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Home Stories aus München: Zuhause bei Lissie Kieser

Anna-Elena Knerich

Anna-Elena Knerich

ist francophil und Europtimistin. Denkt (zu) viel und schreibt deshalb. Am liebsten über Kultur, die Helden des Alltags und das Thema mit dem "Zuhause".
Anna-Elena Knerich
Wie Menschen denken und leben, so bauen und wohnen sie.
- J.G. von Herder

Manchmal, wenn ich Zeit habe, schlendere ich einfach nur durch die Straßen und gucke mir die Menschen an. Die Menschen, und die Häuser. Denn wie Herder sagte, spiegeln die Wohnungen die Lebenseinstellungen der darin lebenden Menschen wider. So frage ich mich dann, wer wohl die Leute sind, die dutzende geschnitzte Eulen der Größe nach auf dem Balkon aufstellen – und andersherum, wie wohl die Wohnung der Hippie-Frau mit dem Batik-Shirt und den sechs Kindern im Schlepptau aussieht.

Unser Haus, unser (Da)Heim – das ist der Ort, an dem wir uns nach einem stressigem Arbeitstag, aber auch nach bereichernden Momenten in der Welt „da draußen“ zurückziehen, uns bestenfalls erholen und einfach wir selbst sind. Was natürlich auch nicht immer klappt, zum Beispiel wenn man feierwütige Mitbewohner, streitende Nachbarn oder schlicht und ergreifend keinen Platz hat – gerade in einer teuren Stadt wie München keine Seltenheit. Dennoch: Das „Zuhause“ ist ein Ort des Bleibens und deshalb haben wir den Wunsch, diesen Ort so zu gestalten, dass wir dort auch gerne bleiben.

Klar, Studentenbuden kennen wir alle. Die Herkunft des hässlichen Kiefernholz-Regals in der WG-Küche ist schnell ermittelt – es wurde entweder vom Vormieter zurückgelassen, von den Eltern ausrangiert oder vom Sperrmüll mitgenommen.

Doch wie sieht eigentlich die Wohnung eines Yogalehrers aus? Hängen Künstler in ihren eigenen vier Wänden nur Gemälde von sich auf, oder gerade eben nicht? Wie viel Alkohol steht in der privaten Küche eines Szene-Barkeepers herum? Arbeiten Schriftsteller nur noch mit Macbook oder besitzen sie, aus Nostalgie, auch eine Schreibmaschine? Und welche Literatur steht bei einer Buchhändlerin zu Hause in den Regalen? 

Ich durfte Lissie, die Inhaberin des veganen Coffeeshops und Buchladens LOST WEEKEND“, bei sich zu Hause besuchen und erfahren, wie sie ihren Alltag zwischen Cafébetrieb, Kindergarten und Home-Office organisiert, welche Designer sie schätzt und dass man Möbel auf dem Fahrrad transportieren kann.

Altbau mit Charme

Um in Lissies Wohnung zu gelangen, muss man erst einmal drei Stockwerke im alten Treppenhaus nach oben steigen. Geht man dann durch die Wohnungstür, findet man sich in einem hellen, einladenden Flur mit edlem Parkett wieder, die hohen Altbauwände sind stuckverziert. Als sie die Wohnung von der alten Hausbesitzerin übernommen haben, war sie überbordet mit Sockeln, Plastikblumen und allerhand skurrilen, aber geschmackvollen Gegenständen, wie Lissie mir erzählt. „Wir haben die Wohnung selbst gestrichen und neu eingerichtet, aber nicht so zu Tode renoviert.“ Die Griffe an den Türen gehörten noch zur Erstausstattung und auch die Rollläden seien sehr alt, was einen besonderen Charme ausmacht.

Freunde gehen ein und aus

„In unserem Haus herrscht ein ständiges Kommen und Gehen – ich weiß gar nicht, wer alles einen Schlüssel hat“, sagt sie. Richtig leben in der Vier-Zimmer-Wohnung aber nur fünf: Lissie, ihr Freund Michi Kern, ihre Kinder Matilda und Neo und neuerdings ein mallorquinisches Au-Pair-Mädchen. Lissie und Michi kennen sich schon seit über zehn Jahren aus der Münchner Gastro-Szene, denn Lissie arbeitete während ihres Studiums der Kunstgeschichte lange beim „König des Münchner Nachtlebens“, wie Michi auch oft genannt wird. Ein Paar wurden sie aber erst, als sie sich vor fünf Jahren auf einer Party in Berlin wiedertrafen, wo Lissie damals lebte und arbeitete.

Schönheit der Unvollkommenheit

Wieder in München, zogen Michi und sie nach Schwabing und dort noch zweimal um. Über ein Jahr leben sie jetzt schon in der schönen Altbauwohnung, die sehr stilvoll eingerichtet ist. Dabei hat Lissie „null Interesse“ an Home-Design und würde sich niemals ein Wohnmagazin kaufen – um viele Einrichtungsfragen kümmere sich deshalb ihr Inneneinrichter Robert Widmann, wie sie mir erklärt:

„Wir schaffen nur das an, was wir auch brauchen. Momentan sind das Bücher und Kindersachen.“

An die momentanen Bedürfnisse angepasst: Bis auf das Au-Pair schlafen alle auf Matratzen ohne Bettgestell – vor allem aus Sicherheitsgründen wegen der kletternden Kinder.
„Gewisse Dinge lasse ich absichtlich unfertig, damit sie sich entwickeln“, meint Lissie.
Ein Zukunftsprojekt sei zum Beispiel ein dunkelblauer Fußboden in der Küche.

Nachhaltigkeit trotz Kurzlebigkeit: Pappmöbel

Mittlerweile ist den beiden das Wohnen sehr wichtig, auch wegen der Kinder. Dabei verfolgen sie die Philosophie der Nachhaltigkeit: „Die Lage hier ist perfekt, weil wir so nur kurze Arbeitswege mit dem Fahrrad haben.“ Denn anders als die meisten Schwabinger haben Michi und Lissie kein(e) Auto(s), sondern lediglich ein Lastenfahrrad.
So achten sie auch bei Möbeln auf Langlebigkeit und dass es möglichst Handwerksprodukte aus Deutschland sind – so etwa die schlichten Eiermann Tische von Richard Lampert.
Doch Lissie ist auch ein Fan von Kurzlebigkeit – solange dies keine absolute Umweltsünde bedeutet: „Mit Kindern muss man akzeptieren, dass manche Dinge schneller wieder entsorgt werden. Darum bin ich absoluter Fan von Pappmöbeln“, sagte Lissie. Die ließen sich leicht auf dem Fahrrad transportieren – und recyclen. Ihr Lieblingsmöbelstück ist der Papp-Kleiderschrank im Kinderzimmer.
Aber auch simple Kleiderstangen haben es ihr angetan – die sind so schön schlicht.

Du kannst nicht ein Haus lieben, das ohne Gesicht ist und in dem deine Schritte keinen Sinn haben.
- Antoine de Saint-Exupéry

Trends: Designerlampen und Markenstühle

Natürlich sind auch Lissie und Michi nicht komplett von Trends verschont: Die runde Tom-Dixon-Lampe aus dem Schlafzimmer ist in der Gastro-Szene total angesagt und auch die HAY-Stühle im Wohnzimmer sind hip.

„Mittlerweile sehe ich diese Stühle aber sehr kritisch, die Marke fährt eine aggressive Strategie, nutzt billige Rohstoffe und ist nichts weiter als ein ,teures IKEA‘. Heute würde ich mir sie nicht mehr kaufen – obwohl die Stühle echt praktisch sind“, gesteht mir Lissie.

Über engagierte Literatur, Veganismus . . .

Nach ihrer Rückkehr aus Berlin wollte Lissie in München einen „Laden mit Statement“ aufmachen. Da die ehemalige Uni-Buchhandlung „Frank“ in der Schellingstraße noch keinen Nachfolger hatte, eröffnete sie mit Michi und dem befreundeten Künstler Björn Wallbaum eine besondere Buchhandlung mit Café und Raum für kulturelle Veranstaltungen: Das LOST WEEKEND führt „engagierte Literatur“, etwa über Politik oder Kunst, und im Coffeeshop gibt es nur vegane Produkte. Denn die Familie lebt – bis auf den Hund –  seit Jahren komplett vegan. Deshalb gibt es auch in ihrer Wohnung keine Ledercouch, dafür aber die für Veganer essenziellen Küchengeräte wie etwa einen Mixer.

. . . und Home-Office

Aber wie schafft Lissie es, den Cafébetrieb, die Lesungen, Konzerte und ihre Kinder zeitlich unter einen Hut zu bringen?

„So wie es Dienstpläne für’s LOST WEEKEND gibt, haben wir auch einen ,Stundenplan‘ für zu Hause: Darin steht, wann Michi seine Yogastunden gibt oder wann Neo bei der Tagesmutter ist. Außerdem haben wir ein Au-Pair-Mädchen, drei bis vier Babysitter, eine Putzfrau und zwei Hundesitter – anders wäre das gar nicht möglich“, lüftet Lissie ihr Geheimnis.

Trotzdem bleibe den beiden erst abends Zeit, um im Home-Office an ihren vielen Projekten zu arbeiten.

Design und Kunst

Natürlich gibt es auch jede Menge Kunst im Hause Kieser/Kern. Die reicht von abfotografierten Installationen oder Bilder, die mal im LOST WEEKEND ausgestellt waren, über Fotos der Stadt Beirut von Jens Schwarz bis hin zu Kinderzeichnungen des anderthalbjährigen Neo. Diese hängen in der Küche, davor eine Artec-Lampe – Lissies Lieblingsstück, wie sie mir verriet. Sie würde aber niemals 10.000 Euro für eine Designerlampe ausgeben, fügte sie hinzu. Der italienische Designer und Objektkünstler Enzo Mari und seine frühe „Do-it-yourself“-Linie gefallen ihr hingegen sehr gut: Das perfekte Vorbild für jedes (Kunst-/Design-)Objekt sei laut Mari nämlich das Natürliche.

Aus- und Überblick

Lissie liebt deshalb auch den Blick von den beiden Balkons: Während der vordere über die Dächer Schwabings zeigt, könne man aus dem Küchenbalkon auf den ruhigen Innenhof mit hohen Bäumen blicken und Eichhörnchen und Raben beobachten.

Früher war Lissie großer Fan des Glockenbachviertels, wo sie in verschiedenen WGs und Appartments lebte – doch mittlerweile fühlen sie sich alle sehr wohl in Schwabing.
„Schließlich halten wir uns hier zu Hause am meisten auf, selbst Michi haben wir jetzt ,zum Wohnen‘ gebracht“, meint Lissie lachend.

Wohlfühl-Wohnung

Auch ich habe mich in der großzügigen Altbauwohnung sehr wohlgefühlt: Die hohen, lichtdurchfluteten Räume lassen Platz für Inspiration und Entspannung, nirgends steht überflüssiger Krimskrams herum, der einen stressen könnte. Trotz Kleinkinder und Hund war die Wohnung erstaunlich ordentlich, die Literatur in den vielen Bücherregalen wirklich interessant – und dass es recyclebare Kleiderschränke aus Pappe gibt, hat mich auch beeindruckt.

Insofern war es ein spannender Einblick in die vegane Wohnung zweier Münchner Gastro-Größen und ich danke Lissie, dass ich sie besuchen durfte.



Fotocredits: © Sebastian Gabriel

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