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Abschlussarbeit — memento mori

Die Revitalisierung des Alten Nördlichen Friedhofs als Abschlussarbeit von Martin Lersch an der Akademie der Bildenden Künste in München.norf

Wir feiern unser Leben in Clubs, Cafés und auf Grünflächen, aber wir feiern niemals den Tod. Besonders im schnelllebigen, urbanen Raum hat man den Bezug verloren zum Sterben und zur Trauer. Martin Lersch beschäftigte sich daher mit der Revitalisierung des Alten Nördlichen Friedhofs. Diese Arbeit nannte er „memento mori – bedenke, dass du sterblich bist“.

Martin, war deine Abschlussarbeit für dich die Möglichkeit, dich mit dem Tod auseinandersetzen?
Martin Lersch: Mit dem Sterben an sich habe ich mich weniger auseinander gesetzt, denn eigentlich ging es in meiner Arbeit um das Leben und nicht um den Tod. Denn ein Friedhof ist immer ein Ort für die Lebenden – nicht für die Toten. Ich sah es als Chance, mir einmal richtig Zeit für ein Thema und einen Entwurf zu nehmen. Viel Zeit verbrachte ich mit der Recherche, bei Besuchen von Urnenhallen in ganz Deutschland, der Besichtigung eines Krematoriums, der Suche nach Literatur über Totenkulte weltweit, den vielen gesetzten, ethischen Vorstellungen und dem sogenannten „Geschäft mit dem Tod“.

Wann hattest du den Einfall zu deiner Arbeit?
Die Idee dazu kam mir an einem dieser Tage, an dem man besser im Bett geblieben wäre. Es gab Streit auf der Arbeit, irgendwas mit dem Auto und hektische Termine. Leidklagend telefonierte ich mit meiner Mutter, die nach meinen Nörgeleien und meinem obligatorischen „Und du so?“ von einer sehr guten Freundin erzählte, die unheilbar krank auf den Tod wartete. Wie dumm und klein kam ich mir in diesem Moment vor, dass ich mich von meinen nichtigen Alltagsproblemen habe derart in Rage bringen lassen. Ich grübelte weiter und beobachtete, dass wir uns das ganze Leben mit diesen läppischen Problemen vermiesen … und München ist voll von diesen Nichtigkeiten … „Was?! Sie haben keine Soja-Milch?“ Uns geht es so gut, dass wir vollkommen die Relation zu den Dingen verloren haben. Daher nannte ich mein Diplomthema „memento mori – bedenke du sterblich bist“. Denn vergegenwärtigt man sich ab und an, dass das Leben jeden Moment vorbei sein könnte, so werden viele Probleme nichtig.

Was muss man bei Sanierungsmaßnahmen von Friedhöfen beachten?
Ein Friedhof ist eine Sammlung vieler Einzeldenkmäler, die durch einen gemeinsamen baulichen Kontext gefasst werden. Er lebt von der aktiven Nutzung und den unterschiedlichen Einflüssen der Angehörigen, die ihn so ständig verändern. Der Schwabinger Friedhof entstand in einer Epoche, die als Blütezeit des Friedhofkultes gesehen werden kann. Daher stammen aus dieser Zeit viele hochwertige und handwerklich aufwendig gearbeitete Grabsteine und Figuren. Bei der überaus prunkvollen Ausstattung der Ahnengräber ging es jedoch eher um das eigene Ansehen, als um den Verstorbenen. Wer sich’s leisten konnte, zeigte diesen Wohlstand – ein Wetteifern der Bürgerlichkeit. Heute leben die Erbauer der Gräber nicht mehr, sodass diese von der Stadt in Stand gehalten werden müssen. Da das Erdreich ständig in Bewegung ist, sacken die Grabmahle ab, bekommen Risse und kippen um. Durch den sauren Regen wittern die Inschriften und Ornamente im weichen Kalkstein. Hier heißt es behutsam sichern, ohne die Spuren des Alters wegzuschminken. Fehlstücke, Moose und Flechten auf den Grabmalen gehören einfach dazu. Außerdem sollte man sich nicht nur auf die großen prachtvollen Familiengruften stürzen, sondern auch die einfachen schlichten Steine nicht außer Acht lassen.

Dein Wunsch für die Urnenhalle war es, dass Menschen, egal, welcher Konfession, einen Ort haben, wo sie trauern können. Das Bild davon sieht sehr beruhigend aus, gar zen-buddhistisch. Woher kam die Inspiration für die Gestaltung?
So wie der ursprüngliche Friedhof ein Abbild des Ideales einer Epoche war, so sollte auch der neue Bestandteil ein zeitgenössisches Ideal verkörpern. Dabei war die Wunschvorstellung einer pluralistischen Gesellschaft eine leitende Idee – ein Querschnitt durch die Gesellschaft, so wie sie auch außerhalb der Friedhofsmauern vorzufinden ist. Die äußere Form ergab sich aus dem was einst war: Das gesamte Gelände wurde als symmetrische Anlage geplant, was jedoch die Bomben des zweiten Weltkrieges zerstörten. Ich wollte diese Idee wieder aufgreifen und baute das Volumen einer zerstörten Gruftarkarde wieder auf, sodass die Spiegelbildlichkeit wieder hergestellt wurde. In diesen Körper schnitt ich scheinbar willkürlich ein, sodass eine aufgebrochene Skulptur entstand. Die Öffnungen können als Einschnitte gelesen werden, die der Verlust eines geliebten Menschen in unserem Leben hinterlässt. Trotzdem ist mir klar, dass mein Entwurf nicht alle Bedürfnisse oder religiösen Gebote berücksichtigen kann, denn nicht jeder möchte sich nach dem Tod verbrennen und in eine Mauer stecken lassen. Es kann nur eines von vielen Angeboten sein. Um jedoch so wenig Fläche als nötig vom alten Friedhof wegzunehmen, ist die Urnenhalle die beste Lösung für eine Wiederbelegung dieser Ruhestätte.

Zentrale Elemente sind auch Wasser und Feuer – warum hast du dich dafür entschieden?
Das ist wahrscheinlich eines der Dinge, die du als zen-buddistisch empfindest. Feuer, Licht, Schatten, Wasser, Erde sind alles Elemente, die in jeder Kultur und Religion eine Bedeutung haben. Es ist nicht einmal zwingend notwendig an ein göttliches Wesen zu glauben, um die symbolische Kraft und Energie eines Feuers zu spüren. Das Gebäude an sich besteht aus einem rötlich gefärbten Stampfbeton. Einem sehr groben Baustoff, der schichtweise aufgetragen wird und damit die Anmutung von Erdschichten erhält. Die Spalten, die ich in die dicke Fassade geschlagen habe, bilden nicht nur einen spürbaren Übergang beim Betreten des Gebäudes, sondern lassen ein besonderes Licht- und Schattenspiel im Inneren der Halle zu. Dies alles sind emotional spürbare Momente, die einfach, universell und subtil sind.

Du sprachst gerade von den Bombenangriffen des zweiten Weltkrieges. Brauchen wir in der heutigen Zeit überhaupt noch die Sichtbarkeit der Zerstörung, um die Schandtaten der Vergangenheit stets in den Köpfen zu behalten, oder denkst du, dass das anders gehen muss?
Nach dem zweiten Weltkrieg wollte man vieles verschwinden lassen, was in irgendeiner Form aus der „Alten Zeit“ übrig geblieben war. Modern, anders und neuartig sollte das neue Deutschland sein. Viele Architekten plädierten daher für den Abbruch aller Ruinen und der radikalen Verwirklichung einer neuen Architektursprache. Der Architekt Hans Döllgast war einer der wenigen, der für den Erhalt von Ruinen eintrat. Mit Ziegeln aus zerbombten Häusern und einem provisorischem Dach sicherte er notdürftig die Alte Pinakothek und bewahrte sie so vor dem Abriss. Wenn du dir die Fassade der Pinakothek heute genauer anschaust, erkennst du die Narbe, die der Krieg in ihr hinterlassen hat. In ganz München finden wir diese „Wunden der Zeit“, wie zum Beispiel die Einschusslöcher in der Häuserfassade Ecke Schellingstraße – Leopoldstraße. Anders als eine Gedenktafel oder ein Film, der irgendwo gedreht wurde, sind diese Wunden authentische Zeitzeugen. Die Erkenntnis „Das war nicht irgendwo, das war genau hier“ ist stärker als jede didaktisch ausgeklügelte Gedenkstätte. Diese Spuren gehören zu uns, zu unserer Geschichte, zu unserer Stadt. So wie wir alle durch unsere Erfahrungen zu den Menschen geworden sind, die wir heute sind, so sind auch unsere Städte durch das geformt, was ihnen widerfahren ist. Daher bin ich auch gegen originalgetreue Rekonstruktionen, wie zum Beispiel im Fall des Berliner Stadtschlosses.

Wie hast du diesen Friedhof überhaupt gefunden?
Ein Praktikum hat mich vor sieben Jahren nach München verschlagen. Frisch angekommen schlenderte ich planlos durch die Maxvorstadt, bis ich vor einer 5-Meter-hohen Mauer stand, über die das Grün herüber schäumte. Nach einigen Schritten fand ich einen Eingang und stand in einer anderen Welt: Ein kleiner Garten Eden mit morbiden Steinen und Figuren. Als ich versuchte, die verwitterten Inschriften zu entziffern, blitzte ein halbnackter Hintern zwischen den Grabsteinen hervor – Sonnenbadende – am nächsten Baum ein Picknick, hinter dem Bronzeengel eine Gruppe spielender Kinder. Ich wusste nicht so recht, was ich davon halten sollte. Es brauchte eine Weile, bis ich meine kulturell antrainierte Hemmschwelle überwand und die Besonderheit dieses Ortes erkannte. Ich mochte und mag bis heute das Knistern an diesem Ort, wo sich das Leben und der Tod begegnen.

Wann genau beginnt Blasphemie?
1944 fand die letzte Beisetzung dort statt. Die Zahl derer, die nach 70 Jahren noch Menschen persönlich kannten, die dort beigesetzt sind, ist gering. Daher sind die unmittelbar persönlichen Befindlichkeiten in Falle dieses Friedhofes eher gering. Es geht hierbei eher um unser generelles Pietätsempfinden, das stark von unserer kulturellen Prägung beeinflusst ist. In Bulgarien ist es zum Beispiel Brauch am Todestag ein Picknick am Grab des Verstorbenen zu machen. Auch in vielen Ländern Lateinamerikas ist Allerheiligen eher ein ausgelassenes Fest auf dem Friedhof, als ein ernstes religiöses Diktat mit Tanzverbot. Dort denkt man an die vielen freudigen Momente mit den Verstorbenen zurück und kommt mit der Familie am Grab zusammen. Der Schwabinger Friedhof gehört uns allen, daher möchte ich mich nicht als Richter und Regelaufsteller aufspielen. Jeder einzelne sollte sich einfach bewusst sein, dass es sich eben nicht um einen gewöhnlichen Park handelt. Denn dort liegen zu unseren Füßen Menschen, die wie wir gelacht, gelebt, geträumt haben. Wenn dies jedem bewusst ist, weiß man was dort geht und was überhaupt nicht geht. Im Endeffekt ist es jedoch nicht anderes als jeder andere Ort, an dem Menschen zusammen kommen: Jeder muss Respekt und Toleranz zugleich zeigen.

Wie sieht die Zukunft des klassischen Friedhofs aus, wenn sich immer mehr Menschen Einäscherungen und Baumbestattungen wünschen?
Totenkult gibt es seit den ersten Tagen der Menschheit und hat es durch alle Epochen gegeben. Dabei hat er sich ständig verändert und den aktuellen Lebensumständen angepasst. Häufig kommt jedoch an dieser Stelle der Begriff „Tradition“ auf den Tisch. Doch ich verwehre mich gegen das Aufzwingen des klassischen Friedhofes. Nicht die Form der Trauer – „Das gehört sich so, das muss so sein!“ – ist entscheidend, sondern die Qualität der Trauerangebote. Denn wie ich schon sagte, ein Friedhof ist nicht für die Toten, sondern für die Lebenden. Daher sollte jeder Hinterbliebene die freie Wahl haben, wie und wo er trauern möchte. Klassische Friedhöfe erfüllen daher keinen Selbstzweck, wenn er nicht mehr benutzt wird, so hat er sich überholt und muss transformiert werden. Aus den kleinparzellierten Einzelgräbern könnte beispielsweise ein größeres Ganzes entstehen. Generell finde ich es jedoch gut, wenn man der Trauer einen Ort gibt, der allen Menschen zugänglich ist. Denn möglicherweise nehme ich einem anderen Menschen die Chance zu trauern, wenn ich mir die Urne auf den Kaminsims im eigenen Wohnzimmer stelle.

Wie wird die nächste Generation heranwachsen, wenn du Spielplätze zwischen Gruftarkaden und Kolumbar setzt?
So wie es früher war: Der Tod von Oma und Opa gehörte zum Leben wie die Geburt der kleinen Schwester. Die Kinder wurden eingebunden in den Prozess des Sterbens, sie waren dabei als Abschied genommen und der Sarg mit Blumen geschmückt wurde. Heute findet Sterben im Verborgenen statt, Kinder werden aus einem falsch verstandenen Fürsorgegedanken vom Thema Tod ferngehalten. Dieser begegnet den Kindern allenfalls im sonntäglichen „Tatort“ und wird so mit Gewalt, Leid und Angst aufgeladen. Dabei gehört er einfach zum Leben dazu, wir können ihn zwar vor unseren Augen verstecken, aber wir können uns nicht vor ihm verstecken.

Du hattest 2013 die beste Diplomarbeit mit 1,0, deine Professorin nannte dein Thema „ungewöhnlich eindrucksvoll“ – bist du stolz auf das, was du geschaffen hast?
Sicherlich habe ich mich unheimlich über die Anerkennung gefreut. Zumal ich mir nicht immer sicher war, ob ich an der Kunstakademie richtig bin. Ich war nie so alternativ und expressiv-kreativ wie das Umfeld. Ich wundere mich bis heute, dass ich überhaupt aufgenommen wurde – ich war auch nie ein besonders guter Zeichner. Aber ich war und bin einfach unheimlich dankbar, dass ich das machen konnte und kann, von dem ich geträumt habe. Zudem schafft man eine solche Arbeit nicht alleine. Sicherlich kommen alle Inhalte von mir selbst, aber die Darstellung dieser Ideen in Zeichnungen, Piktogrammen, Modellen, fotorealistischen Darstellungen, Materialmustern, Präsentationsmöbeln und Recherchedokumentationen ist ohne die Hilfe von Freunden kaum zu schaffen.

Wie fühlst du dich jetzt, wenn du darauf zurückblickst?
Das ganze Thema war und ist riskant für ein Uni-Projekt. Es ist emotional stark aufgeladen und daher von Subjektivität beeinflusst. Das macht es jedem, der den Entwurf bewerten soll, nicht leicht. Viele haben daher nicht verstanden, warum ich mir ein solches Thema heraus gesucht habe. Üblich sind etwas „freudigere“ Themen, wie Ferienhäuser oder Cafés. Im Berufsleben begegnet man solchen Themen auch eher selten und wenn müssen diese schnell und effektiv abgearbeitet werden, um wirtschaftlich zu sein. Daher bin ich froh, die Diplomzeit für dieses Thema aufgewendet zu haben. Auch um einfach zu zeigen, dass Innenarchitektur etwas anderes ist als Kissen, Tapeten und Vorhänge.

norff

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