Kultur, Nach(t)kritik

Von Himbeeren und ihren kleinen Vaginas

Josephine Musil-Gutsch

Josephine Musil-Gutsch

Schreibt am allerliebsten ausschließlich über das, was ihr wirklich am Herzen liegt.
Josephine Musil-Gutsch

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Der lockenköpfige Germanistikstudent Roman Schmid aus München schreibt wunderbar komische, skurrile Lyrik, die er auf Lesungen und in seinem 2013 erschienen Gedichtband „Nebenwirkungen“ präsentiert. Eine Buchkritik.

Er ist eigentlich schon eine kleine Münchner Berühmtheit. Anfang des Jahres widmete die SZ-Jugendseite dem Lyriker Roman Schmid einen großen Artikel. Aber dass es sich bei Roman um ein außergewöhnliches, junges Talent handelt, muss einem nicht erst die SZ mitteilen. Mit seinem dichten Hemingway-Bart und der unaufgeregten, präzisen Sprechweise umgibt den 26-Jährigen eine gewisse Aura. Man nimmt ihm ab, dass das was er schreibt echt ist und aus dem Inneren kommt. Seine Gedichte sind intelligent, unaffektiert und vor allem: authentisch.

Roman liest seine Texte zum Beispiel bei Lesungen des Lyrikkollektivs JuLy in der Stadt, dem er angehört oder aber auf Einladung der SZ-Jugendseite im Feierwerk vergangenen April. Bei seinen Lesungen lacht das Publikum an manchen Stellen laut auf. Das sind die Momente, in denen in Romans Texten Einfachheit auf Witz trifft. Oder aber sich alles zuvor Aufgebaute in radikaler Sinnlosigkeit auflöst. Roman versteht sogar beides mit seiner monotonen Stimme und doch ausdrucksstarken Vortragsweise zu verknüpfen.

Das Konzept des Buches ist gut durchdacht. Roman will es als eine Art Auflistung von Nebenwirkungen für die Gebrauchslyrik von Erich Kästner verstanden wissen. Tatsächlich ist dem Band selbst noch ein gefaltetes Blatt ähnlichem einem Beipackzettel beigelegt. Unterteilt in zwei Kapitel, werden in „Nebenwirkungen“ erstens die Risiken und zweitens Nebenwirkungen des Daseins eingefangen.

Die Gedichte, die dies schaffen sind etwas Besonderes. Hier klingt nichts peinlich, nichts abgedroschen. Hier wird Realität eingefangen, wie sie ist, nicht lyrisch verklärend, sondern ausweglos ehrlich. Es wird sogar auf die Klischeehaftigkeit mancher Situationen aufmerksam gemacht, am Ende eines Liebesgedichts gegähnt und „völlig geräuschlos einer fahren gelassen“.

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Die Gedichte hangeln sich vom Goetheplatz über die Isarbrücken zum Ostbahnhof oder aber auch nach Paris, Afrika oder Venedig. Dabei tauchen Hitler, Eichmann und Lenin auf und verschwinden so schnell wieder, wie sie gekommen sind. Prosaische Texte über Sauron im Darkroom machen Spaß und erfrischend sind die Zeilen: „und ich schaue den himbeeren/ beim tanzen zu/ wie sie ihre kleinen vaginas/ auf und zu machen/ auf und zu/ auf und zu/ auf und zu“, die von Romans Humor zeugen.

Und natürlich, denn das muss, gibt es Momente, die an eine postmoderne Trostlosigkeit der eigenen Existenz erinnern, wobei in den Fischbrunnen gekotzt wird, Zigarettenkippen herumliegen oder das lyrische Ich sich nach Nasenbluten sehnt. Sowas ist drastisch, das sind starke Bilder – aber zu viel davon auf einmal kann man davon nicht lesen. Das muss man Stück für Stück zu sich nehmen, sonst kommen sie, die Nebenwirkungen.

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Hier kann man sich ein Interview mit Roman anschauen:

INTERVIEW | ROMAN SCHMID from DOPLPACK Verlag on Vimeo.

Das Buch kann man im Hamburger Independent-Verlag DOPPELPACK bestellen: hier. Eine Leseprobe gibt es hier. Es kostet 12,90 als Taschenbuch und 17,90 als Hardcover.

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