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Es sagt mir nichts, das so genannte Wir

Juliane Becker

Juliane Becker

Theaterwissenschaftlerin, Katzenfreundin und Journalistin. Schreibt bei mucbook über Theater, Konzerte und eigentlich alles, was irgendwie mit Kultur zu tun hat.
Juliane Becker

Die (angebliche) Generation Y, verpackt in einer Inszenierung: Sibylle Bergs Stück mit dem umständlichen Titel Und jetzt: Die Welt! – Es sagt mir nichts, das so genannte Draußen feierte am Dienstag im Münchner Volkstheater Premiere. Eine Wutkritik.

© Gabriela Neeb

© Gabriela Neeb

Das bin also ich. Das also bist du. Das ist also diese viel beschriebene, oft belächelte, selten bemitleidete Generation Y. Die Generation Warum-Mach-Ich-Das-Doch-Gleich? Die Generation, über die Menschen Bücher mit Titeln wie Hört auf zu heulen schreiben. Ständig vor dem Smartphone, soziophob, optimierungwütig. Danke Frau Berg, danke für diese vollkommen wahnwitzige und undifferenzierte Stigmatisierung.

© Gabriela Neeb

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Sybille Berg, die Frau von Welt(schmerz). Selbst ernannte Gallionsfigur des neuen deutschen Feminismus, mit über 50 jetzt auch noch Generationenexpertin. Ist übrigens auch mein Ziel. Also, auf SPIEGEL ONLINE meine kruden Gedanken in Form von Kolumnen veröffentlichen zu dürfen, in denen ich dann Bashing der Extraklasse betreibe. Wenn ich mal so weit bin, dann werde auch ich Frauen sagen, wie sie nicht sein sollten. Frau Berg kommt damit ja auch durch. Sie darf dieses Gewäsch sogar auf Programmhefte drucken. Ein Auszug:

„Liebe Mädchen (…), ich möchte euch sehr ersuchen, alles zu werden, was ihr wollt (solange es nicht das Tanzen an einer Stange beinhaltet). Also alles könnt ihr werden, nur nicht süß. (…) Macht alles, aber werdet nicht süß, denn dann könnt ihr auch auf eure Stirn tätowieren: Nehmt mich bloß nicht ernst. Dann könnt ihr auch gleich Schmuck-/Accessoire-Designerin oder Model/Moderatorin werden oder einen tollen Mann finden. (…) Aber verdammte Hacke, macht euch unabhängig. Von einem Ernährer, von dem Verfall, von all dem Stuss, den Zeitungen und Photoshop euch erzählen.“ SPIEGEL ONLINE, 11.10.2014

Zusammenfassend: Liebe Mädchen, ihr könnt alles werden, was ihr wollt. Vorausgesetzt, es harmoniert mit Frau Bergs Vorstellungen einer Feministin. Zu sagen, frau müsse sich unabhängig machen, dann aber Designerinnen/Moderatorinnen (= dümmlich konnotierte, wenn auch meist unabhängige Berufe) unterm Strich zu verdammen, zeugt von einem mikroskopischen Tellerrand. Das ist ungefähr so sinnvoll wie die Aussage, eine Frau dürfe sich im Schlafzimmer niemals devot verhalten, weil das nicht im Sinne des Feminismus sei.

© Gabriela Neeb

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Was reg‘ ich mich auf. Angesichts von Bergs persönlicher Vorgeschichte sei ihr das ein oder andere dem „Papierkorb“-Ordner entwischte Essay verziehen. Ihr Stück Und Jetzt: Die Welt! stellt im Berg’schen Universum auch noch das kleinere aller Übel dar. Beschrieben wird fragmentarisch die Sinnsuche des durchschnittlichen Twentysomething-Mädchens. Weil das aber mit Skype, unglücklich verliebt sein und Viagra kochen komplett ausgelastet ist, verteilt „Frau Sibylle“ ihren Sud aus Selbstmitleid und Welthass auf drei junge Darstellerinnen. Zwei von ihnen sind Gastschauspieler, eine noch an der Falckenberg, die andere schon durch Rosenmüllers gutdeutsche Kinofilme bekannt. Die dritte im Bunde ist die großartige Lenja Schultze, die seit 2013 fest im Ensemble spielt.

Regisseurin Jessica Glause komplettiert die Frauenrunde und siedelt die Inszenierung irgendwo neben Pathologiestation und Chemielabor an; abwischbar, ersetzbar, seelenlos wie das Leben der namenlosen Erzählerin, so die Semiotik. Plastikvorhänge umrahmen die Kleine Bühne, die Mädchen stecken in diffusen Kostümen, die sich zwischen Skiunterwäsche und OTTO-Katalog-Sortiment bewegen. Diese drei Mittzwanziger, natürlich wunderschön und mit perfekten Körpern, philosphieren nun über das Leben. Oder über das, was sie Leben nennen, denn zwischen hundert Chatnachrichten und einem Anruf der Mutter passiert eigentlich nicht viel. Verliebt in die beste Freundin sind sie, zu dick für Größe 36, wütend und verzweifelt. Opfer ihres Selbstmitleids, so würde ich es formulieren. Denn mir sagt es nichts, dieses „wir“ von dem sie sprechen und damit ihre Altersgenossen meinen, zu denen ich faktisch zähle.

Die Momente des Wiedererkennens sind vorhanden, natürlich. Etwa bei dem Satz „Liebeskummer gibt mir das Gefühl, eine außerordentlich emotionale Person zu sein.“. Grandios! Genau wie die karikatureske Zumbastunde der Freundin, die man miterleben muss. Oder die Kritik an unserer hollywoodgeschwängerten und realitätsfernen Auffassung von Partnerschaft. Sie sind da, dieses Augenblicke, in denen man ekstatisch mit dem Kopf nicken und Sibylle Berg die Hand schütteln möchte. Nichtsdestotrotz kann man der Autorin nicht die Fähigkeit zusprechen, die Probleme dieser, unserer, meiner Generation darzustellen. Denn sie ist nicht Teil dieser Generation. Sie ist lediglich eine Frau, die, so scheint es, aufgegeben hat. Die nicht mehr willens ist, die Widrigkeiten des Lebens als das anzuerkennen, was sie sind, nämlich Widrigkeiten. Um Gottes Willen, ich bezweifle nicht, dass sie mehr erleiden musste, als ein Mensch ertragen kann. Trotzdem: ihr Bild des klassischen Generation-Y-Mädchens entspricht nicht der Wirklichkeit. Wir sind vielleicht Heulsusen, Handysuchtis, beziehungsgestört und haben Zukunftsängste. Aber ziellos, das sind wir nicht.

Weitere Vorstellungen am 14., 16., 17. und 25. Januar 2015, Karten ab 8 Euro
Informationen und Spielplan unter www.muenchner-volkstheater.de

Anderer Meinung? Kommentare sind herzlich erwünscht.

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1Comment
  • anonym
    Posted at 23:02h, 16 Januar

    Leider eine sehr oberflächliche Kritik, die kaum etwas über die Inszenierung aussagt, sondern sich größtenteils auf Frau Berg bezieht … so berichten Sie kaum über die musikalische Untermahlung des Stücks durch die Schauspielerinnen oder die Mutter- Tochter Beziehung im Bezug auf den Stiefvater. Vielleicht sollte man sich auch nicht versuchen mit der hier dargestellten Person zu 100% zu identifizieren, sondern auch darüber lachen können, wie viele der Besucher es getan haben. Es ist sicher ein Stück, das nicht jedermanns Geschmack trifft, aber eine Wutkritik ist dann doch etwas überzogen.

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