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Kleider machen Musik, Leute!

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Wer dachte, dass beim Musik machen immer nur „Standartinstrumente“ wie Gitarre, Schlagzeug, Piano oder Synthesizer die Hosen anhaben, der staune und höre am 4. Oktober, wenn „beißponys“ neues Album „Brush Your Teeth“ raus und in unsere Köpfe ein geht. Hier weben sich nämlich sprechende Röcke und singende Nähmaschinen harmonisch oder passend unpassend durch bunt melancholische Tonfolgen und spinnen zusammen mit zwei zart kräftigen Mädchenstimmen eine märchenhafte und doch auch unheimliche Welt.

Die Vielfalt und doch perfekt umrundete Gesamtheit des Albums, das kreativ Experimentelle der Soundschnipsel und „Störgeräusche“ zusammen mit dem Melancholischen der Klavierklänge, all das ist nur möglich, weil mit Laura Theis und Steffi Müller eine Songwriterin und eine Textilkünstlerin zusammen treffen.
Mal sind sie mehr Performancegruppe und das Duo wird um einige rhythmische Farbsprenker oder Elektrozahnbürsten erweitert, mit denen Steffi Lauras Songs „zerstückelt“ und genauso wie ihre Textilien mit künstlerischer Nadel wieder zusammen flickt. Mal sind die beiden auch mehr Fashionperformer, wobei sie dann eine Modeshow fließend schön musikalisch untermalen.

Mucbook hat die beiden „Musikünstlerinnen“ interviewt und sie geben euch Musik-, Konzert- und Lebenstipps:

Mucbook: Im Oktober ist ein großer Tag für beißpony: Das neue Album „Brush your teeth“ tritt ans Herbstlicht. Ist das euer aller erstes Album?

beißpony: Davor hatten wir nur selbstgebrannte CDs und Kassetten im Eigenverlag herausgebracht, „Every day is Your Birthday“ und „Calling all imaginary friends“. Es ist das erste mal, dass wir etwas bei einem Plattenlabel und auch auf Vinyl veröffentlichen. Mit unserem Label Chicks on Speed Records sind wir auch sehr glücklich, da fühlen wir uns mit Künstlerinnen wie Gustav in sehr guter Gesellschaft.

Nicht nur die Band heißt so, nein, das „beißpony“ gibt es wirklich: rosa-blau und mit scharf-spitzen, gelben Zähnen. Der Titel des Albums, eine Aufforderung an euer Namensgeberlein?

Steffi:
Wir haben den Titel ausgesucht, weil er einerseits etwas Pragmatisches hat. Andererseits verweist er auch mit einem Augenzwinkern darauf, dass wir vom angestrengten Werbelächeln ruhig mal abstand nehmen sollten und stattdessen Zähne zeigen…
Laura: Und wir fanden es einen lustigen Kontrast, weil das beißpony eben so scheußlich gelbe fletschende Zähne hat!

Im ersten Song „Good Is The Devils Definition Of Capitalism“ schlüpft ihr–begleitet vom Rattern der Nähmaschine und ruhigen Pianoklängen- in die Rolle von zum Konsum verführenden Teufelchen: „We want your money.“ Was wollt Ihr noch, mit „Brush your teeth“?

Geschichten erzählen mit Musik, Worten und Geräuschen, dass beim zuhören Bilder in den Köpfen entstehen und dass man beim hören überrascht und neugierig gemacht wird.
Und wir haben versucht, das experimentelle, improvisierte, manchmal zufällige Element unserer live-Performances in den einzelnen Aufnahmen einzufangen. Stefan Dorner und Fabian Zweck, unsere Freunde und Produzenten, haben uns dabei sehr geholfen.
Das Album ist für uns ein Brückenschlag zwischen Musik, bildender Kunst und humorvoller Auseinandersetzung mit Themen, die uns am Herzen liegen –zum Beispiel feministische Anliegen. Klaus Dietl hat das alles im Artwork sehr gut eingefangen. Wir freuen uns sehr über die Karten, die er zu jeden Song handgezeichnet hat.

Tackernde Schreibmaschinen und rückwärts gesungene Refrains- wer von euch bringt welche Einflüsse mit in eure Musik?

Laura: Ich höre viel Singer-Songwriter Musik wie Laura Marling, Villagers, Fiona Apple, Regina Spektor und mir sind beim Musikhören oft die Texte besonders wichtig. Gemeinsame Held_innen von Steffi und mir sind zum Beispiel Des Ark, Scout Niblett, Kimya Dawson, Bright Eyes oder Herman Düne – von denen ist auch ein Coversong auf unserem Album..

Steffi: Laura hat für mich ein extrem gutes Gespür für Texte und Melodien. Mir liegt das Experimentieren sehr am Herzen. Ich mag es, wenn es auch mal kracht. Projekte wie Free Kitten, Moss Icon, Ciccone Youth, Destroy All Monsters oder Antifamily, wo der musikalische Ansatz sehr offen, manchmal auch eher performativ ist, finde ich reizvoll. Interessant wird es für mich dann, wenn etwas Unvorhersehbares entsteht. Wenn auch mal das Unbehagliche, vermeintlich Fehlerhafte zum Vorschein kommt, wie in einigen Werken von Mike Kelley, den ich sehr schätze.
Diese kleinen Brüche und Krachsignale fließen dann in Lauras Songstrukturen ein. Daraus ergeben sich Kontraste, die beißpony für mich liebenswert machen.

Von fiesen Kindern oder dem Mord an der Kellnerin Diane Edwards bis hin zum gesungenen Protest gegen das Bild niemals versagender Superheldinnen. Die Themen eurer Lieder sind genauso vielfältig wie die Stimmungen, die ihr mit eurer Musik erzeugt; aber was haben sie alle gemeinsam?

Laura: Ein Thema, was sich wie ein roter Faden durch das Album zieht, sind die Schattenseiten von Kindheit, unserer „erwachsenen“ Alltagsrealität, bis hin zu Fantasiewelten. Das Unheimliche, das oft direkt unter der Oberfläche lauert.
Steffi: Wir möchten Lust darauf machen, genauer hinzuhören und offen für andere Perspektiven zu sein. Deshalb schlüpfen wir gerne in verschiedene Rollen und erzählen aus deren Sicht. Die Distanz die dabei entsteht, schafft uns Spielraum für humorvolle oder auch sensible Interpretationen.

Ob nun eine geschwätzige Vampirdame oder Einhorn Isolde mit ihren Ansichten zur Arbeitsverweigerung und Selbstmord: In euren Liedern treten auch nicht selten märchenhafte Figuren auf. Was können wir von ihnen lernen?

Sehr viel! Besonders das Einhorn Isolde teilt gerne seine Lebenserfahrung. Wir haben sogar eine eigene Kategorie auf unserer Website beisspony.com, in der Isolde höchst nützliche Lebenstips gibt, zum Beispiel “Arms are for hugging, arms are for mugging” oder “every day is your birthday”. Und vor allem: “Don’t die. Don’t work.”

Beißpony gibt es nun schon seit dem Jahr 2006. Was hat sich an Musik und Performance eurer Band im Laufe der Zeit verändert?

2006 hatten wir zu Beginn weitaus mehr Auftritte als Proben. Daran hat sich ganz ehrlich nicht viel geändert 😉 Die eine lebt in Oxford, die andere hier in München. Wir sehen uns einfach nicht so oft.
Gerade weil wir so einen experimentellen Ansatz haben, beide keine ausgebildeten Musikerinnen sind und eine ganze Menge selbst organisieren, können wir ständig dazu lernen. Und Momente, in denen wir erlebt haben, wie es sich anfühlt, zu Scheitern, haben uns ganz besonders zusammengeschweißt.
Neue Einflüsse, egal ob musikalisch, künstlerisch oder auf inhaltlicher Ebene, halten uns in Bewegung. Laura ist viel in der Singer/Songwriter Szene in Oxford unterwegs. Bei akustischen Open Mics, wo es gar kein Mikro gibt, wird die Stimme kräftig trainiert, was uns sehr zu gute kommt. Und Steffi entwickelt bei Nähaktionen, Installationen und Performances ständig neue Ideen für unsere Auftritte.

Bei aller Liebe zu jedem eurer Songs: Welcher Titel von „Brush your teeth“ ist euer Herbsttipp für uns?

Laura: Das ändert sich natürlich ständig. Bei mir sind es im Moment “Confessions of a talkative Vampire” und “Hell must be a Radio Station” – da singt mein vierjähriges Alter Ego aus den 80ern mit!

Steffi: Ganz klar – inmitten all der hektischen Betriebsamkeit – unsere kleine Arbeitsverweigerungshymne „Isolde’s very insightful views on going to work and suicide“

Frisch und ruhig, munter, nachdenklich, laut melancholisch und geräuschvoll: Wann werden wir die Klänge von „Brush your teeth“ live erleben und uns von der Phantasie eurer Performances überraschen lassen können?

Unser nächstes Konzert ist am 2. Oktober im Feierwerk beim “Rage Against Abschiebung”, ein Benefiz-Festival, das vom Bayerischen Flüchtlingsrat gemeinsam mit dem Feierwerk auf die Beine gestellt wird. Und Samstag den 5. Oktober wird unsere Platte offiziell veröffentlicht und wir spielen an dem Abend unser Releasekonzert im Milla zusammen mit Aloa Input! Wir freuen uns schon sehr.

Vielen Dank, liebe Steffi, liebe Laura und liebe singende Nähmaschine!

Jeder Titel von „Brush Your Teeth“ ist wie ein „Such-Bild“, immer gibt es eine Geschichte, ein Geräusch, ein Popkultur-Zitat oder ein Musik Sample zu entdecken.

Jeder Titel von „Brush Your Teeth“ ist wie ein „Such-Bild“, immer gibt es eine Geschichte, ein Geräusch, ein Popkultur-Zitat oder ein Musik Sample zu entdecken.

Ob Kinderkassettenrecorder oder Papierknüllen: Das Experimentelle von beißponys Melodien lässt uns auf eine angenehme Weise noch viel mehr in die Musik hineingleiten. So wird zum Beispiel der vertonte, begehrende („I don’t need you…but I want you, but I want you“) Briefwechsel in „Jealousy Is A Luxury“ von Papierrascheln und Schreibmaschinen-Tackern eingeleitet und von füllenden, melancholischen Pianoklängen durchwirkt.

Ob Kinderkassettenrecorder oder Papierknüllen: Das Experimentelle von beißponys Melodien lässt uns auf eine angenehme Weise noch viel mehr in die Musik hineingleiten. So wird zum Beispiel der vertonte, begehrende („I don’t need you…but I want you, but I want you“) Briefwechsel in „Jealousy Is A Luxury“ von Papierrascheln und Schreibmaschinen-Tackern eingeleitet und von füllenden, melancholischen Pianoklängen durchwirkt.

Hier könnt ihr in den ersten Titel von „Brush Your Teeth“ reinhören:

„Halb Band, halb Performance-Duo.“ Im Video von Mandy Espenhayn, das während der Ausstellung THE FABRIC im Juli 2012 entstand, könnt ihr sehen, wie phantasievoll sich die Auftritte von „beißpony“ gestallten:

Bei „beißponys“- Auftritten, darf man die beiden oft in ausgefallen schöner Kleidung bewundern, das ist natürlich kein Zufall: Schließlich ist Steffi Textilküstlerin und genau wie Geräusche „recycelt“ sie auch Stoffe und zweckentfremdet Kleidungsstücke ebenso wie Lauras Musik. Den Link zu ihrer selbstdesignten Mode findet ihr hier

Wer die beiden Mädels gerne mal live hören und unterstützen möchte, ist herzlich dazu eingeladen, mit ihnen ein Konzert auf die Beine zu stellen oder Raum-Tipps für ihre Auftritte abzugeben. Auf beißponys Facebookseite schreiben die beiden: „Wir spielen gerne in gemütlichen Konzertläden, in Galerien samt Performance und auch an ungewöhnlichen Orten: z.B. mitten im Braukessel, in der U-Bahn oder im Bachbett gegen den Strom.“

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photo credits: Florian A. Betz

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