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Meine Halte – Folge 24: Wörthstraße

Sophia Hösi

Sophia Hösi

Obligatorische Redaktionsschwäbin (wir sind überall)
Wahlmünchnerin seit 2013, zu finden irgendwo zwischen Ostbahnhof und Sendlinger Tor, wahrscheinlich an der Isar.
Sophia Hösi

Vor vier Jahren war das, als ich bei einer wilden Umsteige-Aktion mit Tram und U-Bahn in Haidhausen gestrandet bin. Was soll ich sagen? Es war Liebe auf den ersten Blick. Die alten Stadthäuser entlang des Bordeauxplatzes in der Abendsonne hatten einen ganz besonderen Zauber.

Heute wohne ich an der Haltestelle Wörthstraße. Hier tummeln sich vor allem im Sommer Familien und Studenten, sei es nun in der Schlange zur Eisdiele, auf einer der Terrassen der Restaurants oder am Brunnen auf dem Bordeauxplatz. Sucht man Touristen, ist man hier fehl am Platz.

Sightseeing inklusive

Jedes Mal, wenn ich aus der Stadt mit der Tramlinie 19 Richtung nach Hause fahre, habe ich genau das, wofür viele Touristen extra nach München kommen: ein Bilck auf die Oper, die Maximilianstraße, über die Brücke, das Maximilianeum und vorbei am Max-Weber-Platz. Für mich ist es immer wieder ein Highlight, Max‘ Prunkbauten zu sehen, um dann doch wieder in mein Viertel abzubiegen, in dem Altbau und die kleinen Handwerkerhäuser aneinandergereiht stehen.

Hier, am Gipfel des ehemaligen gaachen Steigs (was grob übersetzt sehr sehr steiler Berg heißt), lag früher das kleine Dorf Haidhausen. Vor allem Handwerker lebten hier. Und obwohl Haidhausen mittlerweile schon lange ein fester Bestandteil von München ist, fühlt man sich manchmal wie auf dem Land. Vor allem beim Anblick der niedlichen Häuschen in der Preysingstraße.

Um meine Haltestelle herum befinden sich neben kleinen Läden zahlreiche unterschiedliche Restaurants und Bars. Vom bayrischen Japaner bis hin zum Johannis Café findet man hier alles. Und genau deshalb kostet es mich oft echt Überwindung, das Viertel doch mal wieder zu verlassen. Gerade weil die Stimmung hier gediegener ist, als an Orten wie dem Gärtnerplatz. Es ist weniger trubelig und die klassische „Cappucino-Mum“ sitzt hier neben dem alteingesessenen Münchner Grantler auf den Parkbänken am Weißenburger Platz.

Zur Isar ist es ein Katzensprung und auch der Englische Garten ist bergab innerhalb weniger Minuten zu erreichen. Das einzige Manko, was hier zu nennen wäre, ist der „Berg“, über den sich meine Freunde häufig beschweren, wenn sie den Weg zu mir per Fahrrad auf sich nehmen (dabei ist er am Maximilianeum übrigens am flachsten). Doch auch der ist zu bewältigen.

Gut vernetzt auf kleinstem Raum

Außerdem gibt es neben meiner Halte noch unzählige anderen Haltestellen. So wirklich weit ist es von hier aus nirgends hin. Großstadtflair bekommt man am Ostbahnhof und Rosenheimer Platz und von dort aus bringt einen die Stammstrecke überall hin.

Der Umkehrschluss heißt: heim kommt man hier immer, notfalls auch zu Fuß. Bisher habe ich an noch keinem Ort gewohnt, der gleichzeitig so zentral und dennoch so für sich gelegen ist. Menschenmassen sieht man hier höchstens zum Weihnachtsmarkt oder den Hofflohmärkten, ignoriert man einmal die Pilgerflut, die uns Pokémon Go letztes Jahr beschert hat.

Genau deshalb findet man in der Wörthstraße Großcharme und Kleinstadt-Idyll gleichzeitig: man kennt einerseits seine Pappenheimer, die man am Johannisplatz Federball spielen oder die man beim Metzger Vogl trifft. Andererseits kann man abends in den zahlreichen kleinen Kneipen ein fast schon südländisches Lebensgefühl genießen. Haidhausen ist für mich ein Zuhause geworden, und wenn ich doch einmal in der Masse untertauchen will, roll ich mit dem Fahrrad den gaachen Buckel runter.


Beitragsbild: © Sophia Hösi

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