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Das ist Kunst und das kann weg (5): wir brauchen Schauspieler, keine Performer

Juliane Becker

Juliane Becker

Theaterwissenschaftlerin, Katzenfreundin und Journalistin. Schreibt bei mucbook über Theater, Konzerte und eigentlich alles, was irgendwie mit Kultur zu tun hat.
Juliane Becker

Er kann es einfach nicht lassen: nur wenige Monate, nachdem Resi-Star Shenja Lacher mit viel Tamtam seinen Rückzug aus dem Theater angekündigt hatte, ist er doch wieder da. Zwar nicht im Resi und auch nicht auf der Bühne, aber er ist da – als Regisseur. Am Akademietheater der August-Everding-Akademie hat er mit fünf hinreißenden jungen SchauspielerInnen Die ganzen Wahrheiten von Sathyan Ramesh inszeniert – und zwar so explosiv, dynamisch und zum Schreien komisch, dass man sich wünscht, mehr Schauspieler würden mit den Regisseuren die Plätze tauschen. Seine Handschrift ist dabei so klar zu erkennen, dass der Gedanke an seinen Theaterabschied noch einmal zu schmerzen beginnt.

Lacher hat in seinen sieben Jahren am Resi etwas Großes erschaffen. Du weißt, dass ein Schauspieler sein Handwerk beherrscht, wenn du immer und immer wieder in die gleiche Inszenierung rennst, nur um ihn in dieser einen Szene zu sehen, die du so liebst. Immer und immer wieder. Du streichst dir die Spieltermine im Kalender an, stehst am Tag des Vorverkaufsbeginns um halb 10 vor den noch geschlossenen Türen der Theaterkasse und versuchst die Theaterkassentheaterkartenverkäufer zu bequatschen, dir doch bitte nicht schon wieder die Studentenplätze ganz am Rand zu geben, sondern die guten, mittig vorne. (Manchmal hat’s geklappt.)

Für mich war diese Inszenierung Orest. Eine blutrünstige Tragödie nach Aischylos, Euripides und Sophokles, in der ein nach Rache dürstender Orest in seine Heimat zurückkehrt, um gemeinsam mit der Schwester Mutter und Stiefvater zu ermorden. Lacher als Orest, Andrea Wenzl als Elektra. Zusammen mit dem Regisseur David Bösch ergab das eine Dreifaltigkeit der Awesomeness, ein Dreamteam, das mein Herz für immer eroberte. Und wie das bei vielen Liebesbeziehungen so ist, weiß man gar nicht mehr, in was man sich eigentlich genau verliebt hat. Man weiß nur, dass es unfassbar wehtut, wenn es vorbei ist.

Orest

Im Moment spielt Lacher im Residenztheater nur noch in zwei Produktionen mit und das sind leider die schnarchigsten, die der Spielplan aktuell zu bieten hat. (Das ist wörtlich zu verstehen, ich bin tatsächlich in beiden eingeschlafen.) Der Fakt, dass man ihm trotzdem gerne dabei zusieht, wie er den betörend langweiligen Prinz von Homburg mimt, spricht für sich.

„Das Glück des Schauspielers besteht darin, dringend gebraucht zu werden“, soll Rudolf Tyrolt mal gesagt haben, und da hat der gute Mann noch immer Recht. Ein Theater benötigt nicht nur Performer, sondern auch Schauspieler. Menschen, die darin ausgebildet wurden, die ganzen verdeckten Motive, Empfindungen, Strategien und Interessen, die das menschliche Handeln bestimmen, in ihrer Vielschichtigkeit zu erforschen.“ Performer sind gut und schön und machen ziemlich oft einen ziemlich guten Job. Aber auf der Bühne will ich nicht ausschließlich echte Menschen sehen, die vollauthentisch und – Stegemanns Worte – dabei immer ein wenig dilettantisch Geschichten aus ihrem eigenen Leben erzählen. Echte Menschen treff ich in Real Life oft genug. Ich will Schauspieler wie Andrea Wenzl und Shenja Lacher, die mich so sehr verzaubern, dass sich die Dernière meiner Lieblingsinszenierung anfühlt wie der Abschied meines besten Freundes.


Bildquellen: © Residenztheater, Andreas Pohlmann

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