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Der Schweinehund – Was ist das für 1 Tier

Jan Rauschning-Vits

Jan Rauschning-Vits

Don't worry, look shabby!
Trägt seit kurzem Schnauzer
Jan Rauschning-Vits

Dieser Artikel erschien zuerst im Mucbook Magazin #7 „Du musst es nur wollen. Das etwas andere Sportheft“.

Es ist noch sommerlich im Garten der MUCBOOK-Redaktion, als rund ein Dutzend Autoren die Themen für dieses Heft besprechen. Es wird diskutiert und gefeilscht. Beim Thema Schweinehund ist die Sache schnell klar: Das muss der Jan machen! Der König der Faulheit, der größte Selbstbetrüger und Drückeberger.

Meine anfängliche Empörung verflog schnell. Meine innere deutsche Dogge mit zwei Metern Schulterhöhe fühlt sich geradezu geschmeichelt, denn eigentlich habe ich kein Problem mit meiner Faulheit, da sie genau genommen kein Makel ist. Sie ist ein evolutionärer Vorteil. Und das kann ich philosophisch-biologisch beweisen.

Was der Terminus „der Innere Schweinehund“ eigentlich bedeutet, folgt dem Konzept der Akrasia. Ein sehr altes Problem der Philosophie, das im Grunde aussagt, dass Menschen oft nicht das tun, was sie für das Richtige halten. Bei allen Abhandlungen über die Vernunft, die seit der Antike wunderbar gelingen und dem Menschen die Krone der Schöpfung erst geschmiedet haben, bleibt die Faulheit rätselhaft. Tatsächlich ist die Frage nach Vernunft oder Faulheit eine Art Henne-Ei-Problem. Die Faulheit folgt keinen Regeln. An manchen Tagen haben wir schlicht keinen Bock.

Wieso handelt ein angeblich so vernünftiges Wesen wie der Mensch ständig unvernünftig? Wieso rauchen wir und saufen uns ins Koma, obwohl wir uns der gesundheitlichen Folgen wohl bewusst sind? Wieso werden wir immer fetter, obwohl jeder Besuch im Schwimmbad zum Spießrutenlauf wird?

Die Lösung des Problems ist in der Biologie zu finden, denn der Mensch ist ein Opfer seiner evolutionären Entwicklung. Im Grunde sind wir in der von uns geschaffenen Gesellschaft unendlich überfordert. Bürostühle machen unsere Bandscheiben kaputt, künstliches Licht stört unseren Tag-Nacht-Rhythmus. Über Tausende von Jahren waren wir einem Konzept ausgesetzt, das Darwin „Survival of the fittest“ nannte. Es passte uns immer besser einer Welt an, die wir in den letzten 2000 Jahren kontinuierlich total verändert haben.

Viele Menschen sitzen nun einem Übersetzungsfehler auf. Darwin meinte nicht, dass sich der Stärkste durchsetzt, sondern der, der sich seinen Lebensbedingungen am besten anpasst. Das Rezept für eine hohe evolutionäre Durchschlagskraft ist eben nicht maximale Stärke und Ausdauer.

Ich will das an einem Vergleich verdeutlichen. Betrachten wir einmal den Thunfisch und den Löwen. Der Löwe ist der „König der Tiere“. Natürlich ist dieser Titel irreführend. Er zeigt aber den Respekt der Menschen gegenüber der großen Raubkatze. Der Löwe schläft rund 20 Stunden pro Tag. Er bewegt sich im Schnitt mit 4 km/h. Wenn er wirklich muss, schafft er aber auch 55 km/h.

Er ist eigentlich der faulste Sack im Tierreich. Gemeinschaftliches Chillen ist unter Löwen so normal, wie der Büroalltag für den Menschen. Hin und wieder wird gejagt. Wenn aber, dann Großwild. Als Team reißen Löwen Elefanten oder Büffel, an denen sie sich dann tagelang satt fressen können.

Der Thunfisch wird fast 5 Meter lang und damit deutlich größer als der Löwe. Er legt gigantische Strecken zurück, schafft 100 km/h Spitzengeschwindigkeit und – schläft nie! Seine unbeweglichen Kiemen und seine hohe Körpertemperatur zwingen ihn zur Hyperaktivität. Er muss ständig fressen und ist daher auch leicht zu fangen. Er beißt quasi in alles was glitzert, könnte ja Beute sein. Seine Aktivität macht ihn aber zur leichten Beute für uns. Wir sind also faul und triumphieren damit über den fleißigen Fisch, dessen Fleiß ihm zum Verhängnis wird.

Natürlich ist auch König Löwe vorm Aussterben bedroht, vermeldeten alle Nachrichtenagenturen Mitte 2015. Nur in Schutzzonen, die wir dem Löwen in wenigen Gebieten Afrikas eingerichtet haben, erholt sich der Bestand.

Zwischenfazit: Wir lieben den Faulen für seine Lässigkeit und ignorieren und massakrieren den Fleißigen. Wer faul und trotzdem erfolgreich ist – der hat es in unserer Wahrnehmung wirklich geschafft. Zu viel Faulheit ist allerdings auch nicht gut. Es ist mal wieder die goldene Mitte.

Der Schweinehund hat im Laufe der Zeit wirklich einiges durchgemacht. Früher hetzte er Wildschweine in den Tod, war Synonym für absolute Bissigkeit und unendliche Ausdauer. Heute darf er auf der Couch liegen, hat er sich auch verdient. Der Bedarf an Jagdhunden ist drastisch zurückgegangen. Wir brauchen unsere Hunde nur noch zum Schmusen und damit uns die Frauen im Park beachten.

Mein Schweinehund weiß, dass wir aus dem Gröbsten raus sind. Wir müssen nicht mehr hungern, werden steinalt und haben es immer warm. Tatsächlich haben wir alle vielleicht bald überhaupt nichts mehr zu tun. Maschinen, Roboter und Algorithmen nehmen uns die Arbeit weg. Wenn wir nicht alle bald viel weniger arbeiten, werden wir ein Heer von Arbeitslosen produzieren. So wie bei den Hunden. Wie viele Jagdhunde sind heute arbeitslos?

Eine mögliche Lösung: das bedingungsloses Grundeinkommen! Dann können die, die immer schon faul waren, schön faul sein und die, die wie der Thunfisch gerne viel arbeiten, können das tun. Unserem Reichtum wird das keinen Abbruch tun. Und der, der ganz nach seiner Fasson lebt, ist kreativer, produktiver und vor allem: glücklich! Seid also clever und macht es wie der Schweinehund!


 

Grafik: Laura Lünenbürger

Beitragsbild: Flickr Jörg SchubertCC BY 2.0

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