Leben, Sport, Stadt

„Erfüllst du deine Träume, oder bleibst du liegen und träumst weiter? – ein Sportgespräch

MUCBOOK Redaktion

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Text: Marc Baumann / Fotos: Simon Koy

Dieser Artikel erschien zuerst im Mucbook Magazin #7 „Du musst es nur wollen. Das etwas andere Sportheft“.

München ist der FC Bayern, der TSV 1860 und ein bisschen Eishockey und Basketball. Aber wie geht es eigentlich den ganzen anderen Sportlern in der Stadt? Wir haben vier erfolgreiche Münchner zum großen Stadtgespräch ins Olympiastadion gebeten. Die Themen: Was nervt und was lieben sie an dieser Stadt, darf man als Athlet Weißwürste essen und wären erneute Olympische Spiele für München mehr Fluch oder Segen?

 

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Marc Baumann (links im Bild), Journalist, Englischer-Garten-Fußballer, Maßmann-Park-Skateboarder und Eisbach-Surfer

MUCBOOK: Mögt ihr München als Sportstadt?
Robinson Kuhlmann: Zum Skateboarden ist München auf jeden Fall gut, weil hier viel gebaut wird, es gibt also immer neue Spots zum Fahren. Wir haben nur leider keine Halle für den Winter.
Alex Vilk: Der Immobilienboom hilft uns auch – München hat für Parkours die wohl meisten Top-Spots in Deutschland, gerade hier im Olympiapark.
Christina Hering: Die Olympiaanlagen sind super und an der Isar gibt es viele schöne Laufstrecken.
Alexandra Weng: Hamburg ist besser, aber München ist ganz ok, als Schwimmer gesprochen. Die Olympiaschwimmhalle wird gerade modernisiert, aber es gibt international, gerade in den USA, schon deutlich bessere Verhältnisse. Bei Sponsoren hat man es mit dem FC Bayern in der Stadt immer schwer. Da ist es schwieriger als in kleineren Städten, wo man mal einen Geschäftsführer kennt, der dir dann vielleicht ein Auto sponsort.

MucBook: Robinson, an einigen Orten in München ist Skaten verboten. Hast du schon mal richtig Ärger bekommen?
Robinson: Von unserem letzten „Go Skate Day“, bei dem einmal im Jahr hunderte Skater gemeinsam durch die Stadt fahren, laufen immer noch Anzeigen. Die Stadt möchte das wie die Blade Night organisieren, aber zu einer offiziellen Veranstaltung mit Ordnerdienst würde kein Skater kommen. Wir mögen es wilder. Es gibt heute leider viel mehr Security-Leute in München als früher, die Gebäude werden besser verteidigt. Mittlerweile wird in Architekturstudiengängen schon gelehrt, wie man etwa durch Kopfsteinpflaster vor Treppengeländern einen Ort für Skater unbenutzbar macht.

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Robinson Kuhlmann, 38, ehemaliger Skateboardprofi, betreibt in München einer Bar, ein Restaurant und einen Skateshop

MucBook: Christina und Alexandra, im Gegensatz zu Robinson und Alex trainiert ihr ja richtig hart für euren Sport…
Robinson: Moment mal! (Alle lachen.)

MucBook: Bei Schwimmern und Leichtathleten gibt es eben viel mehr Konditionstraining und solche Dinge. Wie viel Prozent eures Sportlerlebens ist Spaß, wie viel notwendige Qual?
Christina: Ich würde es nicht machen, wenn es keinen Spaß mehr machen würde, aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass jede Einheit lustig ist. Spätestens, wenn man sportliche Erfolg hat, kriegt man viel zurück – etwa die Olympischen Spiele in Rio.
Alexandra: Ich stehe jeden Tag um 6 Uhr morgens auf und muss um 7 Uhr am Becken stehen. Ich schwimme 70 bis 80 Kilometer die Woche. Wenn es im Winter dunkel ist und und schneit, dann denkst du dir, muss ich das jetzt wirklich machen? Aber du hast die Wahl: Erfüllst du deine Träume oder bleibst du liegen und träumst weiter.

MucBook: Alex, Robinson, geht es beim Skaten und Parkour immer vorrangig um den Spaß?
Alex: Eigentlich ja. Wir sind meistens in der Gruppe, das ist schon viel lockerer als bei Alexandra.
Robinson: Skateboardfahren sieht immer so aus, als ob es nur Spaß macht. Aber wenn du einen Filmer und zwei Fotografen von Magazinen dabei hast und einen schweren Trick landen willst, der einfach nicht klappen will, obwohl du das behauptet hast, dann ist der Spaß erstmal gegessen. Dann schmeißt du dich hundertmal ein Treppengeländer runter, tust dir weh, brichst dein Brett. Aber das gehört eben dazu, wenn du Sponsoren hast und mit dem Skaten Geld verdienst. Klar darfst du dafür reisen, aber dann wird von dir in Barcelona oder Kalifornien erwartet, dass du richtig spektakuläre Tricks vor der Kamera landest. Ein Freund von mir ist Snowboardprofi, die hatten immer ganz andere Sponsorengehälter, die konnten sich dann plötzlich ein Häuschen in Garmisch leisten, da denkt man als Skater: „Äh, was ist denn jetzt los?“.

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Alex Vilk, 21, geboren in St. Petersburg, Parkour-Läufer und -Trainer (www.fam-muenchen.de)

MucBook: Wie steht ihr zu Social Media als Sportler? Es gibt ja in einigen Sportarten wie Surfen etwa oder Tennis, wo nicht die beste Athletin die meisten Follower und Sponsorengelder bekommt, sondern die hübscheste.
Alexandra: Wenn du ein gewisses Niveau erreicht hast, gewisse Erfolge, eine Olympiateilnahme, dann geht es immer mehr um dein Privatleben und dein Aussehen.
Christina: Ich hab mir am Anfang schwer getan, Bilder von mir zu posten. Aber inzwischen habe ich Spaß dran. Die Sponsoren achten immer mehr darauf. Ich war mal bei München TV und hatte an dem Tag ein Hemd von Nike an – aber auch mit anderen Sponsoren drauf. Das habe ich gepostet und dann kam zwei Stunden später der Anruf, dass ich das bitte löschen soll.
Alexandra: Es gibt ja heutzutage Youtubestars, die berühmt sind ohne etwas zu leisten, die Lippenstifte vorstellen oder sich im Fitnessstudio zeigen. Sixpacks haben wir auch. (Lacht). Nur wir trainieren super hart um vielleicht eines Tages mal einen Sponsor zu kriegen.

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Christina Hering, 22, geboren in München, amtierende Deutsche Meisterin über die 800-Meter Laufdistanz

MucBook: Wir sitzen im alten Olympiastadion, würdet ihr euch über Olympia in München freuen? In Garmisch gab es ja große Proteste dagegen.
Alexandra: Ja, ich würde mich freuen, wenn wir noch mal Olympia irgendwo in Deutschland hätten, darum habe ich mich über die Ablehnung in Hamburg geärgert. Die Fußball WM 2006 war doch so positiv damals.
Robinson: Olympia in München fände ich gut, Olympia 72 hat der Stadt so viel gebracht, bis heute.
Alex: Der Erfinder von Parcours hatte eine Philosophie, in der es um Gemeinschaft ging, da hat Wettkampf keine Rolle gespielt.

MucBook: Christina, Alexandra, ihr seid deutschlandweit die besten in euren Disziplinen. Aber ein mittelmäßiger Zweitligaspieler beim Fußball verdient deutlich mehr als ihr. Ärgert euch das?
Christina: Ich mache meinen Sport nicht wegen dem Geld. Aber ich brauche Unterstützung, weil ich neben dem Studium und dem Training nicht auch noch arbeiten kann. Es bringt mir nichts, mich darüber zu ärgern, es wird sich nie ändern. Dafür aber kann ich unerkannt durch die Stadt laufen.

MucBook: Ihr seid alle enorm talentiert. Würdet ihr auch trainieren, wenn ihr nur mittelmäßige Sportler wärt?
Alexandra: Für ein B-Finale würde ich mir vierzehn Trainingseinheiten pro Woche nicht antun. Dann würde ich mich aufs Studium konzentrieren und ganz anders leben.
Christina: Ich könnte nie ohne Sport leben. Aber ich sage immer, wenn meine Karriere vorbei ist, werde ich sicher nicht mehr Bahnen laufen, da gibt es Spannenderes(lacht). Ich bewundere es sehr, wenn Leute ohne richtig Erfolg zu haben so viel in ihren Sport investieren und so leidenschaftlich dabei sind.
Robinson: Ich glaube Skateboardfahren wäre auch das richtige für mich gewesen, wenn ich kein Talent gehabt hätte. Um einfach nur eine Straße runterzufahren muss man keine Tricks können und trotzdem gibt es dir dieses gute Gefühl. Was übrigens das Skaten glaube ich sehr vom Läufen oder Schwimmen unterscheidet, ist der Lifestyle, der dazugehört. Wir sind damals quasi im Skateshop aufgewachsen, die ganze Kultur dazu..
Alexandra: Euren Lifestyle fand ich schon immer cool. Das gibt es bei Schwimmern nicht.
Robinson: Doch, finde ich schon.
Alexandra: Echt?
Robinson: Wenn ich Verletzungen vom Skaten habe, gehe ich oft schwimmen. Da hast du schon eine Szene und die echten Schwimmer erkennt man sofort.

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Alexandra Weng, 21, amtierende Deutsche Meisterin über 50 und 100 Meter Schmetterling, 2012 Europameisterin in der Staffel, 2015 Dritte bei der Weltmeisterschaft mit der Staffel

MucBook: Christina – Nike und Adidas versuchen mit großen Werbekampagnen das Laufen cool zu machen.
Christina: Joggen hat Nike schon immer gepusht. Es gibt, glaube ich sechs Millionen Deutsche, die ambitioniert Laufsport betreiben und zwanzig Millionen Breitensportler, da steckt richtig, richtig viel Geld drin.
Alexandra: Bei uns Schwimmern gibt es nicht mal eine Musik, auf die sich alle einigen könnten. Wenn ich da mit meinem Deutschrap ankomme, schauen mich alle irritiert an.
Robinson: Aber es muss doch Geld im Schwimmen stecken, wenn ich sehe, wie viele Leute abends unter der Woche ihre Bahnen ziehen.
Alexandra: Du kannst nicht so viel verkaufen außer einer Badehose, Bikini und Schwimmbrille.

MucBook: Mal eine München-Frage: Dürft ihr als Athleten mit striktem Ernährungsplan überhaupt die ganzen Münchner Spezialitäten genießen?
Robinson: Paulaner Spezi geht immer.
Christina: Ich kann zum Glück essen was ich will. Also Spare Ribs im Biergarten müssen im Sommer schon sein.
Alexandra: Mir wird manchmal gesagt, ich wäre zu schmächtig für eine Schwimmerin, ich darf reinhauen wie ich möchte. Ich liebe es zum Beispiel Sonntags zum Weißwurstfrühstück zu gehen.
Alex: Ich hab eh keinen Trainer, der mir sagt, was ich essen soll. Aber Vegan gilt schon als gesünder, oder zumindest vegetarisch.

MucBook: In Skateparks sehe ich öfters Augustiner-Flasche rumstehen.
Robinson: Wenn man ein Bier trinkt, dann eher am Ende der Session. Beim Skaten war der Alkohol immer ein Thema. Alkohol oder Drogen erhöhen vielleicht den Mut, Risiko beim Fahren einzugehen, aber andererseits geht es bei den technischen Tricks viel um Gleichgewicht und Körpergefühl, da ist das eher hinderlich.

MucBook: Alexandra, Christina, verzichtet ihr dem Sport zuliebe auf Alkohol und Partys? Oder krault und läuft man das beim Training am nächsten Morgen dann einfach raus?
Alexandra: Abends trinke ich schon mal ein Glas Wein, aber mehr nicht. Bei uns ist Alkohol nur in der Saisonpause ein Thema, oder wenn man einen wichtigen Wettbewerb beendet hat. Wenn ich am nächsten Tag Training habe, gehe ich nicht feiern.
Alex: Aber du trainierst doch jeden Tag, oder?
Alexandra: Sonntags nicht, da kann ich Samstagabend weggehen und am nächsten Tag liegen bleiben.
Christina: In der Zeit, in der ich keine Wettkämpfe habe und richtig feiern gehen könnte, bin ich einfach echt kaputt. Da habe ich deutlich mehr Lust einen Film anzusehen, als auszugehen. Interessant finde ich, dass auf den Abschlussfeiern nach Wettbewerben, etwa bei den Europameisterschaften, dann so richtig Gas gegeben wird.
Robinson: Als Sportler verträgst du Alkohol echt gut. In meiner Bar sind ab und zu Profisportler, die nach Spielen oder Auswärtsspielen abends noch was trinken gehen. Definitiv vertragen die ein paar Bier, Sportler einfach mehr als ein Nichtsportler.
Alexandra: Bei Olympia in Rio gab es abends nach den Wettkämpfen immer Veranstaltungen im Deutschen Haus, da wurde schon auch über den Durst getrunken. Es war schon witzig zu sehen, dass ein Goldmedaillensieger oder ein Fußballprofi genauso feiert wie man selber.

sportrunde3MucBook: Jeder von euch hat zum Schluss noch einen Wunsch frei an München als Sportstadt.
Robinson: Eine Skatehalle. Damit Jugendliche auch bei Regen und Schnee Sport machen können, wenn sie wollen.
Christina: Im Laufbereich ist eigentlich alles wunderbar, es gibt viele gute Strecken in München. Olympische Spiele in Deutschland würde ich mir wünschen, auch wenn ich verstehen kann, dass viele Leute Probleme mit der enormen Kommerzialisierung haben.
Alex: In anderen Ländern wie etwa Dänemark gibt es viel mehr Parkourparks, in ganz Deutschland gibt es etwa drei. Wir haben uns selber einen kleinen Park gebaut, aber der muss wohl geschlossen werden, weil die Stadt damit ein Problem hatte. Parkours hat noch keinen so guten Ruf. In Filmen sind wir immer die Räuber (lacht), weil wir so schnell aufs Dach raufkommen. Dabei sind wir alle echt nette Leute (lacht).
Alexandra: Es gibt immer weniger junge Menschen, die auf so viel verzichten wollen. Allerdings braucht es das, um Leistungssport auf einem gewinnen Niveau zu betreiben.
Christina: Ich trainiere gerne mit Kindern, Schule ist heute viel fordernder als früher, etwa durch das G8, da haben viele Eltern dann als Erstes den Sport gekürzt, damit mehr Zeit zum Lernen ist. Das finde ich sehr schade. Das Problem ist, dass wir in Deutschland so eine Leistungsgesellschaft geworden sind.

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