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Flüchtlinge am Hauptbahnhof: „We love Germany!“

Sina Beckstein

Sina Beckstein

Sina kann sich für Politik begeistern und darüber streiten, weswegen sie auch noch glückliche Politikwissenschaft Studentin ist. München ist Heimat und immer für schöne Erinnerungen gut.
Sina Beckstein

Bis Dienstagabend kamen rund 2000 Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof an. Die Münchnerinnen und Münchner zeigten unglaubliches freiwilliges Engagement bei der Erstversorgung und auch die Polizei regelte die Abläufe routiniert. Der Bahnhofsplatz füllte sich immer wieder, wenn neue Züge aus Ungarn ankamen. Die Stimmung war vor allem eins: bewegend.

Bahnhofsplatz2_Sina Beckstein

Bahnhofsplatz_Sina Beckstein
Bahnhofsplatz am Hauptbahnhof in München

Der 20 jährige Anas aus Syrien harrt am Münchner Hauptbahnhof schon seit mehreren Stunden aus. Er hat, wie die meisten hier, den Weg von Budapest nach München gefunden. Die Polizei dort habe ihn schlecht behandelt, deswegen freue er sich jetzt nach der zweiwöchigen, beschwerlichen Reise, in München zu sein. „We love Germany!“, tönt es immer wieder. Diese Worte scheint jeder Asylsuchende hier zu beherrschen.

Anas ist gar nicht bewusst, was nun passieren wird, wohin er als Nächstes gebracht wird. Über eine Aufladekarte für sein Prepaid-Handy ist er ein paar Sekunden sprachlos vor Dankbarkeit. Er könne sich gut vorstellen, in München zu bleiben. „Alle Deutschen sind toll“, sagt er in gebrochenem Englisch.

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Anas, in der Mitte mit weißem T-Shirt

Die Münchnerinnen und Münchner zeigten gestern unglaubliches Engagement am Hauptbahnhof. Immer mehr Helfer strömten an den Platz vor dem Starnberger Bahnhof, brachten Wasser, Obst, Kleidung, Windeln und Desinfektionsmittel. Gegen Mittag waren die Spendenberge so hoch, dass ein Stopp von der Polizei ausgerufen wurde.

Nikolaus Hoenning O’Carroll hatte zuvor auf Facebook in der Gruppe „Hilfe für Flüchtlinge“ einen Spenden- und Hilfeaufruf mit seiner Handynummer gemacht. Mit einem derartigen Einsatz hätte aber auch er nicht gerechnet. Bei den Verteilungsständen wurde er zum inoffiziellen Organisator ernannt, ständig klingelt sein Telefon. Mittags seien es ca. 50 Helfer gewesen, die kontinuierlich dabei waren, Lebensmittel und Teddybären in der prallen Mittagssonne zu verteilen, insgesamt wären aber mindestens schon 500 Menschen zum Spenden vorbei gekommen.

Die Helfer kamen alle freiwillig und die meisten von ihnen sind nicht bei einer Flüchtlingsorganisation tätig. Auch von den umliegenden Büros und Agenturen sah man immer wieder Mitarbeiter, die kurzerhand ihr Buffet geplündert haben. „Erstmal kommt man sich blöd vor, als Typ im Anzug, der Brezn verteilt. Trotzdem waren wir von diesem kontroversen Thema einfach schockiert und wollten helfen. Wir haben alles online verfolgt und sind dann hergekommen“, sagt ein Mitarbeiter einer Werbeagentur.

 

Versorgungsstand_Sina Beckstein

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Mitarbeiter einer Werbeagentur

Nikolaus Hoenning O’Carroll ist auch von den rund. 80 Bundes- und Landespolizisten, die vor Ort den Registrierungsablauf koordinieren, beeindruckt: „Die Polizei zeigt hier wirklich Fingerspitzengefühl, alles funktioniert reibungslos und routiniert.“

Tatsächlich wirkt alles sehr unaufgeregt, wenn die Tatsache berücksichtigt wird, dass nur gestern mehr als 800 Flüchtlinge in München angekommen sind. Ein Pressesprecher der Bundespolizei sagte, die Erstregistrierung wäre wegen der hohen Anzahl an Asylsuchenden zeitweise ausgesetzt worden. Die Menschen würden erst später und nicht direkt in München im System erfasst werden. Marian Offmann, Stadtrat der CSU, meinte dazu: „Wir sind hier auch überfordert, wir können in München nicht alle aufnehmen.“

Die Verteilung der Asylsuchenden in andere Bundesländer liefe nun sofort per ad-hoc Verfahren ohne vorherige Registrierung ab. „Deswegen hängen hier alle am Telefon, wir versuchen freie Plätze in anderen Bundesländern zu finden“, so Offmann. Bis die Flüchtlinge registriert wurden, stehen sie unter dem Schutz der Polizei, die meisten von ihnen haben keinen Pass. Eine freiwillige Helferin erzählt, dass die Menschen unglaublich dankbar für die Spenden seien, gleichzeitig aber auch weiter kommen wollen. Sie wollen endlich Gewissheit, endlich Klarheit über ihren zukünftigen Aufenthaltsort.

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Nikolaus Hoenning O’Carroll am Bahnhofsplatz

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Ankunft eines Zuges aus Budapest-Keleti

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Auf ein Schild wurde ‚Welcome‘ und die arabische Übersetzung geschrieben

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Polizisten reden mit einer Frau in der Halle des Starnberger-Flügelbahnhofs

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Polizist trägt Windeln und Wasser zum Versorgungsstand

Der Oberbürgermeister Dieter Reiter war ebenfalls vor Ort, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Er echauffierte sich über die Geschehnisse in Ungarn. Was dort gerade passiere, sei unmöglich. In Ungarn wurden Passkontrollen ausgesetzt und Geflüchtete direkt nach Deutschland weitergeleitet. Diese Praxis verstößt gegen die Dublin-Verordnung, nach der jeder Asylsuchende in dem europäischen Land registriert werden muss, welches er zuerst betrat. „In Ungarn überwiegen die nationalistischen Interessen, obwohl sonst die Vorteile der Solidargemeinschaft genutzt werden. Das ist unglaubliches und unmögliches Verhalten“, sagte der OB.

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OB Dieter Reiter im Gespräch mit Asylsuchenden

Als um 14:35 nochmal ein Direktzug aus Budapest-Keleti ankommt, stehen alle Pressevertreter bereit. Obwohl die ungarische Regierung die Züge nach Deutschland mittlerweile stoppen ließ, werden wohl morgen wieder Züge ankommen, sagte ein Polizist. Aus dem Zug strömen ca. 50 Asylsuchende, viele junge Männer und Familien. „Es ist gut hier!“, sagt ein junger Mann aus dem Irak und fragt mich, ob es ein Problem sei, dass sie als Flüchtlinge nach Deutschland kämen. Ich schüttele den Kopf.

Und dann nochmal: „We love Germany!“

Schild_Sina Beckstein

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Junge Männer aus dem Irak warten am Gleis 11

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Ankunft am Hauptbahnhof

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Stadtrat Marian Offmann (CSU) an vorderster (Foto-) Front

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Flüchtlinge warten auf einen Bus in eine Erstaufnahmeeinrichtung

 

Fotocredits: Sina Beckstein

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