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Location is King – oder warum es für die Münchner immer die spektakulärste Event-Location sein muss

Standard und wie immer funktioniert vielleicht, wenn man einen Supermarkt betreibt. Eine Bar, ein Club, ein Restaurant ist am besten spektakulär und einzigartig. In der Stadt, die immer schläft (s/o an die 100Blackdolphins für diese knackige Formulierung) steht der Szene-Mensch für noch einen neuen Kellerclub gar nicht erst auf. Die Geschichte, das Narrativ des Ladens muss stimmen, das ist mehr als die halbe Miete.

Je abstruser die Story, desto höher das öffentliche Interesse. Eine Bar in einer alten Bank mit schusssicherem DJ-Booth und Tresor im Keller? Willkommen im Awi. Ein alter Nazi-Bau in dem einst Jimi Hendrix seinen vom Heroin gezeichneten Körper zu allerletzten Höchstleistungen peitschte? Der Blitz Club atmet Rock-Historie.

Nichts verkauft sich so gut, wie etwas wirklich besonderes.

Die Partyreihe Hytop hat sich den besonderen Locations verschrieben. Im September schlug bei der ganzen Szene der Puls etwas schneller, als Hytop zur Feierei ins Olympiastadion lud. Vor wenigen Wochen knallte es dann auf der Dachterrasse des Werk3 aka „The LIT Roof“. Drinks gab es vorgemixt aus kleinen Bügelflaschen. Der Vodka Soda hatte keine Kohlensäure und statt Münchner Hell wurde Heineken gereicht. Doch die Location war so exklusiv, neu und einfach mega, dass diese gastronomische Schwäche niemanden interessierte.

Wer in München etwas auf sich hält und gerne ausgeht, der ist schnell gelangweilt von Sausalitos und Co. Diese Läden überlässt man lieber den aufgeregten Sauftrupps aus der Provinz, für die das Größte ein halber Liter Cocktail für unter Zehn Euro ist. Öffnet irgendwo ein neuer Club in einem alten Luftschutzbunker oder in einem ausrangierten Schienenbus, dann rollt die Szene in Massen an. „Normale“ Bars oder Vergnügungsstätten haben es da schwerer. Wessen Location nicht so spektakulär ist, braucht mehr Geduld, bis die Gäste regelmäßig und zahlreich kommen.

location is king muenchen

In München sucht man das Unkonventionelle und Andersartige.

Ganz gierig werden aber alle erst, wenn es dann mal wieder in einer Off-Location scheppert. So nennt man Veranstaltungsorte, die eben „Off“, also abseits des gewohnten und normalen, sind. Alles was nicht jede Woche ein Club oder nur begrenzt für das Partyvolk geöffnet ist, kann eine „Off“-Location sein. Und da man in München ja gerne so tut, als sei das Feierangebot schrecklich klein und man selbst so angeödet von immer den selben Schuppen, ist man immer ganz wild auf die ruffen „Off“-Locations.

Vor einer langen Zeit war einmal der „Rave Autonomica“ um Christoph Pankowski das Maß aller Off-Location-Dinge. Pankowski feierte legendäre Partys an ganz besonderen Orten und zog Tausende junge Leute an. Teil seines Konzepts war dabei auch immer deutlich zu betonen, wie außergewöhnlich die Location ist, in der er seine nächste Party feiern wird. Auch wurde der Ort  immer erst 24 Stunden vorher bekannt gegeben, was die Gerüchteküche und Vorfreude natürlich noch einmal kräftig anheizte.

Jetzt ist Autonomica zurück.

Weil Location King ist, heißt die Veranstaltung auf Facebook dazu „Rave Autonomica in verlassenem Industriegelände / Eintritt Frei“. Im Text überschlägt man sich dann fast vor Location-Geilheit:

Mitten in der Stadt haben wir eine Wahnsinnslocation entdeckt – ein komplett leerstehendes Industriegelände mit Warehouse, Tiefgarage und sogar einem Hof für ein Open Air! Wer München kennt weiß, allein das ist schon Grund zur Freude…

Bei der Wahnsinnslocation, von der hier die Rede ist, handelt es sich um das alte Mahag Autohaus in der Denisstraße. Und entdeckt hat die leider ein anderer: Mr. Partylocation himself aka Alexander Wolfrum. Er ist der Strippenzieher im Nachtleben und hat immer die feinsten Locations an der Hand. Als am Luise-Kieselbach-Platz der Tunnel eröffnet wurde, stemmte er die „Tunnel Party“, ein Kommerzfest der Superlative in der brandneuen Tunnelröhre. In einem Interview mit IN München erzählt er, wie er mal eben den Blitzclub erfand und das Isarforum zur Eventlocation machte.

Wolfrums Agentur G.R.A.L. organisiert Veranstaltungen – Wolfrum selbst reißt die Orte dafür auf. Diese vermittelt er aber auch an andere Veranstalter weiter, zum Beispiel mit der Internetseite www.location-broker.de. Dort ist das Gelände in der Denisstraße exklusiv gelistet, dass Wolfrum im Auftrag der Eigentümer aus Hamburg vermietet. So kam wohl auch Pankowski zu seiner Wahnsinnslocation. Exklusiv hat er sie jedoch nicht. Auch die Macher von TAM TAM und die Braumeister von BROY feierten dort schon ihre Parties.

Das Beispiel Wolfrum zeigt, dass Location nicht nur King sondern auch Cash ist. Die Nachfrage nach außergewöhnlichen Veranstaltungsorten reißt nicht ab und wer das Angebot hat, kann kräftig mitverdienen.

 

Foto: Jan Rauschning-Vits

Bild: Unsplash Vinicius AmanoSão Paulo, Brazil

2 Comments
  • maleen
    Posted at 12:17h, 11 Juli

    why so angry, herr jan? mal bei autonomica nicht an der tür vorbeigekommen? beef mit pankowski?

    in einer durchgeputzten stadt wie münchen freut man sich gerne mal über etwas „off“ und dreck, was ist daran denn bitte falsch? sollen die leute das ehrenamtlich machen?

  • Jan Rauschning-Vits
    Jan Rauschning-Vits
    Posted at 18:24h, 12 Juli

    Hi Maleen!
    Ich bin nicht angry und Beef mit Pankowski habe ich auch nicht. Ich freue mich auch über Dreck. Mein Artikel weist nur darauf hin, dass mit solchen Locations ordentlich Geld verdient wird und der Ort auch immer fleißig medial ausgeschlachtet wird. Und das ist eben genau nicht dreckig und alternativ sondern klassisches und knallhartes Business. Daran kann man sich nun stören oder nicht. Mich ärgert es, aber dennoch werde auch ich beim Autonomica abzappeln. Ein richtig ehrliches und dreckiges illegales Open Air ist mir trotzdem lieber.

    Liebe Grüße

    Jan

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