Heimat, friedlich
Aktuell, Große Wörter, Kolumnen, Stadt

„Ich sach, hier drin bin ich Millionär in meinem Herzen“

Leonie Meltzer

Leonie Meltzer

Her mit den Wörtern, den großen der Zeit, den prägenden, die jeden betreffen und über die wir diskutieren. Angst, Hass, Liebe, Mut? "Wieso, weshalb, warum?", frage ich mich und fange eure Münchner Stimmen ein über all jene Wörter, mit denen wir uns täglich auseinandersetzen.
Leonie Meltzer

Der Heimathafen hat viele Silhouetten

Heimat – ein Wort, viele Konnotationen: emotional aufgeladen, Angst einflößend und doch Ruhepol zugleich. Heimat schmeckt nach Leberkas und einer Mass, riecht wie Sonnenblumen im Sommer, fühlt sich gut an, in den rauschenden Gewässern der Isar oder im Englischen Garten liegend. Manchmal kann sich das Wort aber auch bedrohlich anhören oder verunsichern, und zwar wenn man sie verloren hat.

Für jeden bedeutet Heimat etwas anderes. Ich habe drei Menschen in unterschiedlichen Lebens- und Extremsituationen gefragt, was dieses Wort für sie bedeutet.

Was passiert mit Heimat in extremen Lebenssituationen?

Für viele ist Heimat ganz klar dort, wo man jede Ecke der Stadt kennt, Gerüche vertraut sind und die Familie lebt. Was passiert aber, wenn man diesen wunderbar friedlichen Ort verliert? Wie definiert jemand, der keinen festen Wohnsitz hat seine Heimat? Und was geschieht mit dem wohligen Heimat-Gefühl, wenn man seinen Wohnort aus beruflichen oder privaten Gründen ständig wechseln muss?

Wenn ich an Heimat denke, habe ich Bilder von Wiesen, Bergen, Familienglück an Weihnachten oder einem Sommerabend auf meinem Balkon vor Augen. Einen romantischen Ort, den es in Zeiten von „Vernetzung der Welt“, „Globalisierung“ und „multikulturellen Städten“ nicht für jeden gibt.

Der Klassiker: „Dahoam is dahoam“ (- Georg, Besitzer der Wagneralm)

Georg Wagner arbeitet die Hälfte der Woche am Flughafen von München. Eigentlich jedoch ist er ein Alteingesessener und großer Liebhaber seiner Alm.

Nach etwa zwei Stunden Fahrzeit befinde ich mich am Waldparkplatz und erreiche nach einer 20-minütigen Wanderung die Wagneralm. Sie befindet sich an den Abhängen des Samerbergs und liegt zwischen Alpenwiesen, Kühen und Wäldern. An den Wänden der urigen Stube hängen Familienportraits, eine Kuhglocke, sowie Bilder von der Alm und ihrer Umgebung. Seit 1827 ist sie schon im Besitz der Familie Wagner, erzählt mir Georg.

 „I moan..i hab scho viele Sonnenuntergänge gesehen…Karibik, Rio, aber dahoam is am schönsten“

Ganz selbstverständlich bedeutet Heimat für Georg seine Alm, sein Familienhaus in unmittelbarer Umgebung und alles was dazu gehört: Die Nachbarn, die Berge und, wie soll es auch anders sein, seine Kühe. Aber auch der Zusammenhalt in der Gemeinschaft gehört für ihn zur Definition von Heimat.

Die Weltenbummlerin: „Mein Wohnwagen ist mein Haus“ (- Katrina Tarbeev, Reisende in einem Wanderzirkus)

 „Das ist unser Leben. Wir sind das ganze Jahr unterwegs“. 

Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen bereist Katrina die Welt. Katrina Tarbeev ist im Zirkus groß geworden. Ihre ganze Familie beteiligt sich am Zirkusleben. Ihre Eltern treten mit 20 Hunden auf. Sogar ihr 12-Jähriger Sohn jongliert schon. Ihren Mann hat sie ebenso im Zirkus kennengerlernt. Je nach Land, Zirkus und Auftrag halten sie sich nie lange an einem Ort auf. Die Engagements können einen Tag lang dauern, bis hin zu einigen Monaten. Scheinbar ist ihr Leben von stetigem Wandel und Anpassungen geprägt. Ihr Haus? Ein Wohnwagen, denn diesen können sie sich häuslich einrichten, um sich trotz stetig wechselnder Umwelt heimisch zu fühlen. Heimat „on tour“ könnte man sagen.

Heimat ist für Katrina? Dort, wo ihre Familie ist. Oder einfach dort, wo sie ein Engagement bekommen.

Trotzdem hat Katrina auch einen „Heimat-Anker“: „Wenn wir  Urlaub machen, dann kommen wir zurück nach Hause“. Und damit meint sie München. „Weil mein Sohn dort zur Schule geht und da Proben machen muss.“

Der Träumer: „Ich sach hier drin bin ich Millionär in meinem Herzen“ (Finn Möller, Obdachloser in München)

Ich traf Finn (*Name verändert) in einer sozialen Einrichtung in München. Während des Gesprächs merke ich: Finn zehrt von seinen Erinnerungen an seine Familie, seine Heimmütter und die Gegend, in der er geboren wurde.

Finn ist gebildet, liest die neusten Nachrichten und hört regelmäßig Bayern 1 – er hat sich nämlich Kopfhörer geleistet. Ihn berührt das Lied „San Francisco“ von Scott McKenzie – und das, obwohl er kein Englisch versteht. Der 62-Jährige Finn Möller ist in Mecklenburg-Vorpommern an der Müritz geboren und in einem Heim aufgewachsen, in dem er bis zum seinem 18. Lebensjahr gelebt hat. Zwei Heimbetreuerinnen hat er als seine Ersatzeltern angenommen. Seine leibliche Mutter gab ihn und seine fünf Geschwister weg. Er hat viel gearbeitet in seinem Leben – am liebsten als Fischer auf der Müritz.
Im Moment lebt Finn auf den Straßen Münchens. Seine Frau trennte sich vor anderthalb Jahren von ihm. „Da ist für mich ne Welt zusammengebrochen. Und dann bin ich in ein tiefes Loch gefallen und in dem bin ich jetzt.“

Nach diesem Verlust verlor Finn auch alles Sonstige: Seine Wohnung, seinen Job. Mit Flaschen sammeln kommt er über die Runden. In einer guten Woche kommt er damit auf 80 bis 100 Euro, bei Regen nur auf drei Euro pro Tag.

Heimat – die verbindet Finn vor allem mit seinem Geburtsland. Zurückgehen könne er jedoch nicht mehr, weil er sich für seine aktuelle Situation schäme und so seinen Verwandten und Freunden nicht begegnen wolle, erzählte er mir.

Trotzdem, er kann sich immer noch wohlfühlen. Dabei sind ihm besonders bestimmte Manieren und Grundzüge wichtig, die er im Heim von seinen Heim-Müttern gelernt hat:

„Ich sach hier drin bin ich Millionär in meinem Herzen. Das kann mir keiner nehmen. Ich bin ein gutmütiger Mensch in meinem Leben gewesen – Etiketten immer gewahrt ne, Höflichkeit dies und das – das ist für mich wichtig.“

 Ich: „Ankomm-Wohlfühl-Kribbel-Tiefenentspannung-und-jetzt-kann-ich-in-Frieden-Chillen-Gefühl“

Heimat für mich? Dieses „Ankomm-Wohlfühl-Kribbel-Tiefenentspannung-und-jetzt-kann-ich-in-Frieden-chillen-Gefühl“, welches Kindheitserinnerungen weckt. Ich habe es zum Beispiel jedes Mal, wenn ich mit meiner Mutter zu Hause auf dem Balkon sitze und fernen Musik vom Olympiastadium lausche, die über die Dächer zu uns herübergetragen wird.

Romantischer Ort, Ankerpunkt oder sehnsüchtige Erinnerung? Letzten Endes ist Heimat für jeden Menschen doch etwas anderes. Wichtig ist nur, dass jeder das Gefühl kennt. Also, was ist eure Definition von Heimat?

Eine monatliche Kolumne der großen Worte. Ich danke allen Personen, die mit mir über ihre Definition von Heimat gesprochen haben, obwohl es doch ein sensibles Thema sein kann.


*Dieser Beitrag zur Kolumne basiert auf Recherchen im Rahmen meiner Bachelorarbeit „Suche: Heimat, finde: Ort? Zur Grenzziehung um das persönliche Wohlfühlfeld“ an der LMU München, 2017.

Fotos: Beitragsbild und Wagneralm: ©Leonie Meltzer
Familie Tarbeev beim Auftritt: ©Tarbeev

No Comments

Post A Comment

Simple Share Buttons
Simple Share Buttons

Das neue MUCBOOK Magazin #8

Wow, München!
Wie Kreative unsere Stadt verändern.

Bestellen unter:
habenwollen@mucbook.de
oder im Abo abo@mucbook.de

E-MAIL SCHREIBEN, BRIEFKASTEN ÖFFNEN UND DANN IN MÜNCHENS VERGANGENHEIT, GEGENWART UND ZUKUNFT SCHAUEN!
Preis: 4 Euro
zzgl. €1 Versandkosten

MUCBOOK – Das Münchner Stadtmagazin