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Reclaim the Streets! Die Rückeroberung von Münchens Straßen

Anna-Elena Knerich

Anna-Elena Knerich

ist francophil und Europtimistin. Denkt (zu) viel und schreibt deshalb. Am liebsten über Kultur, die Helden des Alltags und das Thema mit dem "Zuhause".
Anna-Elena Knerich

Dieser Artikel erschien zuerst im Mucbook Magazin #7 „Du musst es nur wollen. Das etwas andere Sportheft“.

In Zeiten, in denen ein gesunder Lebensstil zu einem wichtigen Bestandteil der eigenen Identität geworden ist, nehmen immer mehr Menschen an teuren Sportkursen teil, um den hochgelobten „perfekten Körper“ zu erlangen. Fitness- und Yogastudios sind die neuen heiligen Stätten dieser Trendbewegung. Doch gibt es keine andere Möglichkeit, als in einer stickigen Halle kollektiv zu schwitzen?

Einige Sportler haben sich selbst eine Alternative dazu geschaffen: Die Urban Runners und Parkourer nutzen die Stadt und ihre urbanen Strukturen als Sportplatz und trainieren frei auf Asphalt und Beton. Die Longboarder suchen sich die Spots mit dem besten Teer und den steilsten Hängen in ganz München und die Radler der „Critical Mass“ erobern sich einmal im Monat die Münchner Straßen zurück, um ein Statement für eine fahrrad- und umweltfreundlichere Stadt zu setzen.

„Wir blockieren nicht den Verkehr. Wir sind der Verkehr.“

„We’re not blocking traffic, we ARE traffic!“ Unter diesem Motto fahren jeden letzten Freitag im Monat dutzende Radfahrer, BMXler, und andere Fahrradfreaks gemeinsam als „Critical Mass“ durch Münchens Straßen. Der Clou dabei: Laut StVO gelten Radfahrer ab 16 Personen als Verband – und damit als „ein großes Fahrzeug“. Organisiert wird diese Bewegung nicht durch einen Veranstalter, sondern allein durch die „Masse“. Der Betreuer der Facebook-Seite bedauert, dass „viele Münchner lieber an gut organisierten Sport-Events teilnehmen statt an eher unkonventionellen Aktionen“.

So unterschiedlich die Radfahrer der CM auch sind, eine Motivation verbindet sie alle: die Rückeroberung der Straßen. „Die Münchner Infrastruktur ist nicht fahrradfreundlich, die Luft abgasverseucht“, finden sie. Das soll sich ändern, zum Beispiel nach dem Vorbild Kopenhagen – damit sich München endlich zu Recht „Radlhauptstadt“ nennen kann.

Große Veranstaltungen wie die „Ringparade“, bei der Hunderte Münchner über den gesperrten Mittleren Ring radeln können, sind vielleicht schon mal ein Anfang.

 

(Foto rechts: Radfahrer im Luise-Kiesselbach-Tunnel bei der Münchner Ringparade 2016)

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„Crew-Love in Laufschuhen“

Mittwochabend, halb acht, am Parkcafé. Eine Gruppe Läufer mit Stirnlampen auf dem Kopf macht sich in sportlichem Tempo auf den Weg Richtung Schwabing. An roten Ampeln bleiben sie nicht etwa stehen, sondern machen Kniebeugen. Jede Woche laufen die Urban Runners Munich mit ihren drei Coaches durch die Stadt. „Unsere Bewegung soll eine Revolution des Fitness-Trends sein: Wir nutzen die Straßen, Treppen und Bänke der Stadt für unser Training“, erklärt Coach Sandra.

Nach der Laufeinheit trainiert sie mit ihren „URMels“, wie sie die Läufer liebevoll nennt, auf den Stufen der Staatlichen Antikensammlung noch Kraft und Körperstabilisation. Viele bereiten sich auf einen Marathon vor, doch es wird auf jede Leistungsstufe Rücksicht genommen.

Ihr Wunsch für München? „Bessere Beleuchtung, rücksichtsvollere Radfahrer und weniger Rivalität mit anderen Laufgruppen.“ Schließlich geht es doch allen um den Spaß am Sport.

(Foto links: Die „URMels“ vor der TU München)

Athletisch: Parkourer Matthias Mayer

„Stil und kreativer Ausdruck in der Bewegung“

Je nachdem, ob sie eher an Mauern oder Stangengerüsten trainieren wollen, trifft man die Parkourer am Olympiazentrum oder Candidplatz an. „Es gibt aber noch viel mehr geeignete Spots in München, die nur nicht wie ein Parkourgelände aussehen“, verrät Matthias (25). Er selbst trainiert schon seit neun Jahren und gehört mittlerweile zu „Ashigaru“, einem professionellen Team von Athleten und Parkourern, das für Live Auftritte durch ganz Deutschland tourt. „Manchen Parkourern geht es um die mentale Challenge, anderen eher um kreativen Ausdruck durch Bewegungen“, erklärt er.

Anhand von Videos hat Matthias sich die Techniken und Tricks selbst beigebracht, am Wichtigsten sind ihm aber Style und Harmonie seiner Runs. Er ist zwar Fan von Parkour Parks, ist aber überzeugt, dass man überall einen guten Spot findet, wenn man kreativ ist. Darum wünscht er sich, dass auch der Nachwuchs diese Kreativität und den Parkour-Lifestyle bewahrt. Denn Parkour ist eine freie Sportart, für die man nichts braucht, außer „Bock auf Bewegung“, findet Matthias.

„Kontrolliert die Kontrolle verlieren“

Ob auf dem Weg zur Arbeit oder zum Supermarkt – ihre Longboards haben sie eigentlich immer dabei: Fast jeden Tag üben die Longboarder der Münchner Community an verschiedenen Spots die vier Disziplinen aus. Sie fahren im Slalom um Hütchen herum, machen beim „Dancen“ Tricks auf dem Brett oder rasen beim „Freeriden“ bergab und bringen das Board möglichst kontrolliert zum Sliden. Der 17-jährige Marcelo hat vor einem Jahr mit „Downhill“ angefangen, wobei man Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 90 km/h erreichen kann. Gutes Equipment, Schoner und Helme sind dafür natürlich Grundvoraussetzung.

Die Top-Adresse in München: der Boneless Skateshop, weil die Mitarbeiter viel Erfahrung in der Szene haben und sehr fachkundig beraten. Im Verkehr sind Longboards verboten, da sie nicht als als Fahr- sondern als Spielzeug gelten. Deshalb wünschen sich die Münchner Longboarder ausgebaute Strecken oder Events, an denen die Straßen für’s Boarden gesperrt werden.

Vor Kurzem haben sie den Verein „Longboard München e.V.“ gegründet: Geplant sind Crashkurse für die Basics wie richtiges Bremsen, Besen und Erste-Hilfe-Sets an den Spots.

Münchens Longboarder: Downhill-Fahren am Olympiapark.


Fotocredits: © Max Wichmann

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