Kultur, Nach(t)kritik

„Geht raus und macht was kaputt.“

Frau_Wald

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Wahlmünchnerin. Langschläferin. Feminstin. Schreibt gern über kleine Projekte mit großem Potential. Nicht umgekehrt.
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Das Theater…und so fort ist wohl Münchens sympathischster Ort für allerlei Kunst. Das fand wohl auch Dirk Bernemann, der eben dort am 08.11.2012 seinen neuen Roman Asoziales Wohnen im Rahmen einer Lesung vorstellte.

Der Schauplatz: Die Bühne. Schwarz weiß gehalten, puristisch. Bernemann in legerem Outfit mit einem Glas Wasser, später Weißbier. Die Zuhörer_innen, ca. 30 an der Zahl, machen es sich halbkreisförmig mit Bier oder Wein gemütlich. Es fühlt sich an wie daheim im Wohnzimmer. Und der Fernseher ist kaputt. Und das ist gut so, denn es gibt was viel besseres.
Bernemann begrüßt sein Publikum charmant und beginnt ohne Umwege mit einer kurzen Einleitung zum neuen Roman. In Asoziales Wohnen geht es um acht Mietparteien in einem Wohnhaus in einer nicht näher benannten Stadt. Wie leben sie? Was fühlen sie? Wie überleben sie? Und wie wohnt mensch eigentlich richtig? Die Kapitel sind zeitlich und räumlich unterteilt: Eine Woche, Montag bis Sonntag, die einzelnen Etagen des Wohnhauses mit den jeweiligen Türeingängen.
Der erste Text, den der Autor vorträgt lautet Montag, Erdgeschoss links. Mann und Frau. Alt. Verheiratet. Still, mit sich in Gedanken. Sie, am Fensterbrett, den Blick in die Draußen-Welt, an deren Lauf sie nicht mehr beteiligt zu sein scheint. Er, auf dem Sofa, hustend und sich in die Hose machend. Die einzige Gemeinsamkeit der beiden: Gedanken an früher und Gedanken an das was noch kommt. Nicht viel. Wahrscheinlich.
Weiter geht es mit Dienstag, 1. Stock mitte. Sibylle. Die Kassiererin. Ohne Liebe. Ohne Selbstwertgefühl. Ohne alles, was das Leben doch irgendwie schön macht. Kassieren. „Piep schieb“. Das kann sie und das macht sie. Und das hasst sie. Und die Menschen, die Sibylle da so abkassiert, kommen und gehen. Nur Sibylle muss bleiben. „Der Resttag wirkt wie ein gelangweiltes Kind, dass alleine an einem regnerischen Oktoberfreitagnachmittag auf der Hälfte einer Wippe sitzt und auf ein Gegengewicht wartet, das aber definitiv heute nicht mehr zum Spielen rauskommt“ liest Bernemann, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass dies ein „geiler Satz“ ist .
Soweit ihn dafür jemand für den Literaturnobelpreis vorschlagen will, soll sie oder er das gerne tun. Das Publikum lacht. Leider hat hier niemand was mit dem Literaturnobelpreis zu tun.
Als letzten Text aus Asoziales Wohnen gewährt der Autor Einblick in Mittwoch, 2. Stock rechts. Ein Autor. Natürlich nicht Bernemann selbst. Aber doch mit einigen Gemeinsamkeiten, wie Bernemann verlauten lässt. Der Autor trägt den Namen Autor. Und der hat Glück bei Frauen (übrigens keine der oben beschriebenen Gemeinsamkeiten wie Bernemann den Zuhörer_innen mitteilt). Und einen guten Freund namens Dethmar. Mit Dethmar sitzt der Autor in einer Bar und Dethmar verprügelt einen aggressiven Rassisten und das ist gut so.

Nach der Reise in das Leben der Antihelden aus Asoziales Wohnen verlässt Bernemann das Publikum mit dem Gedicht „Die schöne Raucherin“ in die Pause. Lyrik geht also auch.

Nach der Pause wird es grandios. Bernemann liest eine gereimte Geschichte namens Max und Murat vor, die er in Anlehnung an Wilhelm Busch’s Max und Moritz erst vor ein paar Tagen auf seiner Lese-Tour durch Österreich geschrieben hat. Max und Murat „Unterschicht“-Jugendliche, begehen Taten benannt als Streiche wie z.b. Autos abfackeln oder klauen und Menschen zusammenschlagen. Und erfahren letztendlich das gleiche Schicksal wie in Busch’s Kindergeschichte. Den Tod. Was Busch aber mit keinem Wort erwähnte, bringt Bernemann umso deutlicher ein: Er benennt Gründe oder zumindest Möglichkeiten. Er hinterfragt das Moral- und Wertesystem. Max und Murat. Das ist Tragik. Und das ist Wahrheit. In einem Textkorsett, das zwickt und trotzdem passt. Das Publikum applaudiert laut.
Der Autor fährt fort. Mitte Oktober erschien ein kleines Heft im Rahmen der Edition kleinLAUT des Unsichtbar-Verlags, mit bislang unveröffentlichten Texten. Daraus liest Bernemann unter anderem Kotzen am Gefühlsbuffet, nach dem das Büchlein benannt ist.
Beendet wird die Lesung mit 2 Gedichten. Phantomschmerz, welches den Versuch der Verarbeitung einer Trennung beschreibt, ein sehr frühes Gedicht des Autors. Und Protestkultur, das eigentlich ein Songtext Bernemann’s ehemaliger Punkband Gesten und Geräusche war. Wahrscheinlich deshalb tritt er am Ende sanft den Stuhl um und ruft das Publikum auf, auch mal etwas kaputt zu machen, wenn es nötig ist. Natürlich metaphorisch gemeint, richtig?

Bernemann liest nicht nur, er tanzt seine Texte. Stimmlich als auch die Gestik betreffend. Alles fließt und das ziemlich rasant einen dreckig und übel riechenden Fluss durch die Städte dieses Landes. Und im Hintergrund läuft immer Popmusik.

Weitere Termine Lesetour:
2012
10.11. Würzburg – Immerhin
11.11. Paderborn – Sputnik
14.11. Mülheim a. d. Ruhr – Leckerbisschen
15.11. Dortmund РCakes n Treats Caf̩
22.11. Leipzig – Helheim
04.12. Dresden – Chemiefabrik
05.12. Chemnitz – Subway to Peter
20.12. Erlangen – E-Werk

2013
06.01. Stemwede – Life House
15.01. Bochum – Bahnhof Langendreer
01.02. Bremerhaven – Yesterday Club

Weiterführende Links:
Dirk Bernemann Blog – Der unauffällig Fallende
Dirk Bernemann Facebook
__________
Foto: (c) Carmen Wald

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