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Aktuell, Stadt

Einmal Hausbesetzung und zurück: „Schnitzelhaus“ wieder leer! Die Hintergründe.

 Vor wenigen Stunden meldete die Aktionsgruppe „Für LⒶu Haus“ die Besetzung des „Schnitzelhauses“ in der Holzapfelstraße 10 im Münchner Westend. So weit, so ungewöhnlich. Spoiler vorab: Das Haus ist inzwischen wieder einsam und leer! Wir waren vor Ort und haben ein paar Bilder gemacht und Eindrücke gesammelt.

Den MUCBOOK-Bericht „Aktionsgruppe meldet Hausbesetzung im Münchner Westend“ findest du hier. >>> weiterlesen

Jeder der sich schon mal im Westend umgeschaut hat, kennt die beiden gegenüberliegenden Baracken an der Schwanthalerstraße 119 (die „Döner macht schöner“-Ruine) und das nun besetzte „Schnitzelhaus“ an der Holzapfelstraße 10. Manch einer bezeichnet sie als „Schandfleck des Viertels“. Die Bezirksausschüsse und auch die Lokalpresse beschäftigt die Angelegenheit seit Jahren. Gerade im Bezirksausschuss war man sehr lange unglücklich über die verfahrene Lage.

Was war da jetzt eigentlich wann genau los?

1871: Das Gebäude an der Holzapfelstraße 10 wird gebaut

2011: Im Januar wird eine Baugenehmigung erteilt, die zunächst für vier Jahre gültig ist

2013: Seit Juli steht das Gebäude nach Auskunft eines Sprechers der Eigentümer komplett leer

2014: Bausachverständige stellen im Auftrag des Sozialreferats im März des Jahres fest, dass man mit einem vertretbaren finanziellen Aufwand das Gebäude bis Ende 2015 wieder der Bewohnbarkeit überführen könne. Den Eigentümern ging daraufhin eine „Wiederbelegungsanordnung“ zu – eine Auflage der Stadt, demnach der Wohnraum bis Ende 2015 Wohnzwecken zu überführen ist. Die Stadt erhebt anschließend Bußgelder.

2017: Anfang des Jahres werden Bauarbeiter auf dem Gelände gesichtet, die Schutt wegräumen.

März 2017: Die SZ vermeldet die „Wiederbelebung“ der Immobilie. Geplant sind demnach elf Wohneinheiten. Im Erdgeschoss bleibt Platz für eine gastronomische Nutzung.

22. Juli 2017: Die Besetzung des Gebäudes wird von der Aktionsgruppe „Für LⒶu Haus“ ausgerufen.

2018: geplante Fertigstellung der Sanierung?

Seitens der Eigentümer lässt man sich seit jeher durch Sprecher und Bauingenieure vertreten. Man will nicht öffentlich genannt werden. Auch die Stadt schützt die Anonymität der mutmaßlichen Eigentümergemeinschaft. Gleichzeitig ist ein Leerstand in so prominenter Lage ein Ärgernis für jeden Wohnungssuchenden oder jeden, der aufgrund des Wohnungsmangels dazu gezwungen ist, hohe bis horrende Mieten zu zahlen.

Und wie geht es jetzt weiter?

Der Plan für das Gebäude scheint an sich klar. Darf man den Ankündigungen in der SZ glauben, so entstehen Mietwohnungen, die nach Auskunft der (ebenfalls anonymen) Sprecher der Eigentümer „keine Luxussanierungen“ sein sollen und bezahlbaren Wohnraum bieten werden.

Abwarten. Ein Ereignis ist eine Hausbesetzung in München aber allemal. Worum geht es den Hausbesetzern dann? Kommt die Besetzung nicht etwas spät? Explizit betont das „Für Lau Haus“, dass sie eine wandelnde Einrichtung sind – das Projekt endet nicht in der Holzapfelstraße 10. Man will öffentliche Plätze schaffen für Menschen, die sich Restaurant- und Kneipenbesuche nicht (regelmäßig) leisten können und auf Leerstände in der Stadt aufmerksam machen. Außerdem werden – der Name verrät es schon – Sachen an Bedürftige verschenkt. Jeder kann nicht mehr benötigte Utensilien zum Verschenken bereitstellen.

Franz Josef Strauß hat wieder Recht behalten 

Ein anderes Thema ist sicher noch die Justiziabilität der Aktion. München ist historisch für seine harte Hand gegenüber Hausbesetzern bekannt. Dies mussten etwa die Jugendlichen der Bewegung „Freizeit ’81“ an der eigenen Haut erfahren – sie wurden zu Haftstrafen verurteilt. An diesem Grundsatz scheint sich wenig geändert zu haben. Hausbesetzer müssen grundsätzlich mit Haftstrafen rechnen – so erging es etwa auch einer Gruppe von Hausbesetzern in der Westendstraße im Jahre 2007. Während in Hamburg also, nach Jahrzehnten der Duldung, über eine Räumung des populären subkulturellen Dreh- und Angelpunkts „Rote Flora“ angesichts der mitunter den Köpfen dieser Einrichtung angedichteten Ausschreitungen bei den G20-Krawallen diskutiert wird, scheint die Devise diesseits des Weißwurstäquators grundsätzlich klar: Hausbesetzung – des gibt’s ned bei uns!

So formulierte es Franz Josef Strauß einst nachdrücklich und eindeutig: „Aber ich darf Ihnen gleich sagen, bei uns in Bayern ist kein Platz für Hausbesetzer, Chaoten, Anarchisten, Terroristen und Gesellschaftsveränderer.“

Den Eindruck einer Bande von Anarchisten und Chaoten vermittelt die Gruppe „Für Lau Haus“ keinesfalls. Sie machen auf ein städtisches Problem aufmerksam, das vielen am Herzen liegt. Zudem ist der Gedanke, nicht mehr benötigte Gegenstände an Bedürftige abzugeben und dafür ein Zentrum einzurichten ein Thema, das den die Beliebtheit der Repair-Cafes und Foodsahring-Aktionen erkannt hat und auf einer neuen Ebene konsequent weiterdenkt. Der eigens eingerichtete Blog vermittelt einen professionellen Eindruck. Für die Presse hat man Statements und Mitteilungen sorgsam vorbereitet.

Dies fügt sich in den Gesamteindruck einer sehr durchgeplanten Aktion, bei der man eine Verhaftung wohl unbedingt vermeiden wollte. Die Polizei musste das Gebäude nicht räumen, sondern entfernte lediglich die verbliebenen Slogans und Plakate, der in der Nacht eingedrungenen Besetzer. Als sie um 10 Uhr das Gebäude nach zwei Stunden Observation betraten, war dort nach polizeilichen Angaben niemand mehr anzutreffen.

Das Ende: Typisch München

Nun laufen laut Auskunft bei der Münchner Polizei Ermittlungen wegen Hausfriedensbruch und wegen möglichen Verstoßes gegen die Impressumspflicht (aufgrund der Plakate, die ohne V.i.d.P. im öffentlichen Raum hingen).

Auf dem Blog des Für LⒶu Haus  spricht man nun davon, dass die „Bullen“ den Umsonstmarkt geplündert hätten. So kann man es sehen. Ein Showdown im Westend wurde aber nichtsdestotrotz abgewendet, indem man sich zurückzog, bevor die Polizei eingreifen konnte. Insgesamt könnte man also sagen, dass die Aktion doch irgendwie sehr gediegen, gekonnt und damit doch auch wieder „münchnerisch“ ablief.

Vor Ort hatten wir die Möglichkeit, direkt mit Anwohnern,zu sprechen. Sie hatten bereits Hausrat zum Verschenken vorbei gebracht und waren sichtlich angetan von der Aktion.

Über den Leerstand und die kurzzeitige Besetzung des Hauses als politische Aktion:

„Derjenige muss das freigeben, das ist natürlich völlig richtig das Konzept (der Aktion) – ein schönes Konzept.“

„Die Gesetzeslage ist in diesem Fall einfach schlecht.“ (Leerstand von Immobilien in der Stadt)

„Das is ’ne geniale Idee einfach – echt toll! Wir wollten gerade Geschirr zum Verschenken vorbei bringen. Das Statement ist großartig. Wir wohnen zwar erst seit anderthalb Wochen hier und uns ist das Haus auch schon vorher aufgefallen. Als wir hier hergezogen sind hatten wir sogar selbst recherchiert, wieso diese Häuser hier so leer stehen.“

„Willkommen in der Nachbarschaft“ (ein Kommentar auf Facebook)

Und nun? War die Installation eines Umsonst-Ladens nur ein „Marketing-Gag“ für die politische Message? Auf der Homepage der Gruppe verspricht man verheißungsvoll: „Keine Sorge, es kommt wieder. Wo allerdings weiß keine_r. Aber wenn du Augen und Ohren offen hältst und ihm auf seiner Webseite http://fuerlauhaus.blogsport.eu/ folgst, findest du es bestimmt wieder. Und vergiss nicht: Das Für LⒶu Haus ist überall da, wo du es haben möchtest!“

Na dann, wir sind gespannt und sammeln schon mal alten Hausrat zum Weiterverschenken.

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