt, stürzt dann in Alkohol und Erfolglosigkeit ab, um am Ende ein Comeback in China zu versuchen.</p>
<p>Der Gleichmut, in dem diese wahrhaft krude Geschichte erzählt wird, sorgt freilich für zahlreiche Pointen, da Rhetorik und Realität oft genug hart aufeinanderprallen. Andererseits irritiert der nüchterne Ton auf Dauer: Das Buch hat im Grunde keinerlei Spannungsbogen, eins passiert nach dem anderen, allein die eingefügten Comicstrips sorgen stilistisch für Abwechslung. Und nach 316 Seiten ist eben Schluss damit. Was man Li Dawei allerdings lassen muss: Das sind äußerst kurzweilige, herrlich groteske 316 Seiten.</p>
<p><em>Diese Rezension von Katrin Schuster, der Macherin des Literaturkalenders <a title="Münchens Literaturblog" href="http://www.literatur-muenchen.de" target="_blank">literatur-muenchen.de</a>, erschien in der Oktoberausgabe des Münchner Literaturmagazins KLAPPENTEXT. Ein <a title="Klappentext - Münchens Literaturmagazin" href="http://www.literatur-muenchen.de/blog/mehrklappentext/ja-ich-will/" target="_blank">KLAPPENTEXT-Abonnement</a> ist kostenlos.</em></p>
<p><em>(Photo: Albrecht Knaus Verlag)</em></p>
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		</item>
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		<title>Die andere Sprache – Kurt Drawert liest im Gasteig</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Oct 2009 10:02:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Katrin Schuster</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Feiern & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Poetry-Slam-Splitter]]></category>

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		<description><![CDATA[Kurt Drawert liest am Samstag im Gasteig aus seinem Roman „Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte“ (C.H. Beck Verlag).


Hinter das Wort „Menschen“ setzt Kurt Drawert in seinem neuen Roman ein Fragezeichen. Es gibt auch keine Bürger darin, Drawert schreibt „Bürgen“, in einer Fußnote bittet er, die beiden Begriffe nicht zu verwechseln. Männer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Kurt Drawert liest am Samstag im Gasteig aus seinem Roman „Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte“ (C.H. Beck Verlag).</p>
<p><a href="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/drawert.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-486" title="drawert" src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/10/drawert.jpg" alt="drawert" width="430" height="631" /></a></p>
<p><span id="more-189"></span></p>
<p>Hinter das Wort „Menschen“ setzt Kurt Drawert in seinem <a href="http://www.mucbook.de/2009/10/02/%E2%80%9Eich-hielt-meinen-schatten-fur-einen-anderen-und-gruste%E2%80%9C/">neuen Roman </a>ein Fragezeichen. Es gibt auch keine Bürger darin, Drawert schreibt „Bürgen“, in einer Fußnote bittet er, die beiden Begriffe nicht zu verwechseln. Männer und Kinder werden alle „Tutti“ gerufen, manchmal mit einem „Dr.“ davor, manchmal mit einer Nummer dahinter: „Das hängt mit einer Verordnung meiner Regierung zusammen, dass wir alle Brüder und Schwestern sind und uns im Einheitsnamen vollständig finden.“ Ein paar Frauen tragen den Adelstitel „von Hering“, eine andere – die eine wichtige – heißt mal Babsi, mal Bärbel, mal Barbara, mal alles drei. Bei dem Wort „Karma“ setzt der Autor eine weitere Fußnote: „Schönes Wort, aber mir selbst im Moment etwas unklar. Ich schwanke zwischen Kama (oder Cama? – ostdeutsche Margarine und wirtschaftspolitische Antwort auf Rama, die) und Karmen, das, ein Fest- oder Gelegenheitsgedicht.“ Die DDR schließlich, das große Thema dieses Buches, erscheint als „Deutsche D. Republik“ oder auch als „Deutsche Dermatologische Republik“.</p>
<p>Immer wieder diese Bedeutungsunsicherheiten, die nicht selten im Kalauer enden: Dass das, wovon Drawerts Erzähler in einem unaufhaltsamen, kreisend fortschreitenden Monolog berichtet, die Ordnung seiner Sprache durcheinander gebracht hat und bringt, ist nicht zu überlesen. Von der Schizophrenie des sprechenden Subjekts kündet ja bereits der Titel des Romans „Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte“. So sind auch die familiären Strukturen nur als verkehrte oder mangelhafte präsent, das Ich nennt sich eine „Darmgeburt“, die Eltern heißen „Körpervater“ und „Körpermutter“. Die Topografie ist ebenfalls verschoben, besser gesagt gekippt: Die DDR ist kein Land mit einer Mauer drumherum, sondern ein Bergwerk, ein Straflager untertage, „die neun Bezirke der Schuld waren in Form eines Trichters tief nach unten geschlagen“. Im untersten, dem neunten, lebt der Erzähler, „die Heimat war klein, sehr klein, wie eine Briefmarke, der nur noch der Speichel gefehlt hat, um wesentlich zu werden.“</p>
<p>Neben Dantes „Göttlicher Komödie“ hat Drawert noch einen weiteren modernen, von einer historischen Schwelle zeugenden Mythos in diesen Roman hineingewebt, die Erzählung vom weitgehend sprachlosen Findling Kaspar Hauser, die dessen Chronist Anselm von Feuerbach einst als „romantische Sage“ bezeichnete. Ein gewisser Feuerbach erscheint auch als Ansprechpartner des Erzählers, und vom Zur-Sprache-Kommen spricht dieses Buch im Grunde ohne Unterlass. Nicht nur explizit in der Rede vom „Realismus für Irre“ und von den an Kafka geschulten Stasi-Methoden („Das war ihre Nadelmaschine, sagte ich Feuerbach, und ihr Vorteil war, dass sie gar keine Nadeln mehr brauchte, um einen Körper durch Schrift zu enwerten.“). Sondern auch, indem es immer wieder den Sinn der Worte in Frage und die Absurdität der totalen Bürokratisierung in untauglichen Listen und seltsamen Gerätschaften zur Schau stellt, indem es die Nachhaltigkeit dieses Traumas DDR als haltlosen, weil eben nachträglichen Einholungsversuch inszeniert. Der Text kreist oft genug um sich selbst, auch nach der Geburt des Schriftstellers – befruchtet durch das Abschreiben verbotener Texte – übt der Erzähler stellenweise Selbstzensur. Und doch: „Ich musste wohl auch zu dem Gift der Kränkungen ein Gegengift entwickelt haben, das in meiner Sprache entstanden war und von dem ich erst jetzt wusste, wie groß seine Wirkung gewesen war, da es mich ja immerhin überleben ließ.“</p>
<p>Untrennbar sind (Auto-)Biografisches und Fantastisches in diesem Buch vermischt, der Un-Sinn demaskiert den Schein-Sinn des durchherrschten Staates DDR. Und kommt der historischen Wahrheit daher womöglich näher als manche faktische Abhandlung – weil es die rhetorische Dimension der Diktatur begreift und konsequent zu unterminieren sucht. Das mag manchen hermetisch erscheinen oder gar unverständlich, und eben darum geht es auch: um ein anderes Schreiben, jenseits des buchstäblich vorgeschriebenen Sinns. Eines, das eben nicht konsumiert, sondern tatsächlich gelesen werden will.</p>
<p><em>(Diese ist eine Rezension von Katrin Schuster, der Macherin des Blogs literatur-muenchen.de (<a href="http://www.literatur-muenchen.de/">www.literatur-muenchen.de/</a>). Sie gibt jeden Monat das des Münchner Literaturmagazins KLAPPENTEXT heraus. Ein KLAPPENTEXT-Abonnement (<a href="http://www.literatur-muenchen.de/blog/mehrklappentext/ja-ich-will/">www.literatur-muenchen.de/blog/mehrklappentext/ja-ich-will/</a>) ist kostenlos.)</em></p>
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		<title>Auch ein Alltag &#8211; Illegale in München</title>
		<link>http://www.mucbook.de/2009/09/18/testartikel-4/</link>
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		<pubDate>Fri, 18 Sep 2009 14:53:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hannes Kerber</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Feiern & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Björn Bicker]]></category>
		<category><![CDATA[Illegale]]></category>
		<category><![CDATA[Kammerspiele]]></category>
		<category><![CDATA[München]]></category>

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		<description><![CDATA[Wäre „illegal“ ein Song, müsste man leiser stellen. Schon um nur hören zu können. Der Münchner Schriftsteller Björn Bicker hat ein feinfühliges und gleichzeitig lautes Buch über Menschen geschrieben, die in München ohne Aufenthaltserlaubnis leben.

Björn Bickers Buch „illegal. wir sind viele. wir sind da“, 128 Seiten, ist 2009 im Kunstmann Verlag erschienen und kostet 14 [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wäre „illegal“ ein Song, müsste man leiser stellen. Schon um nur hören zu können. Der Münchner Schriftsteller Björn Bicker hat ein feinfühliges und gleichzeitig lautes Buch über Menschen geschrieben, die in München ohne Aufenthaltserlaubnis leben.</p>
<p><a href="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/09/illegaleinmuenchen.jpg"><img src="http://www.mucbook.de/wp-content/uploads/2009/09/illegaleinmuenchen.jpg" alt="illegaleinmuenchen" title="illegaleinmuenchen" width="430" height="675" class="alignnone size-full wp-image-514" /></a><br />
<span id="more-37"></span><em>Björn Bickers Buch „illegal. wir sind viele. wir sind da“, 128 Seiten, ist 2009 im Kunstmann Verlag erschienen und kostet 14 Euro 90. (Foto: Kunstmann Verlag)<br />
</em></p>
<p>Der Untertitel „wir sind viele. wir sind da“, der das Buch wie ein Refrain begleitet, benennt den Ausgangspunkt von Bickers Buch: die Allgegenwärtigkeit der Illegalen in München. „Wir sind viele. wir sind da“ ist außerdem die Antwort auf die Geringschätzung der Problematik. Als der Soziologe Philipp Anderson im Jahr 2003 im Auftrag der Stadt München eine Studie über die Lebenssituation der Menschen ohne Papiere erstellte, verbreiteten sich seine Zahlen wie Feuer: Für München geht er von 30.000 bis 50.000 Illegal aus – und überschritt damit frühere Schätzungen um ein Vielfaches. Und so wird in den Geschichten von „illegal“ immer wieder thematisiert, dass viele Deutsche die Illegalen im Alltag nicht wahrnehmen.</p>
<p>Besonders deutlich ist dies in einer Episode, die Björn Bicker aus der Sicht einer Ecuadorianerin erzählt, die den Haushalt einer jungen Frau erledigt, während deren Mutter zu Besuch ist: „warum kann die frau in schwabing bei der telefonfirma arbeiten. / und drei kinder haben. / und einen mann der nie da ist. / ihre mutter war zu besuch. / und hat gesagt / wie du das alles schaffst kind.“ Das ganze Buch dokumentiert die Gedanken oder Monologe der Illegalen auf diese Weise: im O-Ton, im Staccato, in einfachem Deutsch, ohne Kommata, manchmal in kurzen Versen, häufig kommentarlos, aber immer wütend.</p>
<p><object width="430" height="264"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/VJcgJLZxw5k&#038;hl=de&#038;fs=1&#038;"></param><param name="allowFullScreen" value="true"></param><param name="allowscriptaccess" value="always"></param><embed src="http://www.youtube.com/v/VJcgJLZxw5k&#038;hl=de&#038;fs=1&#038;" type="application/x-shockwave-flash" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" width="430" height="264"></embed></object><br />
<em>Auf dem internationalen Festival für junge Literatur „Wortspiele 2009“ liest Björn Bicker aus „illegal“. (Video: Youtube)</em></p>
<p>Björn Bicker ist seit acht Jahren Dramaturg der Münchner Kammerspiele. Dort war er unter anderem mitverantwortlich für die Stadtprojekte „Bunnyhill“ und „Doing Identity &#8211; Bastard München“. Sein Buch ist demenstprechend politisch und engagiert &#8211; es stellt Fragen und verlangt nach Antworten. Aber es zeigt nicht, wie es zu Migration kommt. Nicht wie aus Migration Illegalität wird. Es nennt keine Zahlen und vertritt nur die Seite der Illegalen. Dennoch ist „illegal“ kein Pamphlet. Björn Bicker hat einen Augenzeugenbericht geschrieben und sich zurückgenommen, um diejenigen erzählen zu lassen, die am besten wissen, wie es sich anfühlt, in einem Land zu leben, in dem man offiziell nicht existiert oder existieren dürfte. Er leiht den Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis seine Stimme, um Geschichten aus dem Alltag erzählen zu lassen. Von Schwangerschaften. Leben auf der Straße. Bitterkeit. Dem ersten Ausflug an den Stranberger See. Liebe. Hoffnung. Wäre „illegal“ ein Song, wäre er laut. Denn wer nachts im Wald singt, tut es aus Angst.</p>
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