Kultur, Nach(t)kritik

Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte

Hannes Kerber

Hannes Kerber

Hannes arbeitet als freier Journalist in München und mag besonders die BOB und die Regionalbahn 30607, die ihn samstags in die Berge bringen.
Hannes Kerber

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Kurt Drawert hat dieses Jahr mit „Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte“ (C.H. Beck) seinen ersten großen Roman vorgelegt. Am Samstag wird er im Gasteig daraus lesen. Das erste Kapitel seines autobiografischen DDR-Romans ist programmatisch mit „Woher? Wohin?“ überschrieben. Eine Leseprobe zur Rezension.

Wir liebten die Welt unter der Erde. Jeder war hingerissen von der Nutzlosigkeit seiner Arbeit, die Maschinen wirbelten den Staub durch die Luft, daß es eine Freude war, Zeuge zu sein, das ganze Jahrhundert betreffend. Ja, wir waren der Zukunft zugewandte Leute, an was auch sonst sollten wir uns halten. Die Luft war angenehm abgestanden, der Raum annähernd dunkel. Es war gut für alle, die hin und wieder die Augen verschließen und kurz einschlafen wollten. Nicht lange, fünf Sekunden vielleicht, und auch ich war oft noch einmal weggenickt, morgens. Es gab viel freie Zeit, für die meisten. Die Steine hatten nur auf ein Fließband gelegt und das Fließband hatte nur an- und ausgestellt zu werden, und das war schon der ganze, einfache Tag. Die Steine indessen hatten sich immer in Bewegung befunden, in Arbeit, sie waren die wirklichen Helden, nicht wir, wie gelegentlich behauptet wurde. Verkanteten sich die Blöcke in der Trommel, was dann passierte, wenn einer wollte, daß es passiert, da er besonders müde war und der Ruhe bedurfte, kam es zum Stau. Aber auch die anderen schliefen fest ein in diesen Momenten, was sehr solidarisch aussah, ein Bild voller Frieden und Eintracht, wie eine Herde schlafender Schafe. Gut, ich habe nie schlafende Schafe gesehen in diesem halbtoten Leben, aber vielleicht spielt auch das keine Rolle. Jedenfalls Strom weg, Maschine kaputt und so weiter. Ein Techniker mußte sich vom Mutterbetrieb weit in unseren Fuchsbau verirren. Keiner von uns konnte sagen, wie oft er unterwegs umsteigen mußte und wie tief er fuhr, um hier seinen Dienst anzutreten. Es war immer derselbe, nur daß er älter wurde. Wir lebten ja mit ihm, waren angewiesen auf seine Hilfe, gewöhnten uns aneinander und sahen plötzlich mit Schrecken, daß er keine Haare und keine Zähne mehr hatte, als er im Licht stand, vor uns, etwas schüchtern, aber dennoch einem Heiligen ähnlich. Seine weit offenen, unbewegten Augen stierten lange in etwas wie einen Kabelschacht, er tastete mit dem Fuß nach der Schwelle, über die zu stürzen den sicheren Tod bedeutet hätte, Tutti, auch das muß gesagt sein, war blind. Wir riefen ihn alle Tutti, schon am ersten Tag vor ich weiß nicht wie vielen Jahren, alle gemeinsam, Tutti, und andere Namen, glaube ich, kannten wir gar nicht. Ich sehe noch, wie er den Tunnel herab- und in den Keller hereinkommt, auf stolze Art jung, schwarze, dauergewellte Haare, wie für die Ewigkeit frisiert. Also hereintritt und vor uns steht und von allen, von allen gleichzeitig Tutti gerufen wird. Ein Lichtstrahl brach sich in seinen gläsernen, blanken, hervorgequollenen und uns schon damals ungewöhnlich matt erscheinenden Augen und blitzte auf uns herab. Sehr starker Eindruck. Er hatte etwas von Jesus, möchte ich sagen, unser Klempner für gewisse Stunden. Tutti also tastete zunächst mit dem Fuß nach jener Schwelle, über die zu treten sich instinktsichererweise keiner getraute. Jetzt begann eine uns immer wieder faszinierende Kleinarbeit mit den Spitzen der Finger, den Verteiler entlang, über die Steckdosen und Sicherungen hin und an unzähligen Schnüren und Drähten vorbei, herauf und herunter und hin und her, bis er, über das feine Gespür seiner Hände, auf die Stromquelle stieß. Sie hatte er gesucht, sie war das Geheimnis aller Erfolge, die Augen, sagte Tutti, nützen hier sehr herzlich wenig. Das Gespür ist entscheidend, das Talent, den Reizstreifen zu finden mit seiner Rute, seiner Wünschelrute. – Ja, ja, sagte Tutti, noch blau im Gesicht und zitternd am ganzen Körper, wenn gar nichts geht, hilft die Pißwasserprobe, diese Blasenfontäne auf einen Kuhkoppeldraht, der noch am Netz hängt. Tutti war einmalig sportlich, der Strom hatte ihn zäh werden lassen und erfahren dem Leben, nicht uns gegenüber. Er verfügte über eine derart ungewöhnliche, orthopädisch gar nicht nachzuvollziehende Elastizität, die Glieder im allgemeinen, aber hauptsächlich das Rückgrat betreffend, daß er über Untiefen oder Hindernisse hinweg stehen konnte wie ein zur Schlaufe gebogener Draht, rückwärts wie vorwärts. Nicht selten schob sich noch der Kopf durch das O seiner Beine, die Arme hantierten wie mächtige, von der Stirn aus ins Maschineninnere greifende Fühler, und der Körper mit seinem nackten menschlichen Fleisch umhüllte das gefährlich freiliegende Hochspannungskabel, als wäre er ein Mantel aus Kunststoff, unser Tutti. Von einem Tod durch Verbrennen trennten ihn oft nur wenige Millimeter, die wir ihm alle sehr herzlich gönnten. Aber wie gesagt, das waren noch die gesprächigen Zeiten. Später tauschten wir kaum noch Worte, nach all den Jahren, man kann es schon Ehe nennen. Es ist ja wohl doch so, daß wir uns in vielleicht einer, vielleicht zwei Stunden alles zu erzählen vermögen, was auf der Seele herumliegt und gesagt werden will. Dann schon gehen die Wiederholungen los, die fiktiven Verlängerungen, die Legenden, um sich noch etwas bei Stimmung zu halten und im Gefühl zu betrügen, das Leben sei bunt. So waren auch wir sparsam mit unseren Worten, geizten am Ende, die letzten zehn Jahre, mit jeder Silbe. Eine sehr schöne Sprache entstand, aus wenigen Lauten, wie bei klugen Schimpansen. Jeder wußte von jedem ausnahmslos alles. Nur über eines haben wir nie gesprochen, ob Tutti jemals eine Vermutung darüber hatte, daß die Pannen beabsichtigt waren, um besser schlafen zu können. Nun sahen wir ihn im Licht, unseren Jesus, er wirkte auf uns wie leidend gestorben und vergeblich auf seine Auferstehung wartend, wie es vertraglich vielleicht abgemacht war. Jedem war klar, als er ihn so stehen sah, ohne Hut auf der Glatze und ohne Zähne im Mund, den er noch einmal kühn zum Hühnerpo spitzte, um jedem mit einem Bussi Servus zu sagen, aber davon vielleicht ein anderes Mal mehr, von dem Charme, wie er unter uns Proletariern geherrscht hat. Immer Spaß irgendwie, immer gute Laune, viel Schlaf, tagsüber. Keine gräßlichen Pflanzen mit ihrem Anspruch auf Wasser und Licht, kein Kindergeschrei oder nur selten, von draußen, wenn Tutti kam und die Klappe nicht hinter sich zuschob, der blaue Himmel, der dann wie ein Sargdeckel drückte, wirklich sehr schrecklich. Aber sonst, auch Frauen, untenherum, unter uns und dergleichen. Nicht sehr schön mittlerweile, keine Feen, doch offen für Scherze und diese Dinge, zu kurz, um es Liebe zu nennen, zu lang, um es vergessen zu können. Oft in den Pausen, drei Minuten, im Durchschnitt. Der Anfang war gelegentlich zärtlich, doch dann ging es einfacher weiter, natürlicher. Abgang war auch, Zugang war auch, doch selten, immer seltener schließlich, man war unter sich und schätzte einander, mit einem Wort, ein Kollektiv [Fußnote: Synonym für Gruppe, Mannschaft, Sportverband (ostdeutsch/historisch).]1 wie im Lehrbuch, all die Jahrzehnte hindurch. Und Tutti kam und brachte Zeitungen mit, deren Bildteil und die Wetterprognosen. Obwohl, andererseits, das Wetter interessierte hier kaum, eine Angelegenheit von höchster Abstraktheit, etwas Allgemeinmenschliches, wenn ich es so sagen darf, Welt- und Geistbezogenes, wie es draußen wohl tobte. Königsmorde und Sklavenaufstände, auch davon hörten wir und diskutierten es in den Clubs, wie sie nach Schichtschluß aufgemacht hatten, in einer Unterhöhlung des Kellers, sehr gemütlich und gleichbleibend warm. Auch viele Tiere saßen uns bei, all diese hübschen Tierchen. Hauptsächlich Asseln, würde ich sagen, flinke, spritzige Typen, schossen nur so durch die Kleidung und sprangen am Kragen wieder heraus. Oder im Gegenverkehr, durch das Hosenbein gefallen und davongeflitzt über die zum Ausdünsten abgestreiften Schuhe. Ich weiß nicht, warum mir Delphine einfielen, von denen ich einmal gelesen hatte in einer Zeitschrift für Populärwissenschaften, lange, sehr lange her. An der Ostsee konnte es sie nicht gegeben haben, an unserer schönen ostdeutschen Ostsee. Es hätte sich herumgesprochen, in all den schwierigen Jahren, es sprach sich alles herum, die Heimat war klein, sehr klein, wie eine Briefmarke, der nur noch der Speichel gefehlt hat, um wesentlich zu werden. Auch mir hätte man es berichtet, irgend jemand, der die Ostsee gut kannte, wie ich das Nachtleben kannte In diesem besseren Land. Sie erinnern sich an das Buch vielleicht auch? Oder war es ein Schlager? Von meiner Belesenheit, die mir zunehmend peinlicher wurde, hier, unter durchwegs einfachen Seelen, treuen, bruchlosen Herzen, oh, ich war nahe daran, von keinem mehr verstanden zu werden, berichte ich nicht an dieser Stelle, um nicht vom Ziel abzukommen. Es gibt Sätze, die einen noch tiefer in die Einsamkeit treiben, als es ohnehin schon der Fall ist. Eine Hymne mit Text beispielsweise. Schwer zu ertragen. Man denkt nur noch über sie nach, andauernd, über nichts anderes mehr, abends, nachts, unter der Bettdecke, zusammengerollt wie ein Keimling, vor Gott. Was will diese, was will jene Zeile mir sagen, dieses Wort, jenes Wort, wie darf ich, muß ich die Strophe durch meinen Sprechmund bringen. Deutungshoheiten schwärmen mit Erklärungen aus, verbeamtet und mit allen Wassern der Unterstellung gewaschen, nicht hier, wo der Text frühzeitig abgeschafft wurde, dankenswerterweise. Die Erde ist reich, ich komme, in Anbetracht ihrer Insekten, zum Thema zurück, soviel steht fest. Auch Schlammfliegen, von oben, ganze Schwärme in düsterem Braunton. Schossen herab wie kleine Flieger mit ihren übersichtlich gegliederten Kiemen, Tracheenkiemen, die Megalopteraten, wer weiß, wer sie eingeschleppt hatte. Von unten die spitzen Torpedos, Hundert- oder Tausend- oder Zehntausendfüßer, nicht zu zählen, nicht zu begreifen. Das beste war, jeder saß still und steif und wartete ab bis zum Ende des Krieges. Toter Mann spielen, tote Gruppe spielen, das war der Trick, mit dem wir die Natur hinters Licht führen konnten. Hier genossen wir den Trumpf, den unsere Spezies, grob betrachtet, in der Hinterhand hielt. Oder im Kopf, besser im Kopf. Sie zogen ab, diese kleinen Biester. Stachen nicht zu und zapften nicht an unseren Adern herum auf der Suche nach Nährstoff und Vitaminen, obgleich auch dafür jeder Verständnis gehabt hätte, denke ich, obwohl wir es nie thematisierten, jedenfalls nicht während einer der Sitzungen, die ich miterlebt habe. Warum nicht, frage ich mich heute, aber ohne Ergebnis. Andererseits muß gesagt sein, daß wir doch auch sehr stolz waren auf unser Blut zwischen den Knochen, tatsächlich, und es wird ja auch gebraucht, wenn man noch aufstehen und etwas verrichten will. Und wir waren gerne Arbeiterexistenzen, Proletarier aus allen Ländern und vereinigt im Erdreich. Jedenfalls gebe ich an, von diesen Gesellen berichtet zu haben, die hinter uns hockten, etwas auf der Lauer, etwas berechnend am Anfang, gerade im Club zu den verhaltenstherapeutischen Sitzungen, donnerstags, am runden Tisch, diese Biester. Wir hatten einen runden Tisch, [Fußnote: Gemeint ist hier der politische runde Tisch, an dem sich alle, die sich zwangsläufig kannten, einigen sollten; chronologisch sehr heikle Passage, da sie schon das traurige Ende der Höhlenrepublik betrifft.] aber darüber noch ausführlich später oder auch nicht. Es herrschte also Eintracht zwischen allen, zwischen allen lebenden Wesen. Toter Mann, tote Gruppe, und schon waren sie wieder in ihren Nischen und Ritzen und legten Nissen ins Nest. Niedlich, wenn sie schliefen, aber vielleicht schliefen sie auch nicht und täuschten uns, um uns glücklich zu sehen. Sie haben ja auch ein Herz, glaube ich. Größer als das unsere, glaube ich. Übrigens, mein Name spielt keine Rolle. Ich müßte nachschauen, ich müßte ihn suchen, aber ich werde nicht suchen, nicht jetzt. Ein Erbstück, väterlicherseits, soviel steht fest. Hochadel, raunt man, wenn die Gelegenheit aufkommt. Aber sie kommt nicht auf, seien Sie beruhigt, und neiden Sie mir nichts. Meine erste Geliebte, oder was ich dafür hielt, gerne übrigens, nannte sich Bobo. Sie spitzte ihr Mündlein zu einem kleinen, sehr hübschen Loch und pfiff es hindurch: Bo-bo, wie der Pfeil eines Engels in die Mitte meines für die Liebe noch etwas geöffneten Herzens. Wir lernten uns unter schwierigen Umständen kennen, im kalten, sehr kalten Krieg, der auch hier nicht ohne Giftspuren abging und Verletzungen der kompliziertesten Art, meine seltsame Liebe, jetzt halte ich dir doch noch den Nachruf, den ich dir schulde. Andererseits, Bobo wuselte eigentlich immer so an meinen Füßen herum und über sie hinweg, sie war meine ständige Begleitung, wie der Pudel bei Goethe. Dieser Satz birgt auch für mich ein Geheimnis, und schon geht es weiter. Denn die Gedanken, sie kreisen und jagen und treiben voran wie die ganze Entwicklung, namentlich heutzutage. Man denkt los wie ein Blitz, und schon liegt er im Schädel, der Gedanke, fertig und druckreif für eine Zeitung. Oder er verfällt, meistens verfällt er. Also Kriegszeiten, Planerfüllung, überholen, ohne nachzudenken und ähnliche Selbstmordaufrufe, und Bobo, wie sie am Stein hing und flehend mich ansah. Wasserblaue Augen und ein kleiner, goldiger Mund. Nein, sie war kein gewöhnlicher Mensch, man kann sogar sagen, daß sie ein Tier war, eine Wirtelechse oder eine Doppelschleiche, mit feinen, entzückenden Haftscheiben an den wie kleine Henkel aussehenden Füßen, mit verwachsenen Unterkieferästen und zwei ineinander verlappten Hautpölsterchen unterhalb des über alle Maßen beweglichen Kopfes. Abspringen, sie hätte abspringen müssen, doch verstand sie mich nicht, damals. Es war ein Sprachproblem, erkannte ich später. Der Trümmerer hackte, die Trommel, das Fließband, alles auf Hochtour, gnadenlos Richtung Jahrestagsfeier. Dreihundert Jahre Infanterie und dreihundert Stunden Bobo und ich, wie soll ich fortfahren, so ohne Tränen, die meine Erzählung würdevoll begleiten müßten, wie ein Regen traurige Tage begleitet, leise, erhaben. Nein, nichts als ein Krampf, vom Hals ausgehend über das Gesicht zum einen, in Richtung der Herzmaschine zum andern, am linken Arm entlang, an der linken Seite entlang. Aber leider, alle Sekrete verbraucht, alle Säfte verloren. Doch gäbe es nicht dieses trockene, tränenlose Weinen, wir wären verendet in einem Meer, glaube ich, die Menschheit, an und für sich, dahintreibende Wasserleichen, die Städte überschwemmte Städte, die Ratten ertrinkende, ertrunkene, neben uns dahintreibende, tote oder tot scheinende Ratten, alles tot, alles verendet in Tränen, in Tränenflüssigkeit, physikalisch betrachtet, in Trauer, metaphysisch betrachtet. Die Natur aber hat es uns eingerichtet, daß die Tränen versiegen, ein Dank, an wen auch immer. Dann wie verschluckte und im Hals steckengebliebene Erdäpfel. Ein Druck, als bekäme ich gleich keine Luft mehr, ein Schmerz, nicht stark, nicht sehr auffallend im Verhältnis zu anderen Schmerzen, aber gefährlich, heimtückisch. Keine Luft zu bekommen ist ernst, der Lage nach. Ich kenne mich aus, von Kindheit an, mit Gefühlen. Zuviel Gefühl, zuviel quirliges Innenleben, zuwenig Knochen, glaube ich, fast keine oder kaputte, viel sich im Körper bewegende, wabern de, hin und her sich verlagernde, weiche Substanz, wenn ich es mir vorstellen soll, woher die Augen sich in Meere ergießen oder in Pfützen auf einem Tisch, unterhalb des Kopfes, unterhalb der problematischen Stirn. Hätte ich leibhaftig einen Vater gehabt, nicht nur in den Papieren, meine ich, und ich wäre ein Ei, so hätte er mich länger kochen lassen sollen, wünschte ich immer, bis ich blau angelaufen wäre vor lauter Härte. Hätte ich eine Mutter gehabt, wünschte ich immer, sie wäre hinter mir gestanden und hätte mich mit einer Zange wieder herausgefischt aus diesem brodelnden Kessel der Zeugung. Erklären kann ich diesen Widerspruch nicht, dieses Väterlicherseits und dann wieder Mütterlicherseits und dann wieder keines von beiden. Aber an mein Pferd erinnere ich mich, an mein treues, sehr schönes Holzpferd. Dieser Anlaß, an Bobo zu denken, bringt mich zu denken an mein Pferd, aber ich möchte denken an Bobo. Mein Nachruf, immer wieder verschoben durch andere Dinge und verhindert durch übliche Fragen, wie ist das Wetter zur Stunde, wo weht der Wind her. Es ist sehr intim, würdig zu trauern und die richtigen Worte zu finden, da sind sie unerwünscht, die kritischen Zeugen. Ich stelle mir vor, wie ich aus dem Bauch meiner Mutter oder einer anderen Frau geradewegs auf glitschiges Herbstlaub geplatscht bin an einem Montag, für nichts vorgesehen und ein Zwerg unter den Zwergen der Babys, ohne Sprache naturgemäß und mit nutzlosen Augen, mit nutzlosen Gliedern, wieviel Zeit vergangen sein muß, wie viele Nächte vergangen sein müssen. Ich will sie nicht missen, ich will sie nicht zählen. An meine Stimme werden Sie sich gewöhnen, an meine gebrochene, Ihren Ohren unvertraut bleibende Stimme, an ihre Risse, Narben, wo die Worte reißen, sich fügen, reißen, sich in Silben zerlegen, in Anlaute, von den Anlauten zurück zu den Silben, zurück zu den Wörtern, zurück zu den Sätzen, zurück zu den Selbstverständlichkeiten sich formender Sätze, zurück. Sie ist ein Ort, sie ist eine Geschichte. Sie erzählt, wo ich nichts mehr erzähle, wo ich nichts mehr erinnere, nicht will oder nicht kann, ich beobachte es so an meinem Körper, an seinen mir oft lästigen Bewegungen, wir wollen weiterkommen, ich werde sprechen, ich bin genötigt zu sprechen. Zum einen, da ich verfolgt bin von dem Verdacht des Betruges, zum anderen, da ich verfolgt bin von dem Gefühl, im Dunkel meiner Herkunft erloschen zu sein, noch nicht tot, aber auch nicht mehr lebendig, in meiner Stimme. Doch auch jedes Wort ist ein Körper, ich orientiere mich so, ich erinnere mich so. Ich würde lieber die Vergangenheit in einen dunklen Raum hinein abgeschoben haben, die Bilder. Ich würde die Tür öffnen, und eine Lampe mit schwarzem Licht würde scheinen, und ich würde, was immer geschehen ist, hineinjagen. Eine Herde trauriges Vieh. Durch ein Tor getrieben, durch eine Schleuse getrieben. Geschlachtet, und wir hören das Blut sickern in die Erde, nachts. Was, wenn es keine Erinnerung gäbe, paßte nicht alles in meinen Kopf, ich würde mit Sprachen beginnen, ich würde mit den romanischen Sprachen beginnen. Ich würde mit Disziplinen der Wissenschaft beginnen, nicht mit allen, nicht mit denen, die mir sagten, wo ich hergekommen bin, wo ich hingehöre, obwohl, es müßte doch ein gutes Gefühl sein, Vater und Mutter zu haben, eine Schwester zu haben, einen Bruder, obwohl, es müßte doch ein schweres Gefühl sein, obwohl, ich würde beginnen mit Disziplinen, die mir sagten, wo ich hergekommen bin, wo ich hingehöre, um befreit zu werden von Erinnerungen, an Vater und Mutter, nein, an Bruder und Schwester, nein. Daß ich vom Rücken her steif bin, ist mein jetziges Problem. Es kann ein Vorfall der Bandscheiben, es kann eine andere Krankheit sein. Ich habe mir ein Brett unter die Kleidung gebunden, damit ich nicht in Versuchung gerate, mich zu bücken und unter Schmerzen nach vorn zu stürzen, weil es in einem Gelenkstück der Wirbelsäule unten, tief unten, fast am Steißbein, wo man zu fürchten hat, es beim Abgang mit einem Plopp zu verlieren, das Scharnier, meine ich, das Knochen- und Knorpelteilstück, nicht funktioniert. Ich sollte mich vielleicht doch verstärkt für die Wissenschaft des Menschen interessieren, später, später auch das. So möchten Sie doch verstehen, sagte ich Feuerbach, [Fußnote: Feuerbach, Paul Johann Anselm v., Oberarzt am psychiatrischen Klinikum von Okkerwalde, schrieb auch den Begleittext: «Kaspar Hauser, Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen». Akademie-Verlag, Ostberlin, 73. Aufl . xx89/90. Siehe auch Anm. 6.] daß ich, sagte ich Feuerbach, sobald Sie mit mir sprechen, nur stehen vor Ihnen kann oder liegen, senkrecht oder waagerecht, das ist mein Schicksal. Kein Dazwischen, keine Zwischentöne, keine Ungenauigkeiten. Die Schönheit der Grauzonen, sie hat, seit ich denken kann, mit mir nichts im Sinn. Meine Angaben, meinen Körper betreffend, werden, nach zu absolvierenden Studien die Wissenschaft vom menschlichen Körper betreffend, noch genauer, noch wissenschaftlicher sein, so daß ich, und Sie werden mir dann besser helfen können als jetzt, wo Sie mir nicht helfen können oder nur schlecht helfen können und wo Sie mir zudem mißtrauen, wo Sie zudem meinen ohnehin schon durch mangelnde Bildung nur unzureichenden Angaben durch ein Mißtrauen Ihrerseits noch … – nein, es ist mein Problem. Was mir fehlt, warum es mir fehlt, die Exaktheit meiner Worte meinen Körper betreffend, es ist mein Problem, heute hier und vor Ihnen. Zunächst also das Brett unter meiner Kleidung, es wird gehen, ich werde sprechen dabei. Vom Zustand meiner Zähne an einem anderen Tag, vom Zustand meiner Nerven, von meiner Müdigkeit, meiner Schlaflosigkeit, tagsüber. Vielleicht aber nehmen Sie auch gar keinen Anteil, weil ich erkenntnistheoretisch schon ausgeforscht und abgelegt bin. Dann mag ich wieder in Stummheit versinken und in tiefe Gedächtnislosigkeit, vielleicht immer noch sprechend, aber gedächtnislos sprechend, bis ich wieder gleich einem Tier bin, das ohne Kopf läuft. Wenn ich etwas aufzuheben habe, werde ich mich der Länge nach auf den Boden werfen und mit den Händen auffangen müssen, aufheben, was aufzuheben sein wird, und dann werde ich Sie bitten, mich mit einer Seilwinde von hinten wieder nach oben zu kurbeln, im Ganzen, im Stück, wie ein tiefgefrorenes Schwein. Oder Sie sagen mir geradezu ins Gesicht, was immer Sie wollen, sprechenderweise, nicht geschriebenerweise auf kleinen, gefalteten Zetteln, die Sie mir vor die Füße werfen, weil ich lesen kann, leider. Nichts in romanischen Sprachen, doch das sagte ich schon, aber auf deutsch. Lesen, hören und verstehen. Nicht lesen kann ich in allen Sprachen einschließlich den romanischen Sprachen. Nicht lesen können auf deutsch ist nicht mehr möglich für mich, verlorene Unschuld, verlorene Kindheit, einiges verloren, anderes gewonnen, wieder anderes nicht gewonnen, nicht gewonnen und nicht verloren, hin und her und her und hin, auch bedenken Sie, bitte, mich nicht von hinten und nicht von der Seite anzusprechen, da ich, um Ihnen in die blauen Augen zu sehen, angenommen, Ihnen in die wie blau auf mich wirkenden Augen zu sehen, angenommen, mit einem Sprung zu einem Viertel linksherum müßte oder zur Hälfte oder zu einem Viertel rechtsherum müßte, je nachdem, von welcher Seite mich Ihr Einwand erreichte, mit der Gesamtheit des durch ein Brett zusammengehaltenen Körpers, schlimmer als eine Gans, von der wir wissen, daß sie den ganzen scheußlichen Kopf wenden muß, um einem in die Augen zu blicken. Und Sie würden lachen, Sie würden sich totlachen am Ende, und ich hätte auch noch einen Prozeß wegen Mordes am Hals. Aber es wäre nicht zum Lachen, unter uns gesagt, es wäre zum Weinen. Wenn ich doch nur mein Pferd [Fußnote: Es waren zwei Pferde. Aber eines davon liebte ich nicht.] zurückbekommen kann, dann will ich ein solcher werden, wie mein Vater einer gewesen ist. Seine Bildung im Umgang mit Toten, seine erworbene Anständigkeit. Besser erklären kann ich mich nicht, allein die Schmerzen im Rücken, hauptsächlich, diese verbliebenen Indizien meiner Anwesenheit, besser erklären kann ich mich nicht. Der Verdacht des Betruges. Der Verdacht, daß die Stimme eine simulierende Stimme ist, daß der Körper nur ein Körper der Vortäuschungen ist, daß der erinnernde Verstand ein Erinnerung nur vortäuschender Verstand ist, daß die Wunde, die mir zugefügt wurde, eine selbstzugefügte Wunde, eine namenlose Wunde ist.

Kurt Drawert wurde 1956 in Hennigsdorf geboren und lebt heute in Darmstadt. Zuletzt erschienen von ihm die Essays „Rückseiten der Herrlichkeit. Texte und Kontexte“ sowie die Flaubert-Studie „Emma. Ein Weg“. Bekannt wurde er vor allem mit seiner seit 1987 veröffentlichten und in zahlreiche Sprachen übersetzten Lyrik. Sein aktueller Roman „Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte“ (C.H. Beck) kostet 19 Euro 90.

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